Wir regulieren die Falschen

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Australiens Social-Media-Sperre für Jugendliche löst Debatten aus
Foto: privat

Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten – andere Länder wollen folgen. Doch ob solche Regeln Jugendliche wirklich schützen, ist offen. Unser Onlinekolumnist Philipp Greifenstein warnt davor, Verantwortung an Verbote abzuschieben: Nötig seien Medienbildung, Vertrauen und eine Regulierung der Plattformen selbst.

Ich glaube, es war der Informatik-Unterricht, in dem ich zum ersten Mal auf das „Trial-and-Error“-Prinzip gestoßen bin. Auch wenn wir damals keine hochkomplexen Algorithmen klackern ließen, sondern nur an einfachstem Code herumfriemelten, bis das gewünschte Ergebnis dabei heraussprang: Versuch und Irrtum als Methode der Problemlösung und Digitalisierung gehören – nicht nur für mich – irgendwie zusammen.

Seit dem 10. Dezember 2025 gibt es in Australien ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Die Alterssperre gilt für alle uns aus dem Alltag in der Digitalität leidlich bekannten großen Social-Media-Plattformen: Instagram, Facebook, X, Snapchat und-so-weiter und-so-fort. Nun hätte man ja denken können, dass die in zahlreichen Ländern („des Westens“) geführte Debatte über Social-Media-Verbote für Heranwachsende sich ob des australischen Versuchs der Regulierung des individuellen Nutzungsverhaltens von jungen Internet-Nutzer:innen ein wenig entspannt: Erstmal schauen, wie sich die Sache ausgeht.

Für ein einigermaßen sinnvolles fachliches Urteil darüber ist es nach nicht einmal zwei Monaten Verbotsdauer noch viel zu früh. Nichtsdestotrotz eilen die Gesetzgeber in vielen weiteren Ländern voran: Das britische Oberhaus, die französische Nationalversammlung und viele weitere Parlamente befassen sich mit der rechtlichen Kodifizierung von Plattform-Verboten für Jugendliche. Die Mahnungen von Expert:innen wie der Frankfurter Professorin für Erziehungswissenschaften (Schwerpunkt: Medienbildung) Denise Klinge verhallen im Fahrtwind des legislativen Massenstarts: „Ein pauschales Verbot verkennt sowohl die sozialen Funktionen digitaler Räume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen.“

Reale Probleme adressiert

Klinge und andere Expert:innen negieren keineswegs, dass Social-Media-Verbote reale Probleme adressieren. Jede:r, der sich – wie ich beispielsweise hierhier und hier in zeitzeichen – mit den Herausforderungen der Digitalisierung für Kinder, Jugendliche und Familien beschäftigt, kennt sie: Online-Suchtverhalten, Radikalisierungs-Gefahren, Kinder- und Jugendschutzproblematiken, die Sorge um Lese- und Lernkompetenzen. Wohl aber bezweifeln Expert:innen – gerade solche aus Fächern und Forschungsbereichen, die jugendnah operieren –, dass Verbote effektive und effiziente Maßnahmen sind, den oft beschriebenen Problemen Herr zu werden.

Ich bekenne, dass ich von Woche zu Woche, Monat zu Monat in meiner Haltung zu Social-Media-Verboten schwanke. Doch jetzt, da es allenthalben „schnell, schnell“ gehen soll, wachsen meine Zweifel wieder. Statt erst einmal zu schauen, ob unter den vielen möglichen Lösungsansätzen ausgerechnet ein Verbot nach australischem Vorbild am Ende funktioniert, eilen die Gesetzgeber voran.

Unterstützt werden die erwachsenen (und nicht gerade jugendlichen) Gesetzgeber:innen von einem Medien-Kommentariat, das Probleme junger Menschen ohnehin gerne zackig und mit „One Size fits All“-Lösungen vom Schreibtisch wischen will. Die evangelische „Medienbischöfin“ (sic!) Dorothee Wüst weiß immerhin, dass es allein mit einem Verbot für Jugendliche, die noch nicht im Konfirmationsalter sind, wohl nicht getan ist. Doch wünschen sich nicht auch viele Jugendliche selbst inzwischen Verbote und klare Regeln?

„Schau hin!“

Kinder und Jugendliche haben in der Tat ein Recht auf proaktiv handelnde Erwachsene, die ihrer Verantwortung gerecht werden – auch wenn das bedeutet, sich beim (eigenen) Nachwuchs zeitweise unbeliebt zu machen. „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ und nicht Laissez-faire und Desinteresse ist definitiv angesagt. Social-Media-Verbotsgesetze könn(t)en funktionieren. „Das Verbot in Australien bietet eine Chance mit empirischer Begleitung (qualitativ und quantitativ) die tatsächlichen Effekte, unbeabsichtigte Nebenfolgen und die Rolle verschiedenster Akteure zu untersuchen“, meint auch Professorin Klinge. 

Vor allem aber sind Verbote der einfachste Weg für uns Erwachsene, unsere lästige Verantwortung für Medienbildung, die Begleitung junger Menschen und die Gestaltung der Digitalität weg zu delegieren. Statt die Plattformen zu regulieren und für Nutzer:innen jeden Alters sicherer zu machen, regulieren wir die individuelle Mediennutzung derjenigen Bevölkerungsgruppe, die sich auf demokratischem Wege gegen diesen Eingriff in die persönliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit (noch) nicht wehren kann. Und ja, digitale Teilhabe ist in der digitalisierten Welt nicht weniger als ein Menschenrecht.

Besorgniserregend sind vor allem die Freiheitseinschränkungen für uns alle, die wir offenbar zum Zwecke der Durchsetzung von Social-Media-Verboten für Heranwachsende in Kauf zu nehmen bereit sind. (Oder die wir bestenfalls noch nicht zu Ende gedacht haben.) Verlässliche Altersnachweise bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen sind anders als auf dem Wege der Identifizierung mit Ausweisdokumenten bisher nicht in Sicht. Wollen wir wirklich ein Internet, in dem man sich an jeder Ecke mit dem Perso ausweisen muss? Welchen Infrastrukturen und Unternehmen trauen wir eine solche Regulierung unser aller Mediennutzung denn wirklich zu?

Auch Verbote wirken

Verbote haben, so viel sei eingestanden, auch eine prohibitive Wirkung. Auch weil das Rauchen, Alkohol und weitere Drogen Jugendlichen weitgehend und zunehmend verboten worden ist, wird in Deutschland weniger geraucht, gesoffen und gefixt. Teilweise Lockerungen wie beim Kiffen zeigen jedoch, dass die Rechnung so einfach nicht aufgeht. Die zunehmend restriktiven gesetzlichen Nutzungsverbote gingen in den vergangenen Jahrzehnten auch mit weiteren Maßnahmen wie Werbeverboten, Bildungsprogrammen und Sensibilisierungskampagnen einher. Es gibt auch andere Maßnahmen, unkluges Verhalten nachhaltig uncool zu machen, als Verbote.

Wie beim Rauchen und Alkohol werden Jugendliche auch bei der Social-Media-Nutzung Aus- und Umwege finden. Schon heute findet ein riesiger Teil der jugendlichen digitalen Kommunikation in Computerspielwelten, auf Messengerdiensten und in kleinen, neuen Mode-Apps statt. Dem kann man nicht effektiv hinterherregulieren. Es braucht vielmehr Verantwortlichkeit und Vertrauen. Verantwortung kann ohne vertrauensvoll gewährte Freiheit nicht wachsen.

Ich befürchte, mit einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige machen wir Erwachsenen uns die Sache viel zu einfach. Selbst wenn wir ein solches Verbot einführen sollten, ist seine Wirksamkeit von anderen Faktoren wie der Medienbildung für Jugendliche und Erwachsene und der Gestaltung der Plattformumgebungen selbst abhängig. Reden wir uns also nicht raus, sondern stehen wir zu unserer Verantwortung als Eltern, Großeltern, Lehrer:innen und Lebensbegleiter:innen junger Menschen.

Der beste – wenngleich nicht hundertprozentige – Schutz vor den Gefahren von Social-Media-Plattformen und digitalen Werkzeugen ist ein vertrauensvolles Miteinander, das wir jungen Menschen schuldig sind, während sie sich die (digitalisierte) Welt erschließen. Das setzt voraus, dass wir Erwachsenen einen Umgang mit unseren – zuweilen uneingestandenen – Ängsten in der Digitalität und um junge Menschen finden. Gemeinsame Versuche führen, da bin ich mir sicher, am Ende zum Erfolg.

 

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Keine Ahnung

Ich will den Algorithmus als meinen Freund, oder besser: als meinen Bruder betrachten. Denn er hat mir schon viele schöne Stunden beschert. Richtig groß wurde meine Dankbarkeit ihm gegenüber, nachdem ich vor ein paar Jahren bei meinem deutsch-türkischen Barber an der Potsdamer Straße („Potse“ genannt) in Schöneberg, wo ich nur „Meister“ gerufen werde, während des Haareschneidens erstmals Musik von Aram Serhad hörte und fragte, wer das sei. Serhad ist ein türkisch-kurdischer Lieder­macher. Der Algorithmus von youtube spielt mir seine wunderbare Musik immer wieder zu.

Der Witz ist: Ich verstehe kein einziges Wort der vielen Wörter, die Serhad singt. Ich nehme an, es geht oft um die Liebe, aber das ist nur eine Vermutung. Serhad singt in einem Musikvideo etwa sehr innig den Song „Ey Welatê Min“ auf einer Anhöhe in Istanbul mit dem Blick auf den Bosporus. Er wird dabei von seinen Musikern begleitet, diedie Langhalslaute Saz (oder wohl am ehesten: die Bağlama) spielen sowie die türkische Holzflöte Mey mit einem Rohrblatt – das habe ich im Netz recherchiert. Aber was er singt: keine Ahnung!

Ich bin jedenfalls, spätestens seit dieser Entdeckung Serhads, ein großer Fan türkisch-urdischer Volksmusik und Songwriter, vorgeschlagen durch den nimmermüden youtube-Algorithmus, gerade weil ich nicht verstehe, was sie eigentlich singen. Diese Musik von Serhad und Co. belebt und erfreut – und lenkt nicht ab beim Arbeiten oder Lesen.

So ungefähr müssen sich Jugendliche in fast ganz Europa gefühlt haben, als sie in den 1960er-Jahren diese neue Beatmusik aus England und Amerika hörten: Völlig ratlos, was die singen, aber es ist schön. Und man kann dabei wunderbar träumen: von der Schönheit Istanbuls, der Weite Anatoliens, der Ewigkeit des Meeres – und der Liebe natürlich.

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Knackig

Nicht nur politisch, auch erotisch hat München eine schillernde Geschichte. Die bis 1910 in Schwabing notorische Bohemienne Franziska Gräfin zu Reventlow und deren freie Liebe haben darin ein eigenes Kapitel („in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen“).

Souveräner Verzicht auf Indiskretion ist nur eine der Stärken ihrer bis heute anregenden und knackigen Prosa. Herbert Kapfer, geboren 1954, der lange inspiriert die Abteilung „Hörspiel und Medienkunst“ im Bayerischen Rundfunk leitete, fügt mit seinem novellistischen Kammerspiel aus sieben klug komponierten Auftritten literarisch nun ein Kapitel hinzu. Außer zwei die Protagonisten prägenden Vorspielen (Germanistikstudentin Bea erlebt beim Italienurlaub mit ihrem Vater eine feministische Demo mit; Theoretikerin Françoise d’Eaubonne und deren „Feminismus oder Tod“ werden ihr Leitstern – der Schulabbrecher und Ausreißer Kai trifft in Köln sein Idol, den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann) sind alle 1975 angesiedelt, also nach der so genannten sexuellen Revolution und den 1968er-Jahren. Wir befinden uns demnach auf der weiten Ebene der Anwendungsfälle, was heute auch gerade deshalb interessant ist, weil derzeit so viel um sexuelle Identitäten und deren gesellschaftliche Akzeptanz kreist.

Indes entscheidend ist und bleibt „auf‘m Platz“, wie das im Fußball so schön heißt – und eben auch im Bett. Letztlich genau dort treffen Bea und Kai in einer diffus links aktivistischen Münchener WG aufeinander. Beide sind immens gescheit und so was wie Anführertypen. Doch kann es da halt nur eine(n) geben. Kai unterwirft sich Beas von Beginn an klarem „Ich bestimme gern“. Die begehrenden jungen Beiden landen in einer Sado-Maso-Beziehung. Der erigierte Schwanz muss sich ihrem begehrten Fuß beugen, ejakulieren darf er indes schon gar nicht. Das hat sardonischen Witz, ist dem ideologischen Zwang oder Selbstanspruch dahinter bloß angemessen und in aller unaufgeregten sprachlichen Präzision jedoch nie denunzierend, sondern erzählerisch ganz stark.

Kapfer, der bis ins Geburtsjahr hinein zur Generation der Protagonisten gehört und mutmaßlich erfahrungssatt schreibt, schaut bloß genau hin. Darin liegt auch die faszinierende Zeitlosigkeit von Der Planet diskreter Liebe. Passgenau flicht er zudem süffig-schlüssig alt- und mittelhochdeutsche Minnedichtung mit ein, Bea zuliebe, doch Kai hält mit, und so ist auch der archaisch-mythische Aspekt von Herrin und Diener, master and servant, Königin und Knecht mit drin, den beide lustvoll ausleben. Der begehrte, doch stets verwehrte Schoß treibt alles voran. Konflikte gibt es stets dann, wenn die fast zerbrochene, jetzt aber auf „ökologischen Feminismus“ umdisponierte Links-WG ins Spiel kommt. Vor solchem Außen will Kai sich nicht entblößen, lenkt im tragenden Schutzraum ihrer Liebe dann indes jeweils schuldgefühlszermartert, obwohl zweifelnd, ein. Es geht um Macht, trotz all dem Bohei um Emanzipation und Befreiung. Umkehrung trifft es eher.

Valie Export mit Peter Weibel an der Leine auf dem Cover, aus ihrer legendären Aktion und Mappe der Hundigkeit von 1968, was auch im Buch Bezugspunkt ist, bringt es auf den Punkt. Kapfer ist da sehr detailvertraut und scheut nie die Komik daran, so ernst alles auch war und ist. Nebenher angedeutet ist ein Missbrauch durch Beas liberalen, bildungsbürgerlichen Vater, bleibt aber im Vagen. Schön ist, wie Kapfer andeutet, dass da sehr wohl so was wie Zärtlichkeit und Einandermögen zwischen ihnen ist, um nicht zu sagen: Liebe, trotz all der Zwänge, unter denen sie innerlich wie durch die Ideologie der angestrebten „alternativen“ Gesellschaft stehen. Diskrete Liebe eben. So schreibt Kapfer auch. Er versteht zu inszenieren und insinuiert luzide, dass Freiheit immer der Anwendungsfall ist und errungen werden muss. Die stets prekäre Schwabinger Gräfin Reventlow war vermutlich da schon längst viel weiter, als wir es heute sind.

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Transparent

Dies ist ein gewichtiges Buch, ein opus magnum im mehrfachen Wortsinn. Hans Joas, geboren 1948, zuletzt in Erfurt und Chicago tätig und mittlerweile seit über zehn Jahren mit einer Honorarprofessur an der Berliner Humboldt-Universität betraut, bringt damit eine Trilogie zum Abschluss, in der er sich der Geschichte von Religion und Macht in der Moderne widmet. Standen in den Vorgängerbänden Die Macht des Heiligen (2017) und Im Bannkreis der Freiheit (2020) noch die kritische Auseinandersetzung mit den klassischen Verhältnisbestimmungen bei Max Weber beziehungsweise Georg Friedrich Hegel im Zentrum, so ist dem renommierten Soziologen diesmal stärker an einer eigenen konstruktiven Entfaltung gelegen.

Sein erklärtes Ziel ist dabei kein geringeres als eine „Globalgeschichte des moralischen Universalismus“. Dahinter verbirgt sich im vorliegenden Fall allerdings keine ideengeschichtliche Tour d’horizon. Vielmehr geht Joas von der These aus, dass moralischer Universalismus als Produkt der Auseinandersetzung mit dem zu verstehen sei, was er „politischen Universalismus“ nennt, mithin das imperiale Streben nach Expansion und Machterweiterung. Der Fokus richtet sich also auf die Geschichte von Imperien. Wie unterschiedlich sich moralischer Universalismus in verschiedenen zeitgeschichtlichen Kontexten darstellt und welche Wechselwirkung zu den jeweiligen Machtverhältnissen sich daraus ergibt, veranschaulicht Joas unter anderem am Beispiel Chinas, wo im Konfuzianismus der moralische Universalismus Teil einer imperialen Ideologie wird, aber auch am Wirken des Dominikanermönches Bartolomé de Las Casas, der im Mexiko des 16. Jahrhunderts gegen die koloniale Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung zu argumentieren beginnt.

Was Omri Boehm jüngst nur gefordert hat, versucht Hans Joas dabei als Arbeitsprogramm einzulösen: nämlich auch nicht-christliche und nicht-europäische Traditionen stärker zu berücksichtigen und damit die faktische Pluralität des Universalismus zu zeigen. So kommt neben dem antiken Griechenland und den christlich geprägten Imperien auch Indien in den Blick, in einem relativ spät angesetzten Überblickskapitel auch die islamische Welt. Indigene Ethiken thematisiert Joas leider nur am Rande, und auch die zeitgenössische Diskussion um die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in aktuellen Debatten wird nur gestreift. Nicht um Tagesaktualität geht es Joas, auch nicht um ein oberflächlich politisches Plädoyer, sondern um eine „affirmative Genealogie“, die – im sorgfältig recherchierten Gang durch das exemplarische Material – vor Geschichtsvergessenheit und Selbstgerechtigkeit warnen will. Dazu gehört einerseits, immer wieder auf die ambivalente bis offen gewalttätige Rolle der Religion in der Verteidigung eines moralischen Universalismus hinzuweisen. Andererseits erscheinen vermeintlich altbekannte Geschichtserzählungen wie die von der Amerikanischen oder der Französischen Revolution in einem anderen, deutlich eingetrübten Licht, sobald der kolonialen wie der globalen Perspektive mehr Beachtung geschenkt wird. So erweitert sich der heute gebotene moralische Universalismus bei Joas um eine Haltung, die der eigenen Tradition mit Demut und Selbstkritik, anderen dagegen aufgeschlossen und lernbereit begegnet.

Wer sich auf dieses Opus magnum einlässt, wird also nicht nur belohnt mit transparenten Argumentationslinien, einer Fülle an aufschlussreichen Details und einer klaren Sprache, der man ihre Nähe zur angloamerikanischen Schreibtradition auf das Angenehmste anmerkt. Am Ende steht auch die Einsicht, dass zwar die Lage des moralischen Universalismus „immer und überall prekär bleiben“ wird, eine universalistisch gesinnte Praxis aber in jedem denkbaren Kontext Wurzeln fassen kann.

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Ratlos

Der Landstrich Gaza – etwas größer als Bremen und mit vier Mal so viel Einwohnern – hat in den vergangenen drei Jahren tragische Bekanntheit erlangt. Nur wenige haben diese Region als Besucher kennengelernt. Dennoch haben Menschen weltweit ein medial vermitteltes Vexierbild von „Gaza“, in dem je nach Haltung und politischer Verortung zu sehen sind: die 1 200 Israelis, die am 7. Oktober 2023 durch Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen ermordet wurden, und die 250 Menschen, die aus Israel nach Gaza entführt wurden; die mutmaßlich 70 000 Menschen, die im Gazastreifen durch den Krieg Israels gegen die Hamas getötet worden sind; die hungernden Kinder im Gazastreifen, in den in der Kriegszeit kaum Hilfslieferungen kamen; Menschen, die seit Jahren unter dem Terror des Hamasregimes leben; Menschen, die seit Jahrzehnten unter der israelischen Politik leiden.

Gaza: für manche ein Schreckenswort. Für andere Teil ihres Bekenntnisses zur unbedingten Solidarität mit den Palästinenser:innen. Für wieder andere Symbol seit Jahrzehnten verfehlter internationaler Politik und Rechtsordnung.

Einer, der den Gazastreifen gut kennt – durch Besuche, Beziehungen und einen wissenschaftlich geschulten Blick, ist der französische Islamwissenschaftler und politische Berater Jean-Pierre Filiu. Filiu ist ein Beobachter, der sich berühren lässt von dem Leiden und dem Unrecht, das er wahrnimmt, und dies zur Sprache bringt; sich jedoch davor hütet, diese Beobachtungen in eine griffige These zu bringen.

Jean-Pierre Filiu ist es gelungen, am 19. Dezember 2024 als Teil einer Gruppe von „Ärzte ohne Grenzen“ in den Gazastreifen einzureisen. Er blieb dort bis zum 21. Januar 2025. Im Mai 2025 wurde sein Buch über diese 34 Tage in Frankreich veröffentlicht und liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor. Es ist großteils ein Tagebuch, in dem der Autor seine Kapitel mit den Geschehnissen des jeweiligen Tages beginnen lässt; von dort aus entwickelt er dann weiter seine instruktiven Darstellungen zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Israel-Palästina und zum Alltag im Gazastreifen: zu den Interessen der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu; zum anhaltenden Hamas-Terror, der sich auch in Kriegszeiten nicht allein gegen Israel richtet, sondern auch gegen Menschen im Gazastreifen, die als Gegner wahrgenommen werden; zur fehlenden arabischen Solidarität mit den Palästinenser:innen; zum Funktionieren der Wirtschaft in dem kriegszerstörten Gebiet; zur Motivation des Hamasführers Yahya Sinwars, die so genannte Al-Aqsa-Flut des 7. Oktober 2023 zu befehlen; zum alltäglichen Tod und zu dem Bestattungswesen. Filiu beschreibt intensiv die Ängste und Nöte der Menschen, mit denen er spricht, und staunt über ihre Fähigkeit, in einem Gebiet, in dem kaum ein Stein auf dem anderen steht und die Infrastruktur zur Versorgung der Menschen fast vollständig zerstört ist, in Würde weiterzuleben.

Filius Band ist ein sehr menschliches Werk. Der Autor nimmt deutlich Stellung für die leidenden Menschen; er benennt auch die Schuld der politisch Verantwortlichen und das Unrecht deutlich. Dennoch ist es keine Anleitung zur moralisch begründeten Verachtung.

Warum scheint die Welt gerade den „Trumps und Netanjahus, den Putins und der Hamas“ überlassen zu sein? Warum zerbrechen in Gaza „die Normen eines internationalen Rechts, das geduldig geschaffen worden war, um eine Wiederholung der Barbarei des Zweiten Weltkrieges zu verhindern“? Mit dieser Überlegung beendet Jean-Pierre Filiu seinen Bericht. Er hat keine Antwort auf diese Frage.

Der Autor lässt uns mit vielen neuen Einblicken und Erfahrungen, aber auch fragend und ratlos zurück. Eben deshalb ist dieses Buch wichtig und lesenswert – Filiu sagt, was ist; aber er erklärt nicht das, was er nicht erklären kann.

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Warten auf 2030

Warten auf 2030

Oberammergau und die Juden

Seit nunmehr fast 400 Jahren setzen die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele von Oberammergau einen bedeutsamen Fokus auf die Weitergabe der Kerngehalte des christlichen Glaubens. Sie erreichen heute weltweite Aufmerksamkeit mit bis zu einer halben Million Besuchern. Seit gut einem halben Jahrhundert unterliegen sie jedoch wegen ihrer nicht zu leugnenden massiven antisemitischen „Anmutungen“ heftiger Kritik. Jüdische Besucher haben sich darüber immer wieder entsetzt gezeigt, und die Verantwortlichen begannen ab 1970 zunächst zaghaft, dann energischer damit, den Text zu überarbeiten. Mit der Aufführung von 2022 liegt nun eine Fassung vor, der auch von jüdischen Gremien bescheinigt wurde, frei von Antisemitismus zu sein, ja der geradezu attestiert werden muss, einen eigenen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus zu leisten.

Mit seinem Buch macht Wolfgang Reinbold es möglich, diesen bemerkenswerten Prozess eines radikalen Wandels einer die Tradition zutiefst bewahrenden Institution nachzuverfolgen. Antisemitismus ist, wie gerade Oberammergau zeigt, tief im Christentum verankert. Aber offensichtlich gelingt es dennoch, sich von dieser fürchterlichen Last zu befreien – und das nicht irgendwo am Rande sondern in einem Zentrum der Zelebration seines Kernmythos. Reinbold sagt zu Recht: „Oberammergau ist zu einem Labor des christlich-jüdischen Dialogs geworden.“ Und das verdient alle Anerkennung.

Der Kern des Buches besteht in einer Synopse der Aufführungen von 1900, 1970, 1990 und 2010. Sie werden ergänzt durch genaue Analysen der für den Wandel zentralen Aufführungen von 2000 und 2022. Während sich noch 2000 der Regisseur Christian Stückl und der Dramaturg Otto Huber am klassischen Text orientierten, ihn aber vom offenkundigen Judenhass zu befreien suchten, legten sie 2022 eine komplette Neufassung vor, die die Tradition endgültig überwand. Dazu zählten 2000 unter anderen der Abschied von den Pharisäern, die gestrichen werden; Jesus wurde eindeutig als Jude inszeniert (das letzte Mahl mit seinen Jüngern ist ein Passahfest!); es gibt keine Verstoßung der Synagoge mehr, und Jesu Gegnerschaft wird differenziert dargestellt – auch aus den eigenen Reihen gibt es Widerspruch. Damit wird die Entdämonisierung der Gegner Jesu vorangebracht, allerdings bleibt der Eindruck fanatischen Hasses gegen Jesus auf Seiten der Juden noch erhalten.

An diesen Stellen setzt der Text von 2022 einen radikalen Neuanfang und bricht mit der Tradition, womit in Oberammergau eine neue Epoche beginnt, wie Reinbold meint. Die Motive der Gegner Jesu weisen endgültig nichts Dämonisches mehr auf; die antipharisäische Polemik von Matthäus 23 entfällt. Ja, Nikodemus wird als Pharisäer an der Seite Jesu ins Bild gerückt, und Pilatus wird zum eindeutigen Täter gemacht (Die Szene mit dem Hände-Waschen-in-Unschuld entfällt zugunsten eines Glas Wassers, das Pilatus begehrt). Die Barrabas-Episode, die klassisch den Sinn hat, den Juden die Schuld am Tod Jesu zuzuschreiben, wird entdramatisiert. Pilatus wird zum zynischen Spötter gemacht, der Jesus wohl doch für schuldig hält. Und nicht zuletzt werden die traditionellen Einsetzungsworte beim Abendmahl durch andere biblische Weisungen ersetzt. Mithin: Von der klassisch den Text prägenden Schuld der Juden bleibt nichts mehr übrig.

Reinbold steht klar auf der Seite der Veränderungen, aber am Ende fragt er sich auch, ob sie nicht zu weit gehen und den ursprünglichen Sinn des Spiels von „Leiden, Sterben und der Auferstehung“ Jesu Christi verdecken, ja zum Teil unverständlich machen. Auf jeden Fall aber gilt: Anhand dieses Buches erschließt sich das Spiel in neuer Weise, und man ist gespannt, wie es 2030 weitergeht.

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Gerhard Wegner

Gerhard Wegner ist Direktor i.R. des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD und Niedersächsischer Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens.

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