Aufbruch!

Aufbruch!

Warum es sich lohnt, unterwegs zu bleiben
Foto: BHG Karlsruhe

Wie sieht es aus? Was machen Ihre guten Vorsätze für das neue Jahr? Joggen, Gymnastikmatte, weniger von …, mehr Achtsamkeit für …? Alles schon vorbei, aufgefressen vom Alltag? Ich habe es irgendwann aufgegeben, meine Silvesterfantasien vom „alles wird anders“ selber ernst zu nehmen; es gab schon Jahre, da habe ich gar nicht mehr ernsthaft darüber nachgedacht, was ich ändern sollte – obwohl ich weiß, wie sinnvoll, gesund und wichtig das wäre.

Ist das ein übertragbares Gefühl für unsere Gesell­schaft? Zu müde zum Aufbruch, zu erschöpft von der Last des immer gleichen Scheiterns, zu matt, um Neues zu wagen? Fast scheint es so. Das Wort von der Fatigue ist salonfähig wie nie und liegt wie Mehltau über den Knospen des Neuen. Wenn ich beim Schreiben dieser Kolumne am 9. Dezember 2025 um 22.08 Uhr die Wörter Aufbruch und Sachsen-Anhalt googele, erscheint als erster Treffer „Blauer Aufbruch“ (Fraktionszeitung der AfD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt); als zweiter Treffer „Aufbruch ins Ungewisse“ (Zitat vom BSW-Parteitag), als dritter Treffer „Agentur für Aufbruch“ (Universität Halle-Wittenberg, Institut für Strukturwandel und Nachhaltigkeit); als vierter Treffer: „Aufbruch für Sachsen-Anhalt – Mit Wut im Bauch Vertrauen in die Zukunft schaffen“ (Motto der Bundesdelegiertenkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN).

Aufbruch allerorten also: blau, unge­wiss, Wandel, Wut? Haben Sie das Gefühl, dass Aufbruch so gelingen kann? Was bedeutet Aufbruch für uns, für Sie persönlich? Zwei Antworten will ich wagen: Die eine betrifft den Aufbruch als Weg, die andere den Aufbruch als Tun.

Zum einen: Da ist ein Jetzt, da ist ein Ziel, und da ist ein Weg. Und vor alledem und auf diesem Weg liegt eine Erkenntnis: Wir leben nicht für uns selbst. Wir leben auch (fast) alle für andere Menschen: für unsere Familien, unsere Freunde, für die Nachbarn und eben auch: für einen gelingenden Staat. Wir leben alle in systemischen und aufein­ander bezogenen, auch voneinander abhängigen Zusammenhängen. Deshalb stehen wir jeden Tag auf, arbeiten und sind unterwegs, deshalb übernehmen wir Verantwortung und Care-Arbeit. Und deshalb hat übrigens Gott uns erschaffen. Diesen Auftrag, (auch) für andere da und unterwegs zu sein, gilt es, zu gestalten und immer wieder zu aktivieren.

Aufbruch in diesem Sinne des Unterwegs-Seins (für Andere) ist eine Daueraufgabe. Es geht eben nicht um politische Kampagnen, es geht nicht um ein Hauruck oder eine einfache Formel. Aufbruch ist ein Zustand, eine Haltung und ein Versprechen der Ernsthaftigkeit. Nur wer den beschriebenen Bedingungen des Aufbruchs folgt, kann auch in Anspruch nehmen, dass Andere ihm folgen.

Zum anderen: Aufbruch als Tun hat etwas mit aufbrechen, öffnen, Inneres zu erkennen geben zu tun. Eine Blüte bricht auf, eine Nuss wird aufgebrochen, und manchmal öffnen auch wir unseren kleinen Panzer um die Seele und geben etwas zu erkennen, das sonst verborgen ist. Zum Aufbruch gehört auch dieses Sich-Öffnen: für andere Meinungen, für andere Perspektiven und andere Lösungen. Es gilt dazu, sich zu öffnen in der Erwartung des Lernens. In diesem Sinne wünsche ich einen gelingenden Aufbruch in das neue Jahr 2026!

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Bettina Limperg

Bettina Limperg (*1961) ist seit 2014 Präsidentin des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. 2021 war  evangelische Präsidentin des 3. Ökumenischen Kirchentages in Frankfurt/Main und seit 2023 ist sie Herausgeberin von zeitzeichen.

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