Beziehungs-Reich

Beziehungs-Reich

Theologie der Schöpfung

Brauchen wir angesichts der vielen globalen Krisen eine neue Schöpfungstheologie? Diese Frage wird gegenwärtig nicht nur in diesem Magazin und dessen Website intensiv und kontrovers diskutiert. Auch im Juni vergangenen Jahres trafen sich rund achtzig Theologen und Theologinnen und theologisch interessierte Laien, um ihre geistigen und geistlichen Landkarten in dieser Frage zu vergleichen. Eingeladen hatten unter anderem Ruth Gütter vom Referat Nachhaltigkeit der EKD, Georg Hofmeister von der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen, Christoph Maier von der Evangelischen Akademie Sachsen Anhalt und Wolfgang Schürger von der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Landeskirchen. Sie haben nun gemeinsam ein Buch herausgebracht, das die Beiträge der Tagung dokumentiert.

Die Lektüre lohnt. Denn es geht ans Eingemachte, an die Kernfragen, die die gesamte Diskussion prägen: Ist Gott ein allmächtiger Gott, der als deus absconditus auch in all diesen Krisen wirkt? Wohnt dann einem engagierten Einsatz für Klimaschutz nicht ein unerlaubter Zug zur Selbsterhöhung und Selbsterlösung des Menschen bei? Oder ist Gott eine von vielen Kräften, die wirken, weshalb es geradezu eine Christenpflicht ist, die Wunden der Welt zu heilen oder zumindest den Versuch zu unternehmen?

Spannend, was die Alttestamentlerin Klara Butting in ihrem Beitrag dazu entwickelt. Ihre These: Gott ist nicht in erster Linie als allmächtiger Gott zu verstehen, sondern als Gott der Beziehung, der mit seiner Schöpfung leidet und den Menschen für sein Schöpfungshandeln und sein Erlösungshandeln braucht. In eine ähnliche Richtung argumentiert Jan Christensen, Pastor für Umweltfragen der Nordkirche. Schöpfung sei kein biblisch-systematisch erklärendes Woher der Welt, sondern „Hymnus, Segen und Erzählung“ – und eine Heilsvision. Dass dies Konsequenzen für die Rollenbestimmung des Menschen in dem Gesamtgefüge hat, ist evident. In einem komplexen Gefüge von Beziehungen und Abhängigkeiten ist kein Raum für einen Anthropozentrismus, der die Welt als Material sieht, das es zu beherrschen gilt. Die Stellvertretung Gottes durch den Menschen bestehe vielmehr in der Verantwortung für das Zusammenleben aller Kreaturen. So formuliert es Georg Hofmeister in seinem Beitrag.

Weitere Aspekte werden in den anderen Beiträgen behandelt, in der Regel sehr gut verständlich und dennoch mit Tiefenschärfe formuliert. Gewünscht hätte man sich den einen oder anderen theologischen Unruhestifter, wie zum Beispiel Günter Thomas oder Ralf Frisch, auf deren Beiträge in zeitzeichen immer wieder verwiesen wird, um sich dann doch davon abzugrenzen. Ein Streitgespräch mit einem von ihnen, wäre gewiss ein produktiver Störfaktor gewesen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Symbiose

Symbiose

Aufbruch in die Welt von heute

Die Geschichte des „lateinischen Christentums“ habe nicht nur die europäische Zivilisation tiefgreifend geprägt, sondern habe darüber hinaus eine wegweisende Bedeutung für die zukünftige Entwicklung. Das gelte vor allem für den Pluralismus der religiösen und politischen Kulturen, die sich auf dem Boden der lateinisch-christlichen Welt gebildet haben: „Nicht Einheitlichkeit, sondern Vielfalt … ist die einzig tragfähige Grundlage des Zusammenlebens in einer Welt, die immer näher zusammenrückt, an kultureller, vor allem religiöser Verschiedenheit aber nicht ab-, sondern zunimmt.“ Diese These durchzieht das ganze geschichtliche Panorama, das der Berliner Historiker Heinz Schilling für ein großes Publikum entworfen hat: wissenschaftlich fundiert und zugleich von politisch-kulturell orientierender Kraft.

Im Unterschied zur Frömmigkeit der byzantinisch-orthodoxen Welt prägte die paulinische Weltzugewandtheit des Gottessohnes den Charakter des christlichen Glaubens im lateinischen Europa. Sie bestimmte die Dynamik der Symbiosen und Spannungen zwischen Kirche und Kaiser, Politik und Religion von der Spätantike bis zur modernen Trennung von Staat und Kirche und der säkularisierten Welt von heute.

Schilling stellt die wechselnden Konstellationen der Konflikte vom Streit um den Primat zwischen Papst und Kaiser, über die gespannte Symbiose von Renaissance, Humanismus und Reformation und den kulturellen Kampf zwischen Aufklärung, Pietismus und Romantik lebendig mit konkreten Fallstudien dar. Und er zeigt in den Konfliktszenarien sowohl die Dynamik der christlichen Weltfrömmigkeit als auch den durchgängigen Zug zur Säkularisierung der christlichen Welt auf. Besonders das Zeitalter der Kirchenspaltung und des Konfessionalismus hat demnach den Pluralismus und die Säkularisierung der Lebensformen vorangetrieben.

Der erbitterte, jahrhundertlange Kampf zwischen Politik und Religion um Wahrheit und Vorherrschaft ist nach Schillings Verständnis nicht als Verschleiß und Niedergang zu begreifen, sondern eher mit Hegel als ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Das vorläufige Ergebnis: die Geltung der Menschenrechte, die Trennung von Staat und Kirche, der Kompromiss und die Pluralisierung der Gesellschaft als Friedensformel.

Für die Kirchen war der Prozess der christlich inspirierten Säkularisation zu einer „schwierigen Gratwanderung zwischen Öffnung und Verfallenheit an die ‚Welt‘“ und damit zu einer Daueraufgabe ums Überleben geworden.

Und die Zukunft? Der erreichte „Einklang von Säkularität und Religion“ wird durch den in Europa präsenten Islam „infrage gestellt“; auch die ostkirchliche Orthodoxie hat mit dem gesellschaftlich wirksamen Sauerteig einer „säkular aufgeklärten Religiosität“ große Probleme. Schillings Einschätzung dieser prekären Konstellation fällt freilich positiv aus; er schließt sich Jörg Lausters Diagnose an: „Dem modernen Staat“ gelinge es „besser als Rom, Wittenberg und Genf zusammen, die Ideale des Christentums zu verwirklichen. Die Moderne ist nur dann unchristlicher als frühere Epochen, wenn man das Christentum mit Kirchlichkeit identifiziert. Der göttliche Geist treibt jedoch das Christentum über seine ausschließliche Fixierung auf die Gestalt der Kirche hinaus.“

Der Welterfolg der kulturellen Symbiose von religiösem Glauben und sozialer Ethik in den demokratischen Gesellschaften und Verfassungen Europas werde nicht zu einer „Schubumkehr“ der Entwicklungsdynamik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation führen. Diese Prognose wird freilich von dem gegenwärtigen Krieg in Europa auf eine akute Probe gestellt. Die Lektüre dieser Historie führt mitten hinein in das Drama, in dem es um die Überlebensfähigkeit unserer Lebensart geht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Sympathisch

Sympathisch

Der Weg der Kirchengemeinde

Besonders aufregend klingt der Titel des Buches nicht, eher wie ein synodales Aktenstück. Aber Pohl-Patalong will keine grundstürzenden Thesen über eine völlig andere Kirche in die Welt setzen, sondern „ganz normale“ Menschen in kirchlichen Gremien zu einer verantwortlichen Reflektion über die Lage der Kirche anleiten. Entsprechend freundlich ist es geschrieben, ohne wissenschaftliche Distanzsignale (keine Fußnoten). Eigene Vorstellungen werden präsentiert, dominieren aber die Argumentation nicht – auch nicht das Konzept der „Kirchlichen Orte“, das herkömmlich mit dem Namen der Autorin verbunden wird. So enthält das Buch in acht Abschnitten, jeweils beginnend mit drei motivierenden Szenen aus der kirchlichen Praxis, vier (Arbeits-)Einheiten, die unter anderem in Seminaren eingesetzt werden können: Die jeweilige Herausforderung wird beschrieben; Hintergrundwissen geliefert; drei und mehr Handlungsalternativen werden entwickelt (von „weiter so“ bis zur radikalen Änderung) und Anregungen zur Weiterarbeit (wie anregender Fragen und eines biblischen Impulses) gegeben.

Abgesehen von Abschnitten zum ehrenamtlichen Engagement, zum Pfarrberuf und zu den „multiprofessionellen Teams“ konzentriert sich das Buch auf die Kirchengemeinde und ihre Grenzen – vor allem angesichts einer festzustellenden Überforderung. Kirchengemeinden seien in verschiedenen Ausprägungen zugleich Institution, Gruppe, Organisation und Bewegung, was zum Beispiel Fresh Ex-Experimente ein wenig gezwungen als Bewegung einsortieren lässt. Das vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD entwickelte Kirchengemeindebarometer (es wird mehrfach zitiert) erlaubt mittels der Verknüpfung dreier Sozialdimensionen (Gemeinschaft, Organisation, Marktorientierung) an dieser Stelle handhabbarere Unterscheidungen.

Festgehalten wird, wenn auch etwas arg am Rande stehend, dass das Ziel der Kirche, die Kommunikation des Evangeliums, eine funktionale Ausrichtung kirchlicher Arbeit am Erreichen von Menschen – und nicht die Fixierung auf spezifische Strukturen – erfordere. Besonders aufschlussreich in dieser Richtung sind Listen über die Kontaktorte zur Kirche aus der Sicht von Kirchenmitgliedern. Gerade deswegen ist allerdings unverständlich, warum die Diakonie nicht vorkommt. Die enorm große Bedeutung sozialer Aktivitäten für die Bindung der Menschen an die Kirche ist bekannt.

Einen Höhepunkt erreicht das Buch in der Entwicklung von fünf möglichen Modellen einer künftigen Kirche: Kirche als Ortsgemeinde, Kirche in der Region, Kirche im Gemeinwesen, „Kirchliche Orte“ und Fresh Expressions of Church. Ihre jeweiligen Stärken und Schwächen werden umfassend erörtert. Die Empfehlung lautet dann, sie sich selbst (mit Legosteinen) zu bauen, um sie sinnlich vorstellbar zu machen. Eine Präferenz gibt es nicht: Am Ende steht vielmehr das Plädoyer für eine fehlerfreundliche Kirche.

So bietet dieses Buch für die „Profis“ wenig Neues – hilft aber zur Gestaltung der so nötigen Debatten in Gemeinden und Gremien. Einiges wird man vermissen, so zum Beispiel die Diskussion der Milieugrenzen der Kirchengemeinden oder der so wichtigen Frage nach der Weitergabe des Glaubens wie auch nach organisatorischen Anreizen zur Kommunikation des Evangeliums außerhalb der angestammten Kreise. Sympathisch – wenn auch reichlich ernüchternd – die immer mal wieder eingestreuten Hinweise auf Forschungsdefizite, wie die Bemerkung, dass bisher erst ansatzweise untersucht sei, „was Menschen in verschiedenen Kontexten und Formen als Erleben des Evangeliums beschreiben und wie sie diese Erfahrung deuten.“ Diese eklatante Forschungslücke müsse in den nächsten Jahren gefüllt werden.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Kompendium

Kompendium

Krieg in Europa

Dieser Aufsatzband mit Texten zur Friedensethik, Friedenstheologie und Friedenspolitik wurde unmittelbar vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine veröffentlicht. Er wird damit jetzt zu einem willkommenen und klärenden Beitrag zu den kontrovers geführten Diskussionen über die Wahrnehmung friedensethischer Verantwortung in diesem Konflikt.

Der Autor der 28 in diesem Band zusammengestellten Texte, Ulrich Frey, ist weithin bekannt als eine der Schlüsselfiguren in der christlichen Friedensbewegung seit den 1970er-Jahren, vor allem in seiner Rolle als Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (AGDF) von 1972 bis 2000. Seine zumeist für Vorträge ausgearbeiteten und ursprünglich in Zeitschriften veröffentlichten Texte hat der emeritierte Theologieprofessor Gottfried Orth herausgegeben.

Der Band selbst ist gegliedert in zwei gleichgewichtige Hauptteile von jeweils zwölf Texten mit den Schwerpunkten Friedensethik und Friedenspolitik, zwischen denen ein kürzerer Mittelteil von vier Texten steht, die sich mit freiwilligen Friedensdiensten befassen.

Im Zentrum der Texte im ersten Teil zur Friedenstheologie und Friedensethik steht die Diskussion über das Leitbild des „gerechten Friedens“, das zurückgeht auf Impulse des ökumenischen konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung in den 1980er-Jahren und sich konkretisiert in der vorrangigen Option für die Gewaltfreiheit. Behandelt werden insbesondere die Dekade zur Überwindung von Gewalt; die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation 2011 und die Friedensdenkschrift der EKD von 2007; sowie das ethische Problem der Kriterien zur Legitimation des Einsatzes militärischer Gewalt im Rahmen von Auslands-einsätzen der Bundeswehr.

Schon 2005 hatte Ulrich Frey im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammen mit einer Arbeitsgruppe eine sorgfältige Argumentationshilfe zur Friedensarbeit unter dem Titel „Ein gerechter Friede ist möglich“ vorgelegt. Die zusammenfassenden Thesen dieser Publikation sind am Ende dieses ersten Teils noch einmal abgedruckt. Die dort vorgelegte Interpretation des Leitbildes vom gerechten Frieden als ein „offener, geschichtlich-dynamischer Veränderungsprozess mit immer neuen Anstrengungen zur Verminderung oder gar Überwindung der sich wandelnden Ursachen von Unfrieden …“ gilt für den ganzen ersten Teil.

Unter den Beiträgen im kürzeren Mittelteil zu Friedens- und Freiwilligendienst verdient vor allem der Vortrag aus dem Jahr 2005 über „Ziviler Friedensdienst – der Intelligenz der Herzen vertrauen“ Beachtung. Im zweiten Hauptteil über Friedensbewegung und Friedenspolitik finden sich einerseits drei sehr umfassende und informative Texte zur Geschichte der Friedensbewegung seit den Auseinandersetzungen über die Atombewaffnung in den späten 1950er-Jahren über die großen Friedensdemonstrationen 1981–83 im Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss bis zur Kooperation zwischen den Initiativen in Ost und West für eine neue Entspannungspolitik. Andererseits enthält dieser Teil sehr sachkundige, kritische Beiträge zum Thema der zivil-militärischen Zusammenarbeit in Konfliktgebieten, wie zum Beispiel Afghanistan; zur Problematik des erweiterten Sicherheitsbegriffs in der Politik der EU und der NATO und der Folgen für die zivile Krisenprävention; sowie einen Text aus dem Jahr 2016, der an die mittlerweile endgültig verpassten Chancen für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts erinnert.

Der Band wird abgeschlossen durch eine historische Übersicht. Sie ordnet das hier reflektierte Friedensengagement des Autors ein in die sich wandelnden politischen Bedingungszusammenhänge. Insgesamt zeichnen sich die Texte durch die klare Sprache des geschulten Juristen aus. Das Plädoyer für die Gewaltfreiheit prägt auch die Argumentationsweise, die sich wohltuend abhebt von der gegenwärtig zunehmend polemischen Diskussion zur christlichen Friedensethik.

Die Ankündigung des Bandes spricht von „Texten aus drei Jahrzehnten“. Hinter den hier vorgelegten Beiträgen stehen jedoch die reiche Erfahrung und differenzierte Sachkunde des Autors aus mehr als fünfzig Jahren engagierter christlicher Friedensarbeit. Der Band kann daher helfen, die oft kurzatmige und geschichtsvergessene öffentliche Diskussion über Krieg und Frieden, über Abschreckung oder Entspannung als sicherheitspolitische Optionen kritisch zu überprüfen anhand der hier in Erinnerung gerufenen Einsichten und Erfahrungen der vorangegangenen friedensethischen und -politischen Debatten. Das gilt auch und vor allem für die jüngere Generation, die unvermittelt und unvorbereitet mit der Herausforderung von Krieg und Frieden in Europa konfrontiert ist. Deshalb eignet sich der Band hervorragend als Kompendium oder Lehrmaterial für Seminare oder Bildungsveranstaltungen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Frage nach Freiheit

Frage nach Freiheit

Huber im Gespräch

Ob die Landschaft deutschsprachiger Systematischer Theologie noch von Grenzen zwischen theologischen Schulen durchfurcht ist – zwischen Bultmann-Anhängern, Barthianern, Liberalen Theologen und Politischen Theologinnen und Theologen, zwischen Heidelberger Verantwortungsethik und Münchner Ethischer Theologie – darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall sind Gespräche spannend, in denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der theologischen Positionen deutlich werden. Ein solches Gespräch ist den Autoren des Bandes Es geht vielmehr um eine Lebenshaltung, anlässlich des anstehenden 80. Geburtstages von Wolfgang Huber gelungen. Mit Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzender der EKD (2003–2009), Berlin-Brandenburgischen Bischof (1993–2009), Heidelberger und Marburger Professor (1980–1994) und Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1983–85), führten der Münchner Ethiker Reiner Anselm, der ebenfalls Münchner Praktische Theologe Christian Albrecht und der Göttinger Jurist und Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans Michael Heinig, ein „wissenschaftsbiographische[s] Gespräch“. Der entstandene Text gibt auf kurzweilig zu lesende Weise Auskunft über Hubers kirchenpolitische und theologische Positionen sowie Einblicke in biographische Stationen.

Die Anlage von Gespräch und Buch verortet Wolfgang Huber in der Tradition zu Dietrich Bonhoeffer, dem ein erstes Kapitel gewidmet ist. Die folgenden Kapitel behandeln theologisch-ethische Themen jeweils an der Schnittstelle von Hubers Wirkungsfeldern; es geht um den Freiheitsbegriff, Menschenrechte, Ethik, Staat, Kirche, Islam, Kirche und Demokratie, sowie (Öffentliche) Theologie.

Spannend sind dabei zunächst die anekdotischen Einblicke in Hubers Biographie: So erzählt er, wie er als promovierter Kirchenhistoriker zur Systematischen Theologie kam und wie Anfang der 1990er-Jahre die Entscheidung zwischen Kandidatur für ein Bundestagsmandat und dem Bischofsamt in Berlin-Brandenburg fiel. Das Kapitel zu „Staat, Kirche, Islam“ gibt Einblick in die Zusammenarbeit Wolfgang Hubers mit seinem Vater bei der Edition der Quellen zur Verfassungsgeschichte und zeigt so auch, wie Huber in seiner Habilitation zum Thema „Kirche und Öffentlichkeit“ eine eigene Position bezog. Die folgenden Gesprächsgänge machen anschaulich, wie sehr Huber als Bischof von dieser theologischen Arbeit profitierte, wie sehr hier also akademische und kirchliche Praxis zusammenhängen.

Lesenswert ist das Buch auch, weil es Hubers Position profiliert und Missverständnisse dieser Position thematisiert, gerade wenn es ums Thema Freiheit geht. So wird sehr deutlich, dass der deutschsprachige Protestantismus keineswegs erst mit der Demokratiedenkschrift zu einer Bejahung der Demokratie gefunden hat. Und Huber betont, dass es einer wohlverstandenen Öffentlichen Theologie keineswegs nur um Ethik, sondern grundlegend um theologische „Sprachfähigkeit“ geht.

Immer wieder werden in dem Gespräch die Unterschiede und Berührungspunkte von Hubers Verantwortungsethik und der Ethischen Theologie Münchner Tradition deutlich – diese konstruktive Auseinandersetzung macht einen besonderen Reiz des Buches aus. Die Frage nach der Freiheit – genauer: nach dem Verhältnis von Verortung der Freiheit im Individuum einerseits und sozialer Ermöglichung und Verwirklichung der Freiheit andererseits – zieht sich dabei durch die Kapitel. Dabei räumt Huber das Missverständnis aus, ihm sei Sozialität der Freiheit wichtiger als deren Individualität, indem er den Gegensatz beider im „Beziehungscharakter menschlicher Existenz“ aufgelöst sieht. Spannend ist hier auch der von Christian Albrecht angesprochene Zusammenhang zwischen dem „liberale[n] Prae für das Individuum“ und der „Option für den Schwachen“. Eine ausführlichere Thematisierung dessen kann man etwa vermissen, wo es im Kapitel „Kirche und Demokratie“ um den Umgang mit den (potentiellen) Wählerinnen und Wählern rechter Parteien, die digitale Präsenz der evangelischen Kirche und die Spannung von „Integrationspotential“ und „Fragmentierungspotential“ geht. Hier hätte das Prae für das Individuum ja gerade als liberales Plädoyer für die Ausdrucksfreiheit etwa lesbischer Frauen konkret und so die freiheitsgefährdende Dimension aller Integrationshoffnungen noch deutlicher werden können.

Insgesamt ist das Buch ein lesenswertes, weil spannendes und aufschlussreiches – und das sowohl bezogen auf Wolfgangs Hubers Theologie und Biographie, als auch bezogen auf die Traditionen Ethischer und Liberaler Theologie.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Florian Höhne

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik und Hermeneutik) an der Humboldt-Universität zu Berlin.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Lesenswert

Lesenswert

Von Gott reden – mit Gott reden

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Frage nach der Rolle der Kirchen, ihrer Präsenz und ihrer Systemrelevanz im Pandemiegeschehen aufbrechen lassen. Es sind auch bohrende Fragen nach Inhalt und Substanz ihrer Botschaft laut geworden. Kirchliche Repräsentanten beeilten sich zu versichern, dass Gott mit dem Covid-Virus nichts zu tun habe, dass man die Pandemie schon gar nicht als Strafe Gottes verstehen dürfe, dass Gott vielmehr immer auf der Seite der Leidenden, der Schwachen und Bedrängten zu finden sei.

Abgesehen davon, dass man gern erführe, woher die kirchenleitenden Religionsexperten das alles so genau wissen, mutet in der Folge jede religiöse Deutung des Geschehens als überflüssig und entbehrlich an. Zu Recht wirft Annette Kurschus, EKD-Ratsvorsitzende und Präses der westfälischen Landeskirche, im vorliegenden Buch die Frage auf, wer hier eigentlich wen retten soll: Gott die Menschen – oder diese Gott? Dass man in der Pandemie „der Wissenschaft“ folgen und vertrauen solle, konnte man auch ohne Gott und Kirche für vernünftig halten. Warum also weiter von Gott reden? Wie von Gott und wie zu ihm reden?

Mit diesen Fragen setzen sich die Beiträge des vorliegenden Bandes redlich auseinander, bei dem es sich gewissermaßen um einen Werkstattbericht aus der Evangelischen Kirche von Westfalen handelt. Sein Ziel ist es, das Gespräch in den Gemeinden und Kirchenkreisen anzustoßen, was auch das dokumentierte Votum des Theologischen Ausschuss der Landeskirche beabsichtigt. Allerdings kann man längst nicht mehr fraglos voraussetzen, dass angesichts der Pandemie überhaupt noch nach Gott gefragt wird, wie der Haupttitel suggeriert. Vielen Menschen sind nicht nur die Antworten auf die sogenannte Gottesfrage, sondern auch diese selbst abhandengekommen. „Die Frage nach Gott wachhalten: Das ist es“, so Kurschus, „was unsere Gesellschaft von der Kirche verlangen kann.“

Einleitend benennen der Bochumer Theologieprofessor Traugott Jähnichen und Vicco von Bülow, westfälischer Landeskirchenrat, die theologischen Fragen und Herausforderungen. Selbstkritisch notieren sie, dass es Kirche und Theologie „nur bedingt gelungen“ sei, „öffentlich wahrnehmbar ‚Beistand, Trost und Hoffnung’ zu vermitteln“. Tatsächlich muss man wohl, wie der Heidelberger Theologieprofessor Thorsten Moos in seinem brillanten Beitrag tut, von einer Fatigue sprechen, die Theologie und Kirche in der Pandemie erfasst hat. Seine „kleine Dogmatik Theologischer Fatigue“ ist ein wahres Kabinettstück.

Eine Besonderheit des Buches besteht darin, die Bedeutung des Gebets in der Pandemie neu bewusst zu machen, als Lob und Dank, aber auch als Klage und (Für)bitte. Gerade so gelte es, „Gott als Gegenüber neu zu entdecken und in die Pflicht zu nehmen“. Über die schöpferische Kraft des Gebets schreibt Kurschus in einem separaten Beitrag, der auf originelle Weise das Märchen von Dornröschen auf die Frage münzt, ob es nach dem Ende der Pandemie ein Zurück zur alten Normalität geben könne oder gar dürfe.

Weitere Beiträge zum Gebetsthema steuern Ralf Stolina und Carsten Haeske bei. Ersterer untersucht das persönliche Gebet, letzterer die Veränderungen des gottesdienstlichen Gebets in der Corona-Pandemie und somit eine öffentlich sichtbare Form religiöser Praxis.

Eine pandemische Weihnachtspredigt von Martin Treichel schließt den vorliegenden Band ab. Ihr Thema: „Ein Gott, der Hilfe braucht.“ Da ist er wieder, der Gott, der in uns und durch uns zur Welt kommen und durch uns das Gute in die Welt bringen wird, von dem man heute oft in der Kirche hört. So liefert der lesenswerte Band am Ende ein schönes Beispiel, an dem sich die von Kurschus aufgeworfene Frage durchspielen lässt: Wer rettet hier eigentlich wen?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Souverän

Souverän

Geschichte christlicher Mission

Jede Gesellschaft handelt aus, woran sie sich erinnert und welche Geschichte ihre Identität bestimmt. Gegenwärtig wird intensiv um eine neue Deutung des Kolonialismus gerungen. Es geht weniger um den Kampf für Gerechtigkeit für die „Dritte Welt“ wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, sondern um die Dekonstruktion weithin fortwirkender Rassismen in der westlichen Gesellschaft.

Jede engagierte Geschichtsbetrachtung, so berechtigt ihr Anliegen auch ist, riskiert, wesentliche Entwicklungen auszublenden und der vielschichtigen Interaktion der Akteure nicht gerecht zu werden. Wer etwa die neuzeitliche Missionsbewegung ausschließlich als Variante des Kolonialismus begreift, blendet die Menschen als eigenständig Handelnde aus. Man wird den Christen auf den südlichen Kontinenten kaum gerecht, wenn man sie lediglich als Opfer eines großen Verblendungszusammenhangs begreifen würde. Vielmehr haben ethnologische und historische Studien nachgezeichnet, wie Austausch- und Wandlungsprozesse den Prozess der Christianisierung prägen.

Das Buch von Bernhard Meier Die Bekehrung der Welt greift auf diesen neueren Forschungsstand zurück, ohne den Lesefluss mit theoretischen Diskussionen zu belasten. Das Buch ist ein Glücksfall. Souverän beherrscht es die Fülle des Stoffes, wobei die vorneuzeitliche Missionierung Europas, nicht aber Äthiopiens, Indiens oder Chinas einleitend skizziert wird. Der Professor für Europäische Religionsgeschichte schildert anschaulich, wie die christliche Mission einen kulturellen Transformationsprozess ausgelöst und dieser wiederum auf Europa zurückgewirkt hat. Erfrischender Weise beschränkt sich der in Tübingen lehrende Autor weder auf bestimmte Regionen noch Konfessionen, was zu interessanten Vergleichsmöglichkeiten zwischen katholischen Orden und evangelischen Missionsgesellschaften einlädt. Sein Interesse gilt weniger dogmatischen oder konfessionsspezifischen Gesichtspunkten, sondern den vielschichtigen Verflechtungen zwischen den Akteuren und unterschiedlichen Kontexten. Die Darstellung verschränkt dabei eine geographische Gliederung des Stoffes mit inhaltlichen Gesichtspunkten, was durch eine Aufteilung einiger Regionen auf unterschiedliche Kapitel gelingt. So wird der indische Kontext sowohl in Kapitel drei unter der Überschrift „Missionare, Händler und Gelehrte“, also auch in Kapitel zehn unter dem Thema „Mission als Motor religiösen Wandels“ behandelt.

Besonders erfreulich ist, dass die Darstellung die oft vernachlässigten arktischen Kontexte oder auch Russland miteinschließt. Dies ist nur möglich, weil große Zusammenhänge bündig dargestellt werden und es dem Autor gelingt, seinen ungeheuer komplexen Stoff elegant zu straffen. Er verzeichnet dabei jeweils treu die Aktivitäten der Missionare, was mit der Zeit etwas ermüdend wirken kann. So wird aber deutlich, dass diese anders als etwa Siedler oder Kolonialbeamten ihre ganze Arbeitskraft in das Erlernung der Sprache vor Ort und dem Verfassen von Grammatiken zur Übersetzung der Bibel investiert haben. Die neuzeitliche Missionsbewegung ist im Kern eine Übersetzungsbewegung, die Widerhall in unzähligen Sprachen und religiösen Kulturen gefunden hat.

Am Ende der Lektüre bleibt die Frage offen, wie die Menschen diese biblische Botschaft jeweils im Kontext ihrer eigenen Spiritualität interpretiert haben und wie es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitergegangen ist. Die Darstellung dieser Missionsgeschichte, die nicht mehr von Europa ausgeht, verlangt einen Fortsetzungsband. Gleichwohl dürfte im Kontext der gegenwärtigen Debatten um das koloniale Erbe und der Bedeutung der Missionen darin, dieses Buch schon jetzt zu einem unverzichtbaren Standardwerk gehören.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Hoffnung

Hoffnung

Heym: Vertonte Gedichte

"Ich aber ging über die Grenze“, schrieb Stefan Heym, nachdem er zu Beginn des Nationalsozialismus nach Prag emigriert war. Der als Helmut Flieg in Chemnitz geborene jüdische Schriftsteller und Journalist mit der abenteuerlichen Biografie, die ihn über Berlin, Prag, die USA, zurück in die DDR und schließlich nach Israel führt, berichtet in seinen frühen poetischen Texten vom Ersten Weltkrieg „Als mein Bruder ins Feld zog“, so beginnt das Gedicht „Schmerzliche Erzählung“. Heym erzählt von Duckmäusertum und Flucht, von politischem Frust und Weltschmerz. Zwischen 1931 bis 1935 entstanden diese Gedichte, von denen der Schauspieler Robert Stadlober anlässlich Heyms 20.Todestages einige ausgewählt und gemeinsam mit den Musikern Klara Deutschmann und Daniel Moheit vertont hat.

Kann man solche schwermütigen Gedichte überhaupt singen? Nun, indem das Trio der Tradition der Folk- oder Protestsongs folgt, klingt die CD „Vom Aufstoßen der Fenster“ seltsam vertraut. Harmonie und kein überflüssiges Pathos lassen Heyms Worte stets im Vordergrund stehen, der Gesang wird begleitet von Gitarre, Akkordeon, Blockflöte und Oboe. Es ist ein Hörbuch, das wirkt wie ein Musikalbum, dominiert von Heyms Lyrik, die nicht nur anklagend, anrührend, sondern auch romantisch daherkommt.

Der recht umstrittene Mann erfährt früh von Leben und Tod, von Hass, aber auch von der Liebe. „Du darfst nicht denken, dass ich schüchtern bin, ich kann nur manchmal nicht so, wie ich will“, schreibt der junge, verliebte Heym. Und so geben die Lieder auch den einzig guten Wunsch, der der Büchse der Pandora entflog, weiter, nämlich die Hoffnung.  

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Vollendete Magie

Vollendete Magie

José Afonso: Cantigas do Maio

Die eigenen Bildungslücken sind immer noch die schmerzhaftesten. Ich kannte José Afonso (1929–1987) bis vor kurzem nicht mal dem Namen nach und erfahre jetzt, dass er als der größte Musiker Portugals gilt, vielen jedenfalls, auch dem Musikmanager Nuno Saraiva. Der gründete das Label Mais 5 eigens, um seine Alben wieder erhältlich zu machen. Früher hätten wir ihn Liedermacher genannt. Gitarre und Gesang, mehr erst mal nicht. Afonso hat einen warmen, leicht kratzigen Tenor. Die Magie vollendet der Klang des Portugiesischen. Die Songs stehen in der Tradition von Volksliedern, Erntegesängen und Tänzen. Musikalisch geprägt haben ihn die Jahre in der alten Universitätsstadt Coimbra. Der Fado dort ist anders als jener in Lissabon, nicht knüppelhart fatalistisch. Er hält mehr an der Sehnsucht als am Wissen um deren Zerbrechen fest, in der Anmutung ein Amalgam aus Blues und Oper: „Das Lied derer, die ihre Illusionen bewahren und pflegen, nicht derer, die sie für immer verloren haben“, schrieb der Musikwissenschaftler Rodney Gallop 1936.

Musik, die offenbar Haltung befördern kann: Afonso gehörte zur linken studentischen Opposition gegen das faschistische Regime und blieb ihren Zielen treu. Liebe ist denn auch ebenso sein Thema wie Solidarität und Kampf für das Volk, das man mit nur vier Jahren Schulunterricht gezielt ungebildet hielt (was das Smartphone nun ungleich eleganter erledigt). Zum großen, auch für die Texte gerühmten Singer-/Songwriter wurde er, als 1968 Cantares do Andarilho erschien, nun Auftakt der ReRelease-Serie mit bislang vier Alben. Meisterwerk und legendär ist das vierte, die 1971 veröffentlichten Cantigas do Maio – Mai-Gesänge oder besser: Frühlings-, nein, Aufbruchsgesänge! An Instrumenten kommen Akkordeon, E-Gitarre, Orgel, Flöte und Trompete hinzu, nicht opulent, sondern organisch wohldosiert wie die umwerfende Percussion. Sie integriert feinsinnig Ethno-Elemente, die Afonso aus der Zeit in Angola und Mosambik kannte.

Wunderbare Chorgesänge gibt es ohnehin zuhauf, besonders ergreifend im von Marschschritten eröffneten Grândola, Vila Morena – du braungebrannte Stadt, Afonsos bekanntestem Lied („In dir ist’s das Volk, das die größte Macht besitzt,/Land der Brüderlichkeit:/Grândola!“). Ein Radiosender spielte es in der Nacht zum 25. April 1974 als verabredetes Signal für die Putschoffiziere zum Start der Nelkenrevolution. Ein Gänsehaut-Garant wie alle Songs der Platte, die einen perfekten Afonso-Einstieg bieten. Hürde ist die Sprache, doch im Netz gibt es Übersetzungen. Und wie sonst auch hilft das online-Wörterbuch der TU München (dict.leo.org). Den Rest verrät der Klang. Eintauchen!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Für die Jugend

Für die Jugend

Chick Corea nach Noten

Bei Chick Corea drängen sich schnell große Aufnahmen als Sideman von Miles Davis in den Sinn, allen voran das legendäre Album „In a Silent Way“ – oder im Trio mit dem begnadeten tschechischen Bassisten Miroslav Vitouš und Schlagzeuger Roy Haynes im Album „Now He Sings, Now He Sobs“. In diesem Jahrtausend hat der 1941 in Chelsea, Massachusetts, geborene und 2021 gestorbene Gründungsvater des Jazzrock mit dem genialen Gitarristen John McLaughlin und der gemeinsamen Five Peace Band auch als beinahe 70-Jähriger noch einmal groß aufgetrumpft. Dass man Solowerke für Klavier aus seiner Feder hört, ist eher eine Randerscheinung – aber eine, die beglückt, weil sie den Großmeister der Improvisation auch als konzentrierten Komponisten klassischer Couleur hörbar macht.

Chick Corea saß als Sohn eines Bandleaders frühzeitig am Klavier und genoss hier eine klassische Ausbildung, die ihn mit dem Repertoire der großen Meister vertraut werden und Vorlieben finden ließ: Mozart und Beethoven. Seine Mozart-Interpretationen führten ihn auch in klassische Konzerthäuser – unter anderem zum Münchner Klaviersommer, wo er mit dem legendären Friedrich Gulda gemeinsam spielte und mit ihm das Es-Dur-Doppelkonzert KV 365 aufnahm. Berührungspunkte gibt es also nicht nur in der Kindheit, sondern haben Chick Corea offensichtlich immer wieder zu den klassischen Meistern geführt.

Die auf diesem Album versammelten Werke, insbesondere die „20 Children’s Songs“, die Corea 1984 veröffentlichte, lassen diese klassische Bildung durchschimmern, aber sind frei von dogmatischer Zuschreibung wie alle Musik und alles Musizieren Chick Coreas, das ihn am ehesten mit Keith Jarrett verbindet und Komponieren und Improvisieren selbstverständlich miteinander verwebt. Was da zu hören ist – meisterhaft und mit feinfühligem Sinn für jedwede Nuance von dem im Erscheinungsjahr 1984 in Italien geborenen Roberto Franca eingespielt – ist ein wunderbar lebendiges, einfühlsam expressives „Album für die Jugend“ in schönster Verbindung aller Genres und Stimmungen, wütender und verliebter Melodien – vom Lernen und Wachsen, Stolpern und Tanzen, von Träumen und Tragödien in Fortschreibung künstlerisch ausgefeilter, gleichermaßen pädagogisch sinnstiftender Zyklen à la Robert Schumann und Béla Bartók. Dabei lässt Chick Corea durchaus den kongenialen Virtuosen, eigenwilligen Akkordzauberer und verwegenen Taktspringer durchscheinen, aber wahrt doch in aller schönen und wilden, dramatischen und drolligen Einzelheit zwischen Walzer, Weihnachtslied und Weltmusik die Schwelle distanzierender Komplexität, um der spielerischen Unschuld und dem Kind im Erwachsenen den Raum zu geben, der ihm alle Möglichkeiten schenkt. Es ist ein ganzer Chick Corea, der seine Wurzeln und Flügel hörbar und zugänglich macht als eine Schule der Musik schlechthin, die aus den Schubladen der Genres ein Meer der Möglichkeiten macht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

abonnieren