Kein sicheres Leben

Die Migranten aus Lateinamerika bescheren der katholischen Kirche in Texas Zulauf
Die Hispanics füllen die Kirchen, aber nicht die Klingelbeutel. Foto: Martin Egbert
Die Hispanics füllen die Kirchen, aber nicht die Klingelbeutel. Foto: Martin Egbert
Hispanische Einwanderer stellen einen großen Teil der Bevölkerung im US-Bundesstaat Texas. Der Strom der Neuankömmlinge reißt nicht ab. Viele von ihnen leben ohne Papiere im Land ihrer Träume. Die Journalisten Martin Egbert und Klaus Sieg sind ihnen begegnet.

Sonntagmorgen in der Assumption Catholic Church in Houston: Alle sechshundert Sitzplätze sind belegt. Gläubige stehen an die Wände und Säulen gelehnt oder verharren mit gefalteten Händen im Eingang. Einige knien versunken auf dem Steinfußboden. Grell geschminkte Teenager beten neben alten Frauen in schwarzen Kleidern, junge Männer in T-Shirts und Turnschuhen neben festlich gekleideten Familien. Der Gesang zu den von Trompete und Gitarre begleiteten Liedern könnte jeden Western vertonen.

Ohne Papiere

Die meisten der Gläubigen stammen aus Mexiko, viele aber auch aus Honduras, Nicaragua, Guatemala oder El Salvador. Die Migranten aus Lateinamerika bescheren der katholischen Kirche im Süden der USA großen Zulauf. Für die "Hispanics”, wie sie hier genannt werden, bietet die Kirche einen geschützten Raum in einer oft feindseligen und gefährlichen Welt. Viele von ihnen leben ohne Papiere in den USA. Fast alle leiden unter Diskriminierung.

"Wenn mein Mann morgens zur Arbeit geht, weiß ich nicht, ob ich ihn abends wiedersehe." Rosie Gerredo steht mit ihrem Mann Raimundo und einer ihrer drei gemeinsamen Töchter auf dem kleinen Platz vor dem Gemeindehaus. Rosie und Raimundo leben und arbeiten seit über zehn Jahren ohne Papiere in Texas. Sie haben sich hier kennengelernt. "Alle unsere Töchter sind in den USA geboren." Rosie Gerredo nickt und ihre braunen Augen leuchten. Die Mädchen besitzen damit automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Sie besuchen die Schule, dürfen später studieren und offiziell arbeiten. Und mit 21 Jahren können sie die Einbürgerung ihrer Eltern beantragen. "Aber bis dahin ist es eine lange Zeit", sagt die 27-Jährige und verschränkt die Arme.

Foto: Martin Egbert
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Tacos statt Burger: Jeder vierte Einwohner Houstons ist Hispanic.

Viele Hispanics in Houston leben wie Familie Gerredo. Oberflächlich betrachtet führen sie ein ganz normales Leben, gehen täglich zur Arbeit, mieten oder kaufen Häuser, fahren Auto und ziehen ihre Kinder groß. Im Straßenbild fallen sie nicht auf. Schließlich sind über 25 Prozent der Einwohner Houstons Hispanics. In dem Viertel rund um die Assumption Catholic Church wird fast ausschließlich Spanisch gesprochen. Das Grünweißrot der mexikanischen Fahne leuchtet von Häuserwänden, Supermarkt-Reklamen, Restaurants oder Autotüren. Grillhähnchen-Stände mit qualmenden Holzkohlefeuern säumen die Straßen. Und aus unzähligen Lautsprechern dröhnen Schmachtgesang und atemlose Akkordeonskalen lokaler Texmex-Bands.

10.000 Tote

Nach Schätzungen des Washingtoner Centers für Immigration Studies leben elf Millionen illegale Einwanderer in den USA. Und trotz Krise und Rezession kommen sie weiter auf Gebirgspfaden und durch getrocknete Flusstäler über die dreitausend Kilometer lange Grenze, die nur zu einem Drittel mit einem Zaun gesichert ist.

Viele lassen dabei in der Wüste ihr Leben. Seit die USA 1994 begonnen hat, die Grenze zu Mexiko zu befestigen, sind mehr als 10.000 Menschen bei dem Versuch ums Leben gekommen, in das Land ihrer Träume zu gelangen.

Foto: Martin Egbert
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Vor allem die Bauwirtschaft nutzt die Einwanderer aus Mexiko als billige Arbeitskräfte.

Foto: Martin Egbert
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Raimundo hat diesen Weg schon vier Mal überlebt. Zweimal wurde er ausgewiesen. Einmal ging er freiwillig nach Mexiko, um eine Familienangelegenheit zu regeln. Jedes Mal musste er wieder einige Tausend Dollar an die Schlepper bezahlen, um zurück in die USA zu gelangen und sein Leben zu riskieren. "Einmal versuchte ich, durch den Rio Grande zu schwimmen - die Strömung war so stark, ich wäre fast ertrunken." Der 34-Jährige nestelt an dem Silberkreuz, das an einer Kette vor seiner kräftigen Brust baumelt.

Raimundo sitzt auf der Couch in dem Trailerhome, das die Familie gerade bezogen hat. Der Weg dorthin führt von der Hauptverkehrsader des Viertels über eine kleine Straße mit tie-fen Schlaglöchern. Rodeoreiter kommen uns entgegen. Die Hufe der Pferde klackern auf dem Asphalt. Obwohl der kleine Trailerpark in der Stadt steht, gibt es in der Nachbarschaft Ställe mit Hühnern und Pferden. Viele lateinamerikanische Migranten kommen vom Land, sie versuchen ihre Traditionen und Gewohnheiten in der Metropole Houston aufrecht zu erhalten. Auch Raimundo wuchs auf einer kleinen Farm auf. "Als Kind habe ich auf die Rinder, Pferde und Ziegen aufgepasst." Mit dreizehn fing er als Kellner in der nächsten Kleinstadt an. Doch mehr als drei bis vier Dollar pro Tag konnte er dort nicht verdienen. Kein Lohn für ein Leben mit Perspektive. Raimundo beschloss, in die USA auszuwandern.

Bezahlte Coyoten

Ein "Coyote", so nennen die Hispanics die Schlepper, brachte ihn über die Grenze. Das Geld dafür hatte ihm beim ersten Mal ein Cousin geliehen, der bereits in Houston lebte. Über ihn fand Raimundo schnell Arbeit auf dem Bau. Bis zu fünfhundert Dollar kann er dort in der Woche verdienen. Die Familie muss sechshundert Dollar Miete im Monat bezahlen, vor dem Trailerhome steht ein großer Pick up. Der Kühlschrank ist voll. Ein neuer Fernseher steht auf dem Couchtisch. Und die drei Töchter gehen zur Schule. Doch Angst und Unsicherheit sind ein ständiger Begleiter. Raimundo spricht das so nicht aus. Aber seine Frau: "Was wird aus uns, wenn er ausgewiesen wird und es nicht schafft, wieder her zu gelangen?"

Hinzu kommt, dass Raimundo seinen Auftraggebern schutzlos ausgeliefert ist. Gerade hat ihn einer um den Lohn für eine ganze Woche Arbeit geprellt. "Er ist auch noch Chicano, also Mexikaner mit US-Staatsbürgerschaft, das finde ich besonders bitter." Wie aber sollte Raimundo sich dagegen wehren?

Foto: Martin Egbert
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Drei Viertel der Einwanderer ohne Papiere arbeiten mehr oder weniger regelmäßig, so eine Studie des Pew Center for Hispanic Studies. Sie schuften auf dem Bau, als Erntehelfer, auf Schlachthöfen oder als Haushaltshilfen, billige Arbeitskräfte, ohne die einige Sektoren der US-Wirtschaft nicht auskämen - auch wenn das offiziell niemand eingestehen mag.

"Wir sind ein Einwanderungsland, immer schon kamen die Menschen, um hier ihr Glück zu suchen", sagt Curtis John Guillory, er gehört zu den Steyler Missionaren. "Nur vergessen das alle schnell, wenn sie sich erst einmal etabliert haben", so der Erzbischof der Diözese Beaumont weiter.

Chance für die Kirche

Beaumont war der erste Ort der USA, in dem Erdöl gefunden wurde. Prunkvolle Villen aus dem 19. Jahrhundert zeugen von dem frühen Boom der texanischen Kleinstadt. Menschen aus ganz Europa siedelten sich in Beaumont an. Heute kommen die Hispanics überwiegend, um auf dem Bau zu arbeiten. Sie stellen mittlerweile geschätzt ein Fünftel der knapp 120.000 Einwohner, offiziell aber gerade einmal gut sieben Prozent.

"Die Einwanderer sind eine große Chance für die katholische Kirche - aber auch eine große Herausforderung", sagt Curtis John Guillory. Sie brauchen Hilfe im Umgang mit der Schule, dem Gesundheitssystem, den Behörden oder der Polizei. Ebenso wichtig aber sind seelischer Beistand und Beratung: In den Einwandererfamilien ist der Graben zwischen den Generationen häufig sehr tief. Die Jungen wollen sich schnell integrieren, die Alten halten an den Traditionen fest. Viele Migranten ohne Papiere kommen alleine und leiden unter ihrer Einsamkeit. Der katholischen Kirche fehlt es an Spanisch sprechenden Priestern und finanziellen Mitteln, um all diese Aufgaben zu bewältigen. Zumal die Hispanics zwar die Kirchen wieder füllen - aber nicht die Klingelbeutel. Dafür gibt es bei ihnen keine Tradition. In den USA finanzieren sich die Kirchen aber ausschließlich über Spenden.

Foto: Martin Egbert
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Foto: Martin Egbert

Die Diözese von Beaumont hat eigens eine Abteilung eingerichtet, die sich um die Belange der Hispanics kümmert. Jesus Abrego, der Leiter, ist selbst als junger Mann aus Mexiko eingewandert. Seine Eltern leben immer noch dort. Heute hilft er unter anderem Landsleuten, die abgeschoben werden sollen. Für Jesus Abrego schwer verständlich. "Es gibt hier genug Arbeit für alle, ich bekomme täglich Anfragen von Unternehmern, die Hispanics suchen."

Jesus Abrego weiß um die verschiedenen Geschichten und Schicksale der hispanischen Bevölkerung Beaumonts. Er kennt Einwandererfamilien, deren Söhne für ihre neue Heimat im Irak gefallen sind, führt zu Supermarktbetreibern, die als Tellerwäscher angefangen haben oder zu Frauen ohne Papiere, die seit zwanzig Jahren im selben Haushalt arbeiten.

Alle sind Einwanderer

Immer schon haben sehr viele Mexikaner in Texas gelebt. Schließlich gehörte der Bundesstaat bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts zu Mexiko. Doch die Diskriminierung trifft selbst Alteingesessene. "Meine Familie lebt seit 1828 in Texas." Die Stimme von Maria Caballero klingt trotzig. "Alle in den USA sind Einwanderer - werden aber nicht gleich behandelt." Die 57-Jährige ist mit einem Arzt verheiratet. Das Ehepaar lebt am Lake Livingston, rund einhundert Kilometer nördlich von Houston. Ihr großes Haus auf einem Waldgrundstück ist mit allem ausgestattet, was eine US-amerikanische Mittelstandsfamilie so braucht. Die beiden erwachsenen Kinder besuchen ein College. Die Familie des Mannes von Maria Caballero ist vor Generationen aus Deutschland eingewandert.

"Niemand fragt ihn heute noch, warum er hier ist", sagt Maria Caballero. "Wenn ich früher aber die Eltern der Freunde meiner Kinder zum ersten Mal traf, hielten sie mich oft für die Nanny." Das verrät viel über die Sicht vieler US-Amerikaner auf den hispanischen Teil ihrer Gesellschaft. Die Neuordnung der Einwanderungspolitik stand eigentlich auf der langen Liste der Reformen ganz oben, die Präsident Obama im Wahlkampf versprochen hatte. Doch im Kongress gibt es dafür keine Mehrheit. "Wir hoffen, dass er das Problem bald gelöst bekommt." Zum Abschied steht Rosie Gerredo mit ihrem Mann Raimondo im Eingang ihres Trailer homes. Die beiden winken. Sie sind glücklich über ihr neues Zuhause. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrem Leben. Wenn da nicht diese ständige Unsicherheit und Angst wäre.

Text: Klaus Sieg / Fotos: Martin Egbert

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