Triegel trifft Cranach

Zögerlich betritt der Besucher den frühgotischen Westchor des Naumburger Doms, denn er ist zunächst mit der beeindruckenden Darstellung der Passionsgeschichte am Lettner ko

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Frontlappen

Frontlappen

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Na, heute morgen schon Frontdienst geleistet? Kommen Sie mir jetzt nicht mit Kriegsdienstverweigerei oder Pazifismus. Das konnten wir uns vielleicht vor der Zeiten­wende leisten, als unsere Freiheit noch am Hindukusch veteidigt wurde, und unser Gas aus Russland kam. Jetzt ist die Frontlinie näher gerückt, läuft durchs eigene Bad, und die Morgentoilette wird zum politischen Bekenntnis.

Dass dabei vor allem Grüne als Sauber­männer und -frauen der Politik den Ton angeben, überrascht nicht. Schließlich ist ihnen jener pädagogische Impetus zur Weltverbesserung eigen, den auch der gestandene Protestant kennt und deshalb viel Sympathie hat für die Energiespartipps aus der Spitzen­politik. Seitdem bekannt ist, dass Robert Habeck seine Duschzeit nochmal verkürzt hat, läuft zu Hause die Stoppuhr hinterm Duschvorhang. Aus der Frontstadt Berlin hören wir, dass Verkehrssenatorin Bettina Jarasch morgens sowieso nur Katzenwäsche macht. Das schließt zwar abendliche Vollbäder nicht aus, setzt aber doch eine Duftmarke. Und am anderen Ende der Republik lobpreist Winfried Kretschmann den Waschlappen als brauchbare Erfindung. Niemand hat gesagt, dass es leicht wird!

In diesem Sinne gilt es nun Sonder­vermögen in der Haushaltskasse zu bilden und aufzurüsten. Neue Waschlappen müssen her, die gehören ja schon lange nicht mehr zur Standardausstattung eines modernen Bade­zimmers. Aldi hatte neulich welche im Angebot, aber die waren ruckzuck ausverkauft. Macht nix, wir zerschneiden einfach die Saunatücher. Die braucht in diesen Zeiten niemand mehr. Wer schwitzen will, soll sich gefälligst ein paar Pullis anziehen und Kniebeugen bei 16 Grad im Wohn­zimmer machen. Duschen hinterher ist erlaubt, aber nur kalt. Alles andere ist sowieso nur Wellness für Weicheier, Warmduscher und Waschlappen. 

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Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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Von Liebe zur Welt

Von Liebe zur Welt

Roman über Hannah Arendt

Hannah Arendt ist zurück. Nein, sie war nie weg. Nur die Sehnsucht nach ihrer unverstellten Art des Seins im Sprechen und Schreiben, ihre geschwätzlose Geradlinigkeit, die sie in ihrer phrasenfreien Direktheit so wohltuend für sich stellt, wenn sie der Liebe zur Welt auf den Grund geht wider alle salbungsvolle Leere, wird neu geweckt und inspirierend gestillt in Hildegard E. Kellers Romanerstling Was wir scheinen.

Wenn man mit Hannah Arendt durch die gut 500 Seiten der neuen Taschenbuchausgabe wandert, begegnet einem eine temperamentvolle Frau, der ihr Mann einst liebevoll ins Stammbuch schrieb: „Hannah, du bist ein Mensch aus einem Guss. Wort und Tat können bei dir nicht im Widerspruch stehen.“ Diese intime Hommage in diesem Biografisches und Fiktives überzeugend verschmelzenden Roman durchgehend spürbar zu machen, ist ein erstes großes Verdienst dieses Buches, das die 69-jährige Hannah Arendt im Sommer 1975 im Urlaub im Tessin begleitet, wo sie der Zeit auf den Grund geht und ihren Erinnerungen die Tore öffnet. Das gelingt in erfrischender Lebendigkeit vor allem in Gesprächen, die die Momente der Muße kostbar kristallin werden lassen als Beweisführung des König-Schlange-Dialogs Goethes.

Ein weiteres Verdienst ist die leichtfüßige Einführung in das Denken dieser Frau, ihr Wachsen an und Lösen von ihren Lehrern Martin Heidegger und Karl Jaspers, ihre Vorliebe für Kant, ihre Erkenntnis- und Urteilskraft, geschärft und mutig schutzlos in den Wind der Welt gestellt mit ihrem berühmtesten Werk Die Banalität des Bösen.

Damit verbindet Hildegard E. Keller geschickt zwei besonders kraftgebende Eigenschaften Hannah Arendts – die der Befreiung ihrer selbst von aller weltlichen Willkür durch das Lachen als Form der Emanzipation und Souveränität – auch im Umgang mit Spaltungsenergie innerhalb der eigenen Gemeinschaft – und die der Tröstung im Gedicht. Hildegard E. Keller offenbart Hannah Arendt hier nicht nur als Kennerin der Werke Schillers, Brechts oder Ingeborg Bachmanns – mit der es im Buch wiederholt zu besonderen Begegnungen kommt –, sondern selbst als Poetin, die noch in dieser erhabensten Form der Reduktion unüberlesbar sie selbst ist und sich selbst findet. So eröffnet sich auch der Buchtitel als Adaption eines Verses von Hannah Arendt: „Was wir sind und scheinen,/ach wen geht es an./Was wir tun und meinen,/niemand stoß sich dran.“ Diese wie ein Schatz verborgene lyrische Seite und die Reflexion darüber erfahren im Buch eine bemerkenswerte, mehr als gerechtfertigte Präsenz und machen umso deutlicher fühlbar, welche Welt in der Erkenntnis ruht, „sich selbst sein, das ist das ganze Leben“.

Das größte Verdienst des Romans schließlich liegt in der Offenbarung der das eigene Schicksal mutig und heiter in die Hand nehmenden Menschlichkeit der Hannah Arendt, die sich auf zwei besondere Beziehungen stützt, die lebenslange Ratgeber und Gesprächspartner waren: zu ihrem Mann Heinrich Blücher und zu Kurt Blumenfeld, einem der bedeutendsten Zionisten, mit dem Hannah Arendt seit den frühen 1930er-Jahren eng befreundet war. Die dramaturgisch brillanten und geradezu plastisch erlebbaren Gespräche um Wahrheit und Vernunft, Freundschaft und Wahrhaftigkeit sind von großer Empathie und jener herzimmanenten Klugheit getragen, ohne die ein fühlendes Leben nicht zu existieren vermag. Hier reifen Erkenntnisse wie „Menschen sind mehr wert als ihre Meinungen“ zu Menschenfreundlichkeit als Brücke in die Welt zwischen Fern- und Heimweh. Hier werden mit dem Journalistenfreund Alain Fraternité, Égalité und Liberté noch um Amitié und schließlich Verité erweitert. Hier schlägt das Herz des Buches, und aus ihm klingt das Lob auf die Schönheit der Welt. Sie zweifeln daran? Lesen Sie. Ermutigender war lange nichts. Nur eins fehlt: ein Glossar, das alle Beteiligten angemessen schnell erschließt.

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Luzide

Luzide

Medienrevolution zur Zeit Luthers

Die Erfindung des Buchdrucks veränderte die Welt. Für die Entstehung, Entfaltung und Entgrenzung der Reformation des 16. Jahrhunderts war das Druckgewerbe geradezu grundlegend. Obwohl dies längst zum historischen Allgemeinwissen gehört, sind die Aktivitäten und Interdependenzen der „Druckmacher“, das heißt Autoren, Verleger, Buchdrucker und -händler, weniger bekannt. Und genau hier setzt Thomas Kaufmann mit seinem neuesten Werk an, wenn er die Akteure des frühen 16. Jahrhunderts in den Blick nimmt.

In Analogie zum Begriff Digital Natives versteht er diejenigen, „für die der Umgang mit gedruckten Texten zu einer Selbstverständlichkeit geworden war“, als „Printing Natives“. Es bedurfte somit nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert der zweiten Generation, um das Innovationspotential zu nutzen und jene „erste Medienrevolution“ mit ihrem tiefgreifenden Kulturwandel zu entfesseln. Auch wenn nicht immer ganz eindeutig ist, was Kaufmann begrifflich genau unter Printing Natives – auch im Verhältnis zu den Digital Natives – versteht, ist die Darstellung des Göttinger Kirchenhistorikers höchst anregend und flott lesbar.

Nachdem in der Einleitung Parallelen zwischen digitalem und typografischem Medienwandel gezogen wurden, skizziert der Autor im ersten Kapitel die technischen und ökonomischen Voraussetzungen des Buchdruckes und seiner Werkzeuge inklusive der Expansion des Gewerbes. Zudem betont er die Entstehung von regional entgrenzten Kommunikationsräumen und Deutungsmöglichkeiten sowie die ablehnenden bis begeisterten Reaktionen von Kirche und Gelehrten auf den Buchdruck mitsamt seinen volkssprachlichen Drucken. Von der positiven Nutzbarmachung durch die Humanisten wird eine epochale Steigerung zu Luther und zur „protestantischen Erinnerungskultur“ gezogen. Luther habe aufgrund seiner apokalyptischen Weltsicht die „technische Errungenschaft der mechanischen Textreproduktion in einen heilsgeschichtlichen Horizont“ gerückt. Der Buchdruck sei daher zur „protestantischen Angelegenheit“ geworden, so die Suggestion bis weit ins 20. Jahrhundert.

Im zweiten Kapitel stellt Kaufmann „Männer des Buches“ wie Johannes Reuchlin und Erasmus von Rotterdam vor. Frauen hätten in der Welt des Buches „nur am Rande eine Rolle“ gespielt und zwar als Leserinnen und vereinzelt als Autorinnen, aber auch als Widmungsempfängerinnen, Mäzeninnen oder Töchter und Witwen von Druckern. Informativ ist die Darstellung des sogenannten Judenbücherstreites mit den „Dunkelmännerbriefen“ als vorreformatorisches Medienereignis.

Zentral ist schließlich das dritte, umfänglichste Kapitel „Publizistische Explosionen“. In ihm werden nun die Kommunikationsprozesse der Reformation – ausgehend vom traditionellen Reformationsbegriff mit Luther als Initiator – untersucht und die einzelnen (früh-)reformatorischen Entfaltungen anhand der drucktechnisch-literarischen, die reformatorische Öffentlichkeit formenden Entwicklung beschrieben. Neben Luther als Gravitationszentrum, dessen Tod sogar als „multimediales Sterben“ interpretiert wird, werden Karlstadt, Zwingli und Oekolampad, aber auch die „Echokammern der radikalen Milieus“ Hätzer und Müntzer exemplarisch thematisiert. Der Bauernkrieg – so Kaufmanns Beobachtung – werde durch die „Zwölf Artikel gemeiner Bauernschaft“, die als einer der meistgedruckten Texte der Zeit gelten, überhaupt erst zur Einheit geformt. Zurecht wird auf die illustrierten Einblattdrucke als besondere Form der Mobilisierung des „gemeinen Mannes“ im Rahmen der Reformation aufmerksam gemacht.

Unter dem Titel „Eine veränderte Welt“ werden im vierten Kapitel die Auswirkungen des Buchdruckes auf Bildung, Religion und Gesellschaft verhandelt. Luther steht auch hier mit seiner Bibelübersetzung, seinen Kirchenliedern und Katechismen im Fokus des Autors.

Ein Epilog, der die Parallelen zwischen drucktechnischer und digitaler Medienrevolution akzentuiert, rundet die mit einem reichhaltigen Anhang ausgestattete luzide Studie ab. Ob der Begriff „Printing Natives“ sich allerdings in der Reformationsgeschichtsforschung etablieren wird, bleibt abzuwarten.

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Foto: Anne Günther FSU Jena

Christopher Spehr

Dr. Christopher Spehr ist Professor am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


 


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Spree-Musicus

Spree-Musicus

Berlins berühmter Kantor

Wer zu „Crüger 1622. Ein Berliner Kantor schreibt Musikgeschichte“ greift, hat nicht nur ein Buch über den Musiker Johann Crüger (1598 – 1662) in den Händen, sondern wird auf eine Reise mitgenommen: eine Reise durch Berlin, ein Musikerleben im Dreißigjährigen Krieg, den Schulstaub eines Gymnasiums, durch Stamm- und Stimmbücher, Handschriften und Freundschaften und zuletzt durchs Kino. Das gelingt dank eines Konzepts aus fünfzehn Fachaufsätzen und einer großen, ansprechenden Auswahl an Bildern, Notenbeispielen und Karten.

Kenner der Gattung Kirchenlied denken bei Crüger vermutlich an Paul Gerhardt, dessen Texte zur poetischen DNA der protestantischen Kirchen in Deutschland gehören. Denkt man aber an die Wirkung der Lieder wie „Wie soll ich dich empfangen“ oder „Auf, auf mein Herz mit Freuden“, muss man sagen: Es sind die Melodien, die im Herzen gespeichert werden – wie Bischof Christian Stäblein im Geleitwort bemerkt – und mit ihnen der Text.

1622, vor genau vierhundert Jahren, wurde Crüger in das höchste musikalische Amt der Stadt berufen: Als Kantor an der Hauptpfarrkirche St. Nikolai und Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster war er dort bis 1662 tätig. Anlässlich dieses Jubiläums möchten die Herausgeber „einen Markstein der Crüger-Forschung“ setzen, der sowohl das Interesse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch der breiten Öffentlichkeit weckt.

Auffallend schön ist die Sensibilität, mit der hier unter verschiedenen Aspekten (liturgie- und musikwissenschaftlich, stadt-, bildungs- und wirkungsgeschichtlich, editorisch, hymnologisch) ein scheinbares Nischenthema in einen kulturwissenschaftlichen Horizont gestellt wird. Wer sich mit Albrecht Henkys auf den Weg durch „40 Jahre Berliner Leben“ macht, wird in Zukunft vermutlich mit anderen Augen durchs Nikolaiviertel gehen. Susanne Knackmuß erörtert unter anderem eine hier erstmals gezeigte Musikhandschrift. Weitere Beiträge lassen Schüler und Kollegen zu Wort kommen und beleuchten Crügers Wirken als Komponist, Pädagoge, Musiktheoretiker und Kantor. Sehr schön: Susanne Weichenhan über Crüger und die Pfarrerschaft und darüber, was Anagramme in Gedichten über kollegiale Verhältnisse aussagen können. Crüger galt als ruhiger, ausgleichender Charakter in Zeiten des Kriegs. So lassen sich nicht nur mit Blick auf das neue EKD-Gesangbuch vor allem die Beiträge von Wolfgang Miersemann, Hans-Otto Korth und Bernhardt Schmidt mit großem Gewinn lesen: Sie nehmen die Leserschaft mit in die Entstehungsprozesse der von Crüger verantworteten Gesangbücher. Im Detail schärfen sie den Blick für die Wandelbarkeit eines Gesangbuchkonzepts und für die Arbeitsökonomie zwischen Auftraggebern, Herausgebern, Musikern, Dichtern und Druckern. Sie zeigen, wie beides gelingen kann: konfessionelle Weite bei gleichzeitiger Treue zum ursprünglichen Text sowie „Vollkömmlichkeit“ durch alte und hochmoderne Gesänge bei gleichzeitig kritischer Auswahl. Konrad Klek rundet den Band ab, indem er der Frage nachgeht, ob satztechnisch und melodisch überall Crüger drinsteckt, wo Crüger draufsteht, und wo Crüger heute vielleicht doch lieber inkognito bleiben würde.

Grundkenntnisse und Vertrautheit mit wissenschaftlicher Sprache sind Voraussetzung für die Lektüre. Vermutlich ist es mehr die interessierte als die breite Öffentlichkeit, die der Band erreicht. Jedoch für haupt- und nebenberufliche Fachleute, Studierende sowie interessierte Laien ist er eine wirkliche Empfehlung, weil er Neues (inklusive Forschungsdesideratem) enthält und neue Blicke auf Vertrautes ermöglicht. Aufgrund der schönen Gestaltung eignet er sich zudem gut als Geschenk.

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Faszinosum Grau

Faszinosum Grau

Eine Farbenlehre

Von Paul Cézanne stammt der Satz, solange man kein Grau gemalt habe, sei man kein Maler. Peter Sloterdijk variiert ihn mit der Pointe: Wer noch kein Grau gedacht habe, sei kein Philosoph. Und er dekliniert den Grauwert durch alle Fälle des Lebens; denn „Grau ist der maßgebliche Farbwert der Gegenwart“.

Goethes Farbenlehre zufolge hat die Mischfarbe Grau zwei Valeurs: die Mixtur zwischen Weiß und Schwarz sowie die Mischung aller Farben: das Eine die variantenreiche Abschattung des Weiß, das Andere eine Schmutzfarbe – ein strahlendes Grau aber sei unbekannt.

Grau „steht für Mittleres, Neutrales, Unbesonderes, für Einbettung in Gewöhnliches jenseits von Lust und Unlust. Ist es nicht Farbe, heißt es Alltäglichkeit. Als Milieu, als Mittelbereich, als environment aus Sitte, Gerede und Aromen, dem man durch Geburt oder Flucht ausgeliefert ist, wird es zur Welt im Ganzen.“

Dieser Mediokrität als „Lebenswelt“, ihrer Tristesse sowie ihren zivilisatorisch balancierten Kulturen folgt Sloterdijk durch viele Sphären: Platons Schattenfiguren in der Höhle, Hegels Nachteule der Minerva und Heideggers Existenzanalyse von Langeweile und Melancholie bilden den gedanklichen Rahmen für die analytische Betrachtung der Welt in grauen Schatten und Konturen. Dazu gehören die politischen Parteifarben, die grauen Zonen von Bürokratie und Staat, das „spektrale Grau“ der manichäischen Lichtspuren im Dunkel der Welt, auch die Erfindung des Purgatoriums als Reinigungsanstalt bei Dante sowie schließlich die Revolution des Sehens durch die Schwarz-Weiß-Photografie.

Das Purgatorium, die „Hölle auf Zeit“, ist für Sloterdijk eine besonders aussagefähige Metapher: Dieses Konzept „nahm ein Gutteil dessen vorweg, was spätere Jahrhunderte unter dem … Wort „Geschichte“ verstanden.“ Enthierarchisierung und Vermischung der Gegensätze – darin zeichnet sich die entropisch absteigende Mittellinie der gesellschaftlichen Evolution ab, die Sloterdijk nachzeichnet.

Die Erfindung der Schwarz-Weiß-Photografie übte auf diesem zivilisatorischen Weg zum Mittelmaß eine Seh- und Konturenschärfe ein, die sich nur im „Grau in Grau“ einer künstlich abstrahierenden „Farbenblindheit“ erwerben lässt.

Grau in Grau – Hegels Diktum: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen. Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ wird ihm zum Führer durch die Welten der Nachaufklärung, der Individualisierung, Trivialisierung und Vergleichgültigung.

Der Parcours endet in einer von Schiller und Nietzsche angestoßenen ästhetischen Weltschau und Lebensgestaltung in den Künsten, den Halluzinationen meditativer Versenkung und schließlich in einer „grauen Theologie“, die versucht, „Gott gegen den Verdacht der Gleichgültigkeit zu verteidigen“. Dazwischen entlastende Meditationen zu Kafkas Korridoren im Schloss-Gefängnis der verwalteten Welt bis hin zu Cézannes Mühen um das treffende Grau.

Sloterdijks überschäumender Metaphernrausch, die ironische Melancholie der Beobachtungen, die gelegentlich zur Parodie neigt, verschleiern bei aller schillernden Virtuosität den Ernst der Lage nicht, in der sich die altgewordene Gestalt unseres Lebens in einer Art Endspiel befindet. Diesem Szenario werden von Sloterdijk freilich nur zurückhaltend apokalyptische Züge eingezeichnet, es verdient vor allem ein Lob des menschlichen Mittelmaßes.

Wer sich der Lektüre dieses kurzweiligen Buches hingibt, wird auf hohem Niveau unterhalten und nicht nur mit Gedankenblitzen versorgt. Dem Lesevergnügen eröffnen sich auch Perspektiven, die das geistige Auge einüben, in der ergrauten Welt die Farben und Konturen des akuten Erlebens mit mehr Lust wahrzunehmen und mit größerer Tiefenschärfe zu erkennen.

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Vita passiva

Vita passiva

Über Hoffnung und Zuversicht

Man sollte sich von dem Umschlagmotiv und dem Titel nicht täuschen lassen: Gerhard Sauters im vergangenen Jahr erschienenes Buch Beseeltes Alter. Über Hoffnung und Zuversicht im Spätherbst des Lebens ist keine Lebenshilfeliteratur der Kategorie „Ratgeber für die späten Jahre“. Vielmehr bietet der emeritierte Systematische Theologe aus Bonn auf knapp 200 Seiten eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Diskursen über das Alter(n) und zugleich eine Exploration der Tragkraft biblischer Sprache und theologischen Denkens angesichts des Alters.

Sauter verlangt von seinen Leserinnen und Lesern einiges an Konzentration, wenn er sie durch eine Kritik gesellschaftlich dominanter Altersbilder hindurch zu theologischen Perspektiven auf das Alter anregt. Das Buch besteht aus zwei bereits veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätzen über „Menschen im Alter vor Gott“ und über die „Seele“ als „geprägte Lebendigkeit“ sowie aus einem bislang noch unveröffentlichten Essay „Was gibt das Altern theologisch zu denken?“. Viele Passagen sind anspruchsvoll geschrieben und dürften vor allem theologisch vorgebildete Leserinnen und Leser ansprechen. Wer sich in das Buch erst einmal hineintasten und es als Sprachschule für die seelsorgliche oder diakonische Arbeit mit Menschen im Alter nutzen möchte, kann die Lektüre mit dem leichter zugänglichen dritten Kapitel beginnen.

Sauter folgt durchgängig dem Anliegen, die Bilder vom „alterslosen Altern“ als Ideologie der Leistungsgesellschaft zu entlarven und das Alter stattdessen realistisch – und das heißt für ihn: theologisch – zur Sprache zu bringen. Er beschreibt das Alter als eine Lebenszeit „vor Gott“, um die Wirklichkeit des Alters unverstellt und in ihrer existenziellen Tiefe zur Geltung zu bringen und zu zeigen, was Menschen im Alter bedrängt, aber auch Trost fassen lässt. Daraus ergibt sich ein illusionsloser und zugleich hoffnungsvoller Blick auf das Alter(n), das bei Sauter nicht wie in weiten Teilen der Altersdiskurse als Gegenstand menschlicher Gestaltung, sondern als eine geschöpfliche Lebensform kenntlich wird. In biblisch-theologische Sprache gefasst erscheint das Alter(n) bei Sauter als Lebensvorgang, in dem Menschen in besonderer Weise Gott in seinem Wirken begegnen und darauf antworten können.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Sauter die in der Ratgeberliteratur verbreitete Reduktion des Alterns auf die Verwirklichung letzter Möglichkeiten von Selbstwirksamkeit, der er eine Praxis des „Neuwerdens im Altwerden“ gegenüberstellt – eine Praxis des Alterns, die diesen Lebensvorgang transparent für Gottes schöpferisches und verborgenes Handeln am Menschen werden lässt und die ihren exemplarischen Ausdruck im Gebet findet. Sauter erschließt für seine Leserinnen und Leser das Beten und das Hoffen als Praktiken, durch die Menschen im Alter mit Gott leben. So bestimmt er die Lebenszeit und die Aktivitäten des Alters nicht von der knapper werdenden Zeit her, sondern als Praktiken einer vita passiva, in der sich menschliche Endlichkeit und Gottes Ewigkeit berühren.

Am Ende ist Sauters Buch vielleicht doch eine Art von Ratgeber. Allerdings erteilt es Rat von der Art, wie ihn Walter Benjamin in seinem Essay „Der Erzähler“ beschrieben hat, als „in den Stoff gelebten Lebens eingewebt“, als „Weisheit“. Dem 1935 geborenen Gerhard Sauter ist es, wie Benjamin sagt, „gegeben, auf ein ganzes Leben zurückzugreifen“. Er tut dies, indem er dieses Leben im Alter in den Horizont des Handelns Gottes stellt. Gerhard Sauter erzählt nicht, wie Altern gelingen kann. Er erzählt aber, was Menschen im Altern erwartet, wie sie im Alter auf Gott hin leben können und wie ihnen Gott dabei entgegenkommt. Wer darauf neugierig ist, lese dieses Buch.

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Stefan Heuser

Dr. Stefan Heuser, geb. 1971, ist seit 2019 Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Technischen Universität Braunschweig. Zuvor war er Professor für Ethik in der Pflege an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt, Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.


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Weiterdenken

Weiterdenken

Ethik der Digitalisierung

Dass sich die Theologie auf profunde Weise mit den Dynamiken digitaler Kultur befasst, ist an der Zeit. In den – nicht zuletzt durch die kirchlich-digitale Praxis seit Corona – intensiver werdenden Diskurs fügt sich Wolfgang Hubers Band auf orientierende Weise ein. Seine sorgsam abwägende Selbstpositionierung jenseits von „Euphorie und Apokalypse“ ist angesichts der komplexen Sachlage sowie vor dem Hintergrund einer lange gepflegten protestantisch-kirchlichen Technikskepsis überzeugend.

In acht wohltemperierten Abschnitten wird das weite Feld abgeschritten. In den Blick kommen gesellschaftliche und alltägliche Phänomene des digitalen Zeitalters, damit einhergehende Chancen sowie insbesondere die Risiken eines umfassenden Realitäts-, Wahrheits- und Leiblichkeitsverlusts. Thematisiert werden An- und Zumutungen künstlicher Intelligenz und eines sich überhebenden, unmenschlichen Geltungsanspruchs trans- und posthumanistischer Zukunftsvisionen. Eindrücklich werden dafür die wesentlichen Stimmen zum gegenwärtigen Wohl und Wehe einer Kultur der Digitalität aufgerufen. In der Perspektive eines „kritischen Humanismus“ mit Bezug auf das „Prinzip vorausschauender Vorsicht“ sowie auf den „Vorrang des Nichtschädigens“ benennt Huber wesentliche Kriterien ethischer Urteilsbildung. Indem er die Verantwortungsebenen des Einzelnen, der Plattformanbieter sowie der staatlichen Rechtsordnung unterscheidet, wird die Beweislast für eine menschengemäße Praxis zurecht nicht einseitig einer Instanz allein zugeschoben: „[P]ersönliche Vergebungsbereitschaft reicht nicht aus.“ Und ja, eine Ethik der Digitalisierung hat zuallererst mit dem Bild zu tun, das wir uns vom Menschen machen. Bis hierin entspricht sein Plädoyer dem, was man im aktuellen Diskurs an Problemanzeigen, Warnhinweisen und ethischen Einsichten formuliert findet.

Davon ausgehend bringt Huber aber dann diese verantwortungsethische Perspektive in dezidiert theologischer Weise zum Klingen. Die Betonung der Würde des Menschen und menschlicher Beziehungsfähigkeit wird von der Gott-Mensch-Beziehung her und im Licht der „Ehrfurcht vor dem Heiligen“ durchsichtig gemacht: „Gott steht für eine Beziehung zur Realität“, die eine digital befeuerte instrumentelle Beziehungskultur transzendiert. Dieser Argumentationskern konkretisiert sich besonders deutlich an der Auseinandersetzung mit Yuval Hararis Homo-deus-Verheißung. Dieser stellt Huber die versöhnungs- und barmherzigkeitsorientierte Vorstellung des „deus homo, des Gottes, der Mensch wird“ gegenüber, beziehungsweise entgegen. Die Orientierungsfunktion theologischer Ethik wird so plausibel vor Augen geführt.

Es zeigen sich aber auch Spuren eines etwas überfliegenden Deutungsgestus. Möglicherweise werden der menschlichen Urteilskraft und Mündigkeit der „Prosumenten“ im Blick auf die Gefahren digitaler Selbstüberschätzung allzu wenig zugetraut. Die Unterscheidung von analoger und digitaler Realität dürfte feiner ausfallen: Inwiefern erfahren die für die analogen Lebenswelten in Anschlag gebrachten Begriffe von Leiblichkeit und Bewusstsein bereits hybride Formierungen, die durchaus Freiheitsspielraum eröffnen? Was wird sein, wenn die analoge Wesenhaftigkeit des Menschen in der keineswegs ganz fernen Metaversum-Möglichkeit digitale Wesensbegehrlichkeiten imaginiert – und dies womöglich in bester empathischer und lebensdienlicher Absicht?

Dass Huber – abgesehen von eingestreuten Hinweisen auf die Notwendigkeit religiöser Bildung – kaum auf die gegenwärtig intensiv erprobten digitalen kirchlichen Praktiken eingeht, erstaunt angesichts der von ihm betonten „Stärkung der Urteilskraft“. Konkrete Verantwortungsübernahme angesichts der sich abzeichnenden „Gefahr der Selbstaufgabe des Menschen“ ist für den kirchlichen Kontext viel genauer durchzubuchstabieren. Zudem ist zu bedenken, wie sich der theologische Deutungsanspruch digitaler Dynamiken zur immer begründungsbedürftiger werdenden öffentlichen Bedeutung von Kirche und Theologie überhaupt ins Verhältnis setzt. Die rasanten digitalen Entwicklungen stellen die Theologie – in ihrem gesamten akademischen Fächerkanon – überhaupt vor die Relevanzfrage. Hubers theologische Reflexion der komplexen Digitalisierungsdynamiken und der damit verbundenen Verantwortungsaufgaben regt hier unbedingt zum Weiterdenken an.

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Präzise

Es geschieht nicht häufig, dass man leise „endlich“ sagt, wenn ein neues Buch auf dem Schreibtisch landet. Noch seltener ist es, wenn man sich nach der Lektüre ein dickes Ausrufezeichen hinzudenkt. So aber ergeht es einem mit dem Buch, das Thorsten Dietz jetzt über die evangelikale Bewegung – ihre Geschichte und Gegenwart in den USA, in Deutschland und weltweit – veröffentlicht hat. Es schließt eine lange schon schmerzhaft empfundene Lücke. Denn so viel von Evangelikalen in Medien oder kirchlichen Debatten die Rede sein mag, so wenig wussten die meisten über sie. Grelle Bilder von irren Trump-Anhängern, fanatischen Abtreibungsgegnerinnen oder seltsam-ekstatischen Gottesdiensten überstrahlen mangelnde Kenntnisse über und fehlende Begegnungen mit Menschen, die sich selbst als evangelikal bezeichnen würden.

Wohl kein anderer hätte dieses Buch so schreiben können. Thorsten Dietz ist seit vielen Jahren an den Grenzen zwischen Frei- und Landeskirchen, evangelikaler Frömmigkeit und akademischer Theologie unterwegs. Nicht-religiös aufgewachsen, fand er als Student zum christlichen Glauben und zu freikirchlichen Gemeinschaften, deren intensive Jesus-Frömmigkeit ihn anzog. Heute ist er Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg und Privatdozent an der theologischen Fakultät der dortigen Universität. Zugleich betreibt er den beliebten Podcast „Das Wort und das Fleisch“ für das Portal „Worthaus“. Hier hat Dietz wesentliche Gedanken seines Buches schon vor einem breiten Publikum ausprobiert. Er ist also ein Bewohner verschiedener protestantischer Welten, der weiß, wie man komplizierte theologische Sachverhalte auf gutem Niveau und zugleich verständlich vorstellt. Da er seine biografischen Erfahrungen nicht versteckt, sondern fein dosiert einbringt, ist es auch ein persönliches Buch geworden.

Auf fast 500 sehr gut lesbaren Seiten blättert Dietz die lange und verwickelte Geschichte der evangelikalen Bewegung auf. Auch wer einiges davon zu kennen meinte, erfährt viel Neues. Zu Recht betont Dietz die „progressiven“ Züge der Anfangszeit, zum Beispiel den Kampf gegen die Sklaverei oder die Beteiligung von Frauen an der missionarischen Arbeit. Andererseits erklärt er schlüssig, warum es vor allem in den USA zu „konservativen“ Verhärtungen oder gar „rechten“ Radikalisierungen kommen konnte.

Sehr interessant ist zudem, wie Dietz theologische Debatten und Positionen vorstellt, von denen die kirchlich-theologische Leserschaft hierzulande kaum etwas mitbekommen haben dürfte – obwohl diese Bücher, Erklärungen und Konzepte eine viel größere Verbreitung und Wirksamkeit gefunden haben als das, was die deutsche Universitätstheologie zeitgleich hervorgebracht hat. Das mag ein heilsames Bewusstsein für die eigene Provinzialität fördern.

Mehr noch als all die Sachinformationen beeindruckt die argumentative Haltung von Dietz, die er selbst auf die Formel „fair, aber nicht neutral“ gebracht hat. Präzise, ehrlich und abwägend benennt er die Leistungen und Versuchungen des Evangelikalismus, Erfolge und Schuldgeschichten, Krisen und Baustellen. Dazu braucht es nicht nur Kenntnisse und Erfahrungen, sondern auch Unerschrockenheit und Gottvertrauen. Denn über jeden der von ihm ausgeführten Punkte wird erbittert gekämpft, was oft zu Entzweiungen und Verletzungen führt. Davon lässt Dietz sich nicht irre machen, weil er ein Anliegen hat. Er möchte das, was er als das Wesen des Evangelikalen erkennt, neu zur Geltung bringen – gegen arrogante Verächter ebenso wie gegen radikalisierte Anhänger, nämlich eine positive Jesus-Frömmigkeit, die für etwas Kostbares einsteht und deshalb kulturpolitische Kämpfe meidet.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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Klare Position

Klare Position

Soziotheologische Erkundungen

In den Krisen der christlichen Kirchen unserer Zeit ragt eine als besonders bedrohlich hervor: der Relevanzverlust der Glaubensinhalte. Während mangelnde Finanzen, schlechte Strukturen oder der Missbrauchsskandal mit unterschiedlichen Maßnahmen wirksam bearbeitet werden könn(t)en, ist eine Arbeit an den Inhalten des Glaubens angesichts des Verlustes seiner Relevanz eine besondere Herausforderung.

Seit vielen Jahren greift der evangelische Theologe Gerhard Wegner in die Debatten um diese Krise ein, empirisch informiert und theologisch pointiert. Seine veröffentlichten soziotheologischen Erkundungen sind viel mehr als Erkundungen, sondern eine Elaboration seines Denkansatzes im Wechselschritt von theoretisch-theologischen Analysen und praktisch-empirischen Bezügen. Substanzielles Christentum wird für ihn zur Programmformel eines Denkens, das den Anspruch erhebt, christliche Theologie mit der Soziologie zu einer gemeinsamen Sache zu verbinden und damit – ja, und hier wird es dann ambivalent: die Sache Gottes in der Welt überzeugbar zu machen.

Im viele Jahre dominierenden Streit zwischen funktionalen und substanziellen Religionsdefinitionen verortet sich Wegner bereits mit der Überschrift eindeutig: Auf die Inhalte kommt es an! In Aufnahme der kirchen- und religionssoziologischen Erkenntnisse der vergangenen Jahre und insbesondere noch einmal aufgrund der Erfahrungen von Kirche in der Corona-Zeit stellt er fest: „Die vielen gern gepflegten Funktionalisierungen von Religion und Kirche verblassen in ihrer Nützlichkeit für die Gestaltung einer Zukunft des Christentums.“ Seine Denkbewegung führt ihn auf die Suche nach der Substanz des christlichen Glaubens, die er in der Kooperation von Theologie und Soziologie als „Soziotheologie“ elaboriert. Insbesondere in seinen Begegnungen mit den Ansätzen der 1960er-Jahre tritt Wegner einmal mehr als profunder Kenner dieser Szene hervor. An zwei Aspekten vertieft er seinen Ansatz: In der (aus seiner Sicht bis dato mangelhaften) Auseinandersetzung der deutschsprachigen Theologie mit Armut zum einen und in der Fokussierung auf „Ergriffenheiten“ als Erfassungsterminologie „substanzieller geistlicher Transformationserfahrungen“ zum anderen. Am Ende stehen Überlegungen über „Freilaufende Pfarrerinnen“ im Sozialraum, mit denen sich seine organisatorischen Zukunftsüberlegungen der evangelischen Kirche verbinden. Und ganz am Ende steht ein Plädoyer für eine neue Theologie, die Gott von der Natalität her denkt.

So wie diese Position am Schluss regen viele Gedanken und Schlussfolgerungen des Buches sehr zur Auseinandersetzung an. Und neben vielen Zustimmungen – etwa zum Plädoyer für die Sozialraumorientierung – rufen sie auch zu Widersprüchen auf: Sind etwa soziale Aktivitäten heutigen Gemeindelebens immer so klar von religiösen Erfahrungen zu trennen, wie es Wegner nahelegt? Wie kann denn Sozialraumorientierung gelingen ohne soziale Aktivitäten? Und zeigen Ansätze wie der von Tobias Braune-Krickau über religiöse Erfahrungen in der Diakonie nicht auch etwas Anderes, gerade wenn Gott substanziell als Liebe verstanden wird? Eines verblüfft mich besonders – und ich könnte es als Ausdruck des Defizits dessen lesen, was auch den Problemzusammenhang rund um die Relevanz von Kirche und ihren Verlust skizziert: das stetige Kreisen um sich selbst. Wegner stellt am Ende der soziotheologischen Programmatik fest, dass der Positivismusstreit in der Soziologie gepaart mit den Fragen der Religion in Deutschland zu wenig geführt wurde. Und es lassen sich Anmerkungen dazu finden, dass eine eher im englischen oder auch im niederländischen Raum auffindbare Position auch ihm sympathisch ist, die durchaus versuchen würde, Gott auch mit der empirischen Soziologie zu begründen. Warum werden diese Diskurse hier nicht eingebracht? Vielleicht liegt es daran, dass diese Positionen dort am Ende auch nur begrenzt mit Erfolg verbunden sind …?

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