Visionäre Erfahrung

Das leere Grab ist kein Beweis für die Auferstehung Jesu
Foto: privat
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Ein Gespräch mit Jens Schröter (49) von der ­evangelisch-theologischen Fakultät der Berliner Humboldtuniversität für Neues Testament über die Erscheinung des Auferstandenen und den historischen Kern des Ostergeschehens.

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Herr Professor Schröter, war die ­Auferstehung Jesu ein historisches Ereignis wie der Fall der Mauer?

JENS SCHRÖTER:

Das ist ein schwieriger Vergleich. Der Fall der Berliner Mauer ist auf vielen Zeugnissen wie Fotos und Filmaufnahmen dokumentiert, die man sich noch ansehen kann. Das ist bei der Auferstehung Jesu natürlich anders. Gleichwohl würde ich auch auf sie den Begriff "historisches Ereignis" anwenden. Aber das Besondere ist: Die Auferstehung selber wird nicht dokumentiert, sondern wir haben Texte vorliegen, die von Erfahrungen mit dem Auferstandenen berichten.

Nach der Überlieferung des Matthäusevangeliums stellten Soldaten, die das Grab Jesu bewacht hatten, fest, dass es leer war. Und die Hohenpriester und Ältesten schärften den Soldaten ein, sie sollten behaupten, die Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Warum überliefert Matthäus diese Geschichte?

JENS SCHRÖTER:

Matthäus überliefert diese Geschichte, um deutlich zu machen: Die Hohenpriester und Ältesten wollen eine bestimmte Deutung des leeren Grabes ins Unrecht setzen - nämlich die­jenige, die das leere Grab als Zeugnis der Auferstehung versteht. Die Geschichte zeigt also: Das leere Grab ist für sich genommen nicht eindeutig. Darauf verweisen neben dem Matthäusevangelium auch die Berichte der anderen Evangelien: Die Auffindung des leeren Grabes ist für sich genommen kein Beweis für die Auferstehung Jesu. Vielmehr erhebt sich angesichts des Grabes erst die Frage, wie dieser Fund zu verstehen ist.

Und wie ist er zu verstehen?

JENS SCHRÖTER:

Matthäus weist darauf hin, dass man das leere Grab auch so interpretieren kann, dass der Leichnam Jesu gestohlen wurde. Analog dazu überliefert das Markusevangelium, dass diejenigen, die das leere Grab entdeckten, verstört waren. Es endet mit dem Hinweis, dass die Frauen von ihrer Entdeckung niemandem etwas erzählten, weil sie sich fürchteten. Also war auch für sie das leere Grab nicht eindeutig, sondern zunächst etwas, das sie irritierte. Und im Lukasevangelium ist es ähnlich. Da wird auch gesagt, das leere Grab stürzte die Frauen in Ratlosigkeit. Lukas verwendet dafür das Verb "aporein": ratlos sein. In diesem Kontext steht auch die erwähnte Geschichte von Matthäus über die Soldaten am leeren Grab. Alle diese Geschichten zeigen demnach: Der Fund des leeren Grabes ist ein ambivalentes Phänomen. Es ist kein Beweis oder eindeutiger Beleg für die Auferstehung. Die Auf­erstehung ist vielmehr eine Erfahrung, die man angesichts des leeren Grabes machen kann.

Frauen waren damals vor Gericht nicht zeugnisfähig. Spricht es nicht gerade für die Glaubwürdigkeit der Geschichte, dass es ausgerechnet Frauen sind, die das leere Grab finden? Hätte man die Geschichte dagegen erfunden, hätte man doch sicher Männer gewählt, oder?

JENS SCHRÖTER:

Das ist richtig, das kann man in der Tat als ein Indiz dafür werten, dass an der Geschichte etwas dran ist. Denn wäre die Geschichte vom leeren Grab eine nachträgliche Erfindung, hätte man sie in der Tat anders erzählt. Es wäre dann vermutlich erzählt worden, dass Petrus das leere Grab entdeckt hat. Das hätte auch deshalb nahegelegen, weil es verschiedene Zeugnisse von der Erscheinung des Auferstandenen gibt, in denen zuerst Petrus (beziehungsweise Kephas oder Simon) genannt wird. So finden wir im Lukasevangelium (24,34) die Aussage: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen." Das ist ein offenbar sehr alter Satz des Urchristentums, der die Auferstehung Jesu mit der Erscheinung vor Simon Petrus verbindet. Ähnlich ist es auch bei Paulus im 1. Korintherbrief. Dort wird Kephas als der Erste genannt, dem der Auferstandene erschienen ist (1. Korinther 15,5).

Gibt es weitere Indizien, die nahelegen, dass das leere Grab keine Erfindung ist?

JENS SCHRÖTER:

Wer die Geschichte vom leeren Grab erfunden hätte, wäre in große Schwierigkeiten geraten. Er hätte damit rechnen müssen, dass jemand das Grab anschaut und andere dorthin führt. Es wäre aber auch ansonsten ein unsinniges Unterfangen gewesen, denn die Geschichte vom leeren Grab ist ja - wie gesagt - für sich genommen kein Indiz für die Glaubwürdigkeit der Auferstehungsbotschaft. Außerdem zeigen die bei Paulus und anderswo zitierten Bekenntnisformulierungen des Urchristentums: Man hat von der Auferweckung Jesu Christi und seiner Erhöhung sprechen können, ohne dass dazu eine Geschichte vom leeren Grab notwendig gewesen wäre. Alle diese Indizien weisen darauf hin, dass es sich bei der Geschichte vom leeren Grab um eine alte Erzählung handelt, die einen historischen Kern hat und zu den alten historischen Erinnerungen des Ostergeschehens gehört.

Die paulinischen Schriften sind die ältesten Schriften des Neuen Testamentes. Warum fehlen in ihnen Hinweise auf das leere Grab?

JENS SCHRÖTER:

In 1. Korinther 15,3-5 spricht Paulus nur davon, dass Christus gestorben und begraben wurde, auferweckt wurde und Petrus sowie den Zwölfen erschienen ist. Dass dazwischen eine Auffindung des leeren Grabes stattgefunden hat, erwähnt Paulus dagegen nicht. Das kann man so interpretieren, dass er von der Überlieferung des Fundes des leeren Grabes, die sich auf ein Ereignis in Jerusalem bezieht, nichts wusste. Die Zusammenfassung der Passions- und Ostereignisse in 1. Korinther 15,3-5 reicht für ihn offensichtlich völlig aus.

Von den Erscheinungen des Auferstandenen erzählt das Neue Testament auf sehr unterschiedliche Weise. Im Lukas­evange­lium geht es dabei ganz handfest zu: Da isst der Auferstandene mit den Jüngern Fisch. Warum erzählt Lukas dies?

JENS SCHRÖTER:

Solche Erscheinungserzählungen machen deutlich, dass Jesus auch leiblich auferstanden ist, dass er nicht nur ein Geist ist und es eine Kontinuität zwischen der Zeit vor der Passion und danach gibt, dass also nicht etwa nur Jesu Geist in den Himmel entrückt wurde, sondern er wirklich als ganze Person durch den Tod hindurch gegangen ist. Die auf handfeste materiale Aspekte gerichteten Dimensionen der Erscheinungserzählungen treten vor allem bei Lukas und Johannes in den Vordergrund, dann auch in so genannten apokryphen Schriften, also solchen Texten, die die Kirche nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen hat. Sie sind an der Leiblichkeit der Auferstehung interessiert, wobei der Auferstandene und Erscheinende aber auch hier nicht einfach ein wiederbelebter Leichnam ist, sondern in anderer Weise existiert als vor der Passion.

Deswegen erkennen ihn die Jünger ja auch nicht sofort.

JENS SCHRÖTER:

Genau. Leibliche Auferstehung meint: Die Auferstehung betrifft die gesamte Person Jesu, nicht nur seinen Geist, sondern auch seinen Leib. Und doch ist Jesus nach der Auferstehung in veränderter Form anwesend. Lukas macht das in der Emmaus-Geschichte deutlich: Die Jünger, die ihn ja eigentlich kennen müssten, gehen die ganze Zeit mit ihm - erkennen ihn aber erst am Abend beim Brotbrechen. Und ähnlich ist es bei Maria Magdalena im Johannesevangelium, die Jesus für den Gärtner hält, ihn also auch zunächst nicht erkennt.

Noch eine Frage zur Historizität dessen, was Lukas überliefert. Hat der Auferstandene wirklich zusammen mit den Jüngern Fisch gegessen?

JENS SCHRÖTER:

Wenn Sie so zugespitzt fragen, muss ich sagen: nein. Ich gehe vielmehr davon aus, dass die Auferstehungsgeschichten die Erfahrung deuten, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, son­dern dass er als ganze Person durch den Tod hindurch gegangen ist und man ihn nach seinem Tod wieder als ganze Person erfahren hat, wenn auch auf andere Weise als vorher. Erzählungen wie die, dass der Auferstande­ne tatsächlich angefasst werden konn­te oder gegessen hat, sind meines Erachtens Verdichtungen oder Ausschmückungen der Aussage, dass Je­sus nicht im Tod geblieben ist, son­dern als Person wieder erfahren wur­de, also leiblich zu spüren und zu sehen war.

Paulus schreibt im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel, dass der Auferstandene nicht nur von den zwölf Jüngern gesehen worden sei, sondern "von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben". Erwähnt der Apostel diese vielen ­Zeugen, weil es in der Gemeinde von Korinth Leute gibt, die die Auferstehung Jesu bezweifeln?

JENS SCHRÖTER:

Der von Ihnen zitierte Abschnitt aus 1. Korinther 15 zeigt, dass die Erfahrungen des Auferstandenen vielfältig sind. Man kann sie also nicht reduzieren auf eine Erscheinung vor Petrus und eine vor Paulus, wie das schon versucht wurde. Vielmehr gibt es eine breite Bezeugung solcher Erfahrungen mit dem Auferstandenen. Da sind die vorhin erwähnten Frauen, die Jünger, und gelegentlich wird Simon Petrus besonders hervorgehoben. Dazu kommen Jakobus, alle Apostel und die über fünfhundert Brüder, die Paulus in 1. Korinther 15,7 erwähnt -und schließlich Paulus selbst. Die Erscheinungen vor den Fünfhundert werden gelegentlich mit dem Pfingstgeschehen in Verbindung gebracht. Aber das ist nicht sicher. Zu dem speziellen Kontext von 1. Korinther 15 gehört: Paulus will hier durch den Hinweis auf eine breite Bezeugung der Auferstehung Jesu das in Korinth vorgebrachte Argument widerlegen, es gebe keine Auferstehung von den Toten (vgl. 1. Korinther 15,12). Für Paulus ist dabei wichtig, dass aus der Auferstehung Jesu auch die Auferstehung all derer folgt, die zu ihm gehören. Wer also die Auferstehung Jesu leugnet, leugnet die Auferstehung der Toten überhaupt. Dagegen setzt Paulus unter anderem den Hinweis, dass der auferstandene Jesus so vielen erschienen ist, die seine Auferweckung bezeugen.

Paulus spricht im Hinblick auf die Erscheinungen des Auferstandenen von "sehen".

JENS SCHRÖTER:

Es handelt sich offenbar um Phänomene, die wir am besten als Visionen oder Berichte visionärer Erfahrungen beschreiben können. Dafür werden die Verben "sehen" oder "gesehen worden sein" verwendet, was gelegentlich auch mit "erschienen" wiedergegeben wird. Es handelt sich offenbar um einen Vorgang, der eine visionäre Erfahrung beinhaltet. Es geht dabei also nicht einfach um ein normales Sehen, so wie wenn man schaut, was gerade um einen herum geschieht. Mit dem Verb, das Paulus und auch andere neutestamentliche Autoren gebrauchen, wird vielmehr zum Ausdruck gebracht, dass es um eine spezielle Art des Sehens oder Schauens geht, die eine besondere Wirklichkeitserfahrung erschließt.

Hat die Vorstellung, dass ein Einzelner vom Tod aufersteht, damals eigentlich in der Luft gelegen, so dass es naheliegend war, dass die Jünger darauf zurück­gegriffen haben?

JENS SCHRÖTER:

Im damaligen Judentum, dem die Jünger ja entstammten, hat es durchaus die Überzeugung gegeben, dass besonders auserwählte, Gott treue Menschen nicht im Tod verbleiben, sondern von Gott auferweckt und zu ihm entrückt werden. Das wird etwa von Gerechten und Märtyrern erzählt, die Gott bis in den Tod hinein treu geblieben sind und deshalb aus dem Tod errettet wurden. Bei Menschen mit einer besonderen Nähe zu Gott kann ihr Gottesverhältnis also dazu führen, dass sie nicht im Tode verbleiben.

Und gibt es noch weitere Vorstellungen von Auferstehung oder die der Auferstehung ähneln?

JENS SCHRÖTER:

Eine mit den genannten Vorstellungen verwandte, aber nicht identische Vorstellung ist diejenige, dass Menschen zu Gott entrückt beziehungsweise zur Rechten Gottes erhöht werden. Diese Vorstellung kann mit derjenigen von der Auferweckung verknüpft werden. Es gibt aber auch die Vorstellung, dass man direkt aus dem Leben heraus zu Gott entrückt wird, also gar nicht erst stirbt. Die jüdische Tradition erzählt von Menschen, die zu Gott entrückt worden sind und deshalb auch wieder erscheinen können. Das ist etwa in der Erzählung von der Verklärung Jesu vorausgesetzt, in der Mose und Elia den Jüngern erscheinen, weil sie nach jüdischer Tradition zu Gott entrückt wurden. Auch Henoch gehört zu diesen Figuren. Es handelt sich also um eine jüdische Tradition. In der griechisch-römischen Religion gibt es auch die Tradition der Entrückung besonderer Menschen in die göttliche Sphäre, die Vorstellung einer Auferweckung von Toten - abgesehen von vereinzelten Fällen in der griechisch-römischen Mythologie - dagegen aber nicht. Das zeigen etwa viele Grabinschriften, die die Lebenden dazu auffordern, die Zeit zu nutzen und zu genießen, die ihnen noch verbleibt, weil mit dem Tod alles aus ist.

Was unterscheidet eigentlich die Begriffe "Auferstehung" und "Auferweckung"?

JENS SCHRÖTER:

Im Neuen Testament werden beide Begriffe verwendet, allerdings begegnet die Rede von der Auferweckung Jesu von den Toten häufiger. Der Unterschied ist der: Bei der Auferweckung ist Gott der Handelnde, bei der Auferstehung dagegen Jesus selber - er ersteht auf. Dieser Begriff wird zunächst einmal ganz landläufig für das Aufstehen vom Schlaf verwendet, gewinnt dann aber natürlich eine besondere Bedeutung im Blick auf die Auferstehung Jesu. Die Auferweckungsterminologie bringt also zum Ausdruck, dass Gott das Subjekt des Geschehens ist. Wahrscheinlich hat der christliche Glaube mit der Aussage begonnen: Gott ist der, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Dies ist eine Aussage, die das Christentum an seinem Anfang als eine neue Erfahrung mit Gott formuliert hat und die dann den christlichen Glauben aus sich heraus gesetzt hat. Deswegen ist die Rede von der Auferweckung - mit Gott als Subjekt - für das Neue Testament so zentral.

Worin unterscheiden sich denn die Auferweckung des Lazarus und des Jünglings von Nain von der Auferweckung Jesu?

JENS SCHRÖTER:

Diese Geschichten knüpfen an alttestamentliche Prophetenerzählungen an. So wird etwa erzählt, dass Elia und Elisa Tote zum Leben erwecken konnten. In Lukas 7, bei der Auferweckung des Jünglings von Nain, steht eine Erzählung über Elia im Hintergrund, der den Sohn einer Witwe wieder zum Leben erweckt. Sowohl bei der Erzählung vom Jüngling zu Nain als auch bei der Lazarusgeschichte gilt das Interesse aber in erster Linie Jesus. Es soll gezeigt werden, dass er die Macht hat, Tote aufzuerwecken. Der Jüngling von Nain und Lazarus werden ja nicht zu Gott entrückt und werden auch nicht zum ewigen Leben erweckt. Sie kehren vielmehr ins irdische Leben zurück und werden irgendwann dann wieder eines natürlichen Todes sterben. Das sind kategoriale Unterschiede zu einer von Gott bewirkten Auferstehung, wie es bei Jesus der Fall ist. Zu dieser letzteren Kategorie gehören auch die erwähnten von Gott bewirkten Auferweckungen von Gerechten oder Märtyrern in der jüdischen Tradition. In Johannes 11 geht es zudem nicht nur darum, dass Jesus die Macht hat, Menschen, die wie Lazarus gestorben sind, wieder ins irdische Leben zurückzuführen. Bei Johannes kommt vielmehr dazu, dass damit gezeigt werden soll, dass Jesus selber die Auferweckung und das Leben ist. Die Pointe der Lazaruserzählung liegt deshalb darin, dass Jesus sagt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt." Die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus ist für Johannes also ein "Zeichen" für das, was Jesus ist und was er verbürgt: Auferstehung und ewiges Leben.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 24. Februar in Berlin.

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Jens Schröter

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