Werden im Vergehen

Mit einem Mal war wieder Leben an die öffentlichen Orte zurückgekehrt – und damit auch in die Ausstellungshäuser.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Wahre Besinnung

Wahre Besinnung

Chantal Acda: Saturday Moon

Eigentlich, erzählt Chantal Acda, wollte sie spartanisch arbeiten, „ein Mikrofon und nur ich im Raum, simple Vier-Minuten-Songs“. Aber dann fühlte sich die in den Niederlanden geborene und in Flandern lebende Sängerin und Songwriterin allein, und sie suchte wie bei älteren Alben „Austausch mit Menschen, die mich musikalisch begeistern“. Da kennt sie etliche, die wiederum uns faszinieren. 18 sind nun auf „Saturday Moon“ dabei: Gitarrengott Bill Frisell etwa, mit dem sie bereits arbeitete, und Rodriguez Vangama, aus New Yorks Downtown-Szene Shahzad Ismaily am sechssaitigen Bass, Eric Thielemans an den Drums. Piano, Trompete, Violine und Backgroundgesang kommen hinzu, was das verhaltene Album dennoch üppig macht. Acht Songs zwischen Indie-Picking-Kammerpop-Ballade und psychedelisierendem Ausreißer, die Chantal Acdas lautmalerischer Gesang und unscharf-präzise Lyrics in ein rasselndes Kaleidoskop gießen, das aufwühlt, beruhigt, in die Besinnung reißt und, ja, große Zuversicht ausstrahlt. Introvertiert ist daran nichts, nicht bloß wegen des Austauschs. Es sind wirkliche Songs, zugänglich und offen diesseits von ihr – vielleicht gerade weil sie darin einen Teil von sich zugelassen und gefeiert zu haben meint, der „eher chaotisch, unrational und impulsiv“ und von ihr bislang vernachlässigt worden sei: „Dieses Gefühl, sich gehen zu lassen, war großartig.“

Das Ergebnis ist konzentriert, eher leise, melancholisch lässig – und durchweg intensiv. Exemplarisch im bluesig schweren, manischen Ausreißer „Disappear“ („and the promising words aren’t here“) mit schillernden Guitarsynth-Sounds von Alan Sparhawk aus der US-Band „Low“ und dem Gesang seiner Frau Mimi Parker (man höre sich im Netz nur ihr Stück „In metal“ an – auf die Gefahr hin, von „Low“ nicht mehr loszukommen). Es beeindruckt, wie Austausch und Sein mit anderen zu sich kommen lässt und dies wiederum andern eigen sein kann. Chantal Acda ist dicht dran. Ihre Lyrics fließen zwischen Klang und Sinn, vermengen Sätze aus Beziehungsgesprächen, mutmaßlich, Briefen und Reflexion, die ausgeschnitten und versetzt Situationen kreieren oder nur skizzieren, aber prägnant. Aperçus – der Baum, das Holz, seine Anmutung, Wolfsmutter, Mond – und kleine Szenen werden Stimmung, innerer Monolog, Mitteilung: Verloren geborgen, der „Saturday Moon“ wird Raum.

Nur eine Frage scheint offen: Wie kommen wir auf Chantal Acda? – Wieso erst jetzt, müsste sie indes richtiger lauten! Durch Händchen, Empfehlung, Vertrauen und Erfahrung stünde jedenfalls im Arbeitsbericht: Chris Eckman, Ex-„Walkabouts“ und nun in Ljubljana, kennt sie schon lange und sprach über das Album mit ihr, in Gänze nachzulesen beim smarten Düsseldorfer Promoter Starkult. Das Label Glitterhouse aus Beverungen spricht eh für sich. Und auch wir sind nun da: „Saturday Moon“, zum Glück.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Waches Herz

Waches Herz

Barock mit Paper Kite

Reflexionen über den Dreißigjährigen Krieg in Dichtung und Musik – hier sind also nicht die australischen Indierocker Paper Kites, sondern hier ist das junge Bonner Ensemble Paper Kite am Start – mit einem zweiten Album, das die Ausrichtung der Gruppe auf die Musik des Frühbarock vertieft. Neben einem Werk des Musicus Poeticus Schütz wartet Paper Kite mit Komponisten auf, die allesamt der thüringisch-sächsischen Tradition der Generationen vor Johann Sebastian Bach zuzuordnen sind: Andreas Hammerschmidt, Johann Rosenmüller, Schützens Schüler Christoph Bernhard, Johann Philipp und dessen Bruder Johann Krieger sowie Philipp Heinrich Erlebach. Johann Kriegers „Abend-Andacht“ aus den „Neuen musicalischen Ergetzligkeiten“ von 1684 ist titelgebend für diese Auswahl, die sich nicht an einer liturgisch konzipierten Abend-Andacht der Zeit orientiert, sondern neben reflektierend-erbaulichen Texten den Schwerpunkt auf die Ich-Texte der Bibel legt: Hohelied- (Hammerschmidt) und Psalm-Vertonungen.

Dieser Ich-Ausdruck, das individuelle Moment, ist auch die große Stärke der CD und ihre pulsierende Kraft: Hier zeigt sich Sopranistin Marie Heeschen, um die sich ein Quintett aus zwei Violinen (Antonio de Sarlo, Rafael Roth), Cello (Guillermo Turina), Theorbe (Sören Leupold) und Orgel (Felix Schönherr) schart, ganz in dem einnehmend wandlungsfähigen Ausdrucksvermögen ihrer Stimme und ihrem klar konturierten, mitunter einem springenden Bergquell gleichenden, dabei aber immer mozartisch sinnlichen und weich strömenden Timbre. Ihr unaffektierter, die Sinne öffnender Umgang mit der Sprache und ihre sich an den Klang verschwendende – nicht verlierende – Hingabe verhelfen jedem Werk zu seinem ihm eingeschriebenen Kolorit. Dabei kann sich Marie Heeschen auf ein exzellent eingespieltes, jede ihrer Regungen aufnehmendes und sie sicher durch alle Fährnisse begleitendes Ensemble verlassen. Auch Thomas Dehler, der Zeitzeugentexte eines Söldners, eines Priors und von Andreas Gryphius einspricht, erweist sich mit Eindringlichkeit als Könner seines Fachs.

Insgesamt aber wirken diese elementar erschütternden Texte – entgegen der Intention der CD – artifiziell eingebunden und einer museal-historisch-akademischen Dramaturgie verpflichtet, die die Betroffenheit in den Konzertsaal bannt, statt der Gegenwart aller Geschichte Raum zu geben. Vielleicht hätte das in der Musik aufscheinende Memento Mori in unserer Wirklichkeit mit Stimmen aus Syrien, aus der Ukraine, aus häuslicher Gewalt, mit Obdachlosen … eine andere Dringlichkeit erfahren – die Musik hätte ihre Lebendigkeit und Kraft beweisen können. Dessen ungeachtet: Das neue Paper-Kite-Album ist viel farbiger als seine Aufmachung, lebendig wie der Mai und fährt mit wachem Wind durch die Alte Musik.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Bewegung

Bewegung

Neue Prosatexte

Theologie redet über Gott, und Theologinnen und Theologen hoffen, dass Gott dabei selbst zur Sprache kommt. Christian Lehnert hält sich mit seinem neuen Buch, in dem diesmal keine Gedichte, sondern kurze Prosatexte versammelt sind, nicht bei hermeneutischen Erörterungen über Gott als Sprachereignis auf und bewegt sich doch mit seiner lyrischen Prosa ständig darin. Die gelegentlichen Anspielungen auf Ludwig Wittgenstein wie auf Martin Heidegger wirken dabei nicht wie ein theoretischer Eintrag, sondern plausibel.

Mit deutlichem Abstand zur verfassten Religion und Kirche sucht der Dichter die Zwischenräume auf, in denen sich der Mensch aus den „Gehegen“ der religiösen und kulturellen Überlieferung in neue Räume bewegt, die noch nicht von bestimmten Erwartungen und vorschnellen Hoffnungen so geprägt sind, dass sich der Verdacht religiöser Kompensation prekärer Verhältnisse stets aufdrängt.

Als Wegweiser für diese Bewegung ins Offene dienen seit alters her die Engel, deren momentane kultische Hochkonjunktur sich der schon länger anbahnenden Krise in den monotheistischen Religionen verdankt. Engel sind „Sehhilfen“ und „Bewegungsformen“, als solche aber auch „Verunreinigungen“ des „einzigen Gottes“.

Ohne mit einer bemühten Definition dessen, was Engel sein können, den poetischen Charakter seiner Texte aufs Spiel zu setzen, folgt Christian Lehnert den Gesten, mit denen die transzendenten Wesen in das Offene weisen. Wie schon in seinen vorausgegangenen Büchern bezieht er sich auch hier immer wieder auf den Mystiker Jakob Böhme.

Das Offene als Ziel des Aufbruchs ist, wie es der Buchtitel Ins Innere hinaus schon angibt, das Innere. Das aber meint keinen planerisch bereits erschlossenen psychischen Bereich, der nunmehr auch eingenommen werden müsste. Vielmehr ist dieses Innere vor Fremdbestimmungen zu schützen und auch von der Selbstreflexion nicht einzuholen. Es setzt der Subjektivität des Menschen eine Grenze.

Bei solcher Betonung des Inneren liegt der Gedanke an die Esoterik nahe, mit der Lehnert ein entspanntes Verhältnis pflegen kann, solange auch sie sich ihrer Vorläufigkeit bewusst bleibt.

Doch hält sich der ehemalige Bausoldat in der DDR und spätere Pfarrer Christian Lehnert bei seinem Schreiben auch kein vorrationales trügerisches Menschenbild zugute, sondern bezieht sich als gewissenhafter Theologe auf Martin Luther, der in seiner Genesisvorlesung 1536 vom Menschen als einem vernünftigen und dichterischen Wesen spricht. Er sieht in Luther den noch spätmittelalterlichen Menschen, dessen Wahrnehmen und Denken, ja dessen Sprechen und Handeln sich nicht in der Trennschärfe bewegt, in der kein Übergang vom Diesseits zum Jenseits mehr möglich scheint. So weicht Lehnert von der Linie ab, mit der sich unter dem Stichwort „Entzauberung“ die neuzeitliche Wissenschaft vom Mittelalter trennen möchte.

Seine Texte beschreiben das Abheben des Menschen vom dem, der er wirklich ist, auf den hin, der er sein könnte. Der Mensch existiert in der Transzendenz und kann als überschreitendes Wesen auch in der Weggenossenschaft mit Engeln leben. Sie sind „fingierte Verkörperungen, Hypostasen seiner Freiheit“. So existieren in der Relation Gott-Mensch der Schöpfer und die schöpferische Kreatur zusammen. „Jeder Glaubende dichtet und bildet sich seinen Gott, seine Gottesvorstellung.“ Zum Glauben gehört die Poesie. Lehnerts Miniaturen sind teilweise gebunden durch Erzählzusammenhänge, grundsätzlich aber verbunden durch eine verstörende literarische Gestaltung. Sämtliche Texte wirken auf die Leserschaft so, als lägen ihnen Anfang und Ende schon voraus. Sie sind ein rhapsodisches Einschwingen in den „Gesang der Engel“, passagere Verbindungen der himmlischen mit der irdischen Welt. Ist solches Einstimmen denn noch in der Kirche, dieser so obsolet wirkenden Lebensform möglich?

Bei aller Distanz hält Christian Lehnert ihr doch die Treue, wenn er schreibt: „Die größte Gabe der Kirche ist, dass man in ihr gemeinsam schweigen kann. In der Stille wird das Wort beglaubigt.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Endlosschleife

Endlosschleife

Kaddisch für einen Gottessänger

Eine Metaphysik des Tanzes. Eine Metaphysik des Schwebens. Nichts weniger. Ja, es sind Leviathationskräfte, die beim Hören der Musik von Leonard Cohen auf den Leib überspringen, aber diese Musik ist kein wildes Tier, sondern sie tritt behutsam näher, wirbt zumeist scheu darum, den Raum zu füllen.

Nicht nur im Alterswerk, sondern bereits seit den Anfängen spürt man die Schwere gelebten Lebens, einen dunklen Grundton, der mitschwingt, der erschreckt und zugleich fasziniert, weil die mitreisende Freude doch die Oberhand gewinnt. Richtig. Man kann dieser Musik trauen, sich fallen lassen, um erhoben zu werden. Diese Dialektik, die allein durch die tragende Stimme ausgelöst wird, funktioniert auch dann, wenn man nicht präzise den Texten folgt. Die hermeneutische Kunst von Uwe Birnstein besteht darin, den spirituellen Kern der Texte behutsam ans Licht zu heben. Und die poetisch-religiöse Qualität, verdichtet präsentiert, lässt mächtig staunen.

Weil Birnstein die Biografie nur auf die spirituellen Schlüsselsituationen hin ablauscht, ist ein schmales, aber enorm erhellendes Buch entstanden. Cohens früh verstorbener Vater hatte bestimmt, zur Bar Mizwa solle der junge Leonard die in Leder gebundenen Bücher des mittelalterlichen Dichters Geoffrey Chaucer, die Werke von William Wordsworth und Lord Byron aus der Familienbibliothek geschenkt bekommen. (Heute traut sich niemand mehr, solche Geschenke zur Konfirmation zu machen, Geld oder digitale Technik, bitteschön). Fünfzehnjährig entdeckt Leonard in einem Antiquariat Gedichte von Federico García Lorca und dessen Seelengefährte Walt Whitman, diese Texte, die eine sexuelle Erfahrungsreise mit dem Gottesglauben in Verbindung bringen wollen, prägen neben der Bibel – er sei, so notiert er, „geboren im Herzen der Bibel“ – seine Textarbeit. Der tanzende und singende König David wird ihm zur Identifikationsfigur. Ein Psalm Cohens, vorzusingen.

Flowers for Hitler ist sein dunkelstes Buch, das mit Sarkasmus nicht spart. Leonard Cohen trifft sich zum Gespräch mit Hitler und ermahnt ihn wie ein pubertierendes Kind: „Bleib nicht die ganze Nacht wach und schau nicht Paraden auf Late-Night-Shows!“ Fünfzig Jahre später wirft dieser Satz ein helles Schlaglicht auf die aktuelle Situation in Amerika: Donald Trump, so wird kolportiert, habe begeistert vor dem Fernsehen gesessen, als seine Anhänger zum Capitol marschierten und den Aufstand machten. Cohens späterer Welthit „Dance me to the End of Love“, ein Favorit zur atmosphärischen Einstimmung auf Hochzeitsfeiern, hat, wie er in einem Interview verrät, einen dunklen Ursprung, denn in den Konzentrationslagern wurde von einem Streicherquintett aufgespielt, wenn die Nazis ihre Morde begingen. Birnstein spricht vom „Liebestanz im Feuerofen“.

Und auch das. Cohen will endlich die Lust im Christentum, mit dem er sich, wie auch mit dem Buddhismus, lange sympathisierend auseinandersetzte, heimisch machen: „Denk dran, als ich mich in dir bewegte, da bewegte sich mit uns der Heilige Geist. Und jeder unserer Atemzüge war ein Hallelujah.“ Ziemlich forsch. Und nicht ganz ohne Komik vorstellbar.

Seine letzte CD habe ich einen ganzen Vormittag, als die Meldung seines Todes kam, in einer Endlosschleife angehört und noch vor dem Mittagskaffee heiter getanzt. Thanks for the dance.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Privat

Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Predigten

Predigten

Niedersächsisch, erdverwachsen

Horst Hirschler, Jahrgang 1933, Hannoverscher Landesbischof von 1988 bis 1999, bis 2020 Abt des Klosters Loccum, liebt es, im Gespräch ganz nah ran zu gehen, fast wie ein Boxer im Ring. Er fasst den Anderen an, hält ihn fest und testet ihn auf Herz und Nieren: „Das ist doch nur Schaumschlägerei, was Sie da von sich geben!“ Wer ihn so erlebt hat, wird ihn nicht vergessen. Und genau so sind seine Predigten: Sie packen zu, mit beiden Händen und lassen nicht los. Nicht die Moden der Zeit, seine eigenen Erfahrungen, und vor allem nicht den, um den es geht, „den fremden Gast, der etwas Wichtiges mitzuteilen hat.“ Auch er wird in den Ring geholt: Was ist an Dir dran? Wer bist du wirklich? Kann man sich auf Dich verlassen? Der, der da „zwischen Marias Schenkeln lag runzlig rot“, wie Hirschler in der Christmette Kurt Marti zitiert. Nach wie vor kommen viele zu seinen Predigten.

Nicht um Begriffe geht es ihm, schon gar nicht um Theorien. Nein, das pralle Leben ist Thema, mit allem, was dazu gehört. Die Predigten platzen fast vor Konkretem, vor Beispielen und Geschichten. Ungeschönt und nicht übertüncht. Niedersächsisch erdverwachsen – und mit erhobenem Kopf in den Himmel blickend. Die Kriegszeit in Hildesheim, der Holocaust, Coventry. Der Tag der deutschen Einheit 1990, Afghanistan, Begegnungen, Alltägliches. Und in der Mitte des Buches die Predigt während der Trauerfeier anlässlich des ICE-Unglücks von Eschede 1998, Luthers Kehrung zitierend: „Mitten im Tod sind wir von deinem Leben umfangen, Christus!“ Ironie kommt auch nicht zu kurz, aber nicht aus Spaß am Gag – sondern um die so triviale Realität scharf schildern zu können. Da hatte er sich als Landessuperintendent in Göttingen jahrelang um das christliche Profil eines Krankenhauses bemüht. Doch dann wurden die Überstundenzuschläge für das Pflegepersonal abgeschafft: „Und plötzlich war die ganze Christlichkeit flöten.“ So banal ist das.

Dann auch Hirschlers persönliche Stationen: die erste Predigt als Landesbischof und als Abt zu Loccum. In seiner letzten als Abt wird erzählt, wie er einstmals Schlösser und Scharniere, die in seiner alten Wohnung in Lüneburg entsorgt werden sollten, im Kloster wieder einbaute. Für ihn als einen, der gelernt hatte, mit den Händen zu arbeiten, kein Problem. Vielleicht auch heimlich symbolisch gemeint: ein Anspielung auf das Amt der Schlüssel des Abtes? Sowieso immer wieder das Kloster Loccum: ein Ort, an dem es die ganz „selbstverständliche Erfahrung einer Gottespräsenz“ gibt. Den freien Stuhl, der nicht von einem Menschen besetzt werden darf.

Denn das ist der Kern: die Gegenwart Gottes inmitten der von Gewalt, Leid, Angst, Scheitern und Versagen erfüllten Schöpfung. Nichts wird geschönt. Und nirgendwo wird Gott als Puderzucker über das Leben gestreut. Warum braucht es solchen Zucker nicht? Weil er für uns in die Gottverlassenheit gegangen ist! Luthers Gebet im April 1521 auf dem Reichstag in Worms bringt es auf den Punkt. „Der hat ja richtig Angst, der Luther!“ Was Gott schenkt, da ist Hirschler in Worms dabei, ist innere Freiheit: das Loswerden der Sorge um mich selbst durch die Erfahrung der Geborgenheit in Christus. Dann mag die Welt voller Teufel sein.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Komfortzone

Komfortzone

Integration und Kirche

Wiedergabe einer Gesprächssequenz im Seniorenkreis: Eine Frau sagt: Wir sind Vertriebene, keine Flüchtlinge. Das ist etwas ganz Anderes. Eine zweite, mit gleichem Kindheitsschicksal, meint darauf: Aber man muss diesen Menschen doch helfen.

Wer sich fragt, wie es solche Differenzen unter Christen geben kann, der ist nach der Lektüre des vorliegenden Sammelbandes klüger. Denn die klare kirchenleitend-ökumenische Option für Schutzbedürftige 2015, die überzeugende „Evidenz und Mobilisierungskraft des biblischen Ethos“ sowie das seitherige Engagement vieler Christen in der Geflüchtetenhilfe sind nicht selbstverständlich. Schon die kirchliche Zustimmung zum sogenannten Asylkompromiss von 1993 als „Beitrag zum inneren Frieden der Gesellschaft“ verweist auf eine Gegenbewegung, in der nationale Interessen die Weite des christlichen Ethos begrenzen.

Die stärker systematischen wie die historischen Einzelbeiträge des Bandes lassen zwar eine gewisse Entwicklung hin auf „eine global ausgerichtete, authentisch christlich und humanitär agierende Kirche“ erkennen. Doch scheint die Ambivalenz bei diesem Thema immer wieder durch. Sei es bei der Remigration von traditionalistischen Böhmischen Brüdern aus Polen und der Ukraine in ihr „Vaterland“ nach 1945. Sei es bei der letztlich erfolgreichen Integration gutausgebildeter koreanischer Krankenschwestern, über die es in einer Aktennotiz des Diakonie Bundesverbandes 1966 hieß: „Nach anfänglichen Missverständnissen (sie hielten es nicht für ihre Pflicht, einmal mit dem Staubtuch über den Nachttisch zu fahren, sondern fühlten sich als Arzthelferinnen) seien sie freundlich, sauber, ehrlich und anstellig.“

Der Blick in die Zeitgeschichte offenbart immer wieder Muster und Stimmungen, die auch heute zu beobachten sind. Die Appelle der Augsburger katholischen Bischöfe zur Solidarität mit Flüchtlingen und Vertriebenen liefen bereits 1945 oft ins Leere – auch bei engagierten Gläubigen. Und schon 1949 stellte sich für den hannoverschen Landesbischof Hanns Lilje die Frage: Können die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren oder nicht? Verbunden mit der Unsicherheit, „ob es bei der kirchlichen Flüchtlingsarbeit um interimistische Hilfe geht oder ob eine komplexe Integrationsaufgabe ansteht“.

Ebenso interessant ist die These, dass die eher positiv konnotierte Entdeckung des Islam als Religion im christlich-muslimischen Dialog der 1970er- und 1980er-Jahre sich heute in ihr Gegenteil verkehrt hat. Jetzt wird die „religiöse Zugehörigkeit zum Islam“ oftmals zum „Integrationshemmnis“ stilisiert.

Dass der Band ein Fragezeichen hinter die Hauptüberschrift setzt, ist daher berechtigt. Nicht nur aufgrund des schwammigen Begriffs Willkommenskultur, sondern auch wegen der damit verbundenen pauschalen Selbstzuschreibung. Deutschland ist ein Land, in dem momentan „eine auf Großzügigkeit und Humanität angelegte Migrationspolitik in weite Ferne gerückt zu sein scheint“ und in dem etwa das „Kirchenasyl als Akt christlicher Solidarität“ weiter von Bedeutung sein wird. Auch „die seit Jahrzehnten erhobene Forderung nach einem Einwanderungsgesetz“ ist – noch immer – „nicht umgesetzt“.

Die Integration von Migranten bleibt ein wichtiges Handlungsfeld christlicher Akteure. Sie „reißt“, wie nach 1945, „die volkskirchliche Normalfrömmigkeit aus ihrer Komfortzone“.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Im Dreierpack

Im Dreierpack

Von Gott aus denken

Güterbahnhof, vegane Häppchen und Eisenbahntoiletten. Kann mit solchen Begriffen die Koordinaten der Theologie neu bestimmt werden? Bestens. Der Bochumer Systematiker Günter Thomas korrigiert in einem „langen Essay“ theologische Weichenstellungen vor allem der vergangenen Jahrzehnte. Waren sie zu ihrer Zeit plausibel, so zeigen heute Ansätze von Schleiermacher, Barth, Bonhoeffer, Sölle, Moltmann und Welker „Fehloptimierungen“ und „problemschaffende Lösungen“ mit fatalen Wirkungen für die Kirche.

Die durch Corona zugespitzten kirchlichen Krisen wie Organisation, Mitglieder, Finanzen sieht Thomas im Kern als theologisch-geistliche Krise. Das Wesentliche des christlichen Glaubens ist aus dem Blick geraten und geht im „Kampf der Welterzählungen“ unter. Daher erliegen Christen und Kirche in ihren Entscheidungen der eigenen Stärke (Vitalismus), dem Bedürfnis nach Ruhe (Neostoizismus) oder sie radikalisieren sich als verzweifelte Hoffnung.

Thomas entwirft eine Theologie der Lebendigkeit Gottes. Gott verwickelt sich und die Welt in sein „Weltabenteuer“. Im „Weltabenteuer“ hat Gott keinen festen Heilsplan, aber heilvolle „Aspirationen“ (Absichten/Ziele). Dennoch bleibt es auch für ihn riskant. Gott reagiert auf Menschen, lässt sich bewegen. Gott lernt dazu. Ja, Gott riskiert sich selbst (Inkarnation und Kreuz), versöhnt die Welt mit sich (Kreuz und Auferstehung). Er stellt die versöhnte Welt in den Horizont der ausstehenden Erlösung. Spannend, wie Inkarnation, leeres Grab und die Leiblichkeit der Auferstehung Jesu neu leuchten und theologisch fruchtbar gemacht werden.

„Das vom Geist Gottes getragene und getriebene Leben … lässt sich als die dynamische Einheit aus Glaube, Liebe und Hoffnung verstehen.“ Thomas denkt konsequent von Gott aus. Glaube, Liebe und Hoffnung sind keine dem Menschen eigene Tugenden. Es sind Gottes „Aspirationen“ für seine Welt. Kirche, im Raum zwischen Versöhnung und Erlösung unterwegs, soll tunlichst lassen, durch ihr Handeln die Erlösung herbeiführen zu wollen. Stattdessen hat sie schlicht, aufeinander bezogen, Glaube, Liebe und Hoffnung zu kommunizieren.

Diese Kommunikation wird in drei die Theologie neu orientierenden Abschnitten entfaltet: „Glaube ist die Entdeckung, in Gottes Weltabenteuer vorzukommen.“ Kirche ist mit Gott im Gespräch. Das und nichts anderes unterscheidet sie von anderen Welterzählungen. Das muss gesagt und gelebt werden. Gott wartet auf unsere Antwort, „Mission“ ist darum neu zu bestimmen, Mission als Konversion darf der Kirche nicht peinlich sein.

„Christliche Liebe ist eine späte Antwort auf Gottes radikale Feindesliebe.“ Gott liebt radikal, ohne seine Feinde zu vernichten. Menschliche Liebe kann und darf nicht radikal sein, sonst endet sie im Empörungsgestus oder in sich radikalisierender Gewalt. Diakonische Unternehmen können jesuanische Liebe nicht als Leitbild vor sich hertragen. Von Radikalität befreite christliche Liebe hingegen lässt das Licht der Erlösung im Zwischenraum aufblitzen.

„Gott hofft.“ Christliche Hoffnung antwortet darauf im Dreierpack: Christen hoffen menschlich-endlich auf Glück und Erfüllung. Hoffen radikal auf die Erlösung durch Gott, an der sie in keiner Weise mitwirken. Von radikaler Hoffnung inspiriert, stellen sich Christen dann aber getragen von verwandelter Hoffnung den Herausforderungen des Lebens. Wird Hoffnung so präzisiert, ist für Thomas eine theologische Aufarbeitung des Scheiterns von Sozialismus und Kommunismus überfällig.

Was das für das Leben im Weltabenteuer Gottes bedeutet, skizziert Günter Thomas abschließend in inspirierenden Skizzen. Er provoziert gezielt und kann gelegentlich Zorn kaum verbergen. Viele, die heute Verantwortung in der Kirche tragen, werden sich mit der eigenen Biografie wiederfinden. Eine äußerst lohnende Irritation – und Ermutigung, dürfen wir doch „Bastler“ bleiben.

Dass der Autor auf Anmerkungen verzichtet, erleichtert das Lesen für alle, die im Pfarramt wenig Zeit haben oder sich als Laien in kirchlichen Gremien orientieren wollen. Wer wissenschaftlich detaillierter einsteigen will, greife zu seinem Band Gottes Lebendigkeit, der das aktuelle Buch vorbereitet hat.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Gebannt

Gebannt

Ein dritter Weg zur Freiheit

Warum reden Protestanten so gerne von Freiheit? Schon nach der Einleitung des jüngsten Buches von Hans Joas versteht man: Sie können gar nicht anders. Denn jeder Religionsdiskurs ist in der Moderne in den Bannkreis der Freiheit geraten – so lautet Joas titelgebende Ausgangsthese. Wenn Freiheit die Signatur der Moderne ist, lautet die Gretchenfrage für die Religion: Wie hast Du’s mit der Freiheit?

Das Leitnarrativ hierzu bleibt die Philosophie Hegels. Joas argumentiert nun, dass die Idee eines sich in der Geschichte realisierenden Geistes und der damit mitgesetzte Richtungssinn für die Freiheits- und Religionsgeschichte heute nicht mehr überzeugen – und zwar links wie rechts: also weder als Überwindungsgeschichte der Religion im Dienst der Freiheit noch als Durchsetzungsgeschichte der Freiheit aus der Religion.

Für Joas steckt der Hegelianismus in der Sackgasse. Im Detail nimmt er vier Figuren des hegelschen Theorieerbes unter die Lupe: den intellektualistischen Religionsbegriff, die teleologische Geschichtskonzeption, das Freiheitsverständnis sowie die fehlende universale und globale Perspektive. In Auseinandersetzung mit diesen Aspekten, die das Buch in vier Teile gliedern, folgt Joas einem „dritten Weg“ in der Religionstheorie jenseits von Hegel und der provozierenden Religionspolemik Nietzsches – der allerdings erst im Schluss ausführlicher zu Wort kommt.

So ist das Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit Hegel. Seinem Intellektualismus begegnet Joas zunächst mit der Herausarbeitung eines neuen erfahrungsbasierten Religionsbegriffes um 1900. Der Teleologie Hegels stellt er sodann die Kontingenz der Geschichte entgegen – und damit auch die prinzipielle Umkehrbarkeit von Säkularisierung und moderner Freiheitsgeschichte. Dann führt er den Freiheitsbegriff Hegels weiter: Freiheit müsse in gelebter Gemeinschaft als verdankt erfahren werden, was Joas etwa im Werk Wolfgang Hubers ausgearbeitet sieht. Schließlich skizziert er eine historische Religionssoziologie, die den eurozentristisch-protestantischen Blick globalgeschichtlich weitet.

Jeder Teil bietet nach einer orientierenden Einführung mehrere Porträts religionstheoretischer Denker aus Philosophie, Soziologie, Theologie und Geschichtswissenschaft. Neben den Klassikern finden sich auch Überraschungen wie Alfred Döblin oder Werner Stark. Dass alle Theoretiker Männer sind, mag der Forschungsgeschichte geschuldet sein, fällt aber auf. Die vorgestellten Entwürfe bilden keine eigene Schule, zeigen aber deutliche Pfadabhängigkeiten: Kreuzungspunkte sind vor allem der Pragmatismus William James’ und das Werk Ernst Troeltsch’, bei dem „die Arbeit von Generationen religionshistorischer Forschung […] ihren Höhepunkt“ findet.

Gebannt folgt man dem theologisch-musikalischen Soziologen Joas bei seinen Erkundungen dieser „verdeckten Tradition“. Hilfreich ist, dass sich sowohl die Einführungstexte im Überblick lesen lassen als auch einzelne Porträts für sich verständlich sind. Es passt, wenn Joas sein Buch „ein Mittelding zwischen Monographie und Aufsatzsammlung“ nennt, das lediglich eine denkerische Zwischenetappe ist: Es bietet noch keine zusammenhängende eigene Theorie. Einstweilen schließt Joas mit einer Erinnerung an seine Figur der „affirmativen Genealogie“ von Werten, die er von Nietzsches Einsicht in die Kontingenz und Umkehrbarkeit von Werten ableitet.

Gegen Friedrich Nietzsches destruktive Absicht zielt er aber auf eine produktive „globalgeschichtliche Genealogie des moralischen Universalismus“, die an die Stelle der Geschichtsphilosophie Georg Friedrich Wilhelm Hegels zu treten habe.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Michael Greder

Hendrik Meyer-Magister

Dr. Hendrik Meyer-Magister  ist Studienleiter für Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Spiritual Care an der Evangelischen Akademie Tutzing.


 

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Normal digital

Normal digital

Medienethik im Diskurs

Die Digitalisierung erlebt in der aktuellen Covid-19-Pandemie einen regelrechten Boom: Von heute auf morgen ist Digitalität gelebte Normalität für Homeschooling, Kommunikation, Hobbys und Kulturerleben. Mit voller Wucht kommt der digitale Wandel auch in der kirchlichen Praxis an: Livestream-Gottesdienste, Seelsorge-Chats oder sogenannte christliche Sinnfluencer auf Instagram, YouTube, Snapchat, TikTok und Co. haben Hochkonjunktur. Kreativ und mit viel Engagement stellen Kirchengemeinden, Pfarrerinnen und Pfarrer ihre medialen und digitalen Kompetenzen unter Beweis. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, um das sich verändernde Medienverhalten theologischerseits genauer unter die Lupe zu nehmen und einen Debattenbeitrag zur Medienethik zu veröffentlichen.

Im Sammelband Theologische Medienethik im digitalen Zeitalter, der im Rahmen des DFG-Heisenbergprojektes „Ethik der Macht im digitalen Zeitalter“ entstand, haben Gotlind Ulshöfer und Monika Wilhelm zu diesem Zweck insgesamt 21 Aufsätze von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Disziplinen und Denominationen aus Deutschland, der Schweiz, Südafrika, Großbritannien und Neuseeland zusammengetragen.

In vier Hauptteilen wird der digitale Medienwandel theologisch-ethisch reflektiert. Grundlegende medienethische Verankerungen und theologische Deutungstraditionen angesichts der Digitalisierung diskutieren die Beiträge im ersten Teil. Für das Gesamtgefüge des Sammelbandes ist hier insbesondere Dion Forsters Verortung der digitalen Medienethik im Diskurs der Öffentlichen Theologie bemerkenswert.

Im zweiten Teil werden die traditionellen Reflexionsobjekte der Medienethik: Journalismus, Printmedien, Rundfunk, Film und Werbung angesichts des sich vollziehenden Medienstrukturwandels untersucht. Keine Erwähnungen finden in diesem Zusammenhang aktuelle mediale Phänomene wie private Nachrichtenkanäle bei Messengerdiensten oder die strukturelle Entwicklung hin zur videobasierten Echtzeit-Berichterstattung. Immerhin erweitern Roland Rosenstock und Ines Sura das Feld, wenn sie Aspekte der Game Studies religionspädagogisch fruchtbar machen. Ausgewählte Themenfelder wie „digital divide, fake news und digital surveillance“ werden im dritten Teil theologisch gedeutet und konzeptionell erarbeitet. Die binnentheologischen Deutungsangebote hierzu, wie beispielsweise Peter Kirchschlägers an Menschenrechten ausgerichtetes omni-dynamisches Gerechtigkeitsmodell oder Eric Stoddarts kreuzestheologische Interpretation von Überwachung, sind mal mehr oder weniger überzeugend. Kirchliche, diakonische und gesellschaftliche Anwendungsperspektiven kommen schließlich im vierten Teil in den Blick und beleuchten insbesondere die Schnittstellen kommunikations-, technik- und informationsethischer Fragestellungen.

Der Sammelband gewährt insgesamt einen grundlegenden Überblick über aktuelle medienethische Themenfelder. Die Diskursoffenheit und Pluralität der Beiträge machen deutlich, dass Digitalisierung die klassische medienethische Betrachtung übersteigt. Infolgedessen ist die bereichsethische Perspektive hinsichtlich der thematischen Überschneidungsmengen von politischen, wirtschaftlichen, technischen und sozialen Fragestellungen aufzufächern. Mit ihrem Vorschlag zur Entwicklung von „networked diaconic studies“ als Forschungsfeld, um Digitalisierungsfragen in ihrer Polydimensionalität wahrnehmen zu können, greift Gotlind Ulshöfer im letzten Beitrag dieses dem Sammelband zugrundeliegende Anliegen auf, wenn sie die relevante Debatte anregt, wie Digitalisierung in der Theologie verhandelt werden kann – jetzt, da digital normal ist.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Hannah Bleher

Hannah Bleher ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

abonnieren