Kompendium

Kompendium

Krieg in Europa

Dieser Aufsatzband mit Texten zur Friedensethik, Friedenstheologie und Friedenspolitik wurde unmittelbar vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine veröffentlicht. Er wird damit jetzt zu einem willkommenen und klärenden Beitrag zu den kontrovers geführten Diskussionen über die Wahrnehmung friedensethischer Verantwortung in diesem Konflikt.

Der Autor der 28 in diesem Band zusammengestellten Texte, Ulrich Frey, ist weithin bekannt als eine der Schlüsselfiguren in der christlichen Friedensbewegung seit den 1970er-Jahren, vor allem in seiner Rolle als Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (AGDF) von 1972 bis 2000. Seine zumeist für Vorträge ausgearbeiteten und ursprünglich in Zeitschriften veröffentlichten Texte hat der emeritierte Theologieprofessor Gottfried Orth herausgegeben.

Der Band selbst ist gegliedert in zwei gleichgewichtige Hauptteile von jeweils zwölf Texten mit den Schwerpunkten Friedensethik und Friedenspolitik, zwischen denen ein kürzerer Mittelteil von vier Texten steht, die sich mit freiwilligen Friedensdiensten befassen.

Im Zentrum der Texte im ersten Teil zur Friedenstheologie und Friedensethik steht die Diskussion über das Leitbild des „gerechten Friedens“, das zurückgeht auf Impulse des ökumenischen konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung in den 1980er-Jahren und sich konkretisiert in der vorrangigen Option für die Gewaltfreiheit. Behandelt werden insbesondere die Dekade zur Überwindung von Gewalt; die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation 2011 und die Friedensdenkschrift der EKD von 2007; sowie das ethische Problem der Kriterien zur Legitimation des Einsatzes militärischer Gewalt im Rahmen von Auslands-einsätzen der Bundeswehr.

Schon 2005 hatte Ulrich Frey im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammen mit einer Arbeitsgruppe eine sorgfältige Argumentationshilfe zur Friedensarbeit unter dem Titel „Ein gerechter Friede ist möglich“ vorgelegt. Die zusammenfassenden Thesen dieser Publikation sind am Ende dieses ersten Teils noch einmal abgedruckt. Die dort vorgelegte Interpretation des Leitbildes vom gerechten Frieden als ein „offener, geschichtlich-dynamischer Veränderungsprozess mit immer neuen Anstrengungen zur Verminderung oder gar Überwindung der sich wandelnden Ursachen von Unfrieden …“ gilt für den ganzen ersten Teil.

Unter den Beiträgen im kürzeren Mittelteil zu Friedens- und Freiwilligendienst verdient vor allem der Vortrag aus dem Jahr 2005 über „Ziviler Friedensdienst – der Intelligenz der Herzen vertrauen“ Beachtung. Im zweiten Hauptteil über Friedensbewegung und Friedenspolitik finden sich einerseits drei sehr umfassende und informative Texte zur Geschichte der Friedensbewegung seit den Auseinandersetzungen über die Atombewaffnung in den späten 1950er-Jahren über die großen Friedensdemonstrationen 1981–83 im Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss bis zur Kooperation zwischen den Initiativen in Ost und West für eine neue Entspannungspolitik. Andererseits enthält dieser Teil sehr sachkundige, kritische Beiträge zum Thema der zivil-militärischen Zusammenarbeit in Konfliktgebieten, wie zum Beispiel Afghanistan; zur Problematik des erweiterten Sicherheitsbegriffs in der Politik der EU und der NATO und der Folgen für die zivile Krisenprävention; sowie einen Text aus dem Jahr 2016, der an die mittlerweile endgültig verpassten Chancen für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts erinnert.

Der Band wird abgeschlossen durch eine historische Übersicht. Sie ordnet das hier reflektierte Friedensengagement des Autors ein in die sich wandelnden politischen Bedingungszusammenhänge. Insgesamt zeichnen sich die Texte durch die klare Sprache des geschulten Juristen aus. Das Plädoyer für die Gewaltfreiheit prägt auch die Argumentationsweise, die sich wohltuend abhebt von der gegenwärtig zunehmend polemischen Diskussion zur christlichen Friedensethik.

Die Ankündigung des Bandes spricht von „Texten aus drei Jahrzehnten“. Hinter den hier vorgelegten Beiträgen stehen jedoch die reiche Erfahrung und differenzierte Sachkunde des Autors aus mehr als fünfzig Jahren engagierter christlicher Friedensarbeit. Der Band kann daher helfen, die oft kurzatmige und geschichtsvergessene öffentliche Diskussion über Krieg und Frieden, über Abschreckung oder Entspannung als sicherheitspolitische Optionen kritisch zu überprüfen anhand der hier in Erinnerung gerufenen Einsichten und Erfahrungen der vorangegangenen friedensethischen und -politischen Debatten. Das gilt auch und vor allem für die jüngere Generation, die unvermittelt und unvorbereitet mit der Herausforderung von Krieg und Frieden in Europa konfrontiert ist. Deshalb eignet sich der Band hervorragend als Kompendium oder Lehrmaterial für Seminare oder Bildungsveranstaltungen.

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Frage nach Freiheit

Frage nach Freiheit

Huber im Gespräch

Ob die Landschaft deutschsprachiger Systematischer Theologie noch von Grenzen zwischen theologischen Schulen durchfurcht ist – zwischen Bultmann-Anhängern, Barthianern, Liberalen Theologen und Politischen Theologinnen und Theologen, zwischen Heidelberger Verantwortungsethik und Münchner Ethischer Theologie – darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall sind Gespräche spannend, in denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der theologischen Positionen deutlich werden. Ein solches Gespräch ist den Autoren des Bandes Es geht vielmehr um eine Lebenshaltung, anlässlich des anstehenden 80. Geburtstages von Wolfgang Huber gelungen. Mit Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzender der EKD (2003–2009), Berlin-Brandenburgischen Bischof (1993–2009), Heidelberger und Marburger Professor (1980–1994) und Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1983–85), führten der Münchner Ethiker Reiner Anselm, der ebenfalls Münchner Praktische Theologe Christian Albrecht und der Göttinger Jurist und Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans Michael Heinig, ein „wissenschaftsbiographische[s] Gespräch“. Der entstandene Text gibt auf kurzweilig zu lesende Weise Auskunft über Hubers kirchenpolitische und theologische Positionen sowie Einblicke in biographische Stationen.

Die Anlage von Gespräch und Buch verortet Wolfgang Huber in der Tradition zu Dietrich Bonhoeffer, dem ein erstes Kapitel gewidmet ist. Die folgenden Kapitel behandeln theologisch-ethische Themen jeweils an der Schnittstelle von Hubers Wirkungsfeldern; es geht um den Freiheitsbegriff, Menschenrechte, Ethik, Staat, Kirche, Islam, Kirche und Demokratie, sowie (Öffentliche) Theologie.

Spannend sind dabei zunächst die anekdotischen Einblicke in Hubers Biographie: So erzählt er, wie er als promovierter Kirchenhistoriker zur Systematischen Theologie kam und wie Anfang der 1990er-Jahre die Entscheidung zwischen Kandidatur für ein Bundestagsmandat und dem Bischofsamt in Berlin-Brandenburg fiel. Das Kapitel zu „Staat, Kirche, Islam“ gibt Einblick in die Zusammenarbeit Wolfgang Hubers mit seinem Vater bei der Edition der Quellen zur Verfassungsgeschichte und zeigt so auch, wie Huber in seiner Habilitation zum Thema „Kirche und Öffentlichkeit“ eine eigene Position bezog. Die folgenden Gesprächsgänge machen anschaulich, wie sehr Huber als Bischof von dieser theologischen Arbeit profitierte, wie sehr hier also akademische und kirchliche Praxis zusammenhängen.

Lesenswert ist das Buch auch, weil es Hubers Position profiliert und Missverständnisse dieser Position thematisiert, gerade wenn es ums Thema Freiheit geht. So wird sehr deutlich, dass der deutschsprachige Protestantismus keineswegs erst mit der Demokratiedenkschrift zu einer Bejahung der Demokratie gefunden hat. Und Huber betont, dass es einer wohlverstandenen Öffentlichen Theologie keineswegs nur um Ethik, sondern grundlegend um theologische „Sprachfähigkeit“ geht.

Immer wieder werden in dem Gespräch die Unterschiede und Berührungspunkte von Hubers Verantwortungsethik und der Ethischen Theologie Münchner Tradition deutlich – diese konstruktive Auseinandersetzung macht einen besonderen Reiz des Buches aus. Die Frage nach der Freiheit – genauer: nach dem Verhältnis von Verortung der Freiheit im Individuum einerseits und sozialer Ermöglichung und Verwirklichung der Freiheit andererseits – zieht sich dabei durch die Kapitel. Dabei räumt Huber das Missverständnis aus, ihm sei Sozialität der Freiheit wichtiger als deren Individualität, indem er den Gegensatz beider im „Beziehungscharakter menschlicher Existenz“ aufgelöst sieht. Spannend ist hier auch der von Christian Albrecht angesprochene Zusammenhang zwischen dem „liberale[n] Prae für das Individuum“ und der „Option für den Schwachen“. Eine ausführlichere Thematisierung dessen kann man etwa vermissen, wo es im Kapitel „Kirche und Demokratie“ um den Umgang mit den (potentiellen) Wählerinnen und Wählern rechter Parteien, die digitale Präsenz der evangelischen Kirche und die Spannung von „Integrationspotential“ und „Fragmentierungspotential“ geht. Hier hätte das Prae für das Individuum ja gerade als liberales Plädoyer für die Ausdrucksfreiheit etwa lesbischer Frauen konkret und so die freiheitsgefährdende Dimension aller Integrationshoffnungen noch deutlicher werden können.

Insgesamt ist das Buch ein lesenswertes, weil spannendes und aufschlussreiches – und das sowohl bezogen auf Wolfgangs Hubers Theologie und Biographie, als auch bezogen auf die Traditionen Ethischer und Liberaler Theologie.

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Foto: privat

Florian Höhne

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik und Hermeneutik) an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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Lesenswert

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Von Gott reden – mit Gott reden

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Frage nach der Rolle der Kirchen, ihrer Präsenz und ihrer Systemrelevanz im Pandemiegeschehen aufbrechen lassen. Es sind auch bohrende Fragen nach Inhalt und Substanz ihrer Botschaft laut geworden. Kirchliche Repräsentanten beeilten sich zu versichern, dass Gott mit dem Covid-Virus nichts zu tun habe, dass man die Pandemie schon gar nicht als Strafe Gottes verstehen dürfe, dass Gott vielmehr immer auf der Seite der Leidenden, der Schwachen und Bedrängten zu finden sei.

Abgesehen davon, dass man gern erführe, woher die kirchenleitenden Religionsexperten das alles so genau wissen, mutet in der Folge jede religiöse Deutung des Geschehens als überflüssig und entbehrlich an. Zu Recht wirft Annette Kurschus, EKD-Ratsvorsitzende und Präses der westfälischen Landeskirche, im vorliegenden Buch die Frage auf, wer hier eigentlich wen retten soll: Gott die Menschen – oder diese Gott? Dass man in der Pandemie „der Wissenschaft“ folgen und vertrauen solle, konnte man auch ohne Gott und Kirche für vernünftig halten. Warum also weiter von Gott reden? Wie von Gott und wie zu ihm reden?

Mit diesen Fragen setzen sich die Beiträge des vorliegenden Bandes redlich auseinander, bei dem es sich gewissermaßen um einen Werkstattbericht aus der Evangelischen Kirche von Westfalen handelt. Sein Ziel ist es, das Gespräch in den Gemeinden und Kirchenkreisen anzustoßen, was auch das dokumentierte Votum des Theologischen Ausschuss der Landeskirche beabsichtigt. Allerdings kann man längst nicht mehr fraglos voraussetzen, dass angesichts der Pandemie überhaupt noch nach Gott gefragt wird, wie der Haupttitel suggeriert. Vielen Menschen sind nicht nur die Antworten auf die sogenannte Gottesfrage, sondern auch diese selbst abhandengekommen. „Die Frage nach Gott wachhalten: Das ist es“, so Kurschus, „was unsere Gesellschaft von der Kirche verlangen kann.“

Einleitend benennen der Bochumer Theologieprofessor Traugott Jähnichen und Vicco von Bülow, westfälischer Landeskirchenrat, die theologischen Fragen und Herausforderungen. Selbstkritisch notieren sie, dass es Kirche und Theologie „nur bedingt gelungen“ sei, „öffentlich wahrnehmbar ‚Beistand, Trost und Hoffnung’ zu vermitteln“. Tatsächlich muss man wohl, wie der Heidelberger Theologieprofessor Thorsten Moos in seinem brillanten Beitrag tut, von einer Fatigue sprechen, die Theologie und Kirche in der Pandemie erfasst hat. Seine „kleine Dogmatik Theologischer Fatigue“ ist ein wahres Kabinettstück.

Eine Besonderheit des Buches besteht darin, die Bedeutung des Gebets in der Pandemie neu bewusst zu machen, als Lob und Dank, aber auch als Klage und (Für)bitte. Gerade so gelte es, „Gott als Gegenüber neu zu entdecken und in die Pflicht zu nehmen“. Über die schöpferische Kraft des Gebets schreibt Kurschus in einem separaten Beitrag, der auf originelle Weise das Märchen von Dornröschen auf die Frage münzt, ob es nach dem Ende der Pandemie ein Zurück zur alten Normalität geben könne oder gar dürfe.

Weitere Beiträge zum Gebetsthema steuern Ralf Stolina und Carsten Haeske bei. Ersterer untersucht das persönliche Gebet, letzterer die Veränderungen des gottesdienstlichen Gebets in der Corona-Pandemie und somit eine öffentlich sichtbare Form religiöser Praxis.

Eine pandemische Weihnachtspredigt von Martin Treichel schließt den vorliegenden Band ab. Ihr Thema: „Ein Gott, der Hilfe braucht.“ Da ist er wieder, der Gott, der in uns und durch uns zur Welt kommen und durch uns das Gute in die Welt bringen wird, von dem man heute oft in der Kirche hört. So liefert der lesenswerte Band am Ende ein schönes Beispiel, an dem sich die von Kurschus aufgeworfene Frage durchspielen lässt: Wer rettet hier eigentlich wen?

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Souverän

Souverän

Geschichte christlicher Mission

Jede Gesellschaft handelt aus, woran sie sich erinnert und welche Geschichte ihre Identität bestimmt. Gegenwärtig wird intensiv um eine neue Deutung des Kolonialismus gerungen. Es geht weniger um den Kampf für Gerechtigkeit für die „Dritte Welt“ wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, sondern um die Dekonstruktion weithin fortwirkender Rassismen in der westlichen Gesellschaft.

Jede engagierte Geschichtsbetrachtung, so berechtigt ihr Anliegen auch ist, riskiert, wesentliche Entwicklungen auszublenden und der vielschichtigen Interaktion der Akteure nicht gerecht zu werden. Wer etwa die neuzeitliche Missionsbewegung ausschließlich als Variante des Kolonialismus begreift, blendet die Menschen als eigenständig Handelnde aus. Man wird den Christen auf den südlichen Kontinenten kaum gerecht, wenn man sie lediglich als Opfer eines großen Verblendungszusammenhangs begreifen würde. Vielmehr haben ethnologische und historische Studien nachgezeichnet, wie Austausch- und Wandlungsprozesse den Prozess der Christianisierung prägen.

Das Buch von Bernhard Meier Die Bekehrung der Welt greift auf diesen neueren Forschungsstand zurück, ohne den Lesefluss mit theoretischen Diskussionen zu belasten. Das Buch ist ein Glücksfall. Souverän beherrscht es die Fülle des Stoffes, wobei die vorneuzeitliche Missionierung Europas, nicht aber Äthiopiens, Indiens oder Chinas einleitend skizziert wird. Der Professor für Europäische Religionsgeschichte schildert anschaulich, wie die christliche Mission einen kulturellen Transformationsprozess ausgelöst und dieser wiederum auf Europa zurückgewirkt hat. Erfrischender Weise beschränkt sich der in Tübingen lehrende Autor weder auf bestimmte Regionen noch Konfessionen, was zu interessanten Vergleichsmöglichkeiten zwischen katholischen Orden und evangelischen Missionsgesellschaften einlädt. Sein Interesse gilt weniger dogmatischen oder konfessionsspezifischen Gesichtspunkten, sondern den vielschichtigen Verflechtungen zwischen den Akteuren und unterschiedlichen Kontexten. Die Darstellung verschränkt dabei eine geographische Gliederung des Stoffes mit inhaltlichen Gesichtspunkten, was durch eine Aufteilung einiger Regionen auf unterschiedliche Kapitel gelingt. So wird der indische Kontext sowohl in Kapitel drei unter der Überschrift „Missionare, Händler und Gelehrte“, also auch in Kapitel zehn unter dem Thema „Mission als Motor religiösen Wandels“ behandelt.

Besonders erfreulich ist, dass die Darstellung die oft vernachlässigten arktischen Kontexte oder auch Russland miteinschließt. Dies ist nur möglich, weil große Zusammenhänge bündig dargestellt werden und es dem Autor gelingt, seinen ungeheuer komplexen Stoff elegant zu straffen. Er verzeichnet dabei jeweils treu die Aktivitäten der Missionare, was mit der Zeit etwas ermüdend wirken kann. So wird aber deutlich, dass diese anders als etwa Siedler oder Kolonialbeamten ihre ganze Arbeitskraft in das Erlernung der Sprache vor Ort und dem Verfassen von Grammatiken zur Übersetzung der Bibel investiert haben. Die neuzeitliche Missionsbewegung ist im Kern eine Übersetzungsbewegung, die Widerhall in unzähligen Sprachen und religiösen Kulturen gefunden hat.

Am Ende der Lektüre bleibt die Frage offen, wie die Menschen diese biblische Botschaft jeweils im Kontext ihrer eigenen Spiritualität interpretiert haben und wie es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitergegangen ist. Die Darstellung dieser Missionsgeschichte, die nicht mehr von Europa ausgeht, verlangt einen Fortsetzungsband. Gleichwohl dürfte im Kontext der gegenwärtigen Debatten um das koloniale Erbe und der Bedeutung der Missionen darin, dieses Buch schon jetzt zu einem unverzichtbaren Standardwerk gehören.

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Hoffnung

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Heym: Vertonte Gedichte

"Ich aber ging über die Grenze“, schrieb Stefan Heym, nachdem er zu Beginn des Nationalsozialismus nach Prag emigriert war. Der als Helmut Flieg in Chemnitz geborene jüdische Schriftsteller und Journalist mit der abenteuerlichen Biografie, die ihn über Berlin, Prag, die USA, zurück in die DDR und schließlich nach Israel führt, berichtet in seinen frühen poetischen Texten vom Ersten Weltkrieg „Als mein Bruder ins Feld zog“, so beginnt das Gedicht „Schmerzliche Erzählung“. Heym erzählt von Duckmäusertum und Flucht, von politischem Frust und Weltschmerz. Zwischen 1931 bis 1935 entstanden diese Gedichte, von denen der Schauspieler Robert Stadlober anlässlich Heyms 20.Todestages einige ausgewählt und gemeinsam mit den Musikern Klara Deutschmann und Daniel Moheit vertont hat.

Kann man solche schwermütigen Gedichte überhaupt singen? Nun, indem das Trio der Tradition der Folk- oder Protestsongs folgt, klingt die CD „Vom Aufstoßen der Fenster“ seltsam vertraut. Harmonie und kein überflüssiges Pathos lassen Heyms Worte stets im Vordergrund stehen, der Gesang wird begleitet von Gitarre, Akkordeon, Blockflöte und Oboe. Es ist ein Hörbuch, das wirkt wie ein Musikalbum, dominiert von Heyms Lyrik, die nicht nur anklagend, anrührend, sondern auch romantisch daherkommt.

Der recht umstrittene Mann erfährt früh von Leben und Tod, von Hass, aber auch von der Liebe. „Du darfst nicht denken, dass ich schüchtern bin, ich kann nur manchmal nicht so, wie ich will“, schreibt der junge, verliebte Heym. Und so geben die Lieder auch den einzig guten Wunsch, der der Büchse der Pandora entflog, weiter, nämlich die Hoffnung.  

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Vollendete Magie

Vollendete Magie

José Afonso: Cantigas do Maio

Die eigenen Bildungslücken sind immer noch die schmerzhaftesten. Ich kannte José Afonso (1929–1987) bis vor kurzem nicht mal dem Namen nach und erfahre jetzt, dass er als der größte Musiker Portugals gilt, vielen jedenfalls, auch dem Musikmanager Nuno Saraiva. Der gründete das Label Mais 5 eigens, um seine Alben wieder erhältlich zu machen. Früher hätten wir ihn Liedermacher genannt. Gitarre und Gesang, mehr erst mal nicht. Afonso hat einen warmen, leicht kratzigen Tenor. Die Magie vollendet der Klang des Portugiesischen. Die Songs stehen in der Tradition von Volksliedern, Erntegesängen und Tänzen. Musikalisch geprägt haben ihn die Jahre in der alten Universitätsstadt Coimbra. Der Fado dort ist anders als jener in Lissabon, nicht knüppelhart fatalistisch. Er hält mehr an der Sehnsucht als am Wissen um deren Zerbrechen fest, in der Anmutung ein Amalgam aus Blues und Oper: „Das Lied derer, die ihre Illusionen bewahren und pflegen, nicht derer, die sie für immer verloren haben“, schrieb der Musikwissenschaftler Rodney Gallop 1936.

Musik, die offenbar Haltung befördern kann: Afonso gehörte zur linken studentischen Opposition gegen das faschistische Regime und blieb ihren Zielen treu. Liebe ist denn auch ebenso sein Thema wie Solidarität und Kampf für das Volk, das man mit nur vier Jahren Schulunterricht gezielt ungebildet hielt (was das Smartphone nun ungleich eleganter erledigt). Zum großen, auch für die Texte gerühmten Singer-/Songwriter wurde er, als 1968 Cantares do Andarilho erschien, nun Auftakt der ReRelease-Serie mit bislang vier Alben. Meisterwerk und legendär ist das vierte, die 1971 veröffentlichten Cantigas do Maio – Mai-Gesänge oder besser: Frühlings-, nein, Aufbruchsgesänge! An Instrumenten kommen Akkordeon, E-Gitarre, Orgel, Flöte und Trompete hinzu, nicht opulent, sondern organisch wohldosiert wie die umwerfende Percussion. Sie integriert feinsinnig Ethno-Elemente, die Afonso aus der Zeit in Angola und Mosambik kannte.

Wunderbare Chorgesänge gibt es ohnehin zuhauf, besonders ergreifend im von Marschschritten eröffneten Grândola, Vila Morena – du braungebrannte Stadt, Afonsos bekanntestem Lied („In dir ist’s das Volk, das die größte Macht besitzt,/Land der Brüderlichkeit:/Grândola!“). Ein Radiosender spielte es in der Nacht zum 25. April 1974 als verabredetes Signal für die Putschoffiziere zum Start der Nelkenrevolution. Ein Gänsehaut-Garant wie alle Songs der Platte, die einen perfekten Afonso-Einstieg bieten. Hürde ist die Sprache, doch im Netz gibt es Übersetzungen. Und wie sonst auch hilft das online-Wörterbuch der TU München (dict.leo.org). Den Rest verrät der Klang. Eintauchen!

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Für die Jugend

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Chick Corea nach Noten

Bei Chick Corea drängen sich schnell große Aufnahmen als Sideman von Miles Davis in den Sinn, allen voran das legendäre Album „In a Silent Way“ – oder im Trio mit dem begnadeten tschechischen Bassisten Miroslav Vitouš und Schlagzeuger Roy Haynes im Album „Now He Sings, Now He Sobs“. In diesem Jahrtausend hat der 1941 in Chelsea, Massachusetts, geborene und 2021 gestorbene Gründungsvater des Jazzrock mit dem genialen Gitarristen John McLaughlin und der gemeinsamen Five Peace Band auch als beinahe 70-Jähriger noch einmal groß aufgetrumpft. Dass man Solowerke für Klavier aus seiner Feder hört, ist eher eine Randerscheinung – aber eine, die beglückt, weil sie den Großmeister der Improvisation auch als konzentrierten Komponisten klassischer Couleur hörbar macht.

Chick Corea saß als Sohn eines Bandleaders frühzeitig am Klavier und genoss hier eine klassische Ausbildung, die ihn mit dem Repertoire der großen Meister vertraut werden und Vorlieben finden ließ: Mozart und Beethoven. Seine Mozart-Interpretationen führten ihn auch in klassische Konzerthäuser – unter anderem zum Münchner Klaviersommer, wo er mit dem legendären Friedrich Gulda gemeinsam spielte und mit ihm das Es-Dur-Doppelkonzert KV 365 aufnahm. Berührungspunkte gibt es also nicht nur in der Kindheit, sondern haben Chick Corea offensichtlich immer wieder zu den klassischen Meistern geführt.

Die auf diesem Album versammelten Werke, insbesondere die „20 Children’s Songs“, die Corea 1984 veröffentlichte, lassen diese klassische Bildung durchschimmern, aber sind frei von dogmatischer Zuschreibung wie alle Musik und alles Musizieren Chick Coreas, das ihn am ehesten mit Keith Jarrett verbindet und Komponieren und Improvisieren selbstverständlich miteinander verwebt. Was da zu hören ist – meisterhaft und mit feinfühligem Sinn für jedwede Nuance von dem im Erscheinungsjahr 1984 in Italien geborenen Roberto Franca eingespielt – ist ein wunderbar lebendiges, einfühlsam expressives „Album für die Jugend“ in schönster Verbindung aller Genres und Stimmungen, wütender und verliebter Melodien – vom Lernen und Wachsen, Stolpern und Tanzen, von Träumen und Tragödien in Fortschreibung künstlerisch ausgefeilter, gleichermaßen pädagogisch sinnstiftender Zyklen à la Robert Schumann und Béla Bartók. Dabei lässt Chick Corea durchaus den kongenialen Virtuosen, eigenwilligen Akkordzauberer und verwegenen Taktspringer durchscheinen, aber wahrt doch in aller schönen und wilden, dramatischen und drolligen Einzelheit zwischen Walzer, Weihnachtslied und Weltmusik die Schwelle distanzierender Komplexität, um der spielerischen Unschuld und dem Kind im Erwachsenen den Raum zu geben, der ihm alle Möglichkeiten schenkt. Es ist ein ganzer Chick Corea, der seine Wurzeln und Flügel hörbar und zugänglich macht als eine Schule der Musik schlechthin, die aus den Schubladen der Genres ein Meer der Möglichkeiten macht.

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Essen für jeden Tag

Fest umklammern seine Finger den Griff, die Hacke saust hinab. Rötlich-braune Erde bricht, Staub steigt auf, Chimwemwe holt aus zum nächsten Hieb. 

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Der wahre Schatz der Kirche

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Klartext

Große Familie

5. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli

Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. (1. Mose 12, 1)

Abram verlässt seine Heimat wegen der Verheißung eines Gottes, den er vorher nicht kannte. Und so wird ein Migrant zum Stammvater aller Menschen, die ihren Lebensweg Gott anvertrauen und seinem Ruf folgen. Damit sind nicht alle Fragen beantwortet, aber wir erfahren, dass in seinem Aufbruch ein besonderer Segen liegt. „Abraham“ heißt übersetzt „Vater vieler Völker“. Sein Segen reicht also über ihn und seine Sippe weit hinaus. So sind die drei monotheistischen Religionen durch Abraham trotz aller Konflikte eine Familie und gehören zusammen.

Der Ruf Gottes bedeutet für Abram Zumutung und Verlockung zugleich. Er soll sich trennen von Vaterland, Vaterhaus und Verwandtschaft. Doch Abram wird ein neues Land versprochen, von Gott ausgesucht, und ein großes Volk. Dabei sind er und Sarai kinderlos. Aber ihm gilt ein besonderer Segen, Glück über seine eigene Lebenszeit hinaus. Er soll auch für andere Menschen und Völker ein Segen sein. Und dieser Segensüberfluss ist von Gott an den Auszug aus der Heimat gebunden.

Als Abram das Wort Gottes hört, sieht er nichts. „Er wusste nicht, wohin er käme“, kommentiert der neutestamentliche Hebräerbrief. Abram wusste nur, dass im gelobten Land schon andere wohnten, mit denen er sich friedlich einigen musste. Die einzige Form der „Landnahme“ sind Altäre, die er an besonderen Stationen errichtet. Er ruft dort den einen Gott an, der zu ihm gesprochen hat und mit ihm gezogen ist, und vertraut Gott vollkommen, über seine Lebenszeit hinaus.

Mit Abraham hat alles begonnen: die Erwählung durch den einen Gott, aber auch die Versuchung durch ihn. Ein Kind hergeben zu müssen, ist eine Prüfung, die nicht jeder Glaube besteht. Mit Abraham hat begonnen der Glaube an Gott und – der Ungehorsam gegen ihn. So scheint es, ob Abraham alle Höhen und Tiefen der Geschichte des Gottessvolkes vorweggenommen hat.

Auch im Koran ist Abraham eine prominente Gestalt. Nach muslimischem Verständnis ist Ibrahim durch seinen Gehorsam der erste Muslim. Mit seinem Sohn Ismael habe er die Kaaba in Mekka eingerichtet, und auch die Wallfahrt nach Mekka gehe auf ihn zurück.

Und im Neuen Testament gehört Abraham zum Stammbaum Jesu. Und die leibliche Vaterschaft wird durch eine geistliche abgelöst: „Abraham vertraute Gott und glaubte seiner Zusage, dies und nichts anderes rechnete Gott ihm als Gerechtigkeit an“ (Römer 4, 3). Für Christen ist er „Vater des Glaubens“.

Mit der Entscheidung, nur an einen einzigen Gott zu glauben, hat Abraham den Glaubensweg für Juden, Christen und Muslime bereitet. So ist Abraham wie kein anderer die Symbolfigur für ein friedliches interreligiöses Gespräch von Juden, Christen und Muslimen.

Abrahamsglaube bedeutet, von Gott einen großen Namen zu bekommen und eine geistliche Familie zu sein an seinem Tisch. Glaube ist ein Segen ohne eigene Leistungsnachweise – siehe Taufe. Glauben ist nicht nur etwas für jüngere Leute, sondern ist auch leben gegen die Sorge, die Zukunft schon hinter sich zu haben. Glaube ist, das Zeitliche segnen, das Leben gutheißen, loslassen und weitergeben. Und so ist Abraham als Vater dieses Glaubens ein Segen für alle Völker – auch für uns.

 

Fest des Lebens

6. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juli

Haltet euch für Menschen, die der Sünde gestorben sind und für Gott leben in Christus Jesus. (Römer 6,11)

In unserem Kirchenfenster prangt ein blaues Wasserkreuz. Das ruft in Erinnerung, dass Jesus unsere Sünde in seinen Tod versenkt hat. Und sie muss nicht wieder auftauchen. Denn in der Taufe sind wir mit Jesus durch seinen und durch unseren Tod hindurch verbunden.

Dazu eine kleine chinesische Geschichte: Ein Mandarin hat zum Fest eingeladen. Als es beginnt, fängt es an, in Strömen zu regnen. Ausgerechnet vor dem Palast des Mandarins hat sich eine riesige Pfütze gebildet, und die Gäste wissen nicht, wie sie trockenen Fußes in den Festsaal gelangen. Der erste Gast fährt mit seiner Kutsche so nahe wie möglich an den Eingang des Palastes. Aber als er aus der Kutsche auf die Treppe springt, die zur Tür führt, bleibt er mit dem Mantel an der Kutsche hängen und fällt der Länge nach in die Pfütze. Der Mandarin kommt ihm entgegen, heißt ihn willkommen und bietet ein trockenes und sauberes Gewand an. Aber der Gast geniert sich und meint, mit der nassen und schmutzigen Kleidung wolle er den anderen Gästen nicht unter die Augen treten. Daraufhin wirft sich der Gastgeber in die Pfütze, wird nass und dreckig wie sein Gast. Den nimmt er an der Hand, führt ihn in den Palast und versichert ihm, dass alles bereit sei für das Fest des Lebens.

Jesus gleicht diesem Mandarin. Er ist ein sterblicher Mensch wie wir, ist uns gleich geworden und gestorben. Aber er zieht uns durch jedes Wasser und sogar durch den Dreck und macht uns neu. Er lebt. Und wir sollen auch leben.

 

Voller Sehnsucht

7. Sonntag nach Trinitatis, 31. Juli

Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten. (Johannes 6,11)

Bethlehem heißt „Haus des Brotes“. Man könnte den Ort also auch Brothausen nennen. Und das passt zu Jesus, ist er doch Brot vom Himmel, erfahrbar im Abendmahl.

Johannes beginnt sein Evangelium allerdings nicht in Brothausen. Er erzählt weder von Weihnachten, noch vom Brotbrechen beim Abendmahl. Und auch das Vaterunser taucht bei Johannes nicht auf.

Ein Christsein ohne Weihnachten, Abendmahl und Vater unser? Seltsam. Dafür gibt uns Johannes das Wort Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6, 35). Jesu Abendmahlsrede steht etwas verfrüht im Anschluss an die „Speisung der Fünftausend“ (Johannes 6, 1–15). Diese wird von anderen mit der Speisung durch das Manna verglichen, das Gott dem Volk Israel in der Wüste schickte, als es vor lauter Hunger gegen Mose murrte und nach Ägypten in die Gefangenschaft zurückkehren wollte.

Aber Jesus lehnt den Vergleich mit Mose ab. Denn die Leute seien trotz des Genusses des Manna gestorben, sagt er provozierend zu den Gesprächspartnern, die ihm eine Verständigungsbrücke bauen wollen. Aber das Manna habe die Menschen gelehrt, dass Himmelsbrot nicht auf Kosten der anderen gesammelt und gehortet werden kann. Denn es ist vergänglich, nicht haltbar, wie das Volk in der Wüste schnell feststellen muss. Und es gibt noch einen anderen Vergleichspunkt zwischen dem Manna in der Wüste und dem Brot des Lebens: Die Speisung Jesu und das Wort vom Fleisch, erzeugt Murren und Unverständnis, so dass sich viele abwenden. Aber schließlich bekennt Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Johannes 6, 68). In der Zusammenfassung ist die Brotrede umstritten, aber kurz: Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit. Denn das Brot, das Jesus gibt, ist er selbst.

Jesus muss sterben, um von seinem irdischen Leib befreit zu werden. In der Auferstehung hinterlässt er uns seinen Geist, seinen Helfer, seinen Tröster, seine Lebenskraft. Von Anfang an gibt er sich uns. Er wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, sterblich und zugleich Weg und Brücke für uns in die Ewigkeit.

Fleisch und Blut können das nicht verstehen. Daher muss Gott selbst in uns diese Erkenntnis erwecken. Sein Geist muss uns lebendig machen.

Jesus, das Brot des wahren Lebens, hält in uns die Hoffnung wach, dass wir durstig und hungrig, voller Sehnsucht bleiben, aber uns nicht auf Kosten anderer totfressen, sondern uns gemeinsam auf den Weg machen, gestärkt in seiner Gegenwart, genährt für die Ewigkeit, schon jetzt aufstehen.

 

Wichtige Aufgaben

8. Sonntag nach Trinitatis, 7. August

Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten eingelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn diese haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles was sie zum Leben hatte. (Markus 12,44)

Jesus sieht die Witwe, die sonst unsichtbar bleibt und stellt sie in die Mitte seiner Lehre von der Tempelkollekte. Er sagt uns, dass die Gesinnung wichtiger ist als die Höhe der Spende.

Und die Witwe macht es vor. Sie gibt alles und hofft auf Gottes Hilfe.

Ich persönlich hätte ihr wahrscheinlich geraten, die Hälfte fürs tägliche Brot zurückzulegen oder hätte ihr erklärt, dass die Tempelsteuer an der Einkommenssteuer hängt, sie also gar nichts zahlen muss. Dann hätte sie wenigstens noch etwas für den nächsten Tag gehabt. Aber vielleicht hätte sie mir geantwortet: „Du hast keine Ahnung. Was heute ein Brot kostet, dafür kann ich auch gleich beide Schärflein geben und auf Gott hoffen. Aber vielleicht hast du ja eine Aufgabe für mich?“

Tatsächlich hat die christliche Gemeinde in Jerusalem ihren Witwen nicht nur Brot gegeben, sondern auch Aufgaben übertragen. Denn der wahre Schatz der Kirche ist nicht ihr Reichtum, sondern sind Menschen, die Gott dienen mit allem, was sie sind und haben.

In 1.Timotheus 5 wird die besonderen Möglichkeiten des Alters erkannt: Der richtige Zeitpunkt für das neue Ehrenamt der Witwe kommt, wenn die eigene Familienphase – und heute auch die Erwerbsphase – überstanden ist.

Im ordo viduarum, einer Regel für Witwen um das Jahr 200 in Karthago, erfahren wir, dass die Witwen während des Gottesdienstes Ehrenplätze einnahmen. Und welche ehrenamtlichen Aufgaben fanden sie? Gebet und Fürbitte, Taufunterricht und Assistenz bei erwachsenen Taufbewerberinnen, Besuchsdienst im Gefängnis, Krankenpflege, Organisation von Begräbnissen und praktische Hilfe bei der Bewirtung von Wanderpredigern.

Das Amt der Witwen hat sich zu einer sichtbaren Einrichtung der Gemeinde entwickelt. Die moderne Alternative von Geber und Empfänger greift dabei zu kurz. Die altkirchliche Sozialfürsorge funktionierte als Dienst von Armen für Arme, als Hilfe zur Selbsthilfe. Staatliche Unterstützung für Witwen gab es noch nicht. Heidnische Wohltäter stifteten zwar Bäder, Bibliotheken, Tempel und Volksfeste, aber das soziale Gefälle blieb erhalten. Erst in der Nachfolge Jesu wurden die Witwen öffentlich sichtbar und bekamen ihren Platz in der Gemeinde.

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