"Na, wo geht's hin?"

Zwischen alter und neuer Heimat: Siebenbürger Sachsen im Bergischen Land
Hölzerne Straßenschilder tragen Straßennamen aus Regionen und Landkreisen Siebenbürgens. Foto: Kathrin Jütte
Hölzerne Straßenschilder tragen Straßennamen aus Regionen und Landkreisen Siebenbürgens. Foto: Kathrin Jütte
Im Wiehler Stadtteil Drabenderhöhe siedelten sich in den Sechzigerjahren und später noch Siebenbürger Sachsen an. Mittlerweile besteht dort ihre größte Siedlung außerhalb Rumäniens. Wie funktioniert das Leben mit den aus dem Karpatenbogen hinzugezogenen Siebenbürgern, und können diese ihre Bräuche und Traditionen in der bundesdeutschen Gesellschaft bewahren? Kathrin Jütte hat sich auf Spurensuche begeben.

Die hölzernen Straßenschilder in Drabenderhöhe haben schon bessere Zeiten gesehen. Sie haben Furchen, die Farbe bröckelt, und sie tragen ungewöhnliche Wappen. Kokeltal, Nösner Land, Haferland oder Burzental heißen hier im Bergischen die Straßen. Sie erinnern an Regionen und Landkreise im heutigen Rumänien, zweitausend Kilometer entfernt, einst Heimat der Siebenbürger Sachsen. Doch wie kam es dazu, dass heute im oberbergischen Drabenderhöhe gelbe Verkehrsschilder den Weg in eine "Siebenbürger Sachsen-Siedlung" weisen?

Eine, die darüber Auskunft geben kann, ist Anna Janesch, so etwas wie die Großsiegelbewahrerin der Siebenbürger Kultur im Bergischen. Die 71-Jährige ist CDU-Stadträtin für Drabenderhöhe im Wiehler Rathaus und Bundesreferentin für Familie, Frauen und Aussiedler der Landsmannschaft Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Sie führt die Besucherin in die Heimatstube im Jugendhaus, wo die Geschichte der Siebenbürger Sachsen dokumentiert wird: Trachten, Porzellan, Keramik, Schmuckdecken mit feinster Rot-Weiß-Stickerei, Kirchenpelze, Bockernadeln, Heftel und Gewandspangen, Goldschmiedearbeiten. Janesch pflegt diesen Schatz. Und es ist eine Freude, ihren Enthusiasmus zu erleben, die Leidenschaft, mit der sie den Besucher verlockt, mit in eine 850-jährige Geschichte zu tauchen. Wie viele hier hat Anna Janesch ihre Heimat in Siebenbürgen nicht freiwillig verlassen.

Aus Luxemburg

Ein kurzer Blick zurück: Die Siebenbürger Sachsen, eigentlich Rheinmosel-Franken aus dem Luxemburgischen, folgten im 12. Jahrhundert dem Ruf des ungarischen Königs und siedelten sich im Südosten Europas an. 850 Jahre lebten sie im Karpatenbogen, lange unter österreichischer, seit 1867 unter ungarischer Herrschaft in der k.u.k.-Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Siebenbürgen ein Teil des Königreichs Rumänien - bis der Zweite Weltkrieg begann. Was folgte, war die Teilung in Nord- und Südsiebenbürgen. Der Norden ging an Ungarn, der Süden an Rumänien, das ab 1941 auf deutscher Seite im Krieg kämpfte. Und die Waffen-SS zog die Siebenbürger zwangsweise ein. Die ungarischen Nordsiebenbürger flohen 1944 nach der Kapitulation in einem Treck nach Österreich.

Foto: Kathrin Jütte
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Der Turm der Erinnerung: Auf dem Gelände des Siebenbürger Altenheims ragt er als Wahrzeichen himmelhoch. Er ist eine Reminiszenz an die Kirchenburgen der alten Heimat. Im Vordergrund Anna Janesch.

Foto: Kathrin Jütte
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Vom Turm der Erinnerung blickt man auf die mit Weinlaub umrankte evangelische Kirche im Altdorf.

Anna Janesch stockt in ihrem Vortrag, Tränen treten ihr in die Augen. Nach Kriegsende deportierten die Russen aus dem Süden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen der deutschen Minderheit in Arbeitslager.

Nach 1947 hieß das für die verbliebenen deutschen Einwohner Siebenbürgens Enteignung und Beschränkung ihrer bürgerlichen Rechte. 1957 übernimmt Nordrhein-Westfalen die Patenschaft für die Siebenbürger, die sich nach und nach in Drabenderhöhe ansiedeln - 3600 ziehen zu den 800 Oberbergern hinzu. Anna Janesch springt ins Heute und zurück: Drabenderhöhe ist ihr Zuhause geworden, Siebenbürgen bleibt ihre Heimat.

Drabenderhöhe, dreißig Autominuten von der Metropole Köln entfernt gelegen, ist heute einer der 52 Ortsteile von Wiehl im Bergischen Land. Viertausend Menschen leben hier in einer abwechslungsreichen Mittelgebirgslandschaft. Auffällig ist die Neubausiedlung mit ihren Ein- und Zweifamilienhäusern - auf der Höhe geht es ruhig zu.

Turm der Erinnerung

Auf der Straße allgemeines Grüßen, nachbarschaftliches Palaver, Anna Janesch kennt hier fast jeden, und die meisten spricht sie in Siebenbürger Mundart an. Und sie erzählt einen im Oberbergischen geläufigen Witz: "Geht der Bauer über die Felder von Bielstein nach Drabenderhöhe und trifft einen Bauern: 'Na, wo geht's hin?', fragt dieser. 'Nach Drabenderhöhe', lautet die Antwort. - 'Zu den Siebenbürgern?' - 'Wären die mal nur sieben geblieben.'"

Man kommt herum. Hinter dem Siebenbürger Altenheim ragt himmelhoch der "Turm der Erinnerung", weiß mit rotem Dach - wie ein Wehrturm sieht er aus. 2004 haben die Drabenderhöher ihren Turm eingeweiht, als Wahrzeichen für die Siebenbürger Sachsen. Der Turm repräsentiere die verlorene Heimat, sagt Anna Janesch, die hier alle "Enni" nennen. Auf schmaler Stiege geht es hinauf, von da droben reicht die schöne Aussicht bis ins Siebengebirge und ins Sauerland. Im Turm zeigt eine Ausstellung liebevoll gefertigte Holzmodelle der Kirchenburgen, der weithin bekannten Wahrzeichen der alten Heimat, und einen alten Glockenstuhl nebst Glocke aus Siebenbürgen.

Foto: Kathrin Jütte
Foto: Kathrin Jütte

Neben Keramik, Kirchenpelzen und feinsten Rot-Weiß-Stickereien werden auch historische Trachten in der Heimatstube präsentiert.

Am Siebenbürgerplatz, im Cafe Kraus, wartet ein Oberberger Original. Jochen Höhler, 65 Jahre alt, seit 38 Jahren Jugendleiter im Sportverein, aktiver Sänger und Angler, leitet den Heimatverein. Drabenderhöhe war schon immer sehr stark von Vereinen geprägt, erzählt Höhler. Die Siebenbürger haben da gleich mitgemacht, haben auch neue Vereine gegründet, so brachten sie etwa das Turnen mit. Das hat viel für die Integration getan, auch weil die Oberberger unkompliziert seien, eine Mischung aus Rheinländer und Westfale. Verlässlich, aber auch "laissez faire". Sein geheimer Wahlspruch laute: "Es gibt so welche und so welche." Für Frieden habe hier aber auch schon immer die Tatsache gesorgt, dass es im Oberbergischen klare Konfessionsgrenzen gibt, das Nachbardorf Much sei beispielsweise rein katholisch. Mit den Grenzen zwischen den Konfessionen hätten sie bis in die Sechzigerjahre mehr zu tun gehabt als mit der Integration der Siebenbürger, erinnert sich Höhler: "Auch wenn die einem schon wat komisch kamen."

"Die" aber hätten einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, erfährt man im Pfarrhaus. Und sie hätten die deutschen Sekundärtugenden wieder mitgebracht: Pünktlichkeit, Disziplin und Fleiß, zählt der evangelische Gemeindepfarrer Frank Müllenmeister auf: "Die hatten wir durch den Wohlstand schon fast wieder vergessen." Der gebürtige Oberberger ist vor elf Jahren in der Gemeinde angetreten, mit dem abgewandelten Paulusspruch: den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Siebenbürgern ein Siebenbürger. "Ich bemühe mich, ihre Geschichte zu verstehen und habe ihre Lebensgeschichten aufgesogen", sagt Müllenmeister. Und der Oberberger? "Mit dem muss man erst drei Sack Salz gegessen haben, bis man miteinander Freund ist. Aber dann hat man einen fürs Leben."

Foto: Kathrin Jütte
Foto: Kathrin Jütte

Alt ...

Foto: Kathrin Jütte
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... und Jung auf Drabenderhöhe.

Statt eine neue Kirche zu bauen, bekam die schöne, weinlaubbewachsene Kirche im Altdorf zwei Seitenemporen. Und das neue, vor dreißig Jahren erbaute Gemeindehaus als Veranstaltungsort für beide Seiten steht auf der Grenze zwischen Alt- und Neudorf. Es ist Treffpunkt für Kirchenchor, Frauenhilfe, Posaunenchor - auch ein Ort der Integration. Wie vertrug sich das ausgeprägte Luthertum der Siebenbürger Sachsen mit der reformierten und pietistischen Tradition Oberbergs? Es gab einen Antrag, den Bekenntnisstand der Gemeinde zu ändern - und der wurde abgelehnt. Es wurde auch nicht zugelassen, einen Hochaltar in die evangelische Kirche zu bauen, doch Kerzen stehen heute schon auf dem Altar. Offene Fragen gab es genug: Wo steht der Pfarrer? Vor oder hinter dem Altar, der Gemeinde zugewendet oder zum Altar hin, wie in Siebenbürgen üblich. Pfarrer Müllenmeister hat ein Kreuz auf den Altar gestellt. Die einfache Begründung: Der Lutheraner betet zum Kreuz hingewendet, der Reformierte zur Gemeinde. Und wenn er hinter dem Altar steht, dann betet er zum Kreuz und zur Gemeinde. "Mit gegenseitigem Verständnis findet sich auch eine Lösung."

Der Generationenwechsel

Und heute? Generationenwechsel auch bei den Siebenbürgern. Vor zehn Jahren habe er noch einige Mädchen in Tracht konfirmiert, sagt Müllenmeister, doch damit sei es vorbei. Die meisten Siebenbürger Sachsen sagen heute von sich, sie seien Oberberger.

Drei Tage Drabenderhöhe aus Geschichte und Geschichten. Die Besucherin hört von Robert Gassner, dem Gründer der Siedlung, von alten Damen, die den Pfarrer noch mit Handkuss begrüßen, aber auch von kulinarischen Spezialitäten aus Siebenbürgen, von schnapsbrennenden Siebenbürgern und vereinsliebenden Oberbergern.

Schon 1991 gewann Drabenderhöhe im Bundeswettbewerb die Goldplakette "Vorbildliche Integration von Ausländern"; bereits vier Bundespräsidenten konnten sich davon ein Bild machen.

Foto: Kathrin Jütte
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Gedenken an Heimat, Urheimat und Wurzeln.

Foto: Kathrin Jütte
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Pfarrer Frank Müllenmeister im Gottesdienst beim traditionellen Kronenfest.

"Wir lesen dieselbe Bibel, wir singen dieselben Lieder aus dem Gesangbuch, wir sprechen dieselbe Sprache, und wir haben ein ähnliches kulturelles Umfeld", sagt Kurt Franchy, Müllenmeisters emeritierter Pfarrkollege und ehemals Pfarrer im siebenbürgischen Bistritz - für die Siebenbürger Sachsen war es einfacher, sich in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren, als für viele Migranten, die später kamen.

Noch ist die Geschichte der Siebenbürger nicht zu Ende. Zu befürchten ist zwar, dass die Quelle des Erinnerns durch den Wechsel der Generationen bald versiegen wird. Doch noch gibt es Menschen, die sie lebendig erhalten wollen: Miriam Hermann wartet mit mehreren jungen Leuten vor dem Jugendhaus auf die Probe der Volkstanz-Trachtengruppe. Schon am kommenden Wochenende will sie Drabenderhöhe verlassen: Die Jugend wandert aus in die Städte Köln und Bonn, zum Studium oder der Arbeit wegen. Drabenderhöhe wirkt schon heute fast allzu beschaulich. Trotzdem weiß die 23-Jährige: "Ich möchte das Siebenbürger Sächsisch weiterführen, meine Kinder sollen das auch sprechen. Hier fühle ich mich einfach zuhause. Das will ich nicht aufgeben. Ich bin ein 'Siebi'." So werden die Siebenbürger Sachsen im Oberbergischen genannt.

Ein Hauch von Wehmut

Noch ein Gespräch, und noch eins. Zum Schluss charakterisiert Bürgermeister Werner Becker-Blonigen (FDP), ein heimatverbundener und weltoffener FC-Köln-Fan, seine Stadt und spricht davon, dass Wiehl noch die Bevölkerungszahlen halte - mit heute über 25.000 Einwohnern, von denen knapp die Hälfte zugewandert ist und dass die mittlerweile dritte Generation der Siebenbürger längst voll integriert sei. "Die Siebenbürger haben richtig Schwung ins Oberbergische gebracht." Von ihrer Liebe zu Musik, zu Kunst und Kultur hätten die Leute hier viel gelernt.

Seine große Sorge ist die Überalterung und die Abwanderung der Jugend. Fünfzig von 350 Ein- bis Zwei-Familienhäusern werden nur noch von einer Person bewohnt. Und die sind schon über 73 Jahre alt. Da muss etwas geschehen. "Wir müssen uns mit den Vereinsfürsten zusammensetzen und einen runden Tisch ins Leben rufen", sagt der Bürgermeister.

Durch Drabenderhöhe weht im Sommer 2012 ein Hauch von Wehmut. Der kleine Ort im Bergischen mit seinen fernen Deutschen in Deutschland droht zu verlieren, wofür die Siebenbürger Sachsen 900 Jahre auf dem Balkan gelebt habe.

Text und Fotos: Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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