Überzeugend

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Die Zeit des Krieges

Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Autorinnen und Autoren über die Zeit des Krieges und die erste Nachkriegszeit schreiben, hat das vermutlich vor allem diesen Grund: Nach dem verbreiteten Schweigen in Familie und Gesellschaft wollen sie verstehen, was das Leben ihrer Elterngeneration geprägt hat. Sie wollen deren Lebensgeschichten nachvollziehen, den Ängsten und Hoffnungen nachspüren und die im und nach dem Krieg erfahrenen Wunden wahrnehmen. Dabei geht es immer auch um das eigene Leben.

Dieses Motiv dürfte auch Ralf Rothmann (Jahrgang 1953) zu seiner jetzt abgeschlossenen Romantrilogie bewogen haben. Mit Die Nacht unterm Schnee liegt nunmehr der (auch für sich les- und hörbare) dritte Band vor – als Hörbuch, gelesen von Nina Petri und Markus Hoffmann. Rothmanns Annäherung an die Zeit kurz vor seiner Geburt und die Zeit seiner Kindheit ist mehr als der Versuch einer Selbsttherapie oder der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Sie ist zugleich ein glaubhaftes und überzeugendes Stück deutscher Geschichte, denn seine Figuren teilen das Schicksal vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die vor allem eines tun: hart arbeiten. Im Mittelpunkt steht mit Elisabeth eine zutiefst verletzte junge Frau, die zusammen mit ihrem Mann nach dem Krieg versucht, eine Existenz aufzubauen. Die Hoffnung auf ein wenig Wohlstand, auf ein kleines privates Glück prägt ihr Leben – zunächst in Schleswig-Holstein, später im Ruhrgebiet.

„Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“: Ein Schild mit diesem Spruch hängt über der Wohnungstür der Familie in der Oberhausener Zechensiedlung. Im wahren Leben von Elisabeth und ihrem Mann aber bleiben solche Lichter leider oft aus.

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Schwebender Engel

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Cave In: Heavy Pendulum

Gleisarbeiten ist ein harmloses Wort, aber man frage mal Anwohner einer Bahn-Strecke, die neue Schienen bekommt. Allein das tiefe sonore Diesellok-Pluckern beim Schottern: Kurz nur fährt sie an, das Bremsenquietschen der Trichterwagen folgt im Chor, scharf prasseln die Steine. Und wieder ein Stück weiter, bis in die Nacht. Doch auch darin liegt – Poesie! Es hat Rhythmus, Motive, Melodien, eine Aussage, obwohl sich das nicht sofort erschließen mag. Bei schwerem Metal ist das ähnlich. Das reife, facettenreiche Album „Heavy Pendulum“ der Ostküsten-Metalcore-Band Cave In, die hier bereits mit den Townes-Van-Zandt-Songs begegnete (vergleiche zz 10/2022), macht den Zustieg leicht – 71 Minuten insgesamt mit zwölf Songs und zwei Zwischenspielen wie dem düster-sphärischen Ambient-Track „Days of Nothing“, der dem dicht folgenden Gitarren-Intro von „Waiting for Love“ ein perfekter Schanzentisch ist.

Die Spanne reicht von dem brachialen Sludge- und Grunge-befeuerten Opener „New Reality“ und einem Space-Rock antäuschenden „Blood Spiller“ bis zum 12-minütigen „Wavering Angel“ („have you ever loved somebody too much“) am Ende. Ein Juwel, das man wegen der apokalyptisch geprägten Bildwelt zunächst mit einem Trudeln oder Schwanken zu übersetzen neigt, doch dieser Engel ist ein „Schwebender“, und Barlach-Assoziationen sind so willkommen wie angemessen. Es geht um Liebe, die loslässt und darum erst Liebe ist. Anklänge an ihren Bassisten Caleb Scofield, der 2018 bei einem Autounfall verbrannte, dürfen unterstellt werden. Bass spielt jetzt Nate Newton von den Bostoner Kollegen Converge, der auch das Shouting und gutturales Geschrei übernimmt. Converge-Gitarrist Kurt Ballou produzierte und mischte das Album. Eine gute Wahl!

Meist singt Stephen Brodsky, mitunter der andere Gitarrist Adam McGrath. Wie sie zwischen Soli und Griff-Spiel wechseln, ist eine Wucht. „Untenrum“ macht es Drummer John-Robert Conners neben Newton schlagend dicht, gefühlvoll, wo das sein soll, sonst mit gehöriger Wucht und Präzision. Trocken, treibend oder exaltiert, Tendenz: schwer. Denn, so die Haltung hier, immer geht es ums Eingemachte, wird das Leben vom Tod her gedacht und empfunden. Denn Metalcore – so wüst wie zu ihren Anfängen 1995 tobt er hier indes nie – ist ein Exitenzialisten-Genre. „Der Schwebende“ beginnt folkig-akustisch („have you ever loved somebody too much“) wie einer der Led-Zeppelin-Geniestreiche (an die dachten wir schon zuvor bei „The Reckoning“, also der Abrechnung), bevor er heavier wird und Soli-satt Fahrt aufnimmt. Gefühl und Poesie in unvertrauter Verpackung – so changiert „Heavy Pendulum“ begeisternd zwischen Core-Furor und ProgRock. Wie wir das im Schweben und Taumeln manchmal nötig haben.

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Klanggeschmeide

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Neues von Singer Pur

Insbesondere für Renaissance-Affine ist das Vokalensemble Singer Pur eine urvertraute, sich immer neu öffnende Schatztruhe. Obgleich Markus Zapp alleiniges Ur-Singer Pur-Mitglied ist, hat die Beheimatung an der stetig befeuerten Klangschmiede Regensburg kontinuierlich für eine Konstanz in dem 1992 geschmeidig geformten Klangideal des Ensembles und aben alle Wechsel gleichzeitig für immer mehr individuelle Farbigkeit und Reife gesorgt. Der stetig runde und weiche, in Momenten am ehesten Holzblasinstrumente assoziierende und äußerst dicht verwobene Klang aus einer Frauen- und fünf Männerstimmen stiftet einen universell sphärischen Raum von transzendenter Schönheit.

Diese flügelleicht schwebende Kraft offenbart sich in der heuer unter dem Titel „MUSICA DIVINA“ veröffentlichten CD erneut in seelenbefriedender Schönheit. Dabei öffnet Singer Pur Regensburger Bibliotheks-Pforten, durch die das Ensemble regelmäßig zu Kleinoden besonderer Leuchtkraft vordringt. Dieses Mal ist es die „Musica Divina“ – die göttliche Vokalmusik, die der aus Schlesien stammende und schließlich hauptsächlich in Regensburg wirkende Priester und Arzt, vor allem aber auch Sammler und Herausgeber kirchenmusikalischer Werke Carl Proske (1794 – 1861) in der Bischöflichen Zen­tralbibliothek Regensburg hinterlassen hat. Dazu zählen kluge Aufkäufe von Sammlungen aus dem 16./17. Jahrhundert aus dem süddeutschen und österreichischen Raum sowie etliche Stimmbücher des lutherischen Humanisten und Musikers Johannes Stomius (1502 – 1562), die Proske zu einem Wegbereiter der Wiederentdeckung der Renaissance im 19. Jahrhundert machten. Aus dieser Sammlung des Carl Proske stammt, was Singer Pur auf dieser CD bestens zum Besten gibt.

Dazu gehören bekannte, intim aufblühende Motetten der Großmeister der Zeit wie Ludwig Senfls „Medita vita à 6“, Josquin Desprez’ „Haec dicit Dominus“ oder Giovanni Palestrinas „Quae est ista“ aus dem langjährig gepflegten Repertoire des Ensembles, denen es ungeheuer gut tut, neu musiziert zu werden. Dazu zählen aber auch Kostbarkeiten, die zu Unrecht weit weniger bekannt sind und hier mit dem ihnen innewohnenden Leuchten und darin wurzelnden Gottestrost präsentiert werden – etwa die Motetten des Regensburger Kantors Andreas Raselius (um 1562 – 1602) und die deutschsprachige Motette „Die Toren sprechen“ Gregor Wageners aus dessen Sammlung acht deutscher Psalmen von 1565. Berückend schön sind das im Glockenklang sphärisch rein pulsende, anonyme „Gaudete psallentes“ und Jakob Gallus’ bekanntes „Ecce quomodo moritur justus“. Selten habe ich ein Ensemble so vollkommen eins und auratisch in dem Gewebe aus Werk, Intention und stimmlicher Umsetzung wahrgenommen. Für diese Musik hat sich Singer Pur einst gegründet. Und nicht umsonst kehrt das Ensemble immer wieder hierher zurück.

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Ein teuflisch guter Baum

Früher wurde aus dem Sommer Regen, und aus dem Regen wurde unsere Ernte, Tomaten, Gurken, Weizen.

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Christus und die Schöpfung

Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung gehören zu den großen Herausforderungen unserer Zeit.

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Poetin, Pädagogin, Netzwerkerin

Martin Luther in Wittenberg, Huldrych Zwingli in Zürich, Martin Bucer in Straßburg und Johannes Calvin in Genf – sie sind die großen Impulsgeber und Wegbereiter der Reforma

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Gottes Sehnsucht

Gottes Sehnsucht

Klartext

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Kaiser. Er ist Pfarrer  i.R. in Stuttgart.

Hartnäckige Zeugen

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13. November

Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden? (Lukas 18,8)

Die Geschichte hat gezeigt, dass der Menschensohn nur wenig Glauben gefunden hat. Damals und heute. Denn es sind immer nur Wenige gewesen, bei denen es gezündet hat. Und für die Christengemeinde um den Evangelisten Lukas war das noch viel existenzieller als für uns heute. Denn die Gemeindemitglieder warteten darauf, dass der Herr noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen wird. Aber die ersten Christen waren bereits gestorben. Und so erlahmte der erste Glaubensschwung der Gemeinde. Und Lukas schrieb ihr die Geschichte vom Richter und der unbeugsamen Witwe.

Frauen waren damals rechtlos, Witwen noch viel mehr. Sie hatten keine Chance. Die Witwe in der Erzählung von Jesus auch nicht. Aber sie war unbeugsam und blieb hartnäckig. Und das zahlte sich am Schluss aus. Denn der Richter verschaffte ihr Recht.

Diese Hartnäckigkeit – so Jesus – sollen Christen auch haben. Gebt den Glauben nicht auf, auch wenn das tägliche Erleben dagegenspricht, das will Lukas vermitteln.

In einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Juli 2021 zum Ansehen von Berufsgruppen veröffentlichte, belegen Feuerwehrleute, Pfleger und Ärzte die ersten drei Plätze. Pfarrerinnen und Pfarrer tauchen in der Tabelle dagegen gar nicht erst auf. In einer säkularisierten Gesellschaft spielen die Kirchen schließlich immer weniger eine wichtige Rolle. Und damit auch das von ihnen organisierte Christentum. Aber statt nun auf die böse Welt zu schimpfen, sollten Kirchenleute danach suchen, wodurch die Kirchen selbst dem Glauben im Wege stehen. Und bei den Gründen wird man in jedem Zeitalter fündig.

Umso mehr kommt es auf die Mitglieder der Kirche an, wie sie ihren Glauben leben und sich in die Gesellschaft einbringen, in der Familie, der Nachbarschaft, der bürgerlichen Gemeinde, in der Politik. Wenn Christen durch ihre Lebensweise ihren Glauben bezeugen und begründen können, warum sie dieses tun und jenes lassen – dann wird so auch der Menschensohn bezeugt.

Denn irgendwie sind wir Christen das Papier, auf dem die Mitmenschen lesen können, was Gott will und geschehen lässt. Auch wenn wir manchmal nur schlechtes Papier sind, Jesus macht uns im Schreiben des Lukas Mut, nicht aufzuhören, nicht zu verzagen, sondern es immer wieder neu zu versuchen.

 

Lust am Spekulieren

Totensonntag, 20. November

Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. (Markus 13,33)

Die ersten Christengemeinden hatten ein existenzielles Problem. Mitglieder waren gestorben, aber der Herr noch nicht wiedergekommen. Daraufhin fielen einige vom Glauben ab, und viele wankten. Der Evangelist Markus greift das Problem auf und verkündet, der Herr habe das Problem kommen sehen. Darum seine Abschiedsreden, darum der Ruf nach Wachsamkeit. Dass der Herr wiederkommen wird, ist klar. Aber wann wird das geschehen? Darüber zu spekulieren ist verboten. Auch wenn sich Fragen aufdrängen: Wann kommt der Herr? Wie kommt der Herr? Ist man selbst mit dabei? Und wo hält man sich als Toter bis zur Wiederkunft des Herrn auf? Auf diese Fragen wurden immer wieder Antworten gegeben. Eine lautete: Der Mensch hat eine göttliche Seele. So war der Mensch schon zu Lebzeiten irgendwie im Himmel. Andere haben die hellenistische Unterscheidung zwischen Körper und Geist aufgegriffen: Der Körper vergeht, der unsterbliche Geist aber bleibt, steigt als Geist oder Seele zum Himmel auf und wartet dort auf das Jüngste Gericht.

In der Alten Kirche, der Kirche der ersten fünf Jahrhunderte, gab es viele solcher Spekulationen. Und so entwickelten sich zahlreiche Lehren, deren Anhänger drauf und dran waren, eigene Kirchen zu gründen. Und so ist die Geschichte der Alten Kirche geprägt von immer neuen Synoden, die beschlossen und klarstellten, was in der Kirche gilt und was nicht. Nebenbei gesagt: Bei dieser Entwicklung spielte ein Bischof von Rom keine Rolle.

Die erwähnten Spekulationen sind interessant, haben aber mit Jesus nichts zu tun. Auch nicht die überaus schlauen Berechnungen des württembergischen Pietisten Albrecht Bengel (1687 – 1752). Er meinte 1740, am 18. Juni 1836 beginne das erste von zweimal tausend Jahren, bevor das Jüngste Gericht gehalten wird. Seine Anhänger aber übersprangen die zweitausend Jahre und nannten gleich den 18. Juni 1836 als Termin des Weltuntergangs und des Beginns des Jüngsten Gerichts.

Diese Spekulation hatte fatalen Folgen: Nicht wenige fromme Schwaben verkauften Hab und Gut und zogen in einem großen Auswanderungsstrom so weit nach Osten, wie es damals überhaupt ging – in den Kaukasus. Denn weil die Sonne im Osten aufgeht, war er der Ort, um gleich beim Beginn des Jüngsten Gerichts dabei zu sein. Andere Pietisten blieben zwar im Land, aber sie verkauften ebenfalls alles, was sie besaßen, und verschenkten den Erlös, um als Arme dem Erlöser zu begegnen. Als die Spekulation sich am 18. Juni 1836 um Mitternacht als falsch erwiesen, dürfte eine Schockwelle durchs fromme Deutschland gerollt sein.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Herr versagt sich allen Spekulationen. Zugleich macht er aber klar: Der Tag und die Stunde wird kommen. Also bleibt bereit. Lebt bis dahin Euren Glauben, und verlasst Euch darauf, dass Ihr in der Hand des Herrn seid, im Leben, im Sterben und – im Jüngsten Gericht!

 

Leicht katholisch

1. Advent, 27. November

Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. (Offenbarung 3,15–17)

Türkeitouristen kennen Pamukkale mit seinen heißen Kalksinterterrassen. Im Tal davor lag Laodizea, das die Johannesoffenbarung erwähnt. Es war eine Stadt der Bankiers, Goldschmiede und Färber. Letztere produzierten Gewänder aus Purpur. Und die Goldschmiede schufen kleine Götterstatuen, die die Pilger erwarben, um sie in den Becken von Hierapolis (Pamukkale) zu versenken, aus dessen Wasser eine Augensalbe gegen den Grauen Star angerührt wurde.

Im Jahr 61 vor Christus zerstörte ein Erdbeben mit der Stadt auch die Bank­-
gebäude und Handelshöfe. Aus Rom wurde Hilfe zugesagt. Aber die Laodizeaer lehnten dankend ab; sie seien so reich und könnten sich selbst helfen.

Dieses Selbstverständnis der Bürger hatte sich auch auf die christliche Gemeinde übertragen. Da fuhr der Prediger Johannes mit seiner Apokalypse dazwischen. Die Gemeinde bekam schriftlich eine schallende Ohrfeige. „Lau“ sei sie in ihrem Reichtum, also langweilig. Mehr noch, die Stadt der Augenheilkunde sei „blind“, arm statt reich, nackt statt in Purpur gewandet.

Die Christen von Laodizea hatten es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Da verkündet der Herr selbst dem „Engel“, dem Gemeindevorsteher: Wer Christus nachfolgen will, hat sich an den Armen, Benachteiligten, Fremden, Flüchtlingen, Kranken und Verstoßenen auszurichten. Das ist der Maßstab und nicht die Ruhe auf einem christlichen Sofa.

Solch eine Gardinenpredigt, die Christen aufscheucht und „aus dem Schlaf der Sicherheit“ reißt, ist immer wieder notwendig. Sie hält uns seit den Zeiten des Johannes einen Spiegel vor. Auch manches in unseren Gemeinden erinnert an das Liegen auf einem bürgerlich-christlichen Sofa bei gleichzeitigem Jammern auf hohem Niveau. Ohne sich dabei an die Wurzeln des christlichen Glaubens zu erinnern.

Genau dazu ruft Prediger Johannes auf und wird dabei bereits leicht katholisch: „An ihren Werken sollt ihr sie erkennen!“ Als ob diese allein ein Zeichen des Glaubens wären. Da ist die Botschaft des Paulus bereits Vergangenheit. Aber ohne die Gnade des Herrn können wir nicht einmal glauben. Die Werke allein sind es nicht. Also festigt Euren Glauben. Damit Werke daraus werden. An beidem aber lasst nicht nach.

 

Lieder im Wirtshaus

2. Advent, 4. Dezember

Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. … Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. (Hohelied 2,2 und 8–9)

Beim „Hohelied“ handelt es sich nicht um einen geistlichen Gesang. Vielmehr wurden die Lieder aus dem Buch „Hohelied“ noch im 2. Jahrhundert nach Christus in jüdischen Gasthäusern des Mittelmeerraums gesungen. Erst dann nahmen sich jüdische Theologen dieser Liebeslieder an und interpretierten sie als Ausdruck der Liebe zwischen Gott und seinem Volk. Dem folgten die christlichen Theologen und interpretierten die Liebeslieder als Ausdruck der Beziehung zwischen Gott und der Kirche (so Hippolyt) oder zwischen Gott und der frommen Seele (so Origines) oder gleich als Beziehung zwischen Gott und der Jungfrau Maria (so Ambrosius von Mailand). Und Bernhard von Clairvaux, einer der Väter der Kreuzzüge, konnte darüber herzzerreißend predigen.

Wer der Meinung ist, der christliche Glaube sei asketisch und lehne die Erotik ab, sollte diese Lieder lesen. Sie haben den Weg in die Bibel gefunden, weil es immer wieder Menschen gab, die bekannten: Besser kann man das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen nicht ausdrücken als in erotischen Liebesliedern.

Wendet man diese Lieder auf das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen an, hört und liest man ein Bekenntnis Gottes: „Ich sehne mich nach Dir, Mensch!“ Und Gott verwirklicht diese Sehnsucht an Weihnachten. Deshalb passt dieser Text zum Advent, wenn Christen sich auf die Ankunft Gottes vorbereiten.

Aber da gibt es ein Problem: Zwischen den Liebenden besteht eine Mauer. In der Regel traut sich der Mensch nicht hinter der Mauer hervor. Das kann eine des Misstrauens sein, aber eine Begegnung mit Gott verändert alles. Oder eine Mauer der Faulheit. Das Sofa des bürgerlichen Christentums ist halt sehr bequem. Oder eine Mauer der Furcht vor Neuem. Aber Gott ist ein Freund, dessen Liebe keine bisherige Gewissheit bestehen lässt. Denn die Liebe ist schon immer ein Abenteuer gewesen. 

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Wir brauchen Träume und Visionen

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Mit neuer Musik und dem Respekt vor dieser Kunst kann die Kirche sich wieder erneuern
Foto: privat

Vor 50 Jahren habe ich als Schüler einer kirchlichen Schule neue Lieder im Gottesdienst entdeckt. Es waren die Lieder von Piet Janssens, Wilhelm Willms und auch Gospels. Der Gottesdienst wurde für mich zu einem bewegenden Erlebnis. Die Lieder waren das „Highlight“. Sie haben von dem gesungen, was mich bewegt und begeistert hat. „Die Sache Jesu braucht Begeisterte, er macht uns frei, damit wir einander befreien“; „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme“, „Entdeck bei dir, entdeck bei mir den ersten Schritt, der weiterführt, den ersten Schritt zum Leben“. Es waren Lieder, die mit Leidenschaft das Leben suchten, die das Politische und das Therapeutische mit dem Glauben verwoben.

Die Faszination für die Rhythmen und Texte hat nie wieder wirklich nachgelassen. Beruflich habe ich mich dann mit christlicher Popularmusik beschäftigen können. Da merkte ich, dass diese Lieder nicht richtig Einzug gehalten haben in die Liturgie.

Ich nehme wahr, dass die Kirche(n) als Mütter der Künste aus der Gleichgültigkeit nicht herausgekommen sind. Lieder im Gottesdienst werden oft als „Unterbrechung“ gesehen und nicht als Verdichtung von Botschaften. Selten findet sich in den Kirchen jene Überzeugung, die in der Musik einen unverzichtbaren Partner der Verkündigung sieht. Auch die Kirchenräume haben bis heute keinen Platz für eine Band, sie sind immer „unplatziert“ im Gottesdienstraum. Das Neue Geistliche Lied (NGL) wird mancherorts immer noch als „Störfall“ in der Liturgie erlebt.

Es scheint mir auch das allgemeine religiöse Wissen zu versiegen, das in aller Kirchenmusik deren substanzielle Vielschichtigkeit und Bedeutung zu erkennen vermag. Die christliche Popularkirchenmusik ist vielerorts auf dem Niveau des Straßenfußballes. Die Liturgen billigen dieser Musik Amateurstatus zu. Es gibt wenig Förderung, Ausbildung, Weiterentwicklung und Geld.

Wir brauchen Kirchen, die Orte sind, in denen eine neugierige und offene Zuhörerschaft anzutreffen ist. Doch zu oft erlebe ich die Kirche als Ort der Bestätigung und der Festigung von Altbekanntem. Es ist sicher schwer, dass das Neue, das Experimentelle, das noch nicht Etablierte im Rahmen einer Intuition stattfindet, die auf das Bewahren, auf Tradition und auf Rituale ausgerichtet ist. Wir sollten meinen, das NGL, die Popularkirchenmusik, sei mit den Jahren erwachsen geworden. Dies sollte sich auch in den kirchlichen Strukturen abbilden, doch leider ist dem nicht so.

Wenn ich als Gemeindemitglied nichts mehr mit lateinischer Sprache, mit klassischer Musik zu tun habe, dann finde ich mich in einem Gottesdienst nicht mehr wieder. Viele suchen Musik mit einer Sprache, auch der Musiksprache, die eine heutige ist. Das NGL ist heute genauso vielfältig, wie es die Dichter*innen und Komponisten*innen, die Gläubigen und Kirchengemeinden sind.

Es braucht mehr Mut, sich überhaupt an Popularmusik heranzutrauen. Dazu müssen sich die Liturgen auch von „immer gleichen“ lösen. Angesicht des knappen Personals in den Kirchen braucht es Gemeinden, die auch ohne Priester und Pfarrer*innen Gottesdienste auf die Beine stellen. Ein Chor, eine Band und die musikalischen Kräfte einer Gemeinde können sich zusammenfinden, um eine moderne Vesper, einen Evensong oder eine Komplet zu gestalten, und das alles mit ihrem Repertoire, mit ihren Ressourcen und mit ihren Begabungen.

Auch nach 50 Jahren NGL brauchen wir Träume und Visionen. Wo immer Menschen aufhören zu träumen, kommt es zu Stillstand. Wir sind dann in unserem subjektiven Handeln so sehr gefangen, dass es nicht weitergeht. Mit neuer Musik und dem Respekt vor dieser Kunst kann die Kirche sich wieder erneuern. In der Fülle der neuen Lieder gibt es einen großen Schatz an schlichtem, aber kunstvollem NGL, das allen kirchlichen Ansprüchen genügt.

Im NGL finden sich Lieder mit einer stilistischen Vielfalt, die mit der gesamten Gemeinde in Gottesdiensten und anderen Gemeindeveranstaltungen gesungen werden können. Wir benötigen immerfort Texte und Lieder, die das Evangelium in eine neue kulturelle Wirklichkeit übersetzen. Um diesen Schatz zu heben, braucht es sachkundige Kirchenmusiker*innen und Liturg*innen mit einem geschulten Blick für niveauvolle Kompositionen mit geeigneten Texten.

Die Kirchen müssen die strukturelle Voraussetzung schaffen, dass diese Musik es vom Straßenfußball mindestens in die Regionalliga schafft. Dazu brauchen Bands einen Platz und Technik im Gottesdienstraum, Chöre zeitgemäße Noten, Musiker*innen Ausbildungsmöglichketen in Popularmusik sowie die Kirchengemeinden ein Mitspracherecht bei der Liedauswahl.

Dann haben wir Musik im Gottesdienst, die einen Bezug zu den Menschen hat, die begeistert, berührt, aktiviert und wach macht.


 

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Patrick Dehm

Patrick Dehm ist Theologe, Verleger, Vorsitzender des Ökumenischen Vereins inTAKT e. V. zur Förderung des Neuen Geistlichen Liedes (NGL), und  von Kunst sowie Vorstandsmitglied des Verbandes für Christliche Popularmusik in den Diözesen Deutschlands (VCPD).


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Sicherheit für Sexarbeit

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