Gebannt

Gebannt

Ein dritter Weg zur Freiheit

Warum reden Protestanten so gerne von Freiheit? Schon nach der Einleitung des jüngsten Buches von Hans Joas versteht man: Sie können gar nicht anders. Denn jeder Religionsdiskurs ist in der Moderne in den Bannkreis der Freiheit geraten – so lautet Joas titelgebende Ausgangsthese. Wenn Freiheit die Signatur der Moderne ist, lautet die Gretchenfrage für die Religion: Wie hast Du’s mit der Freiheit?

Das Leitnarrativ hierzu bleibt die Philosophie Hegels. Joas argumentiert nun, dass die Idee eines sich in der Geschichte realisierenden Geistes und der damit mitgesetzte Richtungssinn für die Freiheits- und Religionsgeschichte heute nicht mehr überzeugen – und zwar links wie rechts: also weder als Überwindungsgeschichte der Religion im Dienst der Freiheit noch als Durchsetzungsgeschichte der Freiheit aus der Religion.

Für Joas steckt der Hegelianismus in der Sackgasse. Im Detail nimmt er vier Figuren des hegelschen Theorieerbes unter die Lupe: den intellektualistischen Religionsbegriff, die teleologische Geschichtskonzeption, das Freiheitsverständnis sowie die fehlende universale und globale Perspektive. In Auseinandersetzung mit diesen Aspekten, die das Buch in vier Teile gliedern, folgt Joas einem „dritten Weg“ in der Religionstheorie jenseits von Hegel und der provozierenden Religionspolemik Nietzsches – der allerdings erst im Schluss ausführlicher zu Wort kommt.

So ist das Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit Hegel. Seinem Intellektualismus begegnet Joas zunächst mit der Herausarbeitung eines neuen erfahrungsbasierten Religionsbegriffes um 1900. Der Teleologie Hegels stellt er sodann die Kontingenz der Geschichte entgegen – und damit auch die prinzipielle Umkehrbarkeit von Säkularisierung und moderner Freiheitsgeschichte. Dann führt er den Freiheitsbegriff Hegels weiter: Freiheit müsse in gelebter Gemeinschaft als verdankt erfahren werden, was Joas etwa im Werk Wolfgang Hubers ausgearbeitet sieht. Schließlich skizziert er eine historische Religionssoziologie, die den eurozentristisch-protestantischen Blick globalgeschichtlich weitet.

Jeder Teil bietet nach einer orientierenden Einführung mehrere Porträts religionstheoretischer Denker aus Philosophie, Soziologie, Theologie und Geschichtswissenschaft. Neben den Klassikern finden sich auch Überraschungen wie Alfred Döblin oder Werner Stark. Dass alle Theoretiker Männer sind, mag der Forschungsgeschichte geschuldet sein, fällt aber auf. Die vorgestellten Entwürfe bilden keine eigene Schule, zeigen aber deutliche Pfadabhängigkeiten: Kreuzungspunkte sind vor allem der Pragmatismus William James’ und das Werk Ernst Troeltsch’, bei dem „die Arbeit von Generationen religionshistorischer Forschung […] ihren Höhepunkt“ findet.

Gebannt folgt man dem theologisch-musikalischen Soziologen Joas bei seinen Erkundungen dieser „verdeckten Tradition“. Hilfreich ist, dass sich sowohl die Einführungstexte im Überblick lesen lassen als auch einzelne Porträts für sich verständlich sind. Es passt, wenn Joas sein Buch „ein Mittelding zwischen Monographie und Aufsatzsammlung“ nennt, das lediglich eine denkerische Zwischenetappe ist: Es bietet noch keine zusammenhängende eigene Theorie. Einstweilen schließt Joas mit einer Erinnerung an seine Figur der „affirmativen Genealogie“ von Werten, die er von Nietzsches Einsicht in die Kontingenz und Umkehrbarkeit von Werten ableitet.

Gegen Friedrich Nietzsches destruktive Absicht zielt er aber auf eine produktive „globalgeschichtliche Genealogie des moralischen Universalismus“, die an die Stelle der Geschichtsphilosophie Georg Friedrich Wilhelm Hegels zu treten habe.

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Hendrik Meyer-Magister

Dr. Hendrik Meyer-Magister  ist Studienleiter für Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Spiritual Care an der Evangelischen Akademie Tutzing.


 

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Normal digital

Normal digital

Medienethik im Diskurs

Die Digitalisierung erlebt in der aktuellen Covid-19-Pandemie einen regelrechten Boom: Von heute auf morgen ist Digitalität gelebte Normalität für Homeschooling, Kommunikation, Hobbys und Kulturerleben. Mit voller Wucht kommt der digitale Wandel auch in der kirchlichen Praxis an: Livestream-Gottesdienste, Seelsorge-Chats oder sogenannte christliche Sinnfluencer auf Instagram, YouTube, Snapchat, TikTok und Co. haben Hochkonjunktur. Kreativ und mit viel Engagement stellen Kirchengemeinden, Pfarrerinnen und Pfarrer ihre medialen und digitalen Kompetenzen unter Beweis. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, um das sich verändernde Medienverhalten theologischerseits genauer unter die Lupe zu nehmen und einen Debattenbeitrag zur Medienethik zu veröffentlichen.

Im Sammelband Theologische Medienethik im digitalen Zeitalter, der im Rahmen des DFG-Heisenbergprojektes „Ethik der Macht im digitalen Zeitalter“ entstand, haben Gotlind Ulshöfer und Monika Wilhelm zu diesem Zweck insgesamt 21 Aufsätze von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Disziplinen und Denominationen aus Deutschland, der Schweiz, Südafrika, Großbritannien und Neuseeland zusammengetragen.

In vier Hauptteilen wird der digitale Medienwandel theologisch-ethisch reflektiert. Grundlegende medienethische Verankerungen und theologische Deutungstraditionen angesichts der Digitalisierung diskutieren die Beiträge im ersten Teil. Für das Gesamtgefüge des Sammelbandes ist hier insbesondere Dion Forsters Verortung der digitalen Medienethik im Diskurs der Öffentlichen Theologie bemerkenswert.

Im zweiten Teil werden die traditionellen Reflexionsobjekte der Medienethik: Journalismus, Printmedien, Rundfunk, Film und Werbung angesichts des sich vollziehenden Medienstrukturwandels untersucht. Keine Erwähnungen finden in diesem Zusammenhang aktuelle mediale Phänomene wie private Nachrichtenkanäle bei Messengerdiensten oder die strukturelle Entwicklung hin zur videobasierten Echtzeit-Berichterstattung. Immerhin erweitern Roland Rosenstock und Ines Sura das Feld, wenn sie Aspekte der Game Studies religionspädagogisch fruchtbar machen. Ausgewählte Themenfelder wie „digital divide, fake news und digital surveillance“ werden im dritten Teil theologisch gedeutet und konzeptionell erarbeitet. Die binnentheologischen Deutungsangebote hierzu, wie beispielsweise Peter Kirchschlägers an Menschenrechten ausgerichtetes omni-dynamisches Gerechtigkeitsmodell oder Eric Stoddarts kreuzestheologische Interpretation von Überwachung, sind mal mehr oder weniger überzeugend. Kirchliche, diakonische und gesellschaftliche Anwendungsperspektiven kommen schließlich im vierten Teil in den Blick und beleuchten insbesondere die Schnittstellen kommunikations-, technik- und informationsethischer Fragestellungen.

Der Sammelband gewährt insgesamt einen grundlegenden Überblick über aktuelle medienethische Themenfelder. Die Diskursoffenheit und Pluralität der Beiträge machen deutlich, dass Digitalisierung die klassische medienethische Betrachtung übersteigt. Infolgedessen ist die bereichsethische Perspektive hinsichtlich der thematischen Überschneidungsmengen von politischen, wirtschaftlichen, technischen und sozialen Fragestellungen aufzufächern. Mit ihrem Vorschlag zur Entwicklung von „networked diaconic studies“ als Forschungsfeld, um Digitalisierungsfragen in ihrer Polydimensionalität wahrnehmen zu können, greift Gotlind Ulshöfer im letzten Beitrag dieses dem Sammelband zugrundeliegende Anliegen auf, wenn sie die relevante Debatte anregt, wie Digitalisierung in der Theologie verhandelt werden kann – jetzt, da digital normal ist.

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Hannah Bleher

Hannah Bleher ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


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Meisterwerk

Meisterwerk

Über den Heiligen Geist

Die literarische Gattung der Biografie erfreut sich allgemein großer Beliebtheit. Bringen diese den Leserinnen und Lesern doch die Vitae von Persönlichkeiten näher, die von persönlichem oder allgemeinem Interesse sind – allerdings zumeist angesichts ihres Lebensendes oder nach ihrem Ableben. Es mutet deshalb auf den ersten Blick verstörend an, eine Biografie über den Heiligen Geist in den Händen zu halten – jenes Gegenübers der religiösen Verehrung, das in christlicher Tradition als eine Person des dreieinigen Gottes gedeutet wird. Neigt sich das Leben dieses Geistes Gottes – so möchte man fragen – seinem Ende entgegen?

Ein Blick in diese Biografie des Münchener Theologieprofessors Jörg Lauster zeigt: mitnichten. Bereits 2014 hat der Theologe mit seiner Kulturgeschichte des Christentums einen vielbeachteten Bestseller vorgelegt. Nun präsentiert er erneut ein kurzweilig zu lesendes Meisterwerk. Er taucht ein in eine spannende Geisteswelt und nimmt die Leserschaft mit auf eine 364-seitige Erkundungsreise: von den mythischen Ursprüngen des göttlichen Geistes in der Bibel zu seiner dogmatischen Lehrgestalt im Christentum, von den vielfältigen menschlichen Erfahrungen mit dem Geist zu seinen mannigfaltigen Manifestationen in der Geschichte. Und schließlich seinem spannungsvollen Verhältnis zu Natur(wissenschaft) und Welt.

Der Autor konzipiert dieses Buch nicht als theologische Abhandlung dogmatischer Pneumatologie. Er versteht es vielmehr als „historische Kulturpneumatologie“. Dieser Zugriff „versucht aus der Vielfalt der vorkommenden Erscheinungsformen des göttlichen Geistes in der Welt ihre Bedeutung für unsere Gegenwart heute zu erschließen, um so dem Geheimnis näher auf die Spur zu kommen, was es mit dem Rauschen der Welt auf sich haben könnte“.

Für Lauster wohnt der Welt folglich ein unsichtbares „Rauschen“ inne. Dieses ist im menschlichen Welterleben religiös zugänglich. Insbesondere in der christlichen Religions- und Kulturgeschichte ist es immer wieder als Präsenz des Geistes Gottes zur sichtbaren Darstellung gekommen. Aus diesem Grund widmet der Autor sein Augenmerk unter anderem auf jene Kulturerscheinungen, die einen besonderen Geistessensus entwickelt haben: die mittelalterliche Mystik, die Renaissance sowie Idealismus und Romantik. Die Reformation findet in diesem Buch selbstverständlich auch Erwähnung, hat aber keine Zentralstellung.

Aus konfessionskundlicher Perspektive wird dem Pfingstchristentum zurecht ein eigenes Kapitel gewidmet, an deren Ende Lauster interessante Ausführungen zu drei aus seiner Sicht alternativen Erscheinungsformen des gegenwärtigen Christentums (charismatisch-pfingstlerisch, traditional und liberal) und zur Ökumene macht.

Lauster präsentiert sich in diesem Werk nicht nur als brillanter Erzähler und theologischer Geschichts- und Gegenwartsdeuter. Er gibt sich bisweilen auch selbst als religiöses Subjekt zu erkennen – als jemand, der selbst vom „Rauschen der Welt“ fasziniert ist. Dieses Buch ist folglich nicht nur der Ertrag wissenschaftlicher Reflexion, sondern zugleich das Produkt einer individuellen religiösen Suchbewegung. Es ist von der Überzeugung geleitet, dass „mit dieser Welt etwas gewollt und gemeint ist – und damit auch mit uns selbst“. Nicht nur gestern und heute, sondern bis zum Ende unserer Wirklichkeit. Das Leben des Heiligen Geistes geht weiter. Diese Biografie ist deshalb nicht zum Ende seines Lebens geschrieben, sondern fungiert mehr als vergewissernde und zukunftsoffene Zwischenbetrachtung. Es ist sicher nicht unzutreffend, dieses mit Esprit geschriebene Werk als liberale Erbauungsliteratur einzuordnen.

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Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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Der Himmel

Der Himmel

Paul Celan liest Paul Celan

Seine Dichtung ist gebundene Energie, Weltliteratur voller Musikalität, die das Äußerste an menschlicher Erfahrung ins Wort setzt. Für die ganz besondere Art, seine Gedichte vorzutragen, war Paul Celan berühmt. Zwischen seiner viel diskutierten Lesung 1952 vor der Gruppe 47 bis zu seinem Tod als gefeierter Lyriker liegen knapp zwei Jahrzehnte, in denen Celan seine Gedichte in zahlreichen Lesungen vortrug und seinen Stil nach und nach veränderte. In dieser neuen, mit etlichen bisher unveröffentlichten Aufnahmen angereicherten Zusammenstellung des Hörverlages sind diese Originalaufnahmen erstmals gesammelt zu hören; mit einem ausführlichen Begleittext zu den Hintergründen zu Celans Leben, Werk und den Lesungen von Hans-Ulrich Wagner angereichert.

Wer kennt sie nicht, die Todesfuge, fraglos eine Zäsur im Schaffen Paul Celans, die in keiner Gedichts-Anthologie des 20. Jahrhunderts fehlt und bei jedem Blättern ein Innehalten, eine beklemmende Stille erzeugt. Entsprechend groß ist die Neugierde, den Text im Tonfall seines Schöpfers zu hören. Zurück bleibt eine neue Stille – und eine schwebende Verstörung. Der da spricht, spricht im Tonfall seiner, einer fernen, fremden Zeit: hymnisch, pathetisch, affektreich mit den Worten und Versen spielend – eigenwillig, wie im Moment neu deutend, in einem Singsang, der manches Mal an die Grenze des Erträglichen geht, weil die heutige Ästhetik der Rezitation und Interpretation eine ganz andere Ausrichtung und eine natürlichere Diktion, nicht der öffentlichen Pose hat. So bleibt zunächst nur Ernüchterung und die Feststellung, wie theatral Paul Celan seine Texte selbst gedacht hat. Beim zweiten Hören aber öffnen sich die Texte neu – das ist die Stärke ihrer selbst und ihres Autors.

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Deutlich antisemitische Elemente

Deutlich antisemitische Elemente

Wie eine gut gemeinte neue Verfilmung der Passionsgeschichte im Grauen endet
Foto: privat

Das macht neugierig: Zum einen die positiven Presseankündigungen des Films, der am Karfreitag auf YouTube und Bibel-TV und später in neun weiteren Privatsendern über die Osterzeit ausgestrahlt wurde – mit insgesamt 34 Sendeterminen: „Passion 20:21“, so heißt der Film. „Erlebe die Passionsgeschichte neu: in einzigartigem Format und überraschender Perspektive“, heißt es in der Presseankündigung. Und es geht sogar noch besser. „Hilf uns, eine gute alte Geschichte ganz neu für heute zu erzählen – zu Ostern und kostenlos für alle. Am 2. April um 20:15 Uhr in Deinem Wohnzimmer über YouTube.“

Was soll da noch schiefgehen, denkt man sich. Zumal dann noch die Information des christlichen Medienmagazins Pro zu lesen ist, dass das Projekt auch von der katholischen Kirche, den evangelischen Landeskirchen und Freikirchen der Region Allgäu unterstützt werde. Der Hintergrund des groß angekündigten Fernseh- beziehungsweise YouTube-Events ist der: Das Passionsspiel im Festspielhaus von Füssen im Allgäu musste wegen Corona als Theateraufführung abgesagt werden. Deshalb wurde das religiöse Bühnen-Spektakel nun als Film realisiert.

Aber so groß anfangs die Neugier und die Erwartung sind – umso schneller kommt die Enttäuschung, ja das Entsetzen. Warum? Um es vorweg zu nehmen: Es sind nicht die schauspielerischen Leistungen der Theateraufführung. Die sind zu loben. Auch die Inszenierung ist auf den ersten Blick gelungen. Doch je länger der Film dauert, desto mehr wächst das Grauen. Denn vor allem aus theologischer Sicht ist gegen das Drehbuch Einspruch zu erheben.

Das liegt an einem Kniff der Regie, der sich als fatal erweist: Die Rollenverteilung beschränkt sich auf Maria Magdalena, Petrus und Judas, auf die Hohepriester und Pilatus. Sie erzählen die Passionsgeschichte aus ihrer Perspektive. Daran wäre nichts auszusetzen – wenn der Film nicht dadurch, sicherlich ungewollt, auf eine judenfeindliche Rutschbahn geriete, von der er nicht mehr herunterkommt.

Dadurch, dass die Rollen der römischen Soldaten mit ihren vielen gehässigen Beleidigungen und Verspottungen Jesu („Da nahmen die Soldaten Jesus, zogen ihn aus …“, vergleiche Matthäus 17,27 und Parallelen) hier ganz weggelassen wurden, übernimmt fast zwangsläufig der Hohepriester verstärkt und verdichtet die Anklagen. So wird suggeriert, dass die Hohepriester, also die Juden, schuld am Tode Jesu seien. Dabei ist Jesus, unbestritten von der heutigen Theologie und Geschichtsschreibung, als angeblicher Aufrührer ganz klar von den Römern hingerichtet worden, auf ihre schreckliche Art und Weise, am Kreuz. Es war ein schmachvolles und langsames Sterben.

Das zeigt, auch das Weglassen kann manchmal fatale Auswirkungen haben: Der Film suggeriert durch seine Lücken antisemitische Elemente. Er verstärkt damit Antijudaismen, die ansatzweise bereits in den Evangelien zu finden sind zum Beispiel in Matthäus 27,25 und Johannes 8,44.

Antisemitische Elemente im Film sind, um es konkret zu machen, an den zwei folgenden Textbeispielen zu erkennen: Im ersten Beispiel warnt der Hohepriester (Michael Grimm) vor Jesus und betont seine Gefährlichkeit: „Er ist gefährlich! (…) Er bringt Feuer! Unordnung! Chaos! (…) Er kollaboriert mit den Besatzern! Er ist mit Huren und Zöllnern unterwegs. (…) Dieser Zimmermann lästert Gott!“ Und zu Judas sagt der Hohepriester: „Finde ein paar falsche Zeugen, und sie werden ihn nicht mehr lieben! Du sollst deinen Lohn bekommen.“

Im zweiten Beispiel macht sich der Hohepriester über Jesus lustig, wenn er höhnisch und voller Ironie anführt: „Anderen hat er geholfen. Und kann sich selber nicht helfen! Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben. Er steigt nicht vom Kreuz. Warum hilft er sich nicht selbst?“ Sicherlich, das ist zum Teil nahe an den Zeilen der Evangelien – aber wird nicht durch diese Verkürzungen der Eindruck erweckt, als seien allein die Juden für den Tod Jesu verantwortlich? Ist das bei der Abnahme des Films niemandem aufgefallen?

So ist „Passion 20:21“ ein Beispiel dafür, wie man mit bestem Wissen und sicherlich besten Absichten viel falsch machen kann und in eine Ecke gerät, in die man bestimmt nicht wollte. Deshalb mein Vorschlag für geplante Theater-Inszenierungen im kommenden Jahr, wenn die Corona-Epidemie vielleicht ein wirkliches Theatererlebnis wieder möglich macht: Ein römischer Soldat erzählt aus seiner Perspektive, wie sie den Heiland getötet haben. Aus politischen Gründen. 

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Weitere Beiträge zu "Kultur"

Sie nennen es „Game“

Dreimal schon hat Hassan Wali in den vergangenen Wochen an der bosnisch-kroatischen Grenze das „Game“ gewagt – so nennen die Migranten ihren Versuch, unbemerkt in ein EU-La

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Was hülfe es dem Menschen …?

Was hülfe es dem Menschen …?

Grenzen der Machbarkeit werden vom Schlagwort zur Erfahrung
Foto: privat

„Wer seine Seele retten will, der wird sie verlieren“ (Matthäus 16,25) – formuliert eine Erfahrung, die wir in der Pandemie immer wieder gemacht haben. Je mehr wir uns weltweit darauf konzentrieren, das nackte Überleben zu retten, desto stärker sind unsere Verlusterfahrungen, und natürlich fehlt uns die leibhafte Nähe anderer Menschen. Sollen wir Berührung vermeiden, um Ansteckung zu verhindern, erleben wir am eigenen Leib, was Anthropologen schon lange gelehrt haben: Der Tastsinn, die Berührung, ist der fundamentale Sinn, der unsere Selbsterfahrung mit der Erfahrung anderer und unserer Welt verbindet. Erfolgt Kommunikation medial von Bildschirm zu Bildschirm, vermissen wir den Austausch von Angesicht zu Angesicht. Vor allem: Je mehr wir meinen, wir könnten die Krise erfolgreich managen, desto häufiger werden wir auf unsere grundlegende Hilflosigkeit zurückgeworfen. War die Rede von den Grenzen der Machbarkeit ein abstraktes Schlagwort, ist sie nun zur konkreten Erfahrung geworden.

Back to Basics: Die Rede von der Seele, die in der Bibel das vom Geist Gottes geschenkte ganze Leben meint, steht in den philosophischen Traditionen für die dauernde Identität des Menschenlebens, für die Frage, was bleibt, wenn unser leibliches Leben endet, und für den Hinweis auf den Grund der Freiheit – das Nicht-Machbare und unserem Handeln Unverfügbare. Mir ist diese Dimension des Verdankt-Seins unseres Lebens, bis zum Tod und über den Tod hinaus, besonders an den Psalmen deutlich geworden, die wir im Gottesdienst gesungen haben. Einfach klagen zu dürfen, ungefiltert und ungehemmt, ist für sich schon eine befreiende Erfahrung. Der Eingangschor der Bach’schen Matthäuspassion („Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“) hatte in dieser Passionszeit viele Resonanzen im Leben. Den Tod und das Leiden anderer Menschen klagend zu betrauern und die Lücken, die in unser Leben gerissen sind, nicht zu verschweigen, öffnet das Leben für die Einsicht in seine Unverfügbarkeit. Die Seele, so sehen es die Psalmen, ist das Organ unserer Kommunikation mit Gott, dem unverfügbaren Grund unseres Lebens, in ihr klingt die Antwort auf die Unverfügbarkeit des Lebens an: als Klage, als Dank und im Lobpreis.

Leben aus Passion: Im Neuen Testament stehen die Sätze vom Verlust des Lebens und der beschädigten Seele im Zusammenhang der Nachfolge Christi, die im Bild des Auf-sich-Nehmens des Kreuzes zusammengefasst wird. Damit wird nicht nur in Erinnerung gerufen, dass wir alles, was unsere Seele ausmacht, nicht machen, sondern erleiden, sondern auch zugesagt, dass das Kreuz Christi zur Auferweckung führt. Unsere Passion – daran wollen diese Sätze erinnern – ist im Leben wie im Sterben und über den Tod hinaus umgriffen und gehalten von der Passion, der Leidenschaft Gottes, des „Liebhabers des Lebens“ (Weisheit Salomo 11,27), für seine Geschöpfe. Aus den „seelenvollen“ Gesten der Klage, des Dankes und des Lobes, zu denen uns der Geist Gottes befreit und die auf diese Passion antworten, setzt sich unser Leben neu zusammen

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Christoph Schwöbel

Dr. Christoph Schwöbel ist Professor für Systematische Theologie an der University of St Andrews, Schottland, und Herausgeber von "zeitzeichen".


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„Vergesst mir die Seele nicht!“

Mitten auf dem Marktplatz von Bad Grönenbach sitzt ein junger Bursche am Brunnen und lässt es sich offenbar gut gehen.

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Mit Gott nie fertig

Mit Gott nie fertig

Sonntagspredigt
Foto: Mario Brink

Bleibende Hoffnung

Sonntag Exaudi, 16. Mai

Am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! (Johannes 7,37)

Wer die Bewegung des Kirchenjahres innerlich mitvollzieht, erlebt am heutigen Sonntag eine spannungsgeladene Atempause zwischen der Himmelfahrt Christi und der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. So sind wir für einen kurzen Moment christus- und geistlos. Wir halten inne. Wir leben zwar, doch wir sind allein. Wir suchen. Nach Orientierung, Halt, Gottes Präsenz in unserer Lebenswelt. Doch wir finden nichts.

In dieser Situation klingt die Auswahl des Predigtabschnittes wie ein Hohn. Das gilt besonders für Christi Aufforderung an die Durstigen, zu kommen und zu trinken. Unsere Sehnsucht ist groß. Doch wo bist Du, Jesus, wo kann man Dich finden?, möchte man fragen.

Für einen Moment bleibt diese Frage unbeantwortet. Denn Vers 37 ist eine Verheißung, deren Erfüllung noch aussteht, die augenblicklich noch nicht zu erwarten ist. Und das ist auch im weiteren Verlauf von Johannes 7 zu erspüren: Denn die Verheißung wird mit dem Geist Gottes verbunden, der der Zuhörerschaft Jesu noch nicht zugänglich ist.

Leere, Einsamkeit, Sehnsucht – diese Momente gehören zum Glauben dazu. Denn Gottes Gegenwart ist unverfügbar. Sie lässt sich nicht einfangen oder on demand abrufen. Gottes Geist weht eben, wo und wann er will. Also bleibt vorerst nichts als Hoffen

Leere, Einsamkeit und Sehnsucht – gehören auch zum Alltag. Viele Menschen leben allein und sehnen sich nach anderen Lebensverhältnissen. Und die Corona-Pandemie hat dies – oft an der Schwelle zwischen Leben und Tod – noch unerträglicher gemacht.

An Exaudi ist deshalb nicht nur das Gefühl religiöser Einsamkeit gegenwärtig und für einen Augenblick unaufgelöst auszuhalten. Und so lädt dieser Sonntag dazu ein, an Mitmenschen zu denken, die einsam und unglücklich sind. In unserem Innehalten, in unserem Atmen fühlen wir eben nicht nur unsere eigenen Belange, sondern uns auch ein in die Sehnsüchte einsamer und glückloser Mitmenschen. Und wir hoffen, dass ihre Leere und Sehnsüchte gestillt werden – so wie wir auf den lebendigen und erfüllenden Geist Christi hoffen.

Positiv begeistert

Pfingstsonntag, 23. Mai

Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen. (1. Mose 11,4)

Begeisterung setzt Kräfte frei. Sie kann innerlich erfüllen, neue Perspektiven schenken und dazu motivieren, ein besonderes Ziel zu verfolgen.

Begeisterung ist aber nicht per se förderlich. Denn aus ihr erwachsen auch problematische Haltungen und Handlungen. So kennt die Geschichte viele Episoden und Epochen, in denen Begeisterung in menschenverachtenden, ja menschenvernichtenden Fanatismus umschlug. Auch in der Gegenwart sind solche Erscheinungen auszumachen. Und leider lassen sich in der Geschichte des Christentums und der Kirchen ebenfalls entsprechende Beispiele anführen.

Problematische Züge der Begeisterung schildert auch der Predigtabschnitt für den Pfingstsonntag: Die Begeisterung, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, ist mit dem Ziel verbunden, sich vor Gott und aller Welt einen Namen zu machen. Diese Setzung wird als Einbruch in den Geltungsbereich Gottes gedeutet. Und die Folge ist die durch Gott veranlasste babylonische Sprachverwirrung. So wie die Welt nach der Sintflut eine andere war als vorher, gilt dies dem biblischen Erzählstrang folgend auch für die Welt nach dem Turmbau. Und alles ist durch eine negativ wirkende Begeisterung ausgelöst worden.

Ein Gegenprogramm zu der Geschichte aus dem Ersten Mosebuch eröffnet die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte. Nachdem Jesus endgültig nicht mehr unter seinen Anhängern weilt, werden diese mit seinem Geist erfüllt. Die Jesus-Bewegung wird be-geistert und zur geist-erfüllten Kirche. Zugleich wird das Begeistert-Sein zum Signum einer neuen Lebens- und Glaubensform, die nicht nur für die religiöse Gemeinschaft gilt, sondern individuell für jeden gläubigen Menschen.

Christ-Sein bedeutet seit den Anfängen des Christentums im Grunde nichts anderes als ein speziell gestimmtes Begeistert-Sein, ein durch den Geist Christi erfülltes Dasein. Es motiviert dazu, nicht allein für sich selbst zu leben, sondern auch für Gott und den Mitmenschen. Und für diese Trias christlichen Lebens und Glaubens ist das Maß der Begeisterung nie erfüllt. Es lohnt sich vielmehr, sich immer wieder dafür begeistern zu lassen und offen dafür zu sein, sich in der Gemeinschaft der Mit-Begeisterten gegenseitig anzustecken. Gerade in einer Phase, in der die öffentliche Stimmung angesichts der Entwicklungen der Pandemie am Boden liegt, werden positiv begeisterte Menschen gebraucht.

Neue Erkenntnisse

Trinitatis, 30. Mai

Jesus antwortete Nikodemus: Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden.Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. (Johannes 3,7–8)

Gott hat sich uns Menschen offenbart. Daran glauben wir. Zu Weihnachten feiern wir dies in der Fokussierung auf Jesus Christus. Und am heutigen Trinitatisfest wird der Gedanke der göttlichen Offenbarung auf das dreieinige Wesen Gottes ausgeweitet.

Doch trotz dieser Betonung der offenbarenden Zuwendung Gottes bleiben sein Wesen und Handeln immer auch Geheimnis. Das Johannesevangelium hat ein Gespür für diesen Zusammenhang. Im Dialog Jesu mit dem Pharisäer Nikodemus leuchtet dies auf: Der in Christus fleischgewordene und im Gespräch nahbare Logos verweist auf die Unverfügbarkeit Gottes. Der theologisch gebildete Nikodemus stellt Jesus sozusagen stellvertretend für uns Fragen zur Gottheit Gottes. Denn so theologisch gebildet oder religiös wir auch sein mögen, mit Gott werden wir nie fertig. Er wird immer Gegenstand unseres Suchens, Forschens und Ausrichtens bleiben.

In diesem Nicht-fertig-Sein mit Gott liegt zugleich eine vitalisierende, ja innovative Kraft: das Moment der Erneuerung. Weil wir mit Gott nie fertig sind, sind wir auch mit uns nie fertig. Die Augenblicke der Rast und Ruhe, die wir im Leben erfahren, sind verbunden mit neuen Impulsen unserer eigenen Selbstwerdung, unserer Selbsterneuerung. Diese Impulse sind nicht immer leicht zu spüren. Deshalb haben wir nicht selten das Gefühl, dass wir auf der Stelle treten. Doch wie das Sausen des Windes bei aller Unverfügbarkeit hörbar ist, gibt es auch in unserem Leben Impulse, die offen für die Zukunft eine Chance der eigenen Erneuerung bergen.

Der Glaube fungiert auf dieser Reise in das Fremde, Unbekannte als Innovationsmotor und bietet zugleich Halt. Denn auch wenn wir mit Gott nie fertig sind und er uns zeitlebens Geheimnis bleibt, können wir Gott vertrauen und mit ihm unser Leben führen. Dies gilt auch in den Augenblicken und Prozessen unserer eigenen Erneuerung. Deshalb werden wir im Verweis auf Nikodemus ermutigt, weiter Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Im schlechtesten Fall bleibt unser Suchen ohne die gewünschte Erwiderung. Aber im besten Fall wird uns eine neue Erkenntnis offenbart – über das Geheimnis Gottes oder über das Geheimnis unserer selbst.

Mündige Christen

1. Sonntag nach Trinitatis, 6. Juni

„Da trat zu Jona der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieserGott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. (Jona 1,6)

In der Erzählung von „Jonas Flucht vor Gott“ kommt es zu einer seltsamen Szene: Nachdem Gott das Unwetter über das Schiff kommen lässt, wenden sich alle Passagiere an ihren Gott, um für die Stillung des Sturms zu beten. Jona, der seinem Gott entfliehen will, tut dies dagegen nicht. Er schläft lieber. Deshalb tritt der Kapitän an ihn heran und bittet ihn, sich seinem Gott zuzuwenden und Fürbitte zu leisten – in der Hoffnung, dieser könne sie vor dem drohenden Untergang retten. Diese Szene spiegelt das vom Polytheismus geprägte Weltbild des Alten Orients. Dieses ist zwar nicht das unsrige. Aber in der Erzählung tritt ein Moment auf, das nicht nur als ein Element des Gottesdienstes bekannt ist, sondern auch im persönlichen Gebetsleben einen Platz hat: Fürbitte und Fürsprache.

Wenn wir uns im Gebet vor Gott für andere stark machen, für sie eintreten und ihre Anliegen zu Gehör bringen, üben wir nicht nur religiöse Solidarität. Vielmehr tragen wir einer Bestimmung Rechnung, die allen Gläubigen verheißen ist: Wir sind Priesterinnen und Priester.

Die Reformatoren Martin Luther und Johannes Calvin haben bei ihrer berühmt gewordenen Rede vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ ja an etwas anderes gedacht, als es landläufig in der Kirche interpretiert wird. Darunter verstanden sie zuvorderst nicht, dass alle Christenmenschen predigen sollen. So sehr dies Protestanten sympathisch und in der evangelischen Kirche auch zu fördern ist, mit der Formel vom allgemeinen Priestertum meinten die Reformatoren etwas anderes: Unter Bezug auf Christus, unseren Hohenpriester, der durch sein Leben und Sterben zum wahren Mittler zwischen uns und Gott geworden ist und der für uns alle vor Gott Fürbitte leistet, haben auch wir die Möglichkeit, direkt vor Gott zu treten. Eine externe Vermittlung durch die Kirche ist also nicht nötig und nicht möglich. Denn durch Christus stehen Gläubige unmittelbar vor Gott.

Hierin liegt ein Kerngedanke der „Freiheit eines Christenmenschen“ begründet, den Luther in seiner Programmschrift von 1520 skizzierte. Weil sie einen direkten Zugang zu Gott haben, sind alle Gläubigen in der Lage, vor ihn zu treten und für andere Fürbitte zu leisten. Unser priesterlicher Dienst besteht deshalb zuvorderst darin, sich vor Gott zum Fürsprecher der Mitmenschen zu machen. In dieser individuellen priesterlichen Funktion ist eine Dimension religiöser Mündigkeit enthalten, deren Wahrnehmung Ausdruck christlicher Freiheit ist. Nicht nur, aber gerade zu Zeiten der Pandemie, in der körperliches, seelisches, existenzielles Leid so offen zu Tage tritt und viele Menschen in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft trifft, gilt deshalb auch uns der Ruf des Schiffsherrn: „Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben.“ 

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Foto: Mario Brink

Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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