In den Hörsälen der theologischen Fakultäten herrscht gähnende Leere. Seit Jahren sinkt die Zahl derer kontinuierlich, die sich neu einschreiben für das Theologiestudium,und der Trend setzt sich massiv fort. Schon jetzt beginnt sich diese Entwicklung in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten für das Vikariat fortzuschreiben und in unmittelbarer Zukunft wird sie sich derart beschleunigen, dass eine Reihe von Landeskirchen kaum noch Interessent*innen für die zweite Ausbildungsphase haben.
Wir beginnen zu ahnen, dass der ständig beschworene Schwund finanzieller Ressourcen zwar ein Problem ist, aber bei Weitem nicht unser größtes. Uns werden schlicht viel früher die Menschen fehlen als das Geld. Weder die sinnvollen Strategien, Multiprofessionalität in der Gestaltung kirchlicher Arbeit zu etablieren, noch gelingende Initiativen zur ehrenamtlichen Engagementförderung werden dieses Problem entschärfen. Die Ruhestandseintritte der Boomer-Generation intensivieren es zusätzlich.
Ein Schattendasein
Die großen Herausforderungen im Hinblick auf die Umbildungsprozesse der kirchlichen Organisation werden von denjenigen bearbeitet werden müssen, die jetzt bereits im System sind und noch ein ganzes Berufsleben oder zumindest einen Teil davon vor sich haben. Das ist die Realität im Hinblick auf die kirchlichen Berufsgruppen und ähnlich stellt es sich im Hinblick auf ehrenamtlich Aktive dar.
Vor diesem Hintergrund muss es nachdenklich machen, wie viel Energie und Aufmerksamkeit momentan in die Bereiche des Vikariates und die Reform des Theologiestudiums fließen, und wie wenig Beachtung die Fortbildung als Element der Kirchenentwicklung findet. Sachlich hängt das wohl mit den komplexen Rahmenbedingungen des Hochschulstudiums und der zweiten Ausbildungsphase zusammen. Vor allem im Hinblick auf das Vikariat hat diese intensive Beschäftigung aber auch ihren Grund in der identitätsstiftenden Funktion für die landeskirchlichen Selbstverständnisse. Während die Entscheidungen über die curriculare Gestaltung der zweiten Ausbildungsphase immer schon auch eine kollektive Verständigung der Organisation über ihr Selbstbild war, wurde Fortbildung tendenziell eher als Sache des Einzelnen betrachtet und fristete ein Schattendasein.
Lernende Systeme
Es geht mir hier keineswegs darum, Aus- und Fortbildung gegeneinander auszuspielen. Die gelungenen Beispiele der Vikariatsreformen in den vergangenen Jahren, waren immens wichtig, damit diejenigen, die neu im Pfarrberuf beginnen, befähigt werden, mit den gegenwärtigen Herausforderungen produktiv umgehen zu können. Bereits etablierte und aktuell entstehende Reformen sind zudem ein wichtiger Baustein im Hinblick auf die kirchlichen Berufsbildprozesse.
Diese Reformen verbinden sich häufig mit dem Anspruch, dass durch Ausbildung Kirchenentwicklung geschieht. Auch das ist richtig und in den Effekten durchaus beschreibbar. Allerdings wird auch immer klarer, dass es nicht im Wesentlichen Einzelne sind, die durch Innovation Umbildungsprozesse befördern. Es geht vor allem darum, dass ganze Systeme oder Teilsysteme miteinander lernen und in Bewegung geraten. Hier wird die Fortbildung relevant.
Es bringt wenig, wenn Einzelne im Vikariat Kompetenzen für multiprofessionelle Arbeit im Team erwerben und dann im Berufseinstieg in Systeme kommen, in der diese Perspektiven nicht etabliert sind. Fortbildung ist der Raum, in dem Teams oder Kirchenkreise miteinander Strategien entwickeln und reflektieren, die Pluralität von Kirchenbildern wahrnehmen und aufeinander beziehen und kollektive Veränderungsprozesse initiieren können.
Über landeskirchliche Grenzen hinaus
Diejenigen, die Fortbildung im kirchlichen Kontext gestalten, haben die Aufgabe, die Perspektiven der Vikariatsreformen aufzunehmen und diese Perspektiven für die Fortbildungsarbeit fruchtbar zu machen. Kirchenleitende haben die Aufgabe, Fortbildung deutlicher in den Fokus zu nehmen und sie konsequent mit kirchenentwickelnden Strategien zu verzahnen. Perspektivisch wird die Frage sein, wie Landeskirchen im Zuge des Rückgangs finanzieller Ressourcen die Strukturen für wirksame Fortbildung weiter aufrechterhalten können. Diese Frage müssen wir dringend jetzt konzeptionell in den Blick nehmen und nicht erst, wenn es in Kürze zu spät ist. Es wird darum gehen, nach Strategien zu suchen, die weiter reichen als bis an die landeskirchlichen Grenzen.
Kirchliche Umbildungsprozesse lassen sich nicht top-down verordnen und durchsetzen. Kirchenentwicklung ohne Fortbildung ist wie ein Auto ohne Räder. Da geht es keinen Zentimeter voran. Für die überschaubare Zahl derjenigen, die sich aktuell im Vehikel befinden, wäre es doch wünschenswert, dass sie ein wenig Fahrtwind spüren können. Lange unterwegs sein werden sie ohnehin.
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Foto: Christian Lademann
Katharina Scholl
Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.
zeitzeichen: Herr Dr. Foltin, in Ihrem Bericht vor der Synode in Dresden haben Sie davon gesprochen, dass auf der EKD-Klima-Roadmap zur Treibhausgasneutralität ein weiterer Meilenstein erreicht wurde.
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Die Kolumne beginnt mit einem Geständnis. Mit dem Eingeständnis, dass ich viele, viele Jahre etwas Wichtiges versäumt habe zu tun. Genauer gesagt: Ich habe versäumt, ein kleines, dünnes Büchlein von rund achtzig Seiten (in der Ausgabe der Insel-Bücherei) zu lesen, ein Büchlein, das eigentlich schnell gelesen ist. Aber es war immer etwas Anderes wichtiger, lag auf dem Stapel oben, verlockte zu lesen. Warum stand das Büchlein seit so vielen Jahren eigentlich zu lesen an? Weil ich es eigentlich schon seit Kindertagen kannte. So halb.
Wie konnte das zugehen? Ich entsinne mich noch sehr gut daran, dass eines Tages in meinem Kindergarten – ein elegantes Schlösschen des neunzehnten Jahrhunderts in Berlin-Lichterfelde – uns Kindern von der damals „Kindergartentante“ genannten Erzieherin verboten wurde, auf die große Terrasse des Gebäudes zum Park hin zu gehen und wir zudem ermahnt wurden, uns auch nicht in der Nähe der Fenster aufzuhalten. Es werde ein Film gedreht.
Männer mit Zylindern
Natürlich habe ich gerade deswegen durch das Fenster geschielt – und wenn ich mich recht entsinne, wurden wir auch beim täglichen Spaziergang durch den Park nahe an die nämliche Terrasse geführt und sahen Menschen in altertümlichen Kostümen, dazu die Männer mit schwarzen Zylindern.
Am Wochenende machten meine Eltern mit mir gern Ausflüge im ummauerten West-Berlin, da fuhren wir häufig in den Schlosspark Klein-Glienicke zum Spazieren – und auch da wurde am Wochenende nach den Arbeiten im Garten meines Kindergartens ein Film gedreht. Obwohl ich damals vier oder fünf Jahre alt war, erinnere ich mich genau an den Filmtitel: „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Und ich erinnere mich auch noch genau daran, dass der arme Herr Schlemihl seinen Schatten verloren hatte und dass ich als Kind darüber grübelte, wie man es wohl hinbringen könne, seinen Schatten zu verlieren.
Vor einigen Tagen habe ich nun nach vielen Jahren erstmals die Geschichte gelesen, von der ich schon so lange weiß. Und dafür ist die Akademie verantwortlich, die ich seit einigen Jahren leite. Dort wird nämlich gerade darüber diskutiert, ob man die Werke des Berliner Schriftstellers und Naturforschers Adalbert von Chamisso nicht endlich einmal historisch-kritisch edieren solle – und um mich auf diese Diskussion vorzubereiten, informierte ich mich erst einmal gründlicher über diesen 1781 in der Champagne geboren französischen Adligen, dessen Eltern mit dem Kind vor der französischen Revolution nach Deutschland und Berlin flohen. Adalbert, der eigentlich auf die Namen Louis Charles Adélaïde getauft worden war, besuchte das noch heute bestehende Berliner Französische Gymnasium und arbeitete dann als Page am Hof der (ziemlich wunderlichen) Königinwitwe.
Eine Doppelbegabung
Dann tat er eine Weile im preußischen Militär Dienst, bevor er sich in Berlin als freier Schriftsteller und Naturforscher betätigte. Seit 1819 arbeitete er als Kustos am Botanischen Garten, der damals noch am heutigen Kleistpark beim Dörfchen Schöneberg vor den Toren von Berlin lag, wurde 1835 auf Vorschlag Alexander von Humboldts zum ordentlichen Mitglied meiner Akademie gewählt und starb am 21. August 1838 im Alter von 57 Jahren in Berlin an Lungenkrebs.
Chamisso war offenkundig eine Doppelbegabung: ein begnadeter Naturforscher einerseits und ein talentierter Schriftsteller andererseits. Von seiner freundschaftlichen Verbindung zu den gleichfalls schriftstellerisch tätigen Zeitgenossen Julius Eduard Hitzig und Friedrich de la Motte Fouqué im „Nordsternbund“ geben die Widmungsbriefe von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“ Kunde, E.T.A. Hoffmann und Karl August Varnhagen erwähnen ihren Freund Chamisso aus der Runde der „Serapionsbrüder“ in ihren Dichtungen und Texten. Zum „Nordsternbund“ gehörte auch der mit Chamisso befreundete spätere Berliner Theologieprofessor August Neander.
1813, als es noch einmal so schien, als ob Napoleon Europa dominieren werde und der Franzose Chamisso in Berlin keinen leichten Stand hatte, schrieb er in einem kleinen, heute zerstörten Schlösschen im Oderbruch jenes so berühmte Märchen unter dem Titel „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“. Das Büchlein gibt sich als Lebensbeichte eines Menschen, der dem als Kaufmann verkleideten Teufel seinen Schatten verkaufte und dadurch scheinbar zu großen Reichtum kam, in Wahrheit aber in großes Elend stürzte. Auf den ersten Blick ein schwungvoll erzähltes Märchen, auf den zweiten Blick eine verkappte Beschreibung der Lebensumstände des Autors, von Adalbert Chamisso, zur Abfassungszeit.
Rastloser Naturforscher
So, wie der vom Teufel um seinen Schatten gebrachte Protagonist allen Menschen unangenehm auffällt, fiel vermutlich der Franzose Chamisso überall in Berlin unangenehm auf. Der verkleidete Teufel gibt Schlemihl für seinen Schatten einen Beutel voller Geld, in dem das Geld wundersamerweise niemals alle wird. Damit spielt der Autor wahrscheinlich auf seine Erfahrung an, dass die Fremdheitserfahrung eines Franzosen in Berlin im Jahre 1813 auch nicht mit Geld und guten Worten zu überwinden war.
Im zweiten Teil des Märchens von Peter Schlemihl wirft der Held dieses besondere Säckchen in den Abgrund und widersteht – auch um den Preis des Verlusts seiner großen Liebe – dem Vorschlag des Teufels, den Schatten für seine Seele wieder zurückzubekommen. Schlemihl entsagt seiner Liebe und zieht ohne Schatten als Naturforscher durch die Welt. Mit dem letzten Geld kauft er ein paar solide Wanderstiefel, die sich als Siebenmeilenstiefel erweisen, mit denen es geschwinde durch alle Erdteile geht: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft“. Der schattenlose Schlemihl wird zu einem rastlosen Naturforscher, der durch alle Welt zieht und Tiere, Pflanzen und Steine einsammelt.
Dass Chamisso sich in der Figur des „Peter Schlemihl“ offenkundig selbst portraitierte, wird durch eine bezaubernde Zeichnung seines Freundes E.T.A. Hoffmann deutlich, die dieser drei Jahre nach der Veröffentlichung der wundersamen Geschichte anfertigte. Chamisso, erkennbar portraitiert, fährt zum Nordpol mit einem Schiff, an dessen Bug eine Fahne flattert „Schlemihl for ever“. Im Heck des Schiffs segeln allerlei Tiere mit, darunter ein Eisbär („Zoologisches Museum“ überschrieben); im Bug liegen Pflanzen und Steine („Botanisches Museum“). Der eine langstielige Pfeife rauchende Chamisso betrachtet eine Pflanze, der Nordpol reicht ihm einen Stein.
Tatsächlich war Chamisso schon 1815 aus Berlin als Teilnehmer einer Forschungsreise eines russischen Kapitäns aufgebrochen, der „Rurik“-Expedition, die sich auf die Suche nach der legendären Nordostpassage gemacht hatte und bis 1818 im Pazifik Polynesien, Mikronesien und Hawaii sowie das damals noch russische Alaska erforschte. Chamisso fand und dokumentierte dabei viele unbekannte Pflanzenarten, über 2500 Stück umfasste das leider im Zweiten Weltkrieg verlorene Herbarium. Außerdem deckte er Naturgesetze wie den Generationswechsel bei den Salpen auf, die noch Darwin beeindruckten. Nach ihm, der Alaska kartographierte, wurde die neu entdeckte „Chamisso-Insel“ benannt, die auch noch heute seinen Namen trägt. Als Chamisso von der vorzeitig abgebrochenen Expedition zurückgekehrt war, blieb er allerdings im Unterschied zu seinem Protagonisten Peter Schlemihl in Berlin wohnen und arbeitete im Botanischen Garten als Kustos des Herbariums. Seine freie Zeit verbrachte er mit dem Schreiben von Gedichten und Erzählungen, aber auch mit mildtätigen Aktivitäten für arme Menschen in Berlin und sozialkritischer Prosa. 1836 veröffentlichte er sogar noch einen fesselnd geschriebenen Bericht von seiner Weltreise.
Chamisso bewohnte seit 1822 ein Haus in der Friedrichstraße in Berlin-Kreuzberg, von dem aus er bis zu seinem Tode fast zwanzig Jahre lang jeden Tag morgens den rund fünfundvierzigminütigen Fußweg in den Botanischen Garten antrat und nachmittags wieder zurück ging. Heute findet sich am nach Kriegszerstörungen neu aufgebauten Haus in Berlin eine Gedenktafel, die einen sehr charakteristischen Satz des Dichters und Botanikers trägt: „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger … Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde“. Dieses Gefühl eines Fremden, der nirgendwo dazugehört, immer als Naturforscher auf Wanderschaft ist und mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt eilt, hat Chamisso in seinem Märchen „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ gestaltet.
Die Wissenschaft und der Teufel
Vielleicht war es gut, dass ich dieses dünne Heftchen erst jetzt gelesen habe, in einem Alter, in dem ich mit der wundersamen Geschichte zugleich auch den Blick auf seinen Autor werfen kann und die Kontexte besser verstehe. Den Film, der vor meinem Kindergarten und am Schloss Klein-Glienicke gedreht wurde und 1967 in die Kinos gekommen ist, habe ich mir übrigens auch bestellt. Mich interessiert brennend, ob ich als Kindergartenkind zu sehen bin, wie ich verbotenerweise aus dem Fenster schaue.
Peter Schlemihl verschreibt sich in der Erzählung Chamissos dem Teufel, widersteht aber der Versuchung, dem Widersacher Gottes die ganze Seele zu überschreiben. Vermutlich hätte ich, wenn ich das Märchen als Kind gelesen hätte, auch diesen zentralen Zug des Märchens von Adalbert von Chamisso nicht verstanden. Aber heute ist mir klarer, dass sich vor allem im zwanzigsten Jahrhundert viele Menschen dem Teufel verschrieben haben, gerade auch Wissenschaftler dem nationalsozialistischen Deutschland, aber doch ihre Seele retten konnten und sich nach anfänglichem Zögern von dem schlimmen Regime distanzierten. Wer einmal den Bund mit dem Teufel eingeht, so kann man bei Chamisso lesen und von Schlemihl lernen, bleibt sein Leben lang gezeichnet, aber kann dem Widersacher schlussendlich entkommen. Gott spielt bei Chamisso keine Rolle. Der ist abwesend. Dabei hilft er, wenn der Teufel versucht. In welcher Gestalt auch immer. Das haben auch viele Menschen erfahren, nicht nur im vergangenen Jahrhundert.
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Christoph Markschies
Christoph Markschies ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt in Berlin.
Was bedeutet „Gerechter Friede“ in einer Welt in Unordnung? Warum formuliert die neue Denkschrift einen Vorrang des Schutzes vor Gewalt gegenüber anderen Dimensionen des gerechten Friedens?
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Zunächst die erstaunlichste Zahl: Wie viele Menschen sind nach dem Zweiten Weltkrieg wegen ihrer Beteiligung am Holocaust aus Rache von Juden getötet worden?
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Wes Geistes Kind ist die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland? Nach Lektüre des 146-seitigen Werkes legt sich diese Antwort nahe: Sie atmet den Geist der Zeitenwende.
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Das wichtigste Thema der 6. Tagung der 13. EKD-Synode war die Vorstellung der neuen Friedensdenkschrift der EKD, die den sprechenden Titel Welt in Unordnung trägt. Die Präsentation dieser Schrift im Rahmen der Synode war im Vorfeld mit beachtlichem Aufwand an Öffentlichkeitsarbeit vorbereitet worden, Motto: Da kommt was Großes. Eigentlich hatte die Synode mit der Entstehung dieser Schrift unmittelbar gar nichts zu tun, aber sie konnte zwei Stunden vor der offiziellen Vorstellung darüber debattieren.
Während der Debatte war zu merken, dass viele Beteiligte mit ihrer Biografie „struggelten“, wie man neudeutsch sagt: So wurde häufig an die Friedensdemonstrationen im Bonner Hofgarten Anfang der 1980er-Jahre erinnert oder daran, wie überzeugt man doch von Jugend an davon gewesen sei, dass der Dienst ohne Waffe das „deutlichere Zeichen“ für Christen sei. Diese persönlichen Erfahrungen als Illustration dafür, wie schwer es ihnen falle, dem Geist der neuen Friedensdenkschrift zuzustimmen, weil darin dem Schutz vor Gewalt ein Prä eingeräumt wird. In der öffentlichen Wahrnehmung aber dominierte der Eindruck, die EKD habe jetzt zugunsten irgendwie gearteter realpolitischer Überlegungen grundsätzlich Schluss mit dem Pazifismus gemacht, der künftig lediglich als persönliche Haltung und nicht mehr als konkrete politische Konzeption zu entfalten sei. Daran werden sich die pazifistischen kirchlichen Gruppen sicher weiter stoßen. Insofern darf man gespannt sein, wie sich die innerkirchliche Diskussion dieses EKD-Textes, der seit langem das größte öffentliche Echo ausgelöst hat, künftig entwickelt.
Von der Öffentlichkeit hingegen kaum beachtet, fand eine Debatte am letzten Synodentag, kurz vor Schluss, statt: In einem Antrag, der später mit großer Mehrheit beschlossen wurde, wurde gefordert, dass die 1996 erschienene EKD-Orientierungshilfe Mit Spannungen leben zum Thema Homosexualität nicht mehr verbreitet werden sollte, da sie der „universellen Geltung der Menschenrechte“ widerspreche. Dieser Auffassung kann man mit gutem Recht sein. Schwieriger hingegen ist die Frage zu beantworten, die der Synodale Michael Germann (Halle/Saale) aufbrachte. Er wollte wissen, ob dann auch die damaligen Verfasser der Schrift heute „moralisch“ zu verurteilen seien? Die Schrift Mit Spannungen lebenjedenfalls war am selben Tag nicht mehr auf der EKD-Website zu finden. Man darf gespannt sein, was künftig an ihre Stelle tritt, angeblich werde im Kirchenamt der EKD bereits ein umfangreicher Text vorbereitet. Das ist gut, denn nicht zuletzt die Ablehnung der Ehe für alle durch die Württembergische Landessynode vor kurzem zeigt, dass das Thema Homosexualität selbst in der EKD immer noch kein befriedetes Feld ist, von der weltweiten Ökumene ganz zu schweigen.
Hinweis: Hier können die Synodendebatten im Video nachgeschaut werden. Die Debatte zu „In Spannungen leben“ findet sich ganz oben unter „Plenum Teil 7“, Beginn: 2:41.
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Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.
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