Spannend

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Wie Juden Jesus sehen

Dieses Buch ist verständlich geschrieben und spannend – trotz manch überflüssiger Redundanz. Entfaltet wird, wie sich Juden vom ersten bis zum 21. Jahrhundert mit der Person Jesu und mit dem Christentum auseinandergesetzt haben.

Rabbiner Walter Homolka ist Mitbegründer und Rektor des reformjüdischen Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam. Er zeigt, wie die Sicht der Juden auf Jesus immer auch ihre jeweilige Lage gespiegelt hat. So habe die Polemik der Rabbinen gegen das Christentum „nach der Christianisierung des Römischen Reiches und der Verschärfung der antijüdischen Gesetze“ begonnen und sei „als Ausdruck des Ringens um die Weiterexistenz“ des Judentums zu verstehen.

Im 19. Jahrhundert gab es Berührungspunkte zwischen der Leben-Jesu-Forschung evangelischer und jüdischer Theologen. Beide betonten die Bedeutung der Ethik in ihren Religionen und für den historischen Jesus. Trotzdem kam es zu keiner Begegnung. Denn liberale evangelische Theologen nahmen das Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts so auf, dass sie im protestantischen Christentum die höchste Entwicklungsstufe der Religion sahen. Und sie werteten daher nicht nur das Judentum zur Zeit Jesu ab, sondern ignorierten auch ihre jüdischen Kollegen.

Die Erschütterung über das Versagen der meisten Christen in der Nazizeit veranlasste nach dem Krieg einige christliche Theologen, den Dialog mit jüdischen Kollegen aufzunehmen, was in der Weimarer Republik nur wenige Protestanten getan hatten. Von den jüdischen Brückenbauern skizziert Homolka unter anderen Martin Buber (1878 – 1965), der Jesus als „meinen großen Bruder“ bezeichnete, und Schalom Ben-Chorin (1913 – 1999), der dies aufnahm und eigene Akzente setzte.

Wie ihre christlichen Kollegen stritten jüdische Theologen über den historischen Jesus. Dieser könne „nicht ermittelt“ werden, meinte der Basler Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich (1921 – 2007). Der Jerusalemer Neutestamentler David Flusser (1917 – 2009) war dagegen überzeugt, dass sich in den drei ersten (synoptischen) Evangelien „der historische Jesus und nicht der kerygmatische Christus“ findet.

Auch über die jüdische Jesusforschung in den USA, die vielen Deutschen nicht bekannt sein dürfte, gibt Homolka einen Überblick. Er erwähnt dabei auch die Kritik Michael Cooks. Der Professor für Jüdisch-Christliche Studien am liberalen Hebrew Union College in Cincinnati wirft anderen jüdischen Jesusforschern vor, die Evangelien unkritisch als historische Quellen zu akzeptieren und die Arbeit christlicher Neutestamentler zu wenig zu berücksichtigen.

Einen Rückfall in ein dogmatisches christliches Jesusbild sieht Homolka in der Jesus-Trilogie von Altpapst Benedikt. Er versuche nicht einmal, „die Juden als Glaubensgemeinschaft nach Christus zu verstehen, ihre Wahrheit wertzuschätzen oder gar aus der jüdischen Tradition zu lernen“. Von christlichen Theologen erwartet Homolka eine Christologie, die „ohne eine Karikatur des Judentums auskommt“, die „bleibende Erwählung“ der Juden und die „Willensfreiheit des Menschen“ ernst nimmt.

Aber die Herausforderung für Christen ist noch viel größer. Egal wie man die Frage nach dem historischen Jesus beantwortet, eines ist sicher: Jesus war Jude. Und daher kann er sich auch nicht als Gott verstanden haben.

Der niederländische Theologe Harry Kuitert (1924 – 2017), ein liberaler Protestant, hat für eine Christologie plädiert, die dem jüdischen Glauben Jesu an einen Gott gerecht wird. Kuiters 2004 auf Deutsch erschienenes Buch Kein zweiter Gott. Jesus und das Ende des kirchlichen Dogmas bietet so eine anregende Ergänzung zu Homolkas Buch.

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Vorbild

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Über Kirche als Schutzraum

An der Grenze zwischen den USA und Mexiko habe ich die Zeichen des Karfreitags gesehen: Zäune und Stacheldraht, scharf und grausam wie eine Dornenkrone.“ Aus Mittelamerika geflüchtete Menschen haben Heidi Neumark ihre Narben gezeigt. Ob diese Verletzungen als Belege der Verfolgung im Asylverfahren ausreichen würden? Zurück in New York berichtet Pfarrerin Neumark von ihren Erfahrungen. Die Kirchengemeinde beschließt, im Eingang der Kirche die Grenzmauer mit Leinwänden künstlerisch abzubilden. Damit will die Gemeinde öffentlich gegen ein unmenschliches Grenzregime protestieren. Aber stört ein derart politisches Zeichen nicht Gebet und Meditation?

„Bete nie in einem Raum ohne Fenster!“ Dieses Zitat aus dem Talmud eröffnet Neumarks anschließende Reflexion über das Beten. Beten in einem Raum mit Fenster – das bedeutet, dass Beten keine Flucht aus der Wirklichkeit darstellt, sondern die Verbundenheit mit der Welt vertieft. Durch das Fenster bleiben Herz und Verstand mit dem Leiden der Mitmenschen und der Mitwelt verbunden. Neumark: „Zum Gottesdienst gehe ich mit dem Bedürfnis nach Hoffnung und Inspiration, die aus Klage und Buße, aus Lob und Dank geboren werden – aber nicht aus Amnesie.“

Seit fast vierzig Jahren ist Heidi Neumark Pfarrerin der lutherischen Kirche in New York, zunächst in der South Bronx, dann in Manhattan. Ihre Gemeinde ist so divers wie das Viertel: eine Vielfalt von Sprachen und Kulturen. Menschen mit und ohne Jobs. Migranten aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Europa. Wohnungslose, Menschen ohne Papiere, Studierende.

In ihrem Buch erzählt die Theologin von ihren Erfahrungen als Gemeindepfarrerin. Ob es um die Begegnungen an der mexikanischen Grenze, einen von Sexarbeiterinnen geleiteten Gottesdienst, um die wohnungspolitische Segregation von Armen und Reichen, um die Geschichte der von deutschen Einwanderern erbauten Kirche oder die vielfachen Gewalterfahrungen von queeren und trans Jugendlichen geht – zu den Stärken des Buches gehört Neumarks Fähigkeit, ihre sozialen und politischen Wahrnehmungen mit biblisch-theologischen Reflexionen zu verbinden.

Wenn Trump gegen Flüchtlinge aus „shit hole countries“ Stimmung machte, erinnert Neumark an Jesus von Nazareth, der die Liebe zu Fremden und Marginalisierten predigte und lebte. Programmatisch formuliert sie gleich im ersten Kapitel: „Die Kirche muss sich für eine Seite entscheiden. Die Zeit, nett zu sein und milde und ausgewogene Statements zu verbreiten, ist lange vorbei. Ja, die Mitgliedszahlen sinken, die Einkünfte der Kirchen gehen zurück und Kirchenleitungen sind besorgt über die Zukunft der Kirche. Dabei ist doch klar, wo die Zukunft der Kirche liegt. Die Zukunft der Kirche ist bei einer trans Frau, die von ihrer Familie verstoßen wird. Die Zukunft der Kirche ist im Bauch eines Wales, der am Plastikmüll verhungert. Die Zukunft der Kirche ist bei dem Kind, das auf der Flucht im Rio Grande ertrunken ist. Wenn die Kirche nicht an diesen Orten der Kreuzigung ist, ist sie nicht mit Jesus. Meine Gemeinde ist arm und hat nur wenige Ressourcen. Und doch haben wir alles, was wir brauchen, um in dieser Zeit der Leib Christi zu sein, um Jesus zu sein unter der Herrschaft des Herodes.“ Was braucht es, um in unserer Zeit Kirche zu sein? Für Neumark bedeutet es, dass Kirchen „sanctuary“ sind und werden: Sanctuary – das ist im Englischen das Wort für den Kirchenraum als Ort für Gebet und Gottesdienst. Sanctuary – das ist im Englischen aber zugleich auch das Wort für den Zufluchtsort, an dem Menschen, die verfolgt und ausgegrenzt werden, Sicherheit und Geborgenheit erfahren. In der Gemeinde der Autorin ist das konkret die im Kirchengebäude untergebrachte Schutzwohnung für queere und trans Jugendliche.

In Neumarks Vision und Praxis ist Kirche immer beides – Ort des Gebets und Ort der Zuflucht. Damit knüpft sie an die biblische und kirchengeschichtliche Tradition des Schutzes am heiligen Ort an, auf die auch die hiesige Praxis des Kirchenasyls Bezug nimmt.

Laut Wikipedia haben in den vergangenen Jahrzehnten rund zweihundert Städte in den USA als „Sanctuary Cities“ besondere Regelungen beschlossen, um Mi-granten ohne Papiere vor Abschiebung zu schützen. Als erste Kirche in den USA hat sich nun die Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) im Jahr 2019 zu einer „Sanctuary Church“ erklärt. Auf der Homepage steht dazu: „Damit stellt die ELCA öffentlich fest, dass es eine Frage des Glaubens ist, an der Seite von Migrant*innen und Flüchtlingen zu stehen.“

Neumarks Buch, das nur auf Englisch vorliegt und auch für Nicht-Theologen gut lesbar ist, zeigt, wie ihre Kirchengemeinde ein „Sanktuarium“ geworden ist – nicht als Ort des Rückzugs aus der Welt, sondern als Ort und Vorbild des Widerstands, der Vision und Transformation, die unsere Zeit so dringend nötig hat.

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Faszinierend

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Neue Praktische Theologie

Diese Summe einer Praktischen Theologie ist in der Tat ein zeit- und sachadäquates „Lehrwerk Evangelischer Theologie“. So informiert die für diskussionsstarke Positionierung bekannte Bochumer Theologin Isolde Karle in der für ein Lehrwerk nötigen fairen wie kritischen Selbstdistanz umfassend darüber, was in Fragen Praktischer Theologie behauptet, gedacht, diskutiert und auch in historischer Dimension gewusst werden sollte.

Dieses Buch ist aber deutlich mehr als ein Lehrwerk. Karle ist ein origineller und Maßstäbe setzender Wurf gelungen. So bietet sie in allen Teilen zugleich einen faszinierenden, insbesondere kybernetisch und soziologisch, systemtheoretisch versierten Zugriff auf Fragen der Praktischen Theologie – und das ebenso interdisziplinär wie intradisziplinär wie international durchlüftet, den neueren Entwicklungen der praktischen Theologie entsprechend. Zugleich wird Praktische Theologie in ihrer „Ausbildungsfunktion“ und ihrem „Professionsbezug“ ernst genommen.

Im Einzelnen: Gleich zu Beginn macht das zweite Kapitel („Religion in der Moderne“) Lust auf eine vitale religiöse Praxis. Karle schärft mit beherztem religionstheoretischen Zugriff ein, ohne im Blick auf den unlösbaren Streit um ein angemessenes Verständnis von Religion umständlich zu werden: Kommunikation sei immer dann religiös, wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachte. Nur wer religiös angesprochen werde, antworte religiös. Nur ja nicht „vermeintlich authentische Religion der Innerlichkeit“ gegen eine historisch gewachsene „Religion der Äußerlichkeit“ ausspielen. In der religiösen Kommunikation werden individuelle Erlebnisse mit spezifischem Sinn ausgestattet und für andere kommunikativ zugänglich gemacht, die gefeiert und gelebt werden, erkennbar, fühlbar und begreifbar – und das mit Sensibilität für die Kontingenz von Glaube, mit Sinn für unlösbare Fragen und einem Werben der Beobachtbarkeit des Unbeobachtbaren.

So bearbeitet Religion das, was andere gesellschaftliche Funktionssysteme nicht leisten: „Erfahrungen der Kontingenz, des Ausgeliefertseins an die Immanenz der Welt und ihre unberechenbaren Dynamiken“. Hier appelliert Karle an den Kirchenentwicklungsverstand, Religiöses mit Kirchlichem nicht zu verwechseln und sich für außerkirchliche Formen des Religiösen dringend zu interessieren, die nur eine „schwach institutionalisierte Form“ haben. Bei aller Entkirchlichung, bleibt die Bedeutsamkeit des Religiösen stark. Es werde darauf ankommen, „soziale Stützpunkte“ für eine vage Spiritualität anzubieten.

Im dritten Kapitel wird als dringende Anregung für Fragen der Kirchenreform entwickelt, wie Kirche in der Moderne ihre Stärke darin entdecken kann, als Hybrid zwischen Institution und Organisationsform zu changieren. Die Aufgabe ist dann, als „Non-Profit-Organisation […] widersprüchliche […] religiöse […], interaktionale […] und organisatorische […] Erwartungen“ auszubalancieren und einen guten Rahmen für das bereitzustellen, was sich eben nicht einfach organisieren lässt: das Religiöse. Für unabdingbar hält Karle direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, macht eine parochiale Struktur der Kirche mit ihrem „konkurrenzlos gut organisierten ‚Kleinverteilungsapparat‘“ stark und ruft erstaunlicherweise nicht die Diskussion um kirchliche Orte (Uta Pohl-Patalong) bis in die sonst stets die einschlägigen Titel berücksichtigenden Abschnitte zur „weiterführenden Literatur“ auf. Konsequent bewährt sich, um das vierte Kapitel aufzurufen, der Pfarrberuf in der Moderne als „Schlüsselrolle“ und „Brückenfunktion“ im „Hinblick auf die unterschiedlichen Kirchenmitgliedschaftstypen“ in der „Interaktion“. Die aktuellen Problemlagen des Pfarrberufs vor allem im Spannungsfeld von Individualisierung und Professionalisierung werden übersichtlich aufgeblättert und die Vielfalt der kirchlichen Dienste wird mit sehr wenigen Zeilen leider nur kurz erwähnt.

Auf der gleichen Linie zu lesen ist der früh im fünften der Homiletik gewidmeten Kapitel gegebene Wink, in der deutschen Predigtpraxis das docere nicht zu stark dominieren zu lassen. Ausgesprochen hilfreich ist, auf nicht einmal zehn Seiten die aktuellen Herausforderungen der Predigttheologie urteilsstark vorgeführt zu bekommen. In der Überzeugung, dass der Gottesdienst erstens „Schlüsselereignis des kirchlichen Handelns“ sei, weil „Christentum unhintergehbar sozial verfasst“ und „Ort der Bewährung christlicher Einheit“ sei, und zweitens – schöne protestantische Pointe: Dienst Gottes am Menschen (und nicht umgekehrt) – räumt dieses Lehrbuch der Liturgik das schöne Gewicht von fast hundert Seiten ein, macht den Gottesdienst als „Verlebendigung des kulturellen Gedächtnisses der Kirche“ stark, weshalb ein „Einstimmen in einen überindividuellen Glauben, den schon viele Menschen vor uns geteilt haben“, auch in Zukunft zentral bleiben sollte.

Im siebten Kapitel werden in guter Proportion über sechzig Seiten die Historie der Seelsorge in ihrer Relevanz für die Gegenwart und im selben Umfang aktuelle Diskurse und Fragestellungen besprochen. Karle macht eindringlich deutlich, dass „regelrecht in Umkehrung des psychoanalytischen Paradigmas“ sich Probleme nicht unmittelbar in gesellschaftlichen Strukturen niederschlagen, sondern die „Struktur der funktional differenzierten Gesellschaft zu psychischen Folgeproblemen“ führt, die „weitgehend individuell zu lösen sind“.

Kapitel acht entfaltet eine Theorie der Kasualien. Kasualien, so wird soziologisch wie individualbiografisch unterlegt, sind für die Volkskirche hochrelevant und deshalb „als eigene Form religiösen Lebens und Interesses zu würdigen und nicht als defizitäre Form des Christseins abzuqualifizieren“. Sie verlangen hohe Professionalität im Blick auf Ritualkompetenz und Sensibilität auf die Erwartungen der „Kasualbegehrenden“. Am Ende der kritischen Taufphänomenologie schärft Karle richtungsweisend ein: Taufe ist deutlich mehr als formales „Kriterium der Kirchenmitgliedschaft“ und „besondere Verpflichtung der Kirche gegenüber getauften Konfessionslosen“.

Diakonie aber auf eben einmal 25 Seiten abzuhandeln, kann verständlicherweise nur eine Verlegenheitslösung sein, so sehr hier zeitadäquate Schneisen geschlagen werden. Ähnliches gilt für den knappen Ausblick zur Medienkommunikation. Er sondiert besonnen die Chancen präsentischer, interaktiver und massenmedialer religiöser Kommunikation in Vor-Corona-Zeiten und erfasst hellsichtig Chancen und Probleme elektronischer Kommunikation auch in der erst nach Abschluss der Publikation ausbrechenden Corona-Krise.

Am Ende hat die Autorin auf faszinierende Weise eine These ihres Buches widerlegt. „Praktische Theologie“, so Karle, „bringt die Praxis, die den Gegenstand der Reflexion bildet, nicht hervor, sondern findet sie vor.“ Dieses Opus hat jedoch das Zeug, stilbildend auf die Praxis zu wirken. Es wäre viel erreicht, wenn es diesen berechtigten Einfluss nehmen kann. Es gehört zwingend in die Regale praktizierender Theologinnen und Theologen, Kirchenleitungen und der Wissenschaft, vor allem aber auch auf die Schreibtische von Studierenden zur Erarbeitung und Repetition des bunten Panoramas Praktischer Theologie.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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Von Göttern

Von Göttern

Sloterdijks Theopoetik

Peter Sloterdijk gilt unter den deutschen Philosophen als glänzender Stilist mit packender Rhetorik, aber auch mit dem Hang, die eigene Vielbelesenheit mehr als demonstrativ herauszustellen. Das allein provoziert bei nicht Wenigen Abwehrreaktionen.

Gewiss, es gäbe vieles über seine über die Jahrzehnte vorgetragenen Provokationen zu berichten. Zumal über so manche Absurdität, die nur im Überschwang der gekonnt genutzten medialen Aufmerksamkeitsmaschinerie eine Zeit lang die öffentliche Debatte bestimmten. Gleichwohl sollte darüber nicht vergessen werden, dass der Autor sich von Beginn seines Schreibens auch mit der Religion oder dem Religiösen beschäftigt hat. In immer neuen Versuchen, mal stärker literaturtheoretisch, dann eher zeitdiagnostisch und in den vergangenen Jahren stärker anthropologisch galt es, ihr auf die Spur zu kommen.

Stand in „Gottes Eifer“ (2007) noch der Wille zur Radikalisierung der Assmann-Thesen über die Gefährlichkeit der Monotheismen im Vordergrund, so sind die im vergangenen Jahr erschienenen Überlegungen zur Theopoesie deutlich stärker vom Wunsch geprägt, sich über die religiöse Seite des „homo poeta“ zu verständigen. Im Vordergrund steht, wie schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät, zum einen, den Gestaltwerdungen religiöser Diskurse, Inszenierungen und Rhetoriken nachzugehen. Was im antiken Theater mittels des theologeion begann, einem Gerät, von dem aus die Götter in der Inszenierung sprachen, führt den Philosophen bis hin zu Karl Barths expressionistischem Römerbrief und Heinrich Denzingers wunderlich gelehrtem Kompendium kirchlicher Dogmen und Lehrverlautbarungen.

Immer wieder wird dabei die Lust des Querdenkers Sloterdijk offenkundig, auf Anhieb wenig plausible Querverbindungen in teils aphoristische, teils rhapsodische Gedankenassoziationen zu packen. Durchaus anregend für die Lektüre. Zum anderen verfolgt der Philosoph mit diesem Band seine Überlegungen zu einer zeitgemäßen Anthropologie weiter. Denn auch hier wird der Mensch als ein Wesen geschildert, das schon mangels Instinktsicherheit Luxus benötigt und sich in Form von kulturellen Immunstrategien Behausungen seiner Beheimatung in der Welt schaffen muss. Weniger an Nietzsche denn an Heidegger anknüpfend, werden auch historische Religionen als poetische Weisen verstanden, den „Himmel“ als Symbol des Umfassenden zum Sprechen zu bringen. Oder sagen wir besser: Sie waren einmal solche Weisen.

Denn obgleich dem Autor destruktive Religionskritik fernliegt und ein weiterer Beweis für Säkularisierung müßig erscheint, so gilt doch für unsere eigene Gegenwart ein Doppeltes: Die Religion ist von all ihren sozialen und politischen Funktionen freizuhalten, jedenfalls dann, wenn man mit Religionsfreiheit ernst macht. Und zum anderen bleibt da die Freiheit, die Religion gleichsam als Luxusprodukt wählen zu können, zumindest da und dort, wo man meint, Kunst und Philosophie genügten nicht. Dabei wird die Aura des Religiösen nicht verleugnet, sind doch „konkrete Religionen“ immer auch „Stile des Unheimlichen“. Vor allem aber sind sie, wie Musik, Kunst, Literatur allesamt Luxusphänomene, um das eigene Dasein im Angesicht von Endlichkeit, Zufälligkeit, Anhänglichkeit auslegen zu können. Sie helfen uns, mit der „Verlegenheit unserer eigenen Existenz“ umzugehen. Damit scheint im Grunde nur das alte Anliegen einer funktionalen Religionstheorie wieder aufgegriffen. Doch das würde verkennen, dass ja niemand Religion braucht, so wie letztlich auch Musik überflüssig ist.

Allerdings gilt zumindest für den Autor: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Könnte dies auch für die Religion zutreffen? Es sind solche Provokationen, von denen man sich gerne zum Nachdenken bei der Lektüre bringen lässt; selbst dann, wenn man sich, wie bei diesem Autor immer noch üblich, über viele Einseitigkeiten, auch Fehlerhaftigkeiten und Pauschalurteile ärgern mag.

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Interdisziplinär

Interdisziplinär

Über evangelische Spiritualität

Spiritualität erscheint in der Gegenwart ein Containerbegriff für spirituelle Suchbewegungen aller Art geworden zu sein. Ihm haftet inner- und außerhalb von religiösen und kirchlichen Räumen eine Vieldeutigkeit an, die nach wissenschaftlicher Reflektion praktischer Ausformungen ruft. In 49 interdisziplinären Beiträgen namhafter Autoren und Autorinnen hat Peter Zimmerling eine Fülle von Praxisbeispielen zusammengetragen. Erklärtes Anliegen des Handbuches ist es, die Fülle und den Gehalt einer genuin evangelischen Spiritualität ans Licht zu bringen. Rituale und Kasualien, Pilgern, Meditation, Spiritual Care, Kirchenmusik, Kirchentage und Akademien – in all diesen Feldern experimentiert der Heilige Geist mit Gemeinschaften und Einzelnen. Das spezifisch Protestantische ist dabei die Rückbesinnung auf Martin Luther und andere Reformatoren. Diese haben die geistliche Übung, das Beten, Bibellesen, die Stille als unverzichtbaren Bestandteil des christlichen Lebens hervorgehoben. In der Moderne wird spirituelle Praxis als Beitrag des Widerstands gegen ein Leben in Aktionismus und ständiger Beschleunigung betrachtet.

Das spezifisch Evangelische wird in einigen Beiträgen gleichwohl als das Ökumenische und interkonfessionell Bereichernde beschrieben. So wird Salbung im evangelischen Verständnis nicht als Sakrament verstanden, kann aber doch als in der Schrift begründete, sinnlich erlebte Zeichenhandlung an Kranken und Sterbenden sinnvoll adaptiert werden. Exerzitien, geistliche Begleitung, Stilleübungen in Klöstern und Gemeinschaften erfreuen sich großer Beliebtheit und werden interkonfessionell und durchaus von Kirchenfernen genutzt. Dass es zudem auch Formen evangelischer Heiligenverehrung gibt, erörtert Peter Zimmerling am Beispiel Dietrich Bonhoeffers. Dessen Spiritualität zeigt exemplarisch, dass sich gnädige Annahme Gottes nicht allein in innerem Heilserleben, sondern in gelebter Nachfolge konkretisiert. Evangelische Spiritualität ist Konzentration und Grenzüberschreitung. Sie drängt in die Welt, in die Gesellschaft.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: Im ersten Kapitel werden Kirche und Gemeinde als primäre Resonanzräume evangelischer Spiritualitätspraxis reflektiert. Der Blick fällt auf Ortsgemeinde, Jugendkirche, Kommunität. Spannend ist hier die jeweilige geschichtliche Entwicklung und die damit einhergehenden Veränderungen von Inhalten und Formaten.

Kapitel zwei fokussiert auf Gottesdienst und liturgisches Leben. Alexander Deeg inspiriert, wenn er in seinem Beitrag die Predigt als „Intensivform evangelischer Spiritualität“ beleuchtet. Auch Kasualien wie Konfirmation und Beerdigung können in Zeiten wachsender Segensbedürftigkeit als spirituelle Erfahrung erlebt werden.

Im dritten Kapitel Gebet und Bibellese erfahren Betende, dass sie zwar zur Minderheit gehören, die Reflexion der Praxis des Betens aber lohnend ist. Überraschende Einblicke in die im Alltag prägende Kraft der Herrnhuter Losungen gibt der Beitrag von Dietrich Meyer mitsamt einer liebevollen Recherche der geschichtlichen Entstehungsprozesse und Wirkungsentfaltung der Losungen.

In Kapitel vier geht es in Seelsorge und Begleitung um die Öffnung evangelischer Praxis für katholische Formen und den Dialog mit Humanwissenschaften, was etwa für Spiritual Care bedeutsam ist. Im fünften Kapitel bekommt das Thema einen Bezug zu Lebenswelt und Bildung: Familie, Schule, Kunst, Kultur. Last but not least reflektiert Christian Grethlein das besondere Potenzial der Medien. Der Autor hebt darin die Bedeutung des 1910 gegründeten Evangelischen Pressedienstes (epd) hervor. Dieser trug mit dazu bei, dass die öffentliche Kommunikation des Evangeliums sich von rein binnenkirchlich verankerten Adressatenkreisen löste. Die Kommunikation protestantischer Spiritualität im kaum überschaubaren Raum sozialer Medien wird leider nur gestreift. Gerade hier hätte eine fundierte wissenschaftliche Reflexion aktuelle Relevanz.

Dem selbst gesteckten Ziel, den besonderen protestantischen Beitrag in der Fülle spiritueller Lebensäußerungen anhand von Praxisbeispielen ans Licht zu bringen, wird das Handbuch gerecht. Kritisch anzumerken ist das Ungleichgewicht von männlichen Autoren (41) und weiblichen Autorinnen (4). In der inhaltlichen Gewichtung fällt auf, dass ausgerechnet der Bereich Seelsorge und Begleitung zu kurz beleuchtet wird. Die Hälfte der Beiträge in diesem Kapitel erscheint randständig. Etwas mehr muntere Aktualität hätte Platz gehabt.

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Im Exil

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Anna Seghers’ Jahre in Mexiko

Burghart Klaußner ist ein begnadeter Vorleser. In diesen trüben deutschen Wintermonaten führt er seine Zuhörenden in das gleißende Licht Mexikos, in das Land inmitten der Ozeane. Der Fernseh- und Filmschauspieler, mehrfach mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet, liest Brennendes Licht, das von Volker Weidermann geschriebene Buch.

Der Literaturkritiker Weidermann ist bekannt geworden mit seinen biografischen Romanen, in denen er sich erzählerisch dem Leben und Werk von Schriftstellerinnen und Schriftstellern widmet. In seinem neuesten Roman erzählt er von Anna Seghers’ Jahren im mexikanischen Exil (1941 – 1947), von deren Veröffentlichung des Siebten Kreuzes in den USA, vom Verlust der Mutter, die sie in Nazi-Deutschland zurücklassen musste und darüber, wie Seghers bei einem Verkehrsunfall fast selbst das Leben verliert.

Weidermann beschreibt, wie Seghers in Mexiko auf die Künstler des Landes Frida Kahlo und Diego Rivera trifft, auf politische Flüchtlinge wie Egon Erwin Kisch und den Verleger Walter Janka oder auch auf Pablo Neruda, der zum Generalkonsul in Mexiko ernannt worden war. Er schmückt aus, versucht sich in Seghers hineinzudenken, formuliert dicht und scheinbar ganz nah an der Schriftstellerin und Kommunistin.

Das greift Sprecher Burghart Klaußner auf, liest, interpretiert seriös und unaufgeregt viereinhalb Stunden lang. Der Wechsel von Tempo und Ton, seine natürliche und ohne Pathos gelesene Erzählweise ziehen Zuhörerin und Zuhörer sofort in den Bann. Und sie lassen sie eintauchen in die Farben Mexikos und in ein Land, das Anna Seghers selbst lebenslang immer fremd blieb.

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Foto: privat

Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Klingend Brasch

Klingend Brasch

Masha Qrella: Woanders

Wer früher „den ganzen Segen abbekam“, bezog Prügel für etwas, das er nicht gewesen war oder nicht allein, wozu er nichts konnte oder nichts dagegen. Der Schmerz brannte daher nicht nur die Striemen entlang. Schüchterte ein, kränkte, verwirrte und empörte, weckte Zweifel und Lust auf Gegenwehr. Dazu galt es sich zu verhalten und gilt es noch. Gedichte kann man aus solcher Warte deuten, muss es aber nicht. Denn da, wo sie erst gesprochen und gehört ist, wirkt gute Lyrik bereits, was sie mit echtem Segen gemein hat. Masha Qrella gibt uns mit ihrem großartigen Album „Woanders“ jetzt sozusagen den vollen: 17 Songs mit Gedichten von Thomas Brasch (1945 – 2001), der Ost-Berlin 1976 gen Westen verließ. Doch auch da blieb der Widerspenstige außen vor: „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber/wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber/die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber/die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber/wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber/wo ich sterbe, da will ich nicht hin:/Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Qrella collagiert diese Zeilen mit anderen, darunter „Wer sind wir eigentlich noch./Wollen wir gehen. Was wollen wir finden./Welchen Namen hat dieses Loch,/in dem wir, einer nach dem anderen, verschwinden“ aus dem Poem „Wie viele sind wir eigentlich noch“. Zu betörend passender Musik und in ihrer warmen Stimme wird daraus der Song „Haut“. Es ist ihre Weise, Braschs Gedichte zu fassen, sich anzueignen, sagt die Sängerin und Musikerin, die mit Bands wie Mina und Contriva und auch solo Ikone des Berliner Postrocks war, dem die Worte fehlten.

Braschs Gedichte entdeckte die 1975 in Ost-Berlin Geborene in den 2010er-Jahren für sich, nicht zuletzt, weil sie in dessen Unbehaustheit das Eigene erkannte und endlich die Worte dafür fand. Sogar mit dem Namenswandel (aus Kurella) hatte sie Abstand zu dem nach der Wende Erlebten formuliert und doch zuerst Weite und Offenheit im westlichen Popuniversum vermutet, was sich trotz stetigem Erfolg zerschlug: Wie soll ich das beschreiben/ich kann nicht tanzen/ich warte nur/in einem Saal aus Stille/treiben Geister/ihren Tanz gegen die Uhr/und ich warte nur/ich warte nur“ singt sie nun zu hypnotischem Techno/Wave-Beat, in den ein Pianolauf tröpfelt und eine wavige Gitarre sägt. Packend, wie das stante pede mitten im Woanders und Nie-Gewesen-Sein einen Standpunkt, Da-Sein, Behaust-Sein ergibt.

Zwar haben Braschs Gedichte ohnehin starke Songqualitäten, aber bei Qrella sind sie in bester Hand. Kongenial träfe es auch, so sehr wir das Wort sonst vermeiden. Die Musik zwischen New Wave, Electronic, Postrock und Balladen-Offenheit spielte sie mit der Schlagzeug-Legende Chris Imler und Multi-Instrumentalist Andreas Bonkowski ein. Tarwater, Andreas Spechtl (Ja, Panik), Dirk Von Lowtzow (Tocotronic) sowie Marion Brasch (die Schwester) in einem Spoken-Word-Auftritt kommen hinzu. Sie waren schon 2019 bei der Performance im HAU in Berlin dabei. Dieses Album ist grandios. Ein Ereignis. Danke.

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Erlösende Kräfte

Erlösende Kräfte

Herrliches von Hammerschmidt

Hier leuchtet er wieder, dieser einmalig dichte, gleichzeitig transparente, über alles erhabene, noch im prachtvollsten Moment immer distinguiert dem Anlass dienende Klang von Vox Luminis. Wo findet dieser aus Urvertrauen in das studierte Werk und bewährt beseelter Könnerschaft herrührende Kolorit seine Entsprechung?

Mit dieser Aufnahme macht das Ensemble in wieder verzaubernd einzigartig musikalischer und dramaturgischer Finesse einem böhmisch-sächsischen Komponisten den Hof, der eigentlich eher zum Hofstaat des musikalischen Triumvirats seiner Zeit – Schütz, Schein, Scheidt – gezählt wird: Andreas Hammerschmidt. 1611 im böhmischen Most (Brüx) geboren, gelangt er über das sächsische Freiberg (St. Petri) 1639 in die Oberlausitz nach Zittau (St. Johannis), wo er bis zu seinem Lebensende 1675 wirkte und trotz etlicher Verluste noch ein umfangreiches Oeuvre hinterließ, das seit 2015 im Kamprad-Verlag im thüringischen Altenburg umfänglich erschlossen wird.

Dass ihm bis heute eine ähnlich große Bekanntheit wie dem berühmten Super-Sachsen-Trio versagt blieb, ist vermutlich auch seiner vielfältigen Besetzungsfreude geschuldet, die ihn, zum Leidwesen Vieler, weder Chören noch Organisten wirklich vertraut macht. Welcher Chor sänge nicht gern mehr solcher prachtvoller Werke wie „Machet die Tore weit“ und geht bei weiterer Recherche bisher doch leer aus … Andreas Hammerschmidt ist der kraftvoll expressive Komponist klanglicher Gärten, in denen die Überraschung und das Abenteuer zu Hause sind. In auslotender Wort-Ton-Manier streift er jedem Text ein anderes Besetzungsgewand über und kann Dank offensichtlich praller Stadtkassen einen breiten Fächer für das festlich-feinstoffliche Weben derselben nutzen. Vox Luminis hat sich bei dieser CD klug gegen die akademische Einspielung einer bestimmten Sammlung entschieden, sondern sich vielmehr anhand eines inhaltlichen Leitfadens aus acht Sammlungen, zwischen 1641 und 1671 in Freiberg, Dresden und Zittau erschienen, bedient. Thematisch führt das Ensemble durch die Passionszeit bis zur Himmelfahrt und offenbart einen das Wort mit wachem Herzen kauenden und den Sinnen brillant die einander befeuernden Facetten kunstvoller Polyphonie und madrigalesker Affekte darreichenden Komponisten.

Vox Luminis ist es endlich und endgültig gelungen, Hammerschmidt standesgemäß zu adeln. Höhepunkte dieser Zeremonie sind zweifellos die an Psalm 42 orientierte Motette „Warum betrübst du dich, mein Herz“ oder Psalm 126 „Die mit Tränen säen“, die im Vergleich zu den bekannten Schein- und Schütz-Motetten von ebenbürtiger Meisterschaft künden, vor allem aber auch die grandios virtuose, oratorische Motette „Wer wälzet den ersten Stein“. Erlösende Kräfte. Erquickend.

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Olivia Rahmsdorf

Olivia Rahmsdorf hat ihr Spezialvikariat bei ZDF Digital im Bereich Social Media verbracht und ist seit Februar 2021 Pfarrerin in Hochheim am Main.

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