Nochmal: geordneter Rückzug

Nochmal: geordneter Rückzug

Warum die „Judensau“ in Wittenberg schnellstmöglich entfernt werden muss

Die Debatte um den Antisemitismus auf der Documenta fifteen, die derzeit in Kassel stattfindet, hat auch die Diskussion um die „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche neu angefacht. zeitzeichen-Kolumnist Christoph Markschies kommt zu dem Schluss: Die Skulptur muss entfernt werden, selbst wenn deutsche Gerichte das nicht fordern.

Meine vorige zeitzeichen-Kolumne, die vom 14. Mai,  trug den Untertitel „Der geordnete Rückzug ist keine leichte Übung“ . Heute möchte ich nun selbst einen solchen geordneten Rückzug öffentlich machen. Wenn man als Wissenschaftler seine Meinung ändert und dann auch noch öffentlich darüber Auskunft gibt, löst das bei manchen Menschen Verwunderung aus. Aber es wäre ja nur dann verwerflich, seine Meinung aufgrund besserer Einsicht zu ändern, wenn man es sich zuvor nicht reiflich überlegt hätte und solche Revisionen leichtfertig vornehmen oder statt der besseren Einsicht irgendwelchen Moden und Konventionen folgen würde.

Der Gegenstand meines geordneten Rückzugs ist seit einem Gerichtsurteil vor rund zwei Wochen wieder verstärkt Gegenstand medialer Debatten. Über die sogenannte Judensau an der Choraußenwand der Stadt- und Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg wird allerdings schon länger gestritten. Es handelt sich hier schließlich nicht um irgendein Gotteshaus, sondern um die Kirche, in der Martin Luther gepredigt hat und in der ein berühmter „Reformationsaltar“ von Vater und Sohn Cranach steht (um von anderen wichtigen Erinnerungen an die Geschichte der Reformation zu schweigen).

Kein Besuch in Wittenberg ohne den Besuch in dieser zentralen Reformations-Kirche, die inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung wahrscheinlich mehr mit der sogenannten Judensau verbunden ist als mit irgendeinem anderen Objekt aus ihren reichen Schätzen. Außerdem handelt es sich auch um ein ganz besonderes Relief unter den rund vierzig praktisch nur im deutschen Sprachraum nachweisbaren vergleichbaren Darstellungen dieser Art – doch dazu später.

Besuche außen beginnen

Ich gestehe gern, dass ich die Wittenberger Stadtkirche erstmals als West-Berliner Schüler und danach mehrfach als Student besucht hatte, bevor mir das Problem an ihrer Außenfassade überhaupt aufgefallen ist. Ich habe (wie vermutlich die meisten Menschen, die nicht Kunstgeschichte studiert haben) eine Tendenz, gleich durch den Eingang in ein Gotteshaus einzutreten und es nicht erst einmal zu umrunden. Erst nachdem ich einmal eine Exkursion gemeinsam mit meinem Bruder, der als Kunsthistoriker arbeitet, angeboten habe, beginne ich Besuche immer erst außen und schaue mir gründlich an, was ich sehe.

Die Südfassade der Wittenberger Stadtkirche ist nicht uninteressant, weil auch Menschen, die nicht Kunstgeschichte studiert haben, die unterschiedlichen Bauzeiten und Baustile auffallen dürften. Das Schiff wurde, wie die hochgotischen Fenster mit reichem Maßwerk zeigen, offenbar deutlich später erbaut als der Chor mit deutlich einfacheren Fenstern. Der Chor hat einen graden Abschluss, keine Apsiden oder Chorkapellen und auf der abschließenden Chorwand sitzt eine steinerne Laterne. An der Ecke zur graden Chorabschlusswand, gleichsam als Tragstein der Ziegeldekoration des Schmuckgiebels dieser östlichen Abschlusswand, befindet sich auf der Südfassade die sogenannte Judensau an prominenter Stelle. Sie bildet sozusagen den Abschluss der südlichen Langhaus- und Chorwand, eine ebenso gut sichtbare wie baulich hervorgehobene Stelle des Gebäudes.

Das ganze ursprünglich gotische Ensemble ist frühneuzeitlich gefasst (und diese Fassung macht die sogenannte Wittenberger Judensau einzigartig). Über dem Schwein steht in schwungvollen, seit einer Renovierung im Zusammenhang des Reformationsjubiläums frisch vergoldeten Lettern mit reich dekorierten Anfangsbuchstaben „SchemHaMphoras“ und darüber „Rabini“. Das Relief selbst ist älter, es stammt aus dem späteren dreizehnten Jahrhundert und befand sich ursprünglich auch gar nicht an der prominenten Stelle der Außenfassade. Es stammt damit aus der Bauzeit des schlichten Chors, an den hundertfünfzig Jahre später das deutlich prächtigere Langhaus angebaut wurde.

Die Beschriftungen machen für jeden klar, was auf zudem gut sichtbaren Relief zu erkennen ist: Die dargestellten und als Juden erkennbaren Personen sind Rabbiner. Sie sind in der Optik des Reliefs gleichsam „Schweinepriester“, die an den Zitzen eines Schweins trinken und ihm in den Hintern schauen – und in diesem Schwein erkennen sie „Ha-Schem Ha-Mephorasch“, den mit dem „ausdrücklich festgelegten Namen“ bezeichneten Gott. Anders formuliert: Hier wird die Ansicht dargestellt, jüdische rabbinische Gelehrte verehrten, wenn sie Gott zu verehren glauben, sich von seiner Weisheit nähren, in Wahrheit nur ein Schwein (obwohl ihnen doch der Umgang mit einem solchen als unrein empfundenen Tier ausdrücklich verboten ist). Eine schlimmere Form der Polemik – Judentum als Götzenverehrung, nicht als Gottesverehrung – kann man sich auch im Mittelalter, das grobe Polemik liebte, kaum vorstellen.

Scheu, Gottes Namen auszusprechen

Bis heute prägt jüdisches Leben wie Theologie eine große Scheu davor, den Namen Gottes – wie es in Luthers Übersetzung des entsprechenden Gebots heißt – „unnützlich“ (also missbräuchlich) zu „führen“. Und um missbräuchliche Verwendung zu vermeiden, wird seit ewigen Zeiten das in der Bibel verwendete Konsonanten-Tetragramm JHWH gar nicht vokalisiert und vokalisiert ausgesprochen (also schon gar nicht: Jachwä, Jaa-wäh oder wie auch immer weniger sensible Christenmenschen versuchen, das bereits in der Antike nicht mehr ausgesprochene biblische Vier-Buchstabenwort zu vokalisieren). „Ha-Schem Ha-Mephorasch“ kennzeichnet und vertritt den eigentlichen, hinter dem Tetragramm stehenden Namen Gottes, an dessen Stelle schon im antiken Judentum Substitute getreten waren, wie beispielsweise das uns vertraute „der Herr“. Dieser eigentliche Name Gottes ist den allermeisten Menschen unbekannt, einige jüdische Mystiker und Denker haben Theorien über diesen Namen vorgelegt und den Namen selbst zu identifizieren versucht – aber niemand außer den christlichen Polemikern des Mittelalters haben diesen Namen mit „Sau“ oder „Schwein“ identifiziert.

Zu diesen Polemikern, die sich über den Gottes unaussprechlichen Namen vertretenden Ausdruck „Ha-Schem Ha-Mephorasch“ lustig machten, gehörte übrigens auch Martin Luther, der in der Kirche, in der auch damals schon die sogenannte Judensau angebracht war, Gottesdienste hielt und predigte. Eine schroff polemische Schrift Luthers unter dem Titel „Vom Schem Hamphoras“ von 1543 dürfte sogar verantwortlich dafür sein, dass man rund fünfundzwanzig Jahre später das ursprünglich im Altarraum angebrachte Relief gut sichtbar nach außen versetzte und noch einmal eigens mit den beiden erwähnten Schriftzügen hervorhob – Luther behandelt das Relief nämlich in seiner Schrift und behauptet, dass der Rabbiner, der in den Hintern des Schweines schaut, dort nachschaut, wo die Juden den heiligen Gottesnamen verbergen. Das hebräische „Schem Hamphoras“ bedeute in Wahrheit: „Hier ist Dreck“.

Außen an der Kirchenfassade diente das Relief, wie die amerikanische Mediävistin Caroline Walker Bynum vor einiger Zeit einmal festhielt, als sichtbares Schandmal und wirksames Warnzeichen: Die Mitglieder der christlichen Gemeinde sollten sich von denen der jüdischen fernhalten, aber auch die Mitglieder der jüdischen vom christlichen Gotteshaus.

Doppelte Kommentierung

Obwohl ich alles das seit meinem Studium wusste und man es inzwischen auch praktisch überall nachlesen kann, dachte ich lange, es sei ausreichend, die dreiste Verhöhnung Gottes und die widerliche Polemik gegen jüdische Gelehrte und das Judentum in der sogenannten Wittenberger Judensau zu kontextualisieren (wie wir dann gern sagen), aber an Ort und Stelle zu belassen. Ich tröstete mich über die schreckliche Darstellung am prominenten Ort mit dem Gedanken, dass schon vor dem Ende der alten DDR, nämlich 1988, die Kirchengemeinde mit einem im Boden eingelassenen Kommentar in Form eines Kunstwerks das Schandmal in ein Erinnerungsmal und Mahnmal für christliche Judenfeindschaft umzuwandeln versucht hatte und später auch noch eine weitere kommentierende Stele aufgestellt worden war.

Dabei fand ich mich jedenfalls nicht in schlechter Gesellschaft: Das Oberlandesgericht Naumburg hatte 2020 entschieden, dass diese doppelte Kommentierung der Plastik die ursprüngliche beleidigende Wirkung gleichsam neutralisiert habe und der Bundesgerichtshof hat im Juni 2022, wie gesagt, diese Sicht in einer Revisionsverhandlung bestätigt. Auch Caroline Walker Bynum votierte eher für die Beibehaltung und Kommentierung am ursprünglichen Ort. Und so votierte ich auch, wenn ich befragt wurde, dafür, das Relief als Zeichen des allgegenwärtigen und auch bei Reformatoren wie Luther verbreiteten christlichen Antisemitismus nicht zu verstecken, sondern zu zeigen, zu erklären und so Verhaltensänderungen bewirken.

Diese meine bisherige Meinung habe ich revidiert und darüber würde ich gern öffentlich Rechenschaft ablegen. Es war eine längere öffentliche Debatte, die mich dazu gebracht hat, die sogenannte Wittenberger Judensau noch einmal ausführlicher anzusehen und dann meine Ansicht über das Relief zu ändern – die Debatte um antisemitische Kunstwerke auf der Documenta fifteen in Kassel. Inzwischen hat sich das verantwortliche Kuratorenkollektiv ruangrupa dafür zu entschuldigen versucht, dass auf dem Kasseler Friedrichsplatz, mitten im Zentrum der Stadt und der Documenta, ein Kunstwerk in beachtlichen Dimensionen auf einem Gerüst zu sehen war, auf dem klassische antisemitische und gegen die Existenz des Staates Israel gerichtete übel polemische Stereotypen dargestellt waren. Dazu gehörte übrigens auch ein mit Davidsstern versehener Soldat mit Schweinegesicht und also wieder eine Verhöhnung eines jüdischen Menschen im Zusammenhang mit einem Schwein wie auch auf der sogenannten Wittenberger Judensau. Auch dieses Kunstwerk auf dem Friedrichsplatz in Kassel sollte zunächst stehenbleiben, wurde dann mit schwarzem Tuch verhängt und schließlich abgehängt.

Kein Spezifikum deutscher Lerngeschichte

In den Tagen vor der endgültigen Abhängung wurde überraschend heftig darüber gestritten, ob es irgendeinen Grund geben kann, künstlerische Darstellungen, die jüdische Menschen oder das Judentum öffentlich verspotten oder verhöhnen, nicht öffentlich auszustellen und auf diese Weise die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst zu beschneiden. Glücklicherweise ist dank dieser Debatte inzwischen den meisten (und darunter hoffentlich auch der Documenta-Leitung) klar, dass die künstlerische Freiheit an der roten Linie einer solchen Verhöhnung jüdischer Menschen endet und es auch kein Spezifikum deutscher Lerngeschichte aus einer schrecklichen Vergangenheit oder lediglich eine auf Mitteleuropa beschränkte Sichtweise ist, solche antisemitischen Darstellungen für intolerabel zu halten. Sie gehören nicht in die Öffentlichkeit und noch dazu auf einen großen Platz bei einer zeitgenössischen Kunstausstellung, sondern in ein entsprechendes historisches Museum, in dem bekanntlich auch Dinge ausgestellt und erläutert werden, die wir heute aus guten Gründen nicht mehr für unsere öffentlichen Plätze und Gebäude verwenden wollen.

Mit dem Hintergrund der Debatte um die Documenta fifteen schaute ich noch einmal auf die sogenannte Wittenberger Judensau. Schon den Versuch der Kontextualisierung und Kommentierung im Erinnerungszeichen von 1988 wird man nicht für glücklich halten können, um es vorsichtig zu sagen. Auf dieser Bodenplatte steht: „Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in 6 Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen“.

Hilft es aber irgendeinem jüdischen Menschen, die sogenannte, sehr besondere und besonders gotteslästerliche Wittenberger Judensau historisch einzuordnen, wenn ihm Wittenberger Christenmenschen erklären, dass Gottes eigentlicher Name im Holocaust gestorben sei und das auch noch millionenfach? Ich kenne viele Menschen, die einen solchen Satz für ebenso gotteslästerlich halten wie das darüber befindliche Relief. Sollte man sich in die jüdische Debatte über die Frage, wo Gott in Auschwitz war, auf diese – freundlich formuliert – verquaste Weise einmischen? Was heißt eigentlich „fast unsagbar heilig“? Und sollte man dann auch noch behaupten, dass das alles unter einem Kreuzeszeichen geschah? Nicht umsonst haben jüdische Verbände gegen die Aufrichtung eines großen Kreuzes vor dem Lager in Auschwitz protestiert. Muss man jetzt also auch noch die Bodenplatte von 1988 erläutern und kontextualisieren?

„Kulturspezifischer, deutscher Aberglaube“

Ich weiß nicht, ob man überhaupt Kunst, die man als problematisch empfindet, durch Kontextualisierung auf Stelen mit Erläuterungstexten und weitere Kunstwerke zu Gedenk- und Erinnerungsorten umgestalten kann. Patrick Bahners nannte das unlängst „kulturspezifischer deutscher Aberglaube“. Die amerikanischen Truppen haben das Hakenkreuz auf der Haupttribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes nicht erläutert und auch nicht kontextualisiert, sondern gesprengt.

Ich weiß aber inzwischen, dass es trotz anerkennenswerter Bemühungen der Kirchengemeinde nicht gelungen ist, die ungeheuerliche Gotteslästerung der sogenannten Wittenberger Judensau zu kontextualisieren und durch eine Erläuterung aus einer Beleidigung zu einem Gedenkort zu machen. Die Erläuterung auf der Bodenplatte ist theologisch so unglücklich formuliert, dass man sie wiederum für lästerlich und beleidigend halten kann. Daraus folgt meiner Ansicht nach glasklar: Ein Schwein unter dem hochheiligen Gottesnamen bleibt eine schlimme Gotteslästerung für Juden und gehört daher von dem Chorhaupt der Kirche entfernt. Das Relief droht, die Glaubwürdigkeit der Verkündigung dieser Kirche zu beschädigen, allzumal, wenn man sich die enge Verbindung seiner frühneuzeitlichen Präsentation mit Martin Luther klarmacht. Ich bin sicher, dass sich in Wittenberg ein geeigneter Ort für seine Präsentation findet – das beeindruckende reformationsgeschichtliche Museum in Luthers ehemaligem Wohnhaus wäre beispielsweise ein guter Platz. Was in die leere Stelle eingefügt werden sollte, wie man mit der Inschrift im Gedenkzeichen von 1988 umgehen sollte, die vielleicht gleich einfach mit ins Museum gehört – alles das sollte man in Ruhe und vor allem nicht unter Christenmenschen allein diskutieren. Man sollte aber bald damit beginnen. Und als erstes schleunigst das Relief von der Kirchenwand nehmen.

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Ein deutscher Skandal in wunderbar anregender Atmosphäre

Ein deutscher Skandal in wunderbar anregender Atmosphäre

Warum die „documenta fifteen“ so viel über uns selbst erzählt
Foto: Rolf Zöllner

Die „documenta fifteen“ ist in einem Antisemitismus-Sumpf versunken – und an führender Stelle wird weiterhin versucht, den Skandal klein zu reden. Oder Menschenfeindlichkeit zu relativieren. Das hat viel mit intellektueller Arroganz und fehlender Empathie zu tun. Vor allem aber mit der Verdrängung der Tatsache, wie tief Judenfeindlichkeit in der deutschen Kultur verankert ist.

Manchmal bleibt einem wirklich die Spucke weg, mit welcher ignoranter Selbstgerechtigkeit öffentlich bezahlte Kulturschaffende ihr eigenes Versagen wegmoderieren. Sabine Schormann ist Generaldirektorin der „documenta fifteen“, der der „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo so treffend den neuen Titel „antisemita fifteen“ gegeben hat. Denn das ist es, was von der angeblich weltweit größten und wichtigsten Schau moderner Kunst, die nur alle fünf Jahre stattfindet, in diesem Jahr übrigbleiben wird: Die Scham nämlich, dass die öffentliche Hand in Deutschland Judenfeindlichkeit mit über 42 Millionen Euro subventioniert. Man kann die Sache noch etwas zuspitzen: Die „antisemita fifteen“ ist eine deutsche Ausstellung, von vorn bis hinten.

Denn was sagt die „documenta“-Generaldirektorin Schormann auf die sehr berechtigte Frage der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine (HNA)“, wie es zum judenfeindlichen „Kunstwerk“, besser: Machwerk des indonesischen Künstlerkollektivs „Institut für bürgernahe Kultur Taring Padi“, ausgestellt an einem zentralen Platz in Kassel, kommen konnte, „eine offen antisemitische Hasskarikatur“, wie die HNA sie nannte? „Zunächst ist dabei genau die wunderbar anregende, einladende Atmosphäre dieser documenta herausgekommen, die Sie eingangs zu Recht erwähnten“, so Schormann.

Spätestens nach diesem Satz der Generaldirektorin, die ganz offensichtlich in ihrer ganz eigenen Welt lebt, ist ihr Rücktritt überfällig – eine Forderung, die zurecht mittlerweile ungezählte namhafte Institutionen der Zivilgesellschaft gestellt haben, so etwa die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) und der Zentralrat der Juden in Deutschland, um nur wenige zu nennen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat einen geplanten Besuch bei der „antisemita fifteen“ abgesagt. Der Rücktritt der Generaldirektorin dürfte nur noch eine Frage von Stunden, höchstens Tagen sein, nicht zuletzt, um einen Rücktritt von Claudia Roth, der „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“ im Rang (und mit der Bezahlung) einer Staatsministerin, zu verhindern. Auch der wurde schon gefordert.

Aber mit diesem Kopf, der da rollen wird, ist der Skandal noch nicht vorbei. Die Generaldirektorin verteidigt nämlich im HNA-Interview ungeachtet dieser so gnadenlos gescheiterten Schau das Prinzip der Kuratorengemeinschaft, des indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa, das diese „antisemita fifteen“ offenbar ohne irgendwelche checks and balances freihändig konzipiert hat, also auch für die eklatante Judenfeindlichkeit in Kassel verantwortlich ist. Schormann sagt: „Das grundlegend Neue an Ruangrupas Konzept ist demgegenüber der radikal ergebnisoffene Prozess, der den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern sowie Kollektiven Freiräume eröffnet und neue Erfahrungen ermöglichen will, und das alles auf Basis von Werten wie etwa Freundschaft, Solidarität, Ressourcenschonung.“

Das ist empathieloses Kulturszene-Keyword-Bingo in Reinform: „Freiräume“ und „neue Erfahrungen“, getragen von Werten wie „Freundschaft, Solidarität und Ressourcenschonung“. Klar, wenn indonesische Buddies ganz solidarisch, frei und total neu Judenfeindlichkeit verbreiten, aber dabei ihren Kaffee nicht aus Pappbechern nippen, was soll daran so falsch sein? Seid doch nicht so westlich-kleingeistig!

Hier aber liegt das eigentliche Problem der „antisemita fifteen“ und einer Generaldirektorin, die offenbar nichts verstanden hat, wenn sie, noch knapp eine Woche nach Beginn des Skandals, sagt: „Ruangrupa und die Künstler haben versichert, dass es keinen Antisemitismus geben wird. Das Problem ist, dass es aus ihrer Sicht keiner ist.“ Das sei zwar ein „Missverständnis“, aber sie hätten eben „ihre Aufgabe aus ihrer Perspektive wahrgenommen“. Und es sei „ihnen aufgrund unserer unterschiedlichen kulturellen Erfahrungsräume zu spät aufgefallen, dass ein solches Motiv in Deutschland absolut inakzeptabel ist.“

Wir lernen: Antisemitismus ist also nach Ansicht der Kasseler Generaldirektorin in Indonesien irgendwie okay beziehungsweise ist es eigentlich gar keiner. Und für „unterschiedliche kulturelle Erfahrungsräume“ kann man doch Verständnis haben oder dies zumindest als Argument für Judenhass erwägen. Wirklich? „Es gibt keine Kultur, in der Antisemitismus in Ordnung wäre. So, wie es auch keine Kultur gibt, in der Frauenhass, Rassismus, Homo- und Transphobie oder Behindertenfeindlichkeit akzeptabel wäre“, schreibt Sascha Lobo treffend. Dass Generaldirektorin Schormann dieser schlichte Gedanke auch nach mehreren Tagen öffentlicher Diskussion nicht kommt, sondern sie mit anderen kulturellen Prägungen die Menschenfeindlichkeit der beiden indonesischen Kollektive „Taring Padi“ und „Ruangrupa“ auf Künstler- und Kuratorenseite immer noch verteidigt, ist der Skandal im Skandal.

Denn das ist der beschämende Kern des „antisemita fifteen“-Fanals: Es gibt offenbar eine kulturell-intellektuelle Szene in Deutschland, die mit Verweis auf andere kulturelle Prägungen im Süden der Welt und eine kollektivistisch-antikapitalistisch angehauchte Selbstidentifikation von Aktivist*innengruppen praktisch alles durchgehen lässt, was sonst zurecht größten Protest gegen platte „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) hervorrufen würde. Das macht diesen kulturellen Eklat zu einem deutschen Skandal: Antisemitismus wird hierzulande nach wie vor klein geredet. Dazu passt, dass eine „Judensau“ an Kirchen nach jüngstem höchstrichterlichen Urteil solange in Ordnung ist, wie er irgendwie (und egal wie unverständlich) eingeordnet wird.

Dabei müssen wir aufhören, auch bei „wunderbar anregender, einladender Atmosphäre“ nach pseudo-intellektuellen Entschuldigungen für Judenfeindlichkeit und andere Formen der Menschenfeindlichkeit zu suchen. Weder in Nordhessen noch sonstwo. So einfach ist das. Dass die Noch-„antisemita fifteen“-Generaldirektorin nun angekündigt hat, vielleicht schon kommende Woche über den Antisemitismus-Skandal in Kassel öffentlich diskutieren zu lassen, weil Judenfeindlichkeit, wenn sie nur scheinbar künstlerisch daher kommt, offenbar diskutabel ist, lässt nur einen Schluss zu: Antisemitismus ist tief in der deutschen Kultur verankert, in allen Bildungsschichten, in allen politischen Richtungen. Nach wie vor.

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In die Irre gegangen

Als am 24.Februar 2022 der Überfall auf die Ukraine begann, war der Vertrag der Charta von Paris von endgültig erloschen. Mit der Unterschrift aller OSZE-Staaten am 21.

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Wehe den Leichtfertigen!

Wenn ich bei kirchlichen Debatten zum Ukrainekrieg für einen Moment die Augen schließe, fühle ich mich mitunter 40 Jahre jünger in den 1980er Jahren.

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Profi für Profile

Profi für Profile

Punktum

Die Coolsten in den Krimis sind für mich: die Profiler. Das sind die, die sich Bilder vom Tatort anschauen und in Sekundenschnelle ein Täterprofil erstellen. Mit Intuition, Prädikatsexamen in Psychologie und viel Erfahrungen mit menschlichen Abgründen ausgerüstet sehen sie hinter dem Sichtbaren so viel mehr als wir Normalos.

Ich übe mich als angehender Profi-Profiler auf Facebook und betrachte die Profilbilder meiner Netzwerkfreunde. Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die statt des eigenen Gesichtes das eines Promis zeigen und sich als Frank Zappa oder Kermit der Frosch in der Blase zu Wort melden. Völlig klar, totaler Minderwertigkeitskomplex, sie wären gern jemand anderes. Bedauernswert, aber harmlos.

Viel gefährlicher scheinen mir die zu sein, die sich gemeinsam mit Ihren Kindern auf den kleinen Rundling pressen und glückliches Familienleben zur Schau tragen. Seht, ich bin ein guter Vater, eine liebende Mutter, so lautet die Botschaft. Aber warum muss das so betont werden? Flieht da jemand vor seinen negativen Gefühlen in die Papa-Pose? Was passiert, wenn das Fass überläuft? Au weia …

Bleiben noch diejenigen, die einfach nur ein Bild von sich nehmen, Selfie mit dem Handy, scheinbar ganz natürlich und normal. Aber Vorsicht: Wer sein Bild alle paar Tage auswechselt und sich mit Filtern zuklatscht, bis er oder sie aussieht wie Cher oder Wolfgang Joop, leidet nicht nur unter innerer Unruhe, sondern wahrscheinlich auch unter dem Dorian-Gray-Syndrom: Kann einfach nicht älter werden. Das gilt übrigens auch für diejenigen, die ein Kinderfoto von sich aus dem vergangenen Jahrhundert präsentieren. So süß, aber auch sehr verdächtig!

Alle die, die nun meinen, sie seien mit dem alten Passfoto, das seit Jahren immergleich aus dem Display lächelt, auf der sicheren Seite, seien gewarnt! Der Profiler weiß: Das Böse versteckt sich am Liebsten im vermeintlich Normalen. Ich bin Euch auf der Spur … aber erst muss ich mein Profilfoto löschen. 

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Lesegenuss

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Freundschaft mit E. T. A. Hoffmann

Vor 200 Jahren, am 25. Juni 1822, starb in Berlin der Dichter E. T. A. Hoffmann. Sein treuester Freund und erster Biograf war der vom Judentum zum Christentum übergetretene Eduard Hitzig. Er hat Hoffmanns Bild bis in die Gegenwart geprägt. Zu Recht trägt das vorliegende Buch den Untertitel „Roman über die Freundschaft“. Freundschaft ist, und das macht Norbert Kron eindrücklich sichtbar, nicht etwas nur für die Sonnenseite des Lebens. Ähnlich wie die Liebe hat sie nicht nur Höhen und Tiefen, sondern muss bereit sein, Opfer zu bringen. Sie darf nicht nachtragend und fordernd sein; sie muss auch Abweisungen ertragen.

Wie ein Liebender um Liebe wirbt Hitzig um Hoffmanns Freundschaft. Er bleibt beharrlich, ohne aufdringlich zu sein. Er erkennt in Hoffmann den großen Dichter, der er selbst gern geworden wäre. Durch Hoffmanns Beispiel erkennt er unwiderlegbar, dass er allenfalls schlichte Texte verfassen kann, es aber niemals zum Dichter bringen wird. Wie Hoffmann ist er im Brotberuf Jurist. Zeitweilig wird er Verleger und veröffentlicht Hoffmanns Bücher.

Wenn es von Hitzig heißt, er habe Hoffmann erfunden, so bezieht sich das nicht nur darauf, dass er mit seiner Biografie ein Bild des Dichters entworfen hat. Er hat darüber hinaus früher als Hoffmann selbst erkannt, dass dessen überragende Begabung die Literatur und nicht die Musik ist, wie es Hoffmann jahrzehntelang geglaubt hatte. So skurril und aussagekräftig seine Zeichnungen sind, soviel Freude er selbst daran hatte – dass dies nur eine Nebenbegabung war, wusste Hoffmann stets. Aber Opern- und Konzertpläne hat er bis zum Tod verfolgt. Hitzig hat ihn gedrängt, sich nicht zu verzetteln, sondern sich auf sein literarisches Werk zu konzentrieren.

Hitzig hat Hoffmann hoch geachtet, hat ihn gefördert und unterstützt, auch finanziell, aber er hat ihn nicht kritiklos gesehen. Seine überreizte Eitelkeit hat zu einer zeitweiligen Entfremdung geführt. Hoffmanns ewiger Drang, im Mittelpunkt zu stehen, sein stetes Um-Sich-Kreisen hat Hitzig nicht nur gestört, sondern auch verletzt. Während sich Hoffmann mit dem Schauspieler Ludwig Devrient zu Trinkgelagen am Berliner Gendarmenmarkt traf, fand er für Hitzig keine Zeit. Dabei wusste er durchaus, was er an ihm hatte. Und als es ans Sterben ging, rief er nach Hitzig.

Die Geschichte dieser 1804 in Warschau begonnenen und über Hoffmanns Tod hinausreichenden Freundschaft ist der Stoff des Buches. Die Leserschaft erfährt viel über die romantische Literaturszene vornehmlich in Berlin, über Hoffmanns Leben, sein Werk und über die gesellschaftliche Situation. Dazu gehören auch der latente und der sichtbare Antisemitismus. Hitzig, als Itzig geboren, hatte „sein Glaubensbekenntnis aufgegeben, sich von Theilen seiner Familie“ abgewendet.

Er hatte „dem christlichen Geist gehuldigt, um auch in der Poesie ein vollgültiges Mitglied des romantischen Deutschlands zu sein“. Er hatte seinen Namen geändert, litt aber weiter unter dem Antisemitismus der Dichter Clemens Brentano und Achim von Arnim, der Brüder Grimm. Er nahm den zunehmenden Hass auf Juden unter Burschenschaften und Turnerbünden wahr.

Dazu passend enthält das Buch Illustrationen von zum Teil jüdischen und israelischen Künstlern.

Auf eine Besonderheit dieses anregenden und unterhaltsamen Romans sei noch hingewiesen. Der Autor schreibt eine durchaus moderne Sprache, bedient sich dabei aber gelegentlich älterer Stilmittel und Schreibweisen. Diese Eigenwilligkeit erhöht den Lesegenuss und bringt den Lesenden ganz unaufgeregt die Atmosphäre näher, in der Hitzig und Hoffmann ihre Freundschaft lebten.

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Beziehungs-Reich

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Theologie der Schöpfung

Brauchen wir angesichts der vielen globalen Krisen eine neue Schöpfungstheologie? Diese Frage wird gegenwärtig nicht nur in diesem Magazin und dessen Website intensiv und kontrovers diskutiert. Auch im Juni vergangenen Jahres trafen sich rund achtzig Theologen und Theologinnen und theologisch interessierte Laien, um ihre geistigen und geistlichen Landkarten in dieser Frage zu vergleichen. Eingeladen hatten unter anderem Ruth Gütter vom Referat Nachhaltigkeit der EKD, Georg Hofmeister von der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen, Christoph Maier von der Evangelischen Akademie Sachsen Anhalt und Wolfgang Schürger von der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Landeskirchen. Sie haben nun gemeinsam ein Buch herausgebracht, das die Beiträge der Tagung dokumentiert.

Die Lektüre lohnt. Denn es geht ans Eingemachte, an die Kernfragen, die die gesamte Diskussion prägen: Ist Gott ein allmächtiger Gott, der als deus absconditus auch in all diesen Krisen wirkt? Wohnt dann einem engagierten Einsatz für Klimaschutz nicht ein unerlaubter Zug zur Selbsterhöhung und Selbsterlösung des Menschen bei? Oder ist Gott eine von vielen Kräften, die wirken, weshalb es geradezu eine Christenpflicht ist, die Wunden der Welt zu heilen oder zumindest den Versuch zu unternehmen?

Spannend, was die Alttestamentlerin Klara Butting in ihrem Beitrag dazu entwickelt. Ihre These: Gott ist nicht in erster Linie als allmächtiger Gott zu verstehen, sondern als Gott der Beziehung, der mit seiner Schöpfung leidet und den Menschen für sein Schöpfungshandeln und sein Erlösungshandeln braucht. In eine ähnliche Richtung argumentiert Jan Christensen, Pastor für Umweltfragen der Nordkirche. Schöpfung sei kein biblisch-systematisch erklärendes Woher der Welt, sondern „Hymnus, Segen und Erzählung“ – und eine Heilsvision. Dass dies Konsequenzen für die Rollenbestimmung des Menschen in dem Gesamtgefüge hat, ist evident. In einem komplexen Gefüge von Beziehungen und Abhängigkeiten ist kein Raum für einen Anthropozentrismus, der die Welt als Material sieht, das es zu beherrschen gilt. Die Stellvertretung Gottes durch den Menschen bestehe vielmehr in der Verantwortung für das Zusammenleben aller Kreaturen. So formuliert es Georg Hofmeister in seinem Beitrag.

Weitere Aspekte werden in den anderen Beiträgen behandelt, in der Regel sehr gut verständlich und dennoch mit Tiefenschärfe formuliert. Gewünscht hätte man sich den einen oder anderen theologischen Unruhestifter, wie zum Beispiel Günter Thomas oder Ralf Frisch, auf deren Beiträge in zeitzeichen immer wieder verwiesen wird, um sich dann doch davon abzugrenzen. Ein Streitgespräch mit einem von ihnen, wäre gewiss ein produktiver Störfaktor gewesen.

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Symbiose

Aufbruch in die Welt von heute

Die Geschichte des „lateinischen Christentums“ habe nicht nur die europäische Zivilisation tiefgreifend geprägt, sondern habe darüber hinaus eine wegweisende Bedeutung für die zukünftige Entwicklung. Das gelte vor allem für den Pluralismus der religiösen und politischen Kulturen, die sich auf dem Boden der lateinisch-christlichen Welt gebildet haben: „Nicht Einheitlichkeit, sondern Vielfalt … ist die einzig tragfähige Grundlage des Zusammenlebens in einer Welt, die immer näher zusammenrückt, an kultureller, vor allem religiöser Verschiedenheit aber nicht ab-, sondern zunimmt.“ Diese These durchzieht das ganze geschichtliche Panorama, das der Berliner Historiker Heinz Schilling für ein großes Publikum entworfen hat: wissenschaftlich fundiert und zugleich von politisch-kulturell orientierender Kraft.

Im Unterschied zur Frömmigkeit der byzantinisch-orthodoxen Welt prägte die paulinische Weltzugewandtheit des Gottessohnes den Charakter des christlichen Glaubens im lateinischen Europa. Sie bestimmte die Dynamik der Symbiosen und Spannungen zwischen Kirche und Kaiser, Politik und Religion von der Spätantike bis zur modernen Trennung von Staat und Kirche und der säkularisierten Welt von heute.

Schilling stellt die wechselnden Konstellationen der Konflikte vom Streit um den Primat zwischen Papst und Kaiser, über die gespannte Symbiose von Renaissance, Humanismus und Reformation und den kulturellen Kampf zwischen Aufklärung, Pietismus und Romantik lebendig mit konkreten Fallstudien dar. Und er zeigt in den Konfliktszenarien sowohl die Dynamik der christlichen Weltfrömmigkeit als auch den durchgängigen Zug zur Säkularisierung der christlichen Welt auf. Besonders das Zeitalter der Kirchenspaltung und des Konfessionalismus hat demnach den Pluralismus und die Säkularisierung der Lebensformen vorangetrieben.

Der erbitterte, jahrhundertlange Kampf zwischen Politik und Religion um Wahrheit und Vorherrschaft ist nach Schillings Verständnis nicht als Verschleiß und Niedergang zu begreifen, sondern eher mit Hegel als ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Das vorläufige Ergebnis: die Geltung der Menschenrechte, die Trennung von Staat und Kirche, der Kompromiss und die Pluralisierung der Gesellschaft als Friedensformel.

Für die Kirchen war der Prozess der christlich inspirierten Säkularisation zu einer „schwierigen Gratwanderung zwischen Öffnung und Verfallenheit an die ‚Welt‘“ und damit zu einer Daueraufgabe ums Überleben geworden.

Und die Zukunft? Der erreichte „Einklang von Säkularität und Religion“ wird durch den in Europa präsenten Islam „infrage gestellt“; auch die ostkirchliche Orthodoxie hat mit dem gesellschaftlich wirksamen Sauerteig einer „säkular aufgeklärten Religiosität“ große Probleme. Schillings Einschätzung dieser prekären Konstellation fällt freilich positiv aus; er schließt sich Jörg Lausters Diagnose an: „Dem modernen Staat“ gelinge es „besser als Rom, Wittenberg und Genf zusammen, die Ideale des Christentums zu verwirklichen. Die Moderne ist nur dann unchristlicher als frühere Epochen, wenn man das Christentum mit Kirchlichkeit identifiziert. Der göttliche Geist treibt jedoch das Christentum über seine ausschließliche Fixierung auf die Gestalt der Kirche hinaus.“

Der Welterfolg der kulturellen Symbiose von religiösem Glauben und sozialer Ethik in den demokratischen Gesellschaften und Verfassungen Europas werde nicht zu einer „Schubumkehr“ der Entwicklungsdynamik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation führen. Diese Prognose wird freilich von dem gegenwärtigen Krieg in Europa auf eine akute Probe gestellt. Die Lektüre dieser Historie führt mitten hinein in das Drama, in dem es um die Überlebensfähigkeit unserer Lebensart geht.

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Der Weg der Kirchengemeinde

Besonders aufregend klingt der Titel des Buches nicht, eher wie ein synodales Aktenstück. Aber Pohl-Patalong will keine grundstürzenden Thesen über eine völlig andere Kirche in die Welt setzen, sondern „ganz normale“ Menschen in kirchlichen Gremien zu einer verantwortlichen Reflektion über die Lage der Kirche anleiten. Entsprechend freundlich ist es geschrieben, ohne wissenschaftliche Distanzsignale (keine Fußnoten). Eigene Vorstellungen werden präsentiert, dominieren aber die Argumentation nicht – auch nicht das Konzept der „Kirchlichen Orte“, das herkömmlich mit dem Namen der Autorin verbunden wird. So enthält das Buch in acht Abschnitten, jeweils beginnend mit drei motivierenden Szenen aus der kirchlichen Praxis, vier (Arbeits-)Einheiten, die unter anderem in Seminaren eingesetzt werden können: Die jeweilige Herausforderung wird beschrieben; Hintergrundwissen geliefert; drei und mehr Handlungsalternativen werden entwickelt (von „weiter so“ bis zur radikalen Änderung) und Anregungen zur Weiterarbeit (wie anregender Fragen und eines biblischen Impulses) gegeben.

Abgesehen von Abschnitten zum ehrenamtlichen Engagement, zum Pfarrberuf und zu den „multiprofessionellen Teams“ konzentriert sich das Buch auf die Kirchengemeinde und ihre Grenzen – vor allem angesichts einer festzustellenden Überforderung. Kirchengemeinden seien in verschiedenen Ausprägungen zugleich Institution, Gruppe, Organisation und Bewegung, was zum Beispiel Fresh Ex-Experimente ein wenig gezwungen als Bewegung einsortieren lässt. Das vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD entwickelte Kirchengemeindebarometer (es wird mehrfach zitiert) erlaubt mittels der Verknüpfung dreier Sozialdimensionen (Gemeinschaft, Organisation, Marktorientierung) an dieser Stelle handhabbarere Unterscheidungen.

Festgehalten wird, wenn auch etwas arg am Rande stehend, dass das Ziel der Kirche, die Kommunikation des Evangeliums, eine funktionale Ausrichtung kirchlicher Arbeit am Erreichen von Menschen – und nicht die Fixierung auf spezifische Strukturen – erfordere. Besonders aufschlussreich in dieser Richtung sind Listen über die Kontaktorte zur Kirche aus der Sicht von Kirchenmitgliedern. Gerade deswegen ist allerdings unverständlich, warum die Diakonie nicht vorkommt. Die enorm große Bedeutung sozialer Aktivitäten für die Bindung der Menschen an die Kirche ist bekannt.

Einen Höhepunkt erreicht das Buch in der Entwicklung von fünf möglichen Modellen einer künftigen Kirche: Kirche als Ortsgemeinde, Kirche in der Region, Kirche im Gemeinwesen, „Kirchliche Orte“ und Fresh Expressions of Church. Ihre jeweiligen Stärken und Schwächen werden umfassend erörtert. Die Empfehlung lautet dann, sie sich selbst (mit Legosteinen) zu bauen, um sie sinnlich vorstellbar zu machen. Eine Präferenz gibt es nicht: Am Ende steht vielmehr das Plädoyer für eine fehlerfreundliche Kirche.

So bietet dieses Buch für die „Profis“ wenig Neues – hilft aber zur Gestaltung der so nötigen Debatten in Gemeinden und Gremien. Einiges wird man vermissen, so zum Beispiel die Diskussion der Milieugrenzen der Kirchengemeinden oder der so wichtigen Frage nach der Weitergabe des Glaubens wie auch nach organisatorischen Anreizen zur Kommunikation des Evangeliums außerhalb der angestammten Kreise. Sympathisch – wenn auch reichlich ernüchternd – die immer mal wieder eingestreuten Hinweise auf Forschungsdefizite, wie die Bemerkung, dass bisher erst ansatzweise untersucht sei, „was Menschen in verschiedenen Kontexten und Formen als Erleben des Evangeliums beschreiben und wie sie diese Erfahrung deuten.“ Diese eklatante Forschungslücke müsse in den nächsten Jahren gefüllt werden.

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