Historiografisch problematisch

Die Aufarbeitung der Zeitgeschichte der Institution Kirche wird gegenwärtig oft betrieben und tut auch unbedingt not.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Eine Kultur des Frömmlertums

Eine Kultur des Frömmlertums

Identitätspolitik trägt oft Züge eines verweltlichten Pietismus
Foto: Rainer Nicolaysen

In den Monaten seit dem 24. Februar, als das Putin’sche Russland die gen Eu­ropa strebende Ukraine militärisch überfiel, scheinen die identitätspolitischen Zuspitzungen an Kraft, wenigstens an öffentlicher Aufmerksamkeit eingebüßt zu haben. Wer mag schon über die letzten Verästelungen von Rassismen, von Weißheiten der Hautfarbe informiert werden, wenn stündlich Meldungen uns aus den östlichen Gebieten unseres Kontinents erreichen, die auf Auslöschung des Landes, das wir als Ukraine kennen, deuten? Identitätspolitisch, so korrekt sei es verstanden, ist das, was Putin und die Seinen kriegerisch, also mörderisch in Szene setzen, in voller Dröhnung zu realisieren: Es geht Russland um das eigene Imperium, ein, wie er es versteht, slawisches, und von dem darf die Ukraine nicht abtrünnig werden.

Und doch gehen auch hierzulande die Debatten um Identitätspolitisches weiter. Neulich wurde ein Fall aus Hannover überliefert, im Mittelpunkt stand eine Musikerin, als deren gröbster Nachteil nicht ihre innige Bereitschaft zum Musizieren bei einer Veranstaltung von Fridays For Future gilt, ganz im Gegenteil, das war ja gerade der Zweck ihres Engagements. Sondern dass sie Dreadlocks trägt, ein, wie ihre Kritiker aus den Reihen von Fridays for Future monierten, unziemliches Aussehen. Das sei, so das Fachwort, „cultural appropriation“, kulturelle Aneignung einer weißhäutigen Frau, die sich des kämpferischen Looks von schwarzen Menschen in den USA rund um „Black Lives Matter“ bemächtigt habe. Großherzig, fast gouvernantenhaft bot man ihr an, doch musizieren zu dürfen, sofern sie ihre Haare anders sortiere.

Davon abgesehen, dass Dreadlocks, also „verfilzte“ Haarsträhnen, aus der Karibik, nicht aus den USA bekannt wurden, kommt die Haltung, einer mit, sagen wir genauer: nicht weißen, sondern penatencremefarbener Haut zu dekretieren, wie sie sich zu frisieren habe, einem Akt hohepriesterlicher Autorität gleich – von ganz weit oben herab. Sorgenvoller stimmen muss vielmehr, dass die klimatransformatorische Bewegung sich wie viele andere linke Bewegungen selbst zerlegt: durch Lifestyleallüren, vor allem mit dem Gestus der Lebensstilpolizei. Es ist ohnehin fragwürdig am Konzept der Kritik an „cultural appropriation“, ob die persönliche Selbst­optimierung dazu beitragen kann, eine politische Bewegung zu vergrößern. Oder nicht vielmehr zu sektisieren: Du bist erst akzeptiert, wenn du dich anpasst an die persönlichen Rahmenbedingungen.

Die beiden Theologen Michael Ramminger und Julia Lis, am Institut für Theologie und Politik in Münster arbeitend, nannten diese Phänomene kürzlich „verweltlichten Pietismus“: eine Kultur des Frömmlertums, der Bezichtigung, der Zensur, der Züchtigung bei Nichtbefolgung – his­torisch erstmals überliefert im frühen 17. Jahrhundert, als das christliche Selbstverständnis nicht das erste Mal, aber in entscheidender Hinsicht in die Krise geriet ob der „Aufklärung“, die zu wirken begann, das Weltverständnis nur mit den Mitteln der Vernunft und Wahrheitsprüfung zu konstituieren.

Schaut man sich die Blüten dieser Bewegung an, der Identitätspolitik, die auf Kollektive setzt, essenzialisierend (schwarz/weiß in puncto Rassismus, queer/heteronormativ et cetera) und auf identitäre Reinheiten setzend, erkennt man die weltlich-pietistisch anmutenden Züge einer Bewegung, die nicht zufällig in den kriselnden Mittelschichten dominiert, die nicht zufällig bei Fridays for Future-Aufzügen in den Metropolen wie dramatisch angehauchte Umzüge bei Abiturfeiern wirken, die eben kaum bis keine Sympathien besitzen in den nicht-intellektuellen Schichten unserer Gesellschaften – und zwar gerade weil sie in Fragen des moralischen (und textilen) Habitus wie eine frömmler­ische Durchblicker-Sekte wirken.

Frömmlerisches hat ja im linken Spektrum immer seinen Platz gehabt, aber die Klügeren – Robert Habeck heutzutage, Olaf Scholz, einst gewiss Willy Brandt oder Rita Süssmuth – achteten immer darauf, das Politische als das Ringen um Allianzen zu verstehen. Und dass man mit Pietistischem keine Mehrheit gewinnt, wussten und wissen sie alle nur zu genau.

Kulturell untersucht werden müsste auch der Umstand, warum in puncto Rassismus die eisigsten Ermittler von Lifestylepannen gerade die geistig nicht unbedingt wachsten Vertreter*innen mit weißer Hautfarbe sind: Sie können oft keinen strategischen Gedanken denken. Aber beim infantilen Spiel der Recherche nach privaten Auffälligkeiten – und Dreadlocks sind nichts anderes als solche – sind sie tüchtig dabei.

Jugendlichkeit hat immer den Furor auf ihrer Seite, sie kann wenigstens spielen, in allem auf der richtigen Seite der Wahrheit zu stehen. Aber als Erwachsene kommt die befreiende Trübsal des Lebens hinzu: Alles ist nur Kompromiss. Nichts ist Reinheit. An dieser Erkenntnis ist noch aller weltlicher Pietismus gescheitert – und an chronischer Freudlosigkeit. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Ruf der Bedürftigen

Ruf der Bedürftigen

Diakonie fordert 100 Euro monatliche Unterstützung
Foto: privat

Dass die Belastungen durch die Aus­wirkungen der Inflation, die Turbulenzen auf dem Energiemarkt und durch die Corona-Pandemie in der Bevölkerung ungleich verteilt sind, erschließt sich schnell. Die Schlangen an den lebensmittelspendenden Tafeln sagen alles. Sie werden von Tag zu Tag länger, manche nehmen gar niemanden mehr an wie die Arche in Berlin-Hellersdorf, die ihr Angebot für geflüchtete Mütter mit ihren Kindern einstellen musste. Denn auch die Lieferung mit Lebensmitteln nimmt ab.

Eine von der Diakonie Deutschland in Auftrag gegebene Studie bestätigt nun: Die einkommensschwächeren Haushalte müssen den Großteil ihres Konsums für Waren und Dienstleistungen des Grundbedarfs aufwenden. Genauer: Die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung verbrauchen nahezu zwei Drittel (62,1 Prozent) ihrer Konsumausgaben für Essen, Trinken, Wohnen, Wasser, Strom und Heizung. Damit leiden sie besonders unter der Inflation. Die obersten zehn Prozent zahlen nur
44 Prozent für dieselben Ausgaben.

Hinzu kommt: Wer so viel für Essen, Trinken und Energie ausgeben muss, kann wenig sparen und verfügt kaum über Rücklagen. Gut acht bis neun Millionen Menschen seien davon betroffen, sagte Diakoniechef Ulrich Lilie bei der Vorstellung der Studie, die von einer Tochterfirma des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt worden ist.

Um die Folgen der Krise sozial abzufedern, legt die Diakonie Deutschland nun einen Vorschlag vor: Haushalte, die Transferleistungen beziehen, wie Wohngeld,  Kinderzuschlag, Hartz-IV-Leistungen, Grundsicherung im Alter oder durch Erwerbsunfähigkeit, sollen ab sofort einen Zuschlag von 100 Euro im Monat erhalten. Und das für ein halbes Jahr. Dazu müsste allerdings der Bundestag eine Notlage von nationaler Tragweite feststellen. Die Gesamtkosten würden sich auf 5,4 Milliarden belaufen, hieß es in Berlin.

Ein Kriseninstrument, das schnell und zielgenau eingesetzt werden kann, wie Lilie unterstrich. Und die Studie belegt, dass dieser Zuschlag die einkommensschwächsten Haushalte deutlich entlasten und die Preissteigerungen teilweise nahezu ausgleichen könne.

So weit, so gut. Doch was ist mit denen, die knapp über dieser Grenze leben, mit Rentnerinnen, die aus Scham keine Grundsicherung beantragen, mit Studierenden, die immer stärker vom Einkommen ihrer Eltern abhängig werden, mit Alleinerziehenden, fast die Hälfte aller Ein-Eltern-Familien gilt als einkommensarm, mit Menschen, die wenig verdienen? Zur Erinnerung: Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitet im Niedriglohn­sektor, so viele wie in kaum einem
anderen europäischen Land.

Sicher, wir werden alle an Wohlstand verlieren. Trotzdem müssen Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Gruppen in Deutschland alles unternehmen, um der weiter wachsenden Ungleichheit entgegenzusteuern. Es geht jetzt darum, diesen Verlust sozial und ökonomisch auf alle Schultern gerecht zu verteilen. Und dafür ist der Diakonie-Vorschlag ein guter Anfang.

Denn um den sozialen Frieden in Deutschland dauerhaft zu sichern, müssen wir investieren. In den Ausgleich der sozialen Härten am unteren Ende der  Einkommenspyramide. Eine weitere gesellschaftliche Polarisierung können wir uns nicht mehr leisten. In den Fokus müssen jetzt die Bedürftigen rücken, bevor sich Frust und Enttäuschung in radikalem Wählervotum äußern. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Politik"

Israel ist kein Apartheidstaat

Vermutlich werden sie den ÖRK, der im September seine erste Vollversammlung in Deutschland haben wird, kaum herausfordern: die Leitgedanken der fünf Landeskirchen an Rhein

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Hoffnung in einer Zeit großer Sorgen

Hoffnung in einer Zeit großer Sorgen

Warum Zuversicht und Vertrauen unerlässlich sind
Foto: epd

Die Fürbittgebete werden länger. Die Sorgen wachsen, die wir vor Gott bringen, weil wir allein mit ihnen nicht klarkommen. Klima, Krieg, Flucht: Die großen Sorgen nisten sich auf bedrängende Weise in unseren Alltag ein.

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum beruft sich in ihrem Buch über Das Königreich der Angst (2019) ausdrücklich auf die biblische Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung. Sie ist in ihrer Lesart für säkular gesonnene Menschen genauso unentbehrlich wie für Glaubende. Diese Trias bildet ein notwendiges Gegengewicht gegen die Verführungen der Angst. Die Philosophin sieht in ihr die narzisstischste unter all unseren Emotionen. In unserer Angst kreisen wir um uns selbst. Auch wenn uns die Angst um einen anderen Menschen umtreibt, geht es bisweilen mehr um uns selbst, weil der andere für uns von Bedeutung ist. Wegen dieser Selbstbezüglichkeit bedarf die Angst, wie Martha Nussbaum sagt, „sorgfältiger Prüfung und Eindämmung, wenn sie nicht giftig werden soll“. Aus Angst wenden Menschen sich mächtigen Führungspersönlichkeiten zu. Zu den politischen Formen, die der Vorherrschaft der Angst entsprechen, gehören Führerstaat und autokratische Präsidialherrschaft.

Gewiss muss man die Angst von der Furcht wie von der Sorge unterscheiden. Furcht richtet sich auf konkrete Gefahren, die für andere so besorgniserregend sind wie für uns selbst. Sorge schließt die Verantwortung für das eigene Leben ebenso ein wie die Verantwortung für andere. Auch wenn wir wissen, dass wir nicht für alle Menschen in gleicher Weise sorgen können, gehört es zu wachem politischem Bewusstsein, dass wir uns auch um diejenigen sorgen, für die in einem direkten Sinn zu sorgen uns nicht möglich ist. Furcht und Sorge haben unseren Alltag erreicht. Die Flutkatas­trophen im Ahrtal und anderen Gebieten liegen gerade eben ein Jahr zurück. Seit dem 24. Februar dieses Jahres gilt nicht mehr die Klima­katastrophe, sondern der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als die große Herausforderung, die uns in Angst und Schrecken versetzt.

Doch die Klimakrise und die Folgen von Putins Krieg gehören zusammen. Der Ukrainekrieg und die drohenden Engpässe in der Versorgung mit Erdgas verhelfen zu der Einsicht, dass man die Haare auch mit kaltem Wasser waschen und die Heizungs­temperatur nachts absenken und am Tag mäßigen kann. Der Krieg nötigt uns auch im Blick auf die Klimakatastrophe zu der Erkenntnis, dass nicht viel Zeit dafür bleibt, kollektives Fehlverhalten zu korrigieren. Wir sollten in diesem Umdenken ein Zeichen der Hoffnung sehen.

Martha Nussbaum ist davon überzeugt, dass jeder Mensch Glauben braucht. Alle Menschen sind auf ein „Nichtzweifeln an dem“ angewiesen, „was man nicht sieht“, wie der biblische Hebräerbrief sagt. Einen solchen Glauben brauchen wir immer dann, wenn wir uns „mit einer anderen Person auf eine nicht gleich­gültige Weise einlassen“. In diesem Sinn ist alle Liebe mit Glauben verbunden. Ebenso unentbehrlich ist eine Zu­versicht, die gerade angesichts enormer Herausforderungen das Vertrauen auf eine bessere Zukunft nicht preisgibt. Eine solche Hoffnung trägt uns – gerade in einer Zeit großer Sorgen. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: epd

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kirche"

Verantwortung statt Versorgung

Das Christentum stellt in seiner Vielfalt, seinen Institutionen und Lebensimpulsen ein unschätzbares kulturelles Erbe un

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Borkum, Wattenmeer

Borkum, Wattenmeer

Priel-Angst und Brandgans-Trost
Foto: Privat

Unser Kolumnist Klaas Huizing ist im Urlaubsmodus und kramt in seiner Erinnerung. Heute für uns: Jugenderinnerung von herrlich-spannenden Sommertagen im Watt der Nordseeinsel Borkum.

Ein Wort hatte in meiner Jugend einen magischen Klang: Golfstrom. Wegen meiner pfeifenden Bronchien musste ich ab dem 9. Lebensjahr jährlich nach Borkum auf Kur, weil nur an Borkum (nicht etwa an Juist oder Norderney, diese deutlich mondäneren Inseln) der mysteriöse Golfstrom vorbeifloss und mein Asthma zu heilen versprach.

Dann wurde der Volvo 164 vollgepackt und Heinz, einer der Arbeiter in der Firma meines Vaters und meiner Mutter, der normalerweisen einen riesigen LKW, einen Hentschel, später einen Magirus fuhr, kutschierte uns nach Emden zum Schiff. Heinz, den meine Schwestern und ich Onkel Heinz nannten, weil er schon seit Ewigkeiten im Unternehmen war, trug auch bei Hitze und geschlossenen Autofenstern (überall drohte eine Erkältung, der Ostwind hatte im Vokabular meiner Mutter einen festen Platz) einen dunklen Anzug, als müsse er auf eine Beerdigung.

Ich saß wegen meines Magens, der, wie meine Mutter sagte, gerne Sperenzchen machte, auf dem Beifahrersitz, meine Mutter auf der Rückbank in der Mitte zwischen meinen beiden älteren Schwestern, die aber nur wenige Male mitfuhren durften. Ich ging auf Kur nach Borkum stets an den Randzeiten, etwa in der Woche vor Ostern oder in den Herbstferien, weil dann, so die Auskunft, die Wirkkraft des Golfstroms besonders nachhaltige Ergebnisse garantierte.

Jeden dritten Tag Eis

Meistens waren dann beide Kinos auf der Insel und auch der Minigolfpark noch oder schon wieder geschlossen. Dick eingemummt, ging ich jeden Tag stundenlang, häufig in Begleitung meiner Mutter, im steifen Wind. Manchmal ging ich rückwärts, dann kam ich schneller voran, auf der Promenade spazieren, jeden dritten Tag bekam ich ein Eis. Lernte ich an einem Tag fehlerfrei mehr als dreißig Vokabeln, ich hatte in diesem Jahr die Grundschule bereits hinter mir, bekam ich ein Eis extra.Weil der Homöopath meiner Mutter, dem sie blind vertraute, eine Wattwanderung empfohlen hatte, durfte ich, obwohl meine Mutter eine lange Liste von Bedenken aufsagen konnte, nach vielen Vertröstungen mitwandern. Noch in der Nacht hatten Regen und Wind gemeinsam getobt, jetzt schwiegen beide, das Grau des morgens hatte Farbe aufgesogen. Wolken, reingewaschen, spielten Fangen, schlugen einander ab und zogen gemeinsam weiter. Das Wetter gab ein okay, was meiner Mutter die Stimmung eintrübte, aber ich, little me, stand im Ostfriesennerz und in Gummistiefeln mit einem kleinen Eimer ausgestattet aufgeregt am vereinbarten Sammelpunkt. Sieben Männer und Frauen, ich war das einzige Kind. Der Wattführer, den ich bereits im Heimatmuseum kennengelernt hatte, redete sehr beruhigend auf meine Mutter ein. Ich drehte mich noch mehrfach nach ihr, die mir etwas nachzurufen schien, um, dann konnte ich sie nicht mehr ausmachen.

Unterwegs durfte ich meine Gummistiefel ausziehen und eine Frau krempelte mir die Hose hoch und herzte mich. Ich stelzte zunächst, war über die Kälte erschrocken, versuchte meine Hose nicht zu verschmutzen, aber mit jedem Schritt mehr genoss ich es, wie der Schlamm sich zwischen meinen Zehen quietschend hindurchdrückte, ich dreckig wurde und mit jedem schmatzenden Schritt Spuren hinterließ. Ich schmeckte Salz, die Luft war klebrig, ein Geruch wie die Sülze bei unserem Schlachter um die Ecke.Auf glibberige Quallen machte der Wattführer aufmerksam, zeigte Seeringelwürmer, Käferschnecken, Herz- und Pfeffermuscheln, den Steinschmätzer und den Austernfischer, Seesterne, kleine Einsiedlerkrebse. Und er hielt einen Nachruf, er nahm sogar seine Wilhelm-Heinrich-Mütze ab, auf das Seepferdchen, das er seit drei Saisons nicht mehr entdeckt habe. Das mache ihn traurig. Ich war trotzdem glücklich.

Vom Priel zum mächtigen Flusse

Ich erinnere mich noch, wie der Wattführer, der die Erwachsenen oft zum posaunenden Lachen verführte, nachdrücklich vor den Prielen warnte. Jedes Jahr würden Touristen, die sich ohne ausgebildete Führer auf den Weg machten, von der plötzlich zurückkehrenden Flut überrascht, weil sie glaubten, das Watt würde sich gleichmäßig füllen, aber nein, zuerst liefen die Priele, die kleinen, sich schlängelnden Wasserläufe voll, würden sehr plötzlich zu einem mächtigen Fluss anwachsen, dem auch geübte Schwimmer nichts entgegenzusetzen hätten. Jedes Jahr würden unbegleitete Touristen ihren Ausflug ins Watt mit dem Tode bezahlen.

Plötzlich schwiegen wieder alle. Auch der Wattführer. Ich blickte verstohlen zu dem Punkt, wo ich noch immer meine Mutter vermutete. Eine Szene von quälender Länge. Dann ein tröstliches, pfeifend-schwirrendes Fluggeräusch, das der Wattführer als Flügelschlag einer Brandgans identifizierte. Als erste fand die Frau, die mich geherzt hatte, ihre Stimme wieder und redete gestikulierend auf den Wattführer ein, ich versuchte zu entdecken, ob der Priel vielleicht heimlich volllaufe.

Dann, endlich, gingen wir langsam zurück. An einer sicheren Stelle, kurz vor dem Ende der Wanderung, konnten wir erkennen, wie eine kleine Rinne sich extrem schnell mit Wasser füllte. Wo wir vor Minuten noch sicher durch das Watt gezogen waren, hatte das Wasser das Land bereits zurückerobert. Eine Frau, die während der ganzen Wattwanderung geschwiegen hatte, schüttelte sich und strich sich mehrfach über die Arme. Ist ganz schön und auch wohl schrecklich, sagte sie.

Ich erzählte meiner Mutter, zurück in der sicheren Ferienwohnung, sehr lange vom Priel und wie gefährlich es sei, sich ohne Wattführer ins Watt zu wagen. Meine Mutter legte nur den Kopf schief und musterte mich lange, hielt währenddessen meine noch immer blaubleichen Füße in ihren warmen Händen gebettet. In der Nacht träumte ich von einer riesigen Welle, die auf mich zuraste. Mein Magen machte Sperenzchen. Aber es war ein glücklicher Tag. Das ja. Tief ins Gedächtnis eingebrannt.

Lesetipp:

Mathijs Deen: Der Holländer. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, Hamburg 2022.

Nächster Blog: Normandie: Wilde Energien an der Côte d’Albâtre

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Privat

Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

abonnieren