Freiheit zum Andersdenken

Gespräch mit der Komponistin Charlotte Seither über die Entstehung ihrer Kompositionen und den Unterschied zwischen geistlicher Musik und Kirchenmusik
Foto: Julia Baier
Foto: Julia Baier
Charlotte Seither ist eine der wenigen zeitgenössischen Komponistinnen in Deutschland. Die 46-jährige Pfälzerin arbeitet regelmäßig mit internationalen Orchestern und renommierten Interpreten zusammen.

zeitzeichen: Frau Dr. Seither, Sie sind eine sehr renommierte Komponistin moderner Musik. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen? Wann haben Sie zum ersten Mal komponiert?

Charlotte Seither:

Jedes Kind, das nicht daran gehindert wird, hat eine natürliche Lust daran, aus sich heraus zu tönen und zu singen. Auch mir hat das als Kind großen Spaß gemacht. Mit sieben Jahren habe ich den ersten Klavierunterricht bekommen. Für mich war dabei wichtig, Musik zu erleben, das Instrument mit meinen eigenen Händen tönen zu lassen und sein Geheimnis zu entdecken. Ich hatte ein großes Bedürfnis danach, das, was in diesem wunderbaren, geheimnisvollen Apparat verborgen ist, aufzuspüren.

Wie haben Ihre Eltern auf Ihr Talent und Ihre Suche reagiert?

Charlotte Seither:

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern zwar selbst keine Musiker waren, dass sie meinem Suchen aber sehr offen gegenüber gestanden haben. So bekam ich ihre Unterstützung, wo ich diese gebraucht habe, umgekehrt ließen sie mich aber auch relativ unbeobachtet mit meinem Tönen und Musizieren gewähren. Oft habe ich mich ins Wohnzimmer zurückgezogen, die Tür geschlossen und meine eigene Welt am Klavier erkundet. Ich habe diese Welt niemandem mitteilen oder gar vorführen müssen. Was ich da tat, indem sich Töne und Klänge fanden, ist von meinen Eltern auch nicht benannt oder beurteilt worden. Niemand hat dies als "komponieren" bezeichnet, ich habe es einfach nur gemacht. Das war sehr hilfreich. Auf diese Weise ist in mir ein großer Hunger entstanden. Ich wollte zunehmend mehr von all dem haben, was sich dort auftat. Mit acht oder neun Jahren bin ich den Klaviersonaten von Sergej Prokofjew begegnet. Zu dieser Zeit war das für mich ein faszinierendes Neuland. Sind Ihre Eltern musikalisch?

Charlotte Seither:

Meine Mutter verfügt über eine tiefe Urmusikalität, sie ist aber nie musikalisch ausgebildet worden. Es war für sie ganz selbstverständlich, sich Bewegungsspiele mit mir auszudenken, so dass wir uns viel über das Singen und Bewegen miteinander verständigt haben. Sie hat ein Lied gesungen, ich habe eine zweite Stimme dazu erfunden. Sie hat einen Liedvers aufgesagt, ich habe einen neuen Reim dazu gefunden. Dazu kamen Körperbewegungen, die mir stets großen Spaß gemacht haben. Diese Art der Kommunikation mit meiner Mutter habe ich als sehr liebevoll erlebt, und es war immer etwas Besonderes, mit ihr zu singen, zu hüpfen, zu spielen, die Arme zu strecken, Kreise zu machen und auf einem Bein zu springen. Es hat sich im Singen zwischen uns also nicht nur etwas Akustisches ereignet, sondern auch etwas Körperliches und Kommunikatives, das stets untrennbar damit verknüpft war. Auch mein Komponieren hat immer etwas mit einem körperlichen Raum zu tun, in den ich mich heute hineinversetze oder aus dem heraus ich ein Stück imaginiere und zu greifen oder zu gestalten versuche. Heißt das, wenn Sie komponieren, bewegen Sie sich gleichzeitig, mit Händen, Füßen, dem Oberkörper und dem Kopf?

Charlotte Seither:

Nein. Wenn ich in einem Stück festhänge, gehe ich gerne in den Wald und laufe in aller Ruhe gegen meinen inneren Stillstand an. Ich muss meinen Körper so in Bewegung setzen, dass der Körper über die Bewegung der Beine und die relativ hohe Geschwindigkeit, die ich beim Gehen erreiche, frei wird. So kann ich oft Prozesse in einem Stück lösen, die nicht lösbar sind, wenn ich am Schreibtisch sitze. Am Schreibtisch arbeite ich wohl eher ruhig. Was aber immer da ist beim Komponieren, ist das Gefühl, dass der Klang oder die Imagination des Stückes als Ganzes - dass dieser spezifische Raum des Stückes im Körper sitzt. Wann sind Sie denn mit Kirchenmusik in Berührung gekommen?

Charlotte Seither:

Mit zwölf Jahren - ich bin katholisch - haben mich meine Eltern im Kirchenmusikalischen Institut in Speyer angemeldet. Die Zeit dort habe ich als Jugendliche als große Beglückung erlebt. Im Instituts-Chor haben wir Schütz- und Bach-Motetten aufgeführt, eine Musik, die mich sehr geprägt hat. Vermutlich kann die Empfänglichkeit für Schütz und Bach kaum größer sein als in diesem Alter. Ich bin der Meinung, dass die Musik, die man Zwölf- und Dreizehnjährigen vorsetzt, vollständig kompromisslos sein muss. Was haben denn diese beiden Ikonen protestantischer Kirchenmusik Besonderes zu bieten, das junge Leute so fasziniert?

Charlotte Seither:

Heute würde ich sagen: die Fähigkeit zur Transzendenz. Als Zwölf- oder Dreizehnjährige hat man ein großes Bedürfnis nach Dingen, die nicht erklärbar sind, und auch nach Dingen, die man als authentisch erlebt. Ich habe in der Jugendkantorei das gängige Motetten- und Oratorienrepertoire kennengelernt und dabei auch die Kraft dieser Werke verspürt, die sich durch zwei-, dreihundert Jahre hindurch tradiert hat. Man spürt als Jugendlicher sofort, wie viele Generationen von Menschen mit dieser Musik gelebt haben und letztlich auch in ihr gestorben sind. Die Begegnung mit dieser Musik ist für mich bis heute ein kostbarer Bestandteil meiner Kindheit. War es die Musik, die Sie angezogen hat? Oder waren es die Texte? Bei Schütz sind es ja oft biblische.

Charlotte Seither:

Die Texte sind in diesem Alter vielleicht nur bedingt zugänglich. Erst später sind mir die Texte in den Bach-Kantaten und Schütz-Motetten doch so in Erscheinung getreten, dass ich nicht mehr auf sie verzichten mochte. Sie komponieren ja ebenfalls geistliche Musik.

Charlotte Seither:

Ja. Aber ich unterscheide zwischen Kirchenmusik und geistlicher Musik. So habe ich wohl bislang keine Kirchenmusik komponiert, vermutlich aber wohl geistliche. In der Kirchenmusik ist für mich das Ergebnis des kompositorischen Schaffens von vorneherein definiert. Es gibt be-stimmte Mittel, dies zu erreichen, und nur einen bestimmten Korridor an Freiheit, um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Mich interessiert aber viel mehr, die Kunst als Kunst zum Ergebnis meiner Gottessuche zu machen. Mit dem angenehmen Effekt, dass ich, wenn die Kunst als Kunst das Ergebnis sein kann, selbst nicht mehr genau weiß, was es eigentlich ist, was ich da im Prozess meiner Gottessuche dokumentiert habe. Können Sie den Unterschied verdeutlichen?

Charlotte Seither:

Wenn ich mit einem Text arbeite, wie beispielsweise mit dem "Lux Aeterna" aus der liturgischen Totenmesse, der Bitte also um das ewige Licht, das den Toten leuchten möge, so ist es durchaus möglich, dass dabei eine Komposition entsteht, die wir als geistliche Musik bezeichnen können. Die liturgische Funktion des Stückes ist jedoch nicht das, was mich leitet, ich denke freier. Natürlich ist mir klar, dass ein Stück, das mit diesem Text arbeitet, schon an sich Stellung bezieht. Aber ob meine Deutung im strengen Sinne liturgisch adäquat ist oder nicht, beschäftigt mich zunächst nicht. Ich lasse mich davon beim Schreiben auch nicht beeinflussen. Das Stück heißt übrigens "Hora", das heißt, auch der Titel lässt bereits offen, in welchem Verhältnis die Komposition und der "Lux Aeterna"-Text zueinander stehen. Auch wenn das jetzt seltsam erscheinen mag: Ich habe dieses kompositorische Verfahren gerade aus Respekt gegenüber dem Text und aus der Nähe zum Glauben gewählt. Warum überhaupt das "Lux Aeterna"? Berührt Sie der Text in besonderer Weise?

Charlotte Seither:

Er fasziniert mich. Ich habe ihn innerlich noch immer nicht abgearbeitet in meinen Stücken, und er wird mich mit Sicherheit auch noch lebenslang begleiten. Wenn Sie sich an einem liturgischen Stück orientieren, entsteht da nicht zwangsläufig Kirchenmusik?

Charlotte Seither:

Nein. Ich glaube, dass Musik eine geistliche sein kann, ohne zwingend Kirchenmusik zu sein. Anders formuliert: Kirchenmusik ist für mich nicht immer schon von sich aus geistlich redend, es muss stets noch etwas dazu kommen, was sie zur Transzendenz fähig macht. Bisher ist "Hora" in der Kirche ausschließlich konzertant aufgeführt worden. Aber ich kann es mir gut im Gottesdienst vorstellen. Der innere Raum, den es aufspannt, passt natürlich sehr gut in einen liturgischen Rahmen. Im November habe ich das Stück mit dem Dresdner Kammerchor im Gedenkkonzert der Stadt Dresden zur Reichspogromnacht 1938 in der neuen Synagoge gehört. Dieser Kontext hat mich sehr beeindruckt. Dort hatte ich das Gefühl, dass es nicht christlich-liturgisch gebunden ist, sondern auch für einen transreligiösen Ort offen ist. Nutzten Sie für Ihre Komposition den deutschen oder den lateinischen Text des "Lux Aeterna"?

Charlotte Seither:

Für mich kommt nur der klassische lateinische Text in Frage. Allerdings wird nicht jede Textzeile zu Ende geführt, zuweilen bleibt ein Wort mittendrin auf einem Klang stehen und kreist oder bricht ab. Mir war wichtig, diesen Text nicht vom Anfang bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Ich habe jedes Wort, jeden Vokal genau reflektiert und mich gefragt: Was davon will und brauche ich, und was lasse ich weg?

Woher wussten Sie, das ist der Text, zu dem Sie die Töne schreiben möchten?

Charlotte Seither:

Es gibt viele Texte, die mich seit langer Zeit begleiten. Psalm 139 gehört ebenso dazu wie das "Lux Aeterna". Gerade biblische Texte prägen mich stark. Dabei bin aber sehr zurückhaltend, diese Texte auch wirklich zu vertonen. Die Gefahr ist groß, die Musik aus dem Text heraus zu erfinden und sie nicht aus etwas Drittem entstehen zu lassen, von dem ich eigentlich gar nicht so genau weiß, was es eigentlich ist. Als Komponistin möchte ich in erster Linie Kunst schaffen und nicht Text als Text vermitteln. Dafür gibt es die Wortpredigt. Kann man sagen: Die Funktion eines Textes besteht darin, Ihnen einen Impuls zu geben, der bei Ihnen die Musikalität in Bewegung setzt?

Charlotte Seither:

Genau. Jedenfalls ist es bei "Lux Aeterna" so gewesen. Mir war klar, es gibt ein bestimmtes inneres Bild, das mit der letzten Stunde zu tun hat. Und es gibt diesen Text, der eine enorme Sogkraft auf mich hat. Doch wenn ich das Stück offen lassen möchte, muss ich es von der Eindeutigkeit seines Ursprungs lösen und einen anderen Titel wählen. "Hora" kann auch in einem Avantgardekonzert stehen. Aber Sie haben Recht, der Text gibt einen Impuls und daraus entsteht Kunst. Dass sich diese Kunst oft in einem Raum ereignet, der mit meiner menschlichen Existenz zu tun hat und mit der Reflexion über menschliche Grenzen, die jenseits meiner eigenen stehen, ist ein anderer Punkt. Sicher gibt es genauso Anstöße zu Ihrem kompositorischen Schaffen, die nicht durch Texte ausgelöst werden.

Charlotte Seither:

Oh ja. Die Inspiration durch Texte geschieht eher in der Minderzahl. Ich habe auch Stücke geschrieben, die mit einer Kunstsprache agieren, die einzig Klang, Assoziation und Bewegung symbolisiert. Da lasse ich mich nicht von vornherein von einem Textgehalt einengen, sondern vom musikalischem Schwingen und Beschwingen. Ich gieße dann etwas hinein, was den Klang aus dem Körper holt, beziehungsweise genau den Klang in den Körper schickt, den ich brauche. Der Klang bewegt sich anders im Körper, wenn ich ihn nicht abstrakt diktiere. Das heißt, jede Sprache hat den Vorteil, dass sie, wenn sie lange genug praktiziert wird, den Klang im Körper hält und diesen in ein Fließen versetzt, das ich niemals erreiche, wenn ich starre Silbenschrift irgendwo hingieße. Diese Farben des Stimmklangs möchte ich mir nicht entgehen lassen. Haben Sie Ihre kirchenmusikalische Phase als junger Mensch beendet?

Charlotte Seither:

Meine kirchenmusikalische Prägung spielt für mich als Mensch ganz persönlich eine wichtige Rolle. Doch als ich mit dem Kompositionsstudium an der Musikhochschule in Berlin begann, musste ich mich erst einmal von vielen Dingen lösen, um freier denken zu können. Das gehört sicher dazu. Auch sind bestimmte Gattungen in der Neuen Musik stärker durch die Tradition belastet, Liedkompositionen oder Werke für Chor gehören etwa dazu. Da traut man sich erst einmal für längere Zeit nicht, damit umzugehen. Mit zwanzig Jahren Abstand habe ich dann das erste Orgelstück und das erste Stück für Vokalensemble geschrieben. Ich möchte meine Erfahrungen aus der geistlichen Musik nicht missen. Sie sind Katholikin und Komponistin, reizt es Sie nicht, eine Messe zu schreiben?

Charlotte Seither:

Nein. Aber ein Requiem würde mich sehr reizen. Warum das eine und das andere nicht?

Charlotte Seither:

Es gibt Teile der Messe, wie etwa das "Agnus Dei" und das "Kyrie", die mich von ihrer Haltung her sehr ansprechen. "Gloria", "Credo" und "Sanctus" sind für mich dagegen auch in traditionellen Messen oft weniger überzeugend, vielleicht auch, weil sie so viel Text verarbeiten müssen. Da habe ich als Komponistin keinen Raum, Fragezeichen zu setzen oder auf andere Weise Dinge in Frage zu stellen. "Kyrie" und "Agnus Dei" sind die Orte, an denen ich mich als Komponistin am wohlsten fühle. Die Anrufungen, die darin enthalten sind, kann ich mit meinem Ich vereinbaren, ohne genaue Antworten darauf wissen zu müssen. Mir sind die buchstäblichen Antworten im "Gloria", im "Credo" und im "Sanctus" als Künstlerin eher suspekt. Kunst entsteht ja nie, weil man sagt: "So ist es!", sondern weil man gar nicht weiß, wie die Wirklichkeit eigentlich aussieht. Ein Requiem steht mir da durchaus näher. Ich fühle mich als Komponistin nur dann wohl, wenn ich mit der Musik eine Frage stellen kann und sie nicht auch noch selbst beantworten muss. Könnte man den Unterschied, den Sie formulieren, so beschreiben: Es gibt Musik, die den Text illustriert, und es gibt Musik, die den Text interpretiert und möglicherweise den Hörenden die Möglichkeit zum Weiterdenken eröffnet?

Charlotte Seither:

Genau. Es gibt Musik, die einen Text illustriert. Doch damit verliert er. Dadurch dass ich dem Text ein Bild, einen Namen, eine Gestalt, eine Form, ein Gewand gegeben habe, wird er zum Material und damit wird er kleiner. Es gibt Komponisten wie Schütz oder Bach, bei denen ist der Text nur ein Mittel. Das ist genial. Denn zu diesem Mittel kommt ein hochelaboriertes Handwerk hinzu, das es versteht, den Text das sein zu lassen, was er ist. Da ist ein Mensch, der den Text aufnimmt, menschlich, sterblich, verzweifelt, fragend und in all dem, was uns Menschen gemeinsam ist. Diesen Text arbeitet Bach dann auf handwerklich allerhöchster Ebene aus. Vertiefen Johann Sebastian Bach oder Schütz den Text, so dass man ihn besser versteht? Oder müsste die Kunst nicht darin bestehen, über den Text hinaus-zuführen?

Charlotte Seither:

Ich frage mich schon, warum ich bei Heinrich Schütz gläubiger werde und bei vielen anderen Komponistinnen und Komponisten eher nicht. Auch bei Schütz ist eine Ich-Spur greifbar, aber bei ihm bewegt sich das Handwerk des Komponierens äquivalent zur Ebene der Verkündigung. Es ist eben nicht nur ein Text, der verkündigt wird, sondern dieser wird auch dadurch glaubhaft gemacht, dass ihm ein elaboriertes Handwerk an die Seite gestellt wird. Dieses vibriert so stark, dass es einen kunsthaften Raum eröffnet. Letztlich brauche ich den Text gar nicht mehr, um zu verstehen, aus was für einer Ebene sich das Stück in seiner Transzendenz entfaltet. Hat Ihre Musik denn eine Botschaft?

Charlotte Seither:

Das wünsche ich mir natürlich. Die Botschaft ist sicherlich von Stück zu Stück verschieden und doch ist sie immer gleich. Trotzdem verbindet alle Stücke ein roter Faden. Letztlich ist jedes Stück ein anderer Versuch oder Ansatzpunkt zu dieser Recherche. Mit jedem Stück stelle ich meine Frage neu, spezifisch und ganz konkret. Und sicherlich hege auch ich die Hoffnung, dass diese Aussagen auch für andere Menschen eine gewisse Plausibilität haben mögen. Welches ist Ihr Lieblingschoral?

Charlotte Seither:

Es gibt mehrere Choräle, die ich als tief in mich eingraviert bezeichnen würde. Vor allem: "Befiehl du deine Wege" und "Wer nur den lieben Gott lässt walten". Warum?

Charlotte Seither:

Sie haben mich durch mein Leben hindurch begleitet. Ich verbinde mit diesen Chorälen gute und starke Erfahrungen, auf die ich nicht verzichten möchte.

Frauen komponieren seltener als Männer. Warum?

Charlotte Seither:

Das ist eine schwierige Frage. Ich mache bei Kompositionsprojekten in der Schule nicht selten die Erfahrung, dass es oftmals Mädchen sind, die mit guten Ideen voranschreiten. Im Vorschul- und Grundschulalter sind Mädchen oft sehr kreativ, während Jungen mitunter zurückhaltender sein können und sich nicht primär schöpferisch einbringen. Doch je älter die Kinder und Jugendlichen werden, umso eher kehren sich die Verhältnisse um. Bei den Aufnahmeprüfungen an der Musikhochschule kommen im Fach Komposition schließlich deutlich weniger Mädchen an, auch wenn sich hier in den letzten Jahren schon einiges verbessert hat. Nach dem Studium bleiben schließlich nur noch wenige Frauen übrig. Woran liegt das?

Charlotte Seither:

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mädchen, die musikalisch begabt sind, oftmals auch in anderen Fächern sehr gut sind. Viele entscheiden sich dann einfach für ein anderes Studienfach, wohl auch, weil sie sich dort mehr wirtschaftliche Sicherheit versprechen. Im Deutschen Komponistenverband gibt es ungefähr 1300 Mitglieder, darunter sind ungefähr 60 Komponistinnen. Das sind natürlich erschreckend wenige, und im realen Kunstbetrieb bildet sich dieses Verhältnis wohl auch nicht ganz so dramatisch ab. In meiner Generation gibt es inzwischen eine Reihe von jungen Frauen, die künstlerisch etabliert sind, aber natürlich kommt der beruflichen Wirklichkeit noch lange nicht die Selbstverständlichkeit zu, die man eigentlich gar nicht mehr thematisieren möchte. Ich bin sehr gerne Komponistin. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der sich diese Frage gar nicht mehr stellt.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 8. Dezember 2011 in Berlin.

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