Zeitgeschichte

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Porträt einer Kaiserin

Sie war rückwärtsgewandt und reaktionär. Das Urteil fällt der ausgewiesene Kenner der Hohenzollernfamilie, Jörg Kirschstein, über Auguste Victoria (1858 – 1921), die Ehefrau von Kaiser Wilhelm II., „aus heutiger Sicht“, wie er in seinem Porträt einer Kaiserin schreibt. Und doch hat es Auguste Victoria keineswegs verdient, dass man sich nicht für sie interessiert. Denn Auguste Victoria, im Volksmund auch „Kirchenjuste“ genannt, diese auffällig gekleidete Frau hat sich auf Fotografien mit ihren überlangen Perlenketten und der berühmten Ballonfrisur nicht nur optisch ins Gedächtnis geschrieben.

Nein, sie war zu ihrer Zeit populär, hat mit ihrem ausgeprägten sozialen Engagement und dem Bau zahlreicher Kirchen hohes Ansehen genossen. Noch heute tragen viele Kirchen und Einrichtungen ihren Namen. Zum 100. Todestag der Monarchen-Gattin hat Jörg Kirschstein, Kastellan im Schloss Babelsberg, bislang unerschlossene Quellen für sein Porträt gesichtet, Briefe an Auguste Victorias Vater oder das Tagebuch der Oberhofmeisterin Gabriele von Alvensleben. Und so zieht das Buch Seite für Seite die Leser in seinen Bann. Kirschstein beschäftigt sich mit Auguste Victoria in all ihren Facetten: von ihrer Kindheit und Jugend in Gotha und Primkenau, ihrer schwierigen Verlobung und Hochzeit mit Prinz Wilhelm von Preußen, über ihre Aktivität als Repräsentantin des Kaiserreiches, Ehefrau und Mutter und ihr kirchliches Engagement bis hin zu ihrem Tod.

Es war eine Liebesheirat und Wilhelm II. wusste, was er an seiner Frau hatte, schätzte ihre Güte, Treue und ihre Liebe, erfährt die Leserin von Kirschstein. Und doch fällt im Gespräch mit Reichskanzler Bernhard von Bülow der Satz: „Man merkt ihr immer wieder an, dass sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern in Primkenau.“ Dass die Kaiserin von einem übertriebenen Glaubenseifer geprägt war, schreibt der Hohenzollern-Experte. Schon in ihrer Kindheit und Jugend kam der religiösen Erziehung in ihrem streng lutherischen Elternhaus besondere Bedeutung zu. Diese legte den Grundstein für ihr späteres Engagement. Friedrich von Bodelschwingh gehörte 1888 zu den Gründungsmitgliedern des unter Auguste Victorias Schirmherrschaft stehenden „Evangelischen Kirchenhilfsvereins“. Auch die „Evangelische Frauenhilfe“ entstand 1899 auf ihre Anregung hin.

Seinen Reiz hat das Porträt einer Kaiserin auch als Zeitbild: die typische Erziehung einer Tochter aus hochadeligem Haus im 19. Jahrhundert, der Erste Weltkrieg, die Tage der Novemberrevolution 1918, der Verlust der staatspolitischen Macht mit dem niederländischen Exil. Jörg Kirschstein verbindet das alles wortgewandt und lebendig. Über 150 zum Teil bislang unveröffentlichte Abbildungen mit ausführlichen und wissenswerten Bildtexten dokumentieren das Porträt im Kontext seiner Zeit.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Zensiert

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Marcel Proust: eine Amor fou

Eine der vielen Neuerscheinungen anlässlich des 150. Geburtstags von Marcel Proust (1871 – 1922) im Juli behandelt die Liebe und Freundschaft zwischen ihm und dem Musiker Reynaldo Hahn. Anhand von Briefen und Skizzen hat die Autorin Lorenza Foschini rekonstruiert, wie sich eine Jugendliebe in eine lebenslange Freundschaft verwandeln konnte und Hahn in den Mittelpunkt der Suche nach der verlorenen Zeit rückte, ohne jemals genannt zu werden. Als sie sich in den Salons der mondänen Pariser Gesellschaft kennenlernen, ist Proust noch ein unbekannter, aufkeimender Schriftsteller, Reynaldo Hahn bereits ein gefeierter junger Komponist und Musiker, ein Wunderkind aus Caracas. Berühmt, schön und exotisch, dazu von jüdischer Herkunft, scheint er wie vorgesehen für Proust.

Für die jungen Männer von Welt war es Liebe auf den ersten Blick, eine Amour fou. Zwar stand die Homosexualität seit Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich nicht mehr unter Strafe, doch war sie gesellschaftlich nicht akzeptiert, auch wenn der Freundeskreis der beiden schönen und begabten jungen Männer Diskretion übt. So schwanken die Verliebten in dem Wissen, dass in England gerade Oscar Wilde für dieses „Vergehen“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, zwischen Schuld und Euphorie. In ihren Briefen reden sie sich oft in einer Geheimsprache an, die sich bis heute nicht endgültig dechiffrieren lässt, und stehlen diskrete Stunden auf Reisen in die Bretagne und Normandie. In einer Notiz zu den Guermtanes notiert Proust: „Unbedingt aufnehmen: Reynaldo, der vor dem Himmel einer Meereslandschaft Hérodiade singt. Nie könnte ich das vergessen.“

Aber Proust, der Tyrann in Liebesdingen, hat das absurde Verlangen, den geliebten Menschen voll und ganz zu besitzen, was krankhafte Folgen nach sich zieht. Verdächtigungen, peinliche Befragungen, Nachforschungen läuten nach zwei Jahren das Ende der Beziehung ein, Reynaldo ist erschöpft. Und Proust, der Eifersüchtige, beginnt eine Affäre mit einem jungen Mann – eine von vielen in Folge. „Unsere Freundschaft hat nicht mehr das Recht, hier etwas zu sagen, dafür ist sie jetzt nicht mehr stark genug“, schreibt Proust am Ende dramatisch.

Man begegnet sich weiter bei gemeinsamen Bekannten und acht Jahre später flammt die Liebe wieder auf. Doch der Krieg und die neue Gesellschaftsordnung schaffen Probleme, die Verhältnisse haben sich umgekehrt, nun ist Proust der gefeierte Romancier, ausgestattet mit dem Prix Goncourt, während der Stern des Musikers gesunken ist. Proust lebt krank und isoliert in seinen eigenen vier Wänden, der andere neigt zu Depressionen, es gibt kaum noch Begegnungen in der Öffentlichkeit. Nun, das zeigen Briefe, gelingt es ihnen, in eine dauerhafte Freundschaft zu wechseln. Am Ende erfährt Reynaldo Hahn als erster vom Tod seines Gefährten und eilt zu ihm, um die folgende Nacht Wache an Marcels Totenbett zu halten.

Und der Wind weht durch unsere Seelen – das hatte Hahn beim Kennenlernen an den Rand einer Partitur geschrieben, ganz im schwärmerischen Stil jener Zeit. Nicht viel ihrer Korrespondenz blieb erhalten, denn nach Marcels Tod verbrannte die Witwe seines Bruders einen großen Teil seiner Papiere, Fotografien und Briefe, um die „Schande“ der Familie auszulöschen, Prousts Homosexualität. Das gleiche Schicksal, aus gleichem Grund, ereilte einen großen Teil der Briefe von Reynaldo Hahn. Noch nach dem Ableben der beiden Protagonisten wurde ihre Liebe zensiert, verdrängt und ausgelöscht. Anhand der noch vorhandenen Schriften bildet diese Biografie einer Beziehung kein kitschiges Abbild intimer Briefe ab, sondern ist leicht und romanhaft erzählt. Plaudernd führt Lorenza Foschini durch 237 Seiten, die auch ein Weg durch die Suche nach der verlorenen Zeit sind.

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Engagiert

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Zeitzeugenbericht aus Israel

Israel ist ein notwendiger Staat. Auch deutsche Juden sagen, sie könnten dorthin, käme etwa die AfD an die Macht. Und ein unwahrscheinlicher, den unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 reguläre Armeen von fünf arabischen Staaten angegriffen haben, was er wider Erwarten vieler überstand. Der erfahrene Kriegsberichterstatter Arthur Koestler, seit der Abrechnung mit dem Kommunismus im Roman Sonnenfinsternis international bekannt, war als Zeitungskorrespondent von Anfang Juni bis Oktober dort. Was er erlebt und beobachtet hatte, schrieb er danach erneut auf: eine Mischung aus Reportage und Tagebuchnotizen, Reflexionen und Eindrücken von Begegnungen, die mit dem Titel Nahaufnahme die Mitte seines dreiteiligen, 1949 bloß auf Englisch erschienenen Buches Promise and Fulfilment. Palestine 1917 – 1949  bildet.

71 Jahre später liegt dieser Teil nun gut eingeleitet und mit editorisch erhellendem Nachwort erstmals auf Deutsch vor – und zugleich die Frage nahe, ob das nötig oder gar Gewinn ist. Sie erübrigt sich, was den starken Autor angeht, der zuvor in Spanien nur knapp aus einer Todeszelle Francos entkommen war – so sehr er später auch mit Parapsychologischem irritierte. Er war dicht dran, er hatte viele Kontakte aus früheren Aufenthalten und war mit eigener zionistischer Prägung dem jungen Staat zudem ideell verbunden, was er mehrfach auch redlich zum Thema macht. So ist er in seinem Bericht parteilich, aber nie parteiisch. Hinzu kommt ein Hauch von Abenteuer und erster Reihe: Als Reporter schöpft er aus dem Vollen und setzt häufig mit gelungenen Sprachbildern Akzente, die nachwirken.

Die anregende, fesselnde Lektüre ist pure Vergegenwärtigung. Die Wendung „Mit dem Rücken zur Wand“ ist dabei ein wiederkehrendes Motto, das historisch und geografisch überaus zutreffend ist, und zugleich auch ein Versuch, den Sieg über die Übermacht zu verstehen oder zumindest zu deuten: „Die Juden hatten keine andere Wahl, als dort zu bleiben, wo sie waren, oder unterzugehen. Genau diese Erwägung bestimmte die Strategie des Krieges auf jüdischer Seite.“

Dass die deutsche Ausgabe die Wendung zum Titel nimmt, ist triftig. Koestler illustriert und dramatisiert sie mit markanten Nahaufnahmen wie der von zwei Männern, die den Angriff einer syrischen Panzerkolonne auf einen Kibbuz mit aus nur geringer Entfernung geworfenen Molotowflaschen stoppen konnten: „Eine davon warf Shalom Hochbaum aus Kattowitz, der zwei Jahre zuvor nach Degania gekommen war, nachdem er fünf Jahr in Konzentrations- und Flüchtlingslagern verbracht hatte. Die zweite hatte Yehuda Sprung aus Krakau geworfen, achtunddreißig Jahre alt, Frau und zwei Kinder, zwölf Jahre in Degania, davor Jurastudent an der Krakauer Universität. Keiner von beiden hatte jemals zuvor einen Panzer gesehen.“ Ihre unvermeidliche Furcht erwähnt er ebenfalls, aber nicht um Helden zu stilisieren, sondern um die Kriegssituation aus jüdischer Perspektive spürbar zu machen. Dazu gehört auch die Abfuhr, die er bekam, als er sich kritisch äußerte: „Im Kampf ums Überleben ist Objektivität ein Luxus und Distanziertheit ein Verbrechen“, notiert Koestler da ins Tagebuch zum eisigen Verhalten der Leute aus Ein HaShofet, die er immerhin so gut von früher kannte, dass ihr Kibbuz Modellpate für die fiktive Kollektivsiedlung in seinem Palästina-Roman Diebe in der Nacht gewesen war. Zu der aktuellen, unselig vergifteten postkolionalistischen Israel-Debatte trägt das Buch allenfalls den Hinweis bei, dass die grundsätzliche Problematik im zionistischen Diskurs lange bekannt war. Allein, so Koestler, es blieb keine Wahl. Dem engagierten Zeitzeugenbericht ist die zeitliche Distanz wenig anzumerken, und dank der nun rahmenden Texte ist die gelungene Edition eine Art Kondensat des Buches, dem er entnommen ist.

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Frischer Wind

Frischer Wind

Auslegung Johannes-Apokalypse

Inmitten des immer bedrohlicheren Klimawandels und der Corona-Pandemie legt ein Naturwissenschaftler eine aktuelle, die Zeichen der Zeit reflektierende Auslegung der Johannes-Offenbarung vor: Das muss neugierig machen. Wilfried Kühling war Professor für Raum- und Umweltplanung an der Universität Wittenberg und bis Herbst 2019 Vorsitzender im Wissenschaftlichen Beirat des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Theologe war er nie, aber er war und ist protestantischer Christ. So steht er in der besten Tradition des „allgemeinen Priestertums“, wonach auch „Laien“ in Glaubensdingen mitzudenken und mitzureden haben.

Der Mut Kühlings, solch ein Buch zu veröffentlichen, bringt frischen Wind in die Auslegungsgeschichte des letzten Buches der Bibel – fernab einer Begrenzung durch die „historisch-kritische Methode“. Faktisch steht seine Studie in der Tradition des katholischen Physikers Bernhard Philberth, dessen internationaler Bestseller Christliche Prophetie und Nuklearenergie (1961) einst die Tatbestände der Atomkernforschung und modernen Kriegstechnologie den Prophezeiungen der Johannesoffenbarung Punkt für Punkt gegenübergestellt hatte. Kühling scheint aber jenes Buch ebenso wenig zu kennen wie das des katholischen Theologen Gregor Taxacher Apokalypse ist jetzt (2012).

Als Christ und Wissenschaftler sieht er sich zur Deutung unserer Zeit herausgefordert. Herausgekommen ist ein nachdenkliches, in seiner Mixtur originelles Buch, das mit seinen ebenso nüchternen wie besinnlichen, zum Teil ungewohnten Gedankengängen die Aufmerksamkeit reflektierter, auch ganz säkular orientierter Zeitgenossen verdient. Nicht um eine vollständige, sondern um eine exemplarische Auslegung der Johannes-Apokalypse geht es Kühling. Bezeichnend ist sein im Vorwort offengelegter Ausblick auf „eine zukünftig neue und verwandelte Welt, die erst entstehen kann, wenn das in uns wirksame Unrecht (oder Böse) als Kraft und Ursache des unangepassten Verhaltens der Menschen überwunden, ja beseitigt ist. Kann also eine ‚bessere‘ Welt ohne eine göttliche Befreiung aus menschlicher Verstrickung mit dieser Kraft nicht gelingen?“ Mit 1. Johannes 5,19 wird unterstrichen, dass „die Welt im Argen liegt“.

Anstößig mag auf die unbefangene Leserschaft wirken, wie ernst der naturwissenschaftlich Gebildete wiederholt und ohne Scheu den in der Offenbarung begegnenden Teufel als den „Versucher“ nimmt. Ihn treibt die Frage um, ob das Böse – auch in Gestalt böser Strukturen – in unserer modernen Welt mitsamt den rasant steigenden Bedrohungen des Lebens sich nicht tatsächlich am ehesten durch die Annahme einer finsteren Intelligenz erklären lassen könnte.

Auf dem Hintergrund moderner Physik, die um das Zusammenwirken der Komponenten Materie, Energie und Information weiß, überlegt er, welche geistigen „Kräfte hinter den entropischen, zerstörerischen Prozessen der Unordnung“ stecken könnten. Dabei wird hier nichts „mythologisiert“, sondern umgekehrt wird der moderne Mythos einer rein rational erklärbaren Wirklichkeit kritisch hinterfragt: „Es gibt eine Wahrheit, die tiefer reicht als die Wahrheit der Wissenschaft, auf der unser industrie- und technikgeprägtes Zeitalter (Anthropozän) beruht“. Nur bei entsprechendem Tiefenblick könne Wachsamkeit vor den Kräften des Bösen entstehen. In der Theologie selbst sei das Thema des Bösen ja schwer zu fassen und nicht abschließend geklärt.

Auf der Basis einer über vier Jahrzehnte sich erstreckenden Forschungstätigkeit in Sachen Umweltzerstörung analysiert Kühling die Verführbarkeit des Menschen, der seine Erlösungsbedürftigkeit zunehmend verkennt und auf mechanistisch-technologische Erlösungsmächte setzt. Die Diagnose lautet: „Unsere Gesellschaft gleicht einem havarierten Schiff, das stetig die Fahrt beschleunigt, dabei aber einen defekten Steuerapparat hat und der Katastrophe zutreibt.“ Bei alledem bleibt der Ton durchweg unhysterisch.

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Werner Thiede

Dr. Werner Thiede ist Professor apl. für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Autor der Broschüre "Die digitale Fortschrittsfalle", die im Pad-Verlag erschienen ist.


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Ambivalent

Ambivalent

Neue Biografie über Gerstenmaier

Eugen Gerstenmaier (1906 – 1986) ist den meisten als CDU-Politiker und langjähriger Bundestagspräsident in Bonn in Erinnerung. Das Anliegen der Dissertation Karl Brauers, die Gerstenmaiers Biografie bis zum Ende des „Dritten Reichs“ untersucht, ist es, den habilitierten Theologen, kirchlichen Mitarbeiter und schließlich christlichen Widerständler im Kontext des Kreisauer Kreises in Erinnerung zu rufen.

Herkunft aus dem schwäbischen Pietismus, Theologiestudium mit entscheidender Prägung durch Friedrich Brunstäd in Rostock, theologische Dissertation (1935) und Habilitation (1937), Mitarbeiter bei Theodor Heckel, Ludwig Müllers „Auslandsbischof“ im Kirchlichen Außenamt der DEK, 1939 kriegsdienstverpflichtet im Auswärtigen Amt (AA), seit Sommer 1942 subversive Verbindungen zum Kreisauer Kreis, Gestapo-Haft nach dem 20. Juli 1944 und durch Freislers Volksgerichtshof im Januar 1945 zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Das sind die wesentlichen Stationen dieser biografischen Rekonstruktion bis Kriegsende, und sie liest sich auf den ersten Blick recht schlüssig und folgerichtig: christlich motivierter Widerstand gegen Hitler aus dem Geist des schwäbischen Pietismus.

Aber diese faktisch doch sehr ambivalente Biografie eines bekennenden Lutheraners im „Dritten Reich“ erscheint am Ende allzu glatt gebürstet und zu zielstrebig ausgerichtet auf die tatsächlich erst spät einsetzende Teilnahme des Protagonisten am Widerstand. Kurz: Sie ist über Gebühr einseitig, eine veritable Wohlfühlbiografie, die der dargestellte Protagonist kaum besser über sich selbst hätte schreiben können. Da fehlt es an Distanz, an Multiperspektivität, auch an Quellenkritik; hingegen findet sich überreichlich Verständnis für angebliche „Zwänge“ und für Anpassungen an das NS-Regime. Das wirkt häufig exkulpatorisch.

Alles, was aus der postnationalsozialistischen Zeit als biografisch günstig erscheinen mag, wird stets sehr breit ausgeführt, Widersprüchliches und Problematisches wird indessen abgekürzt oder fällt völlig unter den Tisch. Man fragt sich schließlich auch, inwieweit ein Theologe wie Gerstenmaier, der 1936 in einem Brief von „barthianischer Verseuchung“ in der Bekennenden Kirche spricht, überhaupt zur Kirchenopposition zu zählen ist. Ein zweiter, bisher verkannter schwäbischer Bonhoeffer ist hier nicht zu entdecken. Da war doch sehr viel mehr Ambivalenz, Lavieren und Kollaboration im Spiel bei diesem jungen Theologen, der im Kirchlichen Außenamt der offiziösen, regimenahen DEK mitwirkte und später im Dienst des Auswärtigen Amtes manch fragwürdige politische „Mission“ im Ausland ausführte.

Die Einseitigkeit der Darstellung spiegelt sich in einer entsprechenden Auswahl von „Dokumenten“ im Dokumentenanhang. Die unverkennbar hohe Sympathie und über weite Strecken völlige Identifikation des Biografen mit seinem Protagonisten hat offenbar dazu beigetragen, dass er – ungeachtet seiner beachtlichen Forschungsleistung – in die hagiografische Falle getappt ist.

Überdies stellt sich die Frage, inwieweit nach der 500-Seiten-Biografie über Gerstenmaier von Daniela Gniss aus dem Jahr 2005 nach relativ kurzer Zeit eine weitere umfangreiche Biografie überhaupt notwendig war.

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In a god shape

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Welkers Anthropologie des Geistes

Ich mag diesen Stil: eine Melange aus bildungssatter Souveränität und jugendlicher Rauflust. Michael Welker schreibt kein EKD-Deutsch. Er markiert deutlich, was ihm nicht gefällt. Auch Autoren, mit denen er durchaus freundschaftlichen Umgang pflegt, kommen gelegentlich in den Schwitzkasten. Und alle Anhänger der Naturrechtslehre schickt er in Quarantäne und ins Homeoffice.

Ich mag auch die großen Linien seines Ansatzes, die in diesen Gifford Lectures – eine kleine Summe des Denkweges – deutlich werden. Seit Jahrzehnten kämpft Welker gegen die Engführung theologischer Theorieformate, die sich auf duale oder binäre Denkfiguren kaprizieren. Seine Ausfälle gegen dialogische Konzepte sind Legion. Derrida klagte gegen den phänomenologischen Dialogismus von Levinas bekanntlich die Figur des Dritten ein, seitdem hat sich auch in der Philosophie der Fokus geweitet, innerhalb der Theologie gibt es dagegen eine immer noch erstaunliche Beharrungstendenz, da die Widerfahrnis-Hermeneuten nach wie vor die zweite Person Singular hochhalten: Begegnung mit dem Du. Welker dagegen spricht mit Vorliebe vom multimodalen Geist und von einer Polyphonie der Freude.

Abstinent verhält sich Welker auch gegenüber christozentrischen Engführungen mit allen bekannten soteriologischen Folgeproblemen, davor haben ihn fraglos auch die interdisziplinären und interkulturellen Gesprächsdiskurse bewahrt. Zudem legen die Gifford Lectures den Auserwählten Fesseln an, weil der Diskurs im Sperrgebiet der natürlichen Theologie angesiedelt bleiben soll, der auf außerordentliche Offenbarungen Verzicht leistet. Und Welker ist ein Entfesselungskünstler von Format, wenn er von einer Anthropologie des Geistes spricht. Die nicht kleine Aufgabe besteht darin, „offenbarungstheologische Aussagen“ (etwa: Gott ist Geist) in für jeden nachvollziehbare „natürlich-theologische Aussagen“ zu übersetzen. Dabei wird auch der junge Hegel zum Assistenten mit Tenure-Track. Erfahrbar wird der „multimodale göttliche und menschliche Geist“ in inspirierten Praktiken für Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit und Frieden. Das soll eine realistische Theologie, für die Welker seit langem wirbt, leisten. Diese Kräfte sind als good vibrations Gegenkräfte gegen bad vibrations, die in der ambivalenten Lebenswirklichkeit durchaus anzutreffen sind und die Rede, Menschen seien Ebenbilder Gottes, fragwürdig machen. Über die innere Logizität des Kraftbegriffs hätte ich gerne mehr erfahren.

Viel früher als viele seiner Kolleginnen und Kollegen in seiner Alterskohorte hat Welker auch den Leib im Theorieformat seiner Theologie in den Blick genommen. Der body turn und der emotional turn waren ihm nie fremd. Einig bin ich mit Welker auch in Fragen der Selbstbegrenzung und Selbstzurücknahme als ethisches Programm, dass man deshalb heiße Empfindungen mit einem Malus versehen muss, leuchtet mir nicht ganz ein. Gehört nicht auch Hitze zu den Temperaturen des Eros? Andernfalls wird der Liebesbegriff auf die Dualität von Philia und Agape enggeführt. Dualität! Auch diese Dualität kann Welker in seinem engagierten Diskurs nicht wollen, bitteschön.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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Praxis

Praxis

Bestattung im Wandel

Gesellschaftlicher Wandel und Transformationen im Bereich der Bestattungskultur erzeugen zunehmend Reflexionsbedarf. Bestattende haben es mit Trauernden zu tun, denen kirchliche Traditionen zunehmend fremd sind, mit unterschiedlichen Milieus und Kirchenbildern sowie Musikgeschmäckern. Wie kann ein professionelles pastorales Handeln gelingen, welches die bestehenden Komplexitäten nicht erfolglos versucht aufzulösen, sondern in einen produktiven Umgang mit ihnen gelangt?

Lutz Friedrichs, Direktor des Evangelischen Studienseminars in Hofgeismar, legt eine Praxishilfe vor, in deren Zentrum eine Filmfigur steht: Mr. May. Dieser kümmert sich im Film „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit liebevollem Blick für Lebensgeschichten als funeral officer um Bestattungen. Das Bild eines „zarten Amtsbestatters“, der sich von den Bedürfnissen der Menschen leiten lässt, ist es, in dem der Autor eine Haltung entdeckt, die den Umgang mit den Anforderungen der Bestattungspraxis ermögliche. Dass die zentrale These des Bandes in Gestalt einer Filmfigur erscheint, erweist sich insofern als sachdienlich, als dass gerade das Ästhetische es ermöglicht, Komplexität in den Blick zu nehmen, ohne sie diskursiv aufzulösen.

Bestatten wird vom Autor als spezifische Form der Kommunikation des Evangeliums verstanden, und diese Perspektive soll auf ihre pastoraltheologischen Pointen hin befragt werden. Der Rekurs auf den Kommunikationsbegriff ermöglicht es, Bestatten nicht isoliert auf den Bestattungsakt hin zu begreifen, sondern im Sinne eines partizipativen und vernetzten Prozesses.

So hält Friedrichs beispielweise die Professionalisierung des Bestatterberufes im Rahmen dieser Vernetzung für bedeutsam, insofern ihr beratendes Dienstleistungsverständnis auch die Erwartungen an das kirchliche Trauergespräch präfiguriert.

Hilfreich erweist sich, dass der Autor die Bestattungspraxis eingebettet in Spannungsfelder beschreibt. So changiere zum Beispiel die Frage nach der Bestattung Konfessionsloser zwischen den Polen Kirchenrecht und Seelsorge. Handlungsspielräume entstehen, wo solche und andere Spannungen nicht einseitig aufgelöst, sondern wahrgenommen und ausgehalten werden.

Die wesentliche pastorale Rolle bestehe im Sinne eines Netzwerkers und das Bestatten wird so als spezifische Leitungsaufgabe begriffen. Ausgehend von der Filmfigur Mr. May gehe es darum, sich offen für die Geschichten der Menschen zu halten. In diesem Sinne seien wesentliche Elemente der Bestattungspraxis die Fürsorge (für die Toten), Netzwerkarbeit (unter den Hinterbliebenen) und Interesse an den Menschen.

Konkret werden die Praxisimpulse des Bandes durch die Präsentation einer Reihe von Best-practice-Beispielen wie etwa einer berührenden Liturgie anlässlich des Todes eines Kindes oder einer Heiligabendliturgie für Trauernde in einer Kasseler Friedhofskapelle. Den Auswirkungen der Pandemie auf das Bestatten wird behutsam tastend nachgegangen und kollektive Erfahrung der Verwundbarkeit dabei im Sinne eines Türspalts für das Religiöse aufgefasst.

Mutig ist an dem Buch vor allem, dass Friedrichs es inmitten all der Komplexitätsbeschreibungen dennoch wagt, goldene Regeln zu formulieren für diejenigen, die eine Mr. oder Mrs. May werden wollen. Erstens: Erinnere dich an etwas, das dich selbst getröstet hat (...) Oder viertens: Wenn du die Lieblingsmusik der Verstorbenen nicht kennst, höre sie dir gemeinsam mit den Hinterbliebenen an.

Vielmehr als eine To-do-Liste stellen diese Regeln eine Art Dekalog der inneren Haltung dar. Es geht um eine Hilfestellung zur individuellen Handlungsreflexion. Die Rezensentin erlaubt sich, eine elfte Regel hinzuzufügen: Lies dann und wann aufmerksam in dem Buch von Lutz Friedrichs.

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Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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Radikal

Radikal

Vom Ende des Gemeinwohls

Vom Tellerwäscher zum Millionär. Als verheißungsvoller Traum geistert dieses Motiv, es durch die eigene Anstrengung zu etwas zu bringen, durch Werke der Pop- und Hochkultur. Als moralischer Leistungsimperativ – leiste, übe, arbeite – bestimmt er unsere kollektive Auffassung von Leistung. Und als meritokratische Überzeugung, individuell für das eigene Schicksal verantwortlich zu sein, prägt die Vorstellung einer notwendigen Leistung-Verdienst-Folge, so Michael Sandels Ausgangsvermutung in Vom Ende des Gemeinwohls, unsere gesamte gegenwärtige Leistungsgesellschaft.

Der amerikanische Moralphilosoph Michael Sandel geht in seinem Werk zentral der Frage nach, wie solch meritokratische Überzeugungen die Gesellschaft formen und welche Folgen sie haben. Dabei zeigt er erstens auf, wie sie individuellen Überheblichkeits- und Verzweiflungsmentalitäten den Weg bereiten: Denn wer sich seinen Erfolg selbst zuschreiben will, muss umgekehrt auch seinen Misserfolg allein verantworten.

Zweitens prägen meritokratische Denkmuster gesellschaftliche Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit: Denn wo jede ihres eigenen Glückes Schmied ist, hat diejenige, die aufgrund ihres Bildungsstandes, finanziellen Einkommens oder politischer Macht an der Spitze der Gesellschaft steht, ihren Status ebenso „verdient“ wie diejenige, die an deren Rand steht. Entsprechend sei es nur gerecht, jede ihrem selbstgewählten Schicksal zu überlassen und auf gesellschaftliche Kompensationen oder Förderungen zu verzichten. Gemeinsam bildet beides einen Teufelskreis, so Sandel, in dem die Meritokratie ihre Tyrannei entfaltet: Individuelle Überheblichkeits- und Verzweiflungsmentalitäten untergraben den Sinn für das Gemeinwohl, befördern Ausschlüsse aus der Solidargemeinschaft und vertiefen dadurch gesellschaftliche Spannungen zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ – diese gesellschaftlichen Entwicklungen speisen umgekehrt individuelle Überheblichkeit und Verzweiflung.

Anschließend erörtert Sandel, was dieser meritokratischen Negativdynamik entgegenzusetzen wäre. In tugendethischem Gestus schlägt er vor, gesellschaftlich ein neues Gefühl für die „Zufälligkeiten des Lebens“ zu etablieren. Erfolg ist eben nicht allein von der Leistung des Einzelnen abhängig – keine Person kann etwas dafür, in welches Umfeld sie mit welchen Fähigkeiten geboren wird. Diese Einsicht bereitet den Boden für Demut und Solidarität und eröffnet einen neuen Blick auf das Gemeinwohl. Zur Förderung dieses Gefühls schlägt Sandel konkrete politische Reformen im Bildungs-, Finanz- und Arbeitswesen vor, die von der Etablierung eines akademischen Losverfahrens über die Besteuerung von Erbschaften und Finanztransfers bis zu einer Erneuerung der Würde der Arbeit reichen.

Sandels Buch zum Ende des Gemeinwohls ist mit seinen vielen, anschaulichen Beispielen sehr zugänglich und eröffnet eine relevante Perspektive auf die Schattenseiten der Leistungsgesellschaft. Wenn er gegen die tyrannischen Folgen der Meritokratie einen grundprotestantischen Gedanken ins Feld führt – dass wir unser eigenes Schicksal nicht selbst in der Hand haben –,wirkt dies zwar nicht neu, aber bleibend radikal. Nicht zuletzt legt dies der Blick zurück auf die paradigmatisch anti-meritokratischen Thesen gegen Verdienste Luthers und deren weitreichende reformatorische Folgen nahe. Ob Sandel das Transformationspotenzial seines sozusagen säkulargewendeten Gnadengedankens in vergleichbarer Form entfalten und gegen den Widerstand der meritokratischen Tradition ins Feld führen kann – und ob seine konkreten Reformvorschläge die Radikalität seines Impulses transportieren können –, das bleibt fraglich.

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Max Tretter

Max Tretter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


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Aufbruch

Aufbruch

Zum Hören: alles über den Esel

Zweifelsohne wird in diesem Hörbuch-Porträt der Kulturwissenschaftlerin Jutta Person dem Esel gründlich nachgegangen, von den Ohren bis zu den Hufen, den echten und erdichteten Eigenschaften, seiner Bedeutung vom Lastenträger bis zum geschundenen Arbeitstier, dem potenten Sexsymbol bis zum dumpfen Verweigerer. So vielseitig und ambivalent ist seine Rolle, dass er seit Jahrtausenden eine stets neue besetzt.

Im goldenen Esel des Apuleius, einem der ältesten Schelmenromane der antiken Literatur, geht es um Verwandlung und Liebe, wie auch später in William Shakespeares Sommernachtstraum.

In Grimms Märchen Tischlein deck dich, Esel streck dich und Knüppel aus dem Sack wird der Esel zum gutmütigen Bricklebrit, der mit Gold zum Glück verhilft, während Friedrich Nietzsche ihn in Also sprach Zarathustra als stromlinienförmigen Mitläufer verewigt, der zu allem Ja sagt.

Bei den Bremer Stadtmusikanten ist er nicht stur, sondern mutig und empfiehlt den Aufbruch: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.“

Die Weihnachtsgeschichte wäre undenkbar ohne den Esel, da trägt er die Heilige Familie, heute oft nur noch Touristen. Er zieht Eselskarren und ist duldsam, die nutzfreie Liebe ist eine späte, endlich darf er sich bei uns auf Eselsfarmen ausruhen und einfach Esel sein.

Doch den Hörerinnen und Hörern wird nicht nur der Esel in der Literatur und Philosophie vorgestellt, auch dessen Evolution, seine Rolle in den Kulturen aller Kontinente. Der Schauspieler Frank Arnold liest das Porträt aller Grauen mit warmer Stimme und scheut sich nicht, deren Iaaah bisweilen herzhaft ertönen zu lassen.

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Alte Sünden

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The Black Keys: Delta Kream

Das Wiegen in den Hüften ist unvermeidlich. Füße ausstellen und dann wirklich Tanz kommen bei den forcierten Coal Black Mattie oder Mellow Peaches rasch hinzu. Der Körper erinnert sich: den Blues nicht unbedingt haben, aber spüren – als Weite, Ausgreifen, fluide Melancholie, verdichtet zu Stimmung, Flow.

Delta Kream serviert lupenrein elf Mississippi-Hill-Country-Blues-Standards, darunter sieben von den Legenden Robert Lee Burnside und Junior Kimbrough, den das Bluesrock-Duo The Black Keys besonders schätzt. Dan Auerbach (git, voc) und Patrick Carney (dr) aus Akron, Ohio, widmeten ihm bereits ein ganzes Album.

Dies ist ihr Zehntes, mit Eric Deaton (b), Kenny Brown (git) und Ray Jacildo (organ) an zwei Tagen nahezu live aufgenommen. Traumwandlerisches Zusammenspiel, magische Intensität, hypnotisch dichter Sound, im Kern rau und doch elegant, tanzbar. Stoff für die Juke Joints genannten Hill-Country-Kneipen. Der Körper erinnert Übereinstimmen im Flow und ein Freund Jugendsünden wie bekifftes Autofahren, dazu bretterlaut vom Kassettenrekorder aus den selbst montierten Bassreflexboxen ZZ Top, deren Texas-Blues-basierter Southern Rock von den Black Keys aber Meilen entfernt liegt. Bis der Freund so weit kam, hatte er indes erst jenen Jugendleiter aus den Knochen zu schütteln, der, obwohl nach 1945 geboren, in allem Schwarzen und im Blues besonders solid rassistisch den Teufel lauern sah. Eben allzu leibhaftig. An die legendäre Seelenkreuzung eines Robert Johnson, wo Entscheidendes gegen Inspiration und Stil zu tauschen war, konnte er sich erst nach der Begegnung mit Kierkegaard trauen. Denn der hatte die Folgerung des Apostels Paulus, wonach, was nicht aus dem Glauben gehe, Sünde sei (Römer 14, 23), logisch umgekehrt. Woraufhin mehr ging. Der Körper erinnert sich. Die Black Keys bieten dazu mit Burnsides Going Down South oder Poor Boy A Long Way From Home eine Liturgie, die im hügeligen Nord-Mississippi ebenso trägt wie im Sauerland oder auf jener Gefällestrecke zwischen Engelssturz, Golgatha, Wittenberg, Schleswig und dem „Institut für wissenschaftlichen Atheismus“ in Berlin, damals noch Hauptstadt der DDR, wo Stefan Heyms Roman Ahasver dessen Wanderschaft und die seines Kumpels Luc in einem ominösen Hauswandloch heiter kulminieren ließ.

Der Körper erinnert sich und erkennt den literarischen Double zum Hill Country Blues von Delta Kream darin. Denn Ahasver wandert weiter und trifft Luc auf diesem Album nach langem wieder mal. Bewegung, die in sich ruht. Das Richtige ist mitunter verkehrt. Blues weiß darum. Er verbindet – wie alte Sünden. Und die Erlösung? Die muss warten, nicht jetzt. Wer ihm seit Hendrix oder Canned Heat nicht mehr gewogen war, kann mit diesem Tribut an ihn eine schöne Bekehrung erleben.

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