Das walte Gott
ZWEITER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 18. JANUAR
Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre. … Ach Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen, sohilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben … Du bist doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (Jeremia 14,1.7.9)
Das walte Gott!“ – so lautet der Anfang von Martin Luthers Morgen- und Abendsegen. Am Abend gibt der Christ sein Tagwerk und die Welt an Gott zurück, und am Morgen übernimmt er wieder Verantwortung für den Tag und alles, was auf Erden geschieht. Das Leben und die Arbeit sind der tägliche Gottesdienst des Menschen. Denn Gott hat ihm die Verantwortung über die Beziehungen zu seinen Mitmenschen und für die Schöpfung übergeben.
Damals wie heute sehen die Welt, die Beziehungen zu Mitmenschen und die Schöpfung nicht aus, als sei der Mensch mit der von Gott übertragenen Verantwortung gut umgegangen. Denn überall herrscht eine große Dürre. Und betrachtet man das Weltklima, ist das nicht einmal bildlich zu verstehen.
Das Volk Israel sah im übertragenen Sinn überall eine Dürre, als das Königreich aufgelöst worden war. Und im Jahr 587 vor Christus wurden auch noch Jerusalem und der Tempel zerstört. Die Oberschicht wurde in die „Babylonische Gefangenschaft“ deportiert. Dazu kam eine richtige Dürre, die Vieh und Menschen verdursten ließ. Und das Volk Gottes verlor seinen Glauben an Gott und sich selbst.
Da trat zwischen 627 bis 587 vor Christus Jeremia auf und redete dem Volk ins Gewissen. Er predigte, was es nicht hören wollte: Die politischen und klimatischen Katastrophen sind kein göttliches Versagen, sondern Gottes Strafe. Denn statt täglich nach Gottes Geboten zu leben, flüchtete das Volk in neue Religionen, verstieß gegen das Bilderverbot und versündigte sich an der Schöpfung.
Hier erweist sich der Predigttext auf einmal nicht nur als rund 2 500 Jahre alt. Vielmehr lassen sich die alten Bilder problemlos durch heutige ersetzen.
Jeremia belässt es nicht bei einer Strafpredigt. Er wendet sich vielmehr direkt an Gott und bittet um Gnade. Er bezeugt den zornigen Gott (den wir gern verdrängen) und bittet zugleich den gnädigen Gott (ohne den wir nicht überleben). „Das walte Gott“, der Gnädige, denn unsere Verantwortung für den Tag, die Beziehungen, die Welt und die Schöpfung wahrzunehmen, bekommen wir ja alleine nicht hin.
Christen wissen um die Gnade Gottes. Sie ermöglicht die Freiheit und den Mut, es jeden Tag erneut zu versuchen, die Beziehungen, die Welt und die Schöpfung etwas menschlicher zu gestalten. Das walte Gott!
Christ ohne Umweg
DRITTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 25. JANUAR
Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. (Apostelgeschichte 10,34–35)
Wäre es nach der Urgemeinde in Jerusalem gegangen, hätten nur jüdische Menschen Christen werden können. Aber Paulus sah das anders und musste deshalb sein Apostolat ständig verteidigen. Ohne ihn wäre das Christentum von den Römern nur als jüdische Sekte wahrgenommen worden und in den Vertreibungen und Verfolgungen der ersten beiden Jahrhunderte zerschellt. Das Christentum trat aber einen Weg in die Globalisierung an. Paulus lieferte die Theologie dazu und Lukas die Geschichte.
Die Erzählung des Lukas beginnt bei unbedeutenden Hirten auf dem Feld in Bethlehem, erzählt von einem Stall mit Ochs und Esel und endet in der Hauptstadt des römischen Weltreichs. In dieser Geschichte gibt es einen Wendepunkt, der alles entscheidet, Petrus’ Begegnung mit dem römischen Hauptmann Kornelius in dessen Haus, mit Essen und Trinken, Gespräch auf Augenhöhe und Gebet.
Dabei darf das eigentlich nicht sein. Denn ausgerechnet Petrus, der Anführer der judenchristlich geprägten Jerusalemer Urgemeinde, besucht einen heidnischen Römer (verboten!), betritt dessen Haus (verboten!), spricht mit ihm (verboten!), nimmt an der Tischgemeinschaft teil (verboten!), isst die Speisen (verboten!) und betet mit dem Heiden (sprich: Nichtjuden) (auch verboten!).
Natürlich muss er sich dafür in Jerusalem rechtfertigen. Und die Apostelgeschichte beschreibt dies ausführlich. Aber Petrus kann nicht anders. Ihm ist Gott im Traum erschienen und hat angewiesen, auch „unreine“ Tiere zu essen, also ein religiöses Verbot zu missachten. Und Gott weist Petrus an, Kornelius’ Boten zu empfangen, zu beherbergen und mit ihnen zu Kornelius zu gehen. Ausgerechnet Petrus brach alle Tabus und schuf damit die Wende des Christentums von einer Sekte zu einem globalisierten Unternehmen.
Es ist schon eigenartig, dass Christen heute überall auf der Welt Grenzen neu ziehen, religiöse Verbote erlassen, Tabus zementieren und sich dabei auf einen Gott berufen, der in Jesus Christus Verbote übertritt, Tabus verletzt und Grenzen überschritten hat. Aber vielleicht mangelt es diesen Christen an Gottvertrauen.
Machtfrage gestellt
LETZTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 1. FEBRUAR
Er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,9+17–18)
Mit den Bildern und Geschichten der Offenbarung kann man das Gruseln lehren und sogar noch biblisch überbieten. Als ob die Welt nicht schon genügend angsteinflößend wäre, beherrscht von Tyrannen und Superreichen. Johannes, der von sich nicht, behauptet der Jünger oder Apostel Johannes zu sein, sondern einfach nur Johannes, hatte die römischen Kaiser Domitian, Trajan oder Hadrian im Blick. Alle drei pflegten einen ausgeprägten Kaiserkult mit vielen Tieropfern. Und das Fleisch mussten dann alle Anwesenden essen. Für Christen und Juden war das unzumutbar. In den christlichen Gemeinden rumorte es. Und dabei ging es nicht nur um liberale Ansichten im Umgang mit öffentlichen Zeremonien, sondern auch um Moral, um das, was „unzüchtiges Verhalten“ genannt wurde. Apokalypse steht in unserem heutigen Sprachgebrauch für Weltuntergang. Johannes aber schreibt kein Werk über den Weltuntergang, sondern ein Trostbuch für die Gemeinden, die er kennt. Vielleicht wäre er heute ein erfolgreicher Drehbuchautor für Theaterbühnen und Filmstudios. Aber es geht ihm bei aller Dramatik nur um die Frage, wer am Schluss mehr Macht hat, Christus oder die Mächtigen der Welt, und ob der Tod und sein Totenreich das letzte Wort haben.
So schreibt er am Anfang, dass es ihm genauso geht wie seinen Zeit- und Glaubensgenossen, die die Welt ängstigt. Doch Johannes belässt es nicht bei Klage und Jammern. Er beschreibt vielmehr, wie ihm der Auferstandene begegnet ist. Das ist nicht auszuhalten, und er fällt um wie tot. Doch der Auferstandene berührt Johannes. Über kein Geistwesen wird berichtet, sondern eine körperliche Erfahrung. Am Beginn der Menschwerdung Gottes verkündigten die Engel in Bethlehem „Fürchte Dich nicht!“ Und bei Johannes ist es wieder zu hören.
Wer die Schlüsselgewalt hat, hat das Sagen. Denn mit einem Schlüssel kann man Menschen einsperren oder in die Freiheit entlassen. Aber Christen wissen, dass nicht Tyrannen und Superreiche das letzte Wort haben. Auch nicht der Tod und das Totenreich. Sondern Christus, der berührt und tröstet.
Trauma bearbeitet
SONNTAG SEXAGESIMÄ, 8. FEBRUAR
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind … und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen … da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen … Da aß ich sie und
sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Hesekiel 2,3–4,3,2–3)
Hesekiel oder Ezechiel stammt aus einer Priesterfamilie, die als Mitglied der israelitischen Führungsschicht 598/597 vor Christus nach Babylon deportiert wurde. Seine Vertriebenengruppe übernahm eine verlassene Siedlung am „Großen Kanal“, einem Nebenarm des Euphrat, und musste sich nun selbst versorgen. Das muss eine Herausforderung gewesen sein. Denn untergebene Bauern hatten sie keine.
Erst zur Elite gehörend, dann vertrieben, ungewisse Zukunft und alles verloren, was bisher Halt gab: den Tempel in Jerusalem als Zentralheiligtum und das Versprechen Gottes, auserwählt zu sein. Mich erinnert das an die spärlichen Erzählungen meiner Schwiegermutter, die aus Mähren vertrieben wurde und vom „Brünner Todesmarsch“ berichtete.
Kein Wunder, dass Hesekiel Gottes Auftrag nur mit Widerwillen annimmt. Sein gesamter Text beschreibt genau die Verarbeitung der Vertreibung und den Bedeutungsverlust, den die Vertriebenen erlitten haben. Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, dass Hesekiel dies alles nun stellvertretend für sein Volk verarbeiten muss. Denn als Prophet ist er der Vermittler zwischen zürnendem Gott und den harten Köpfen und verstockten Herzen. So muss er auch die Klagen, das Seufzen und die Wehrufe, verschriftlicht in einer Schriftrolle, buchstäblich schlucken.
Moderne Auslegerinnen und Ausleger empfehlen als Zugang zum Text, die Rolle Hesekiels als Umgang mit traumatischen Erfahrungen zu verstehen. Denn mit seinen Schilderungen kämpft der Prophet gegen das Verdrängen und Vergessen an. Und das macht ihn nicht beliebt. Noch unbeliebter wird er, weil er Wunden beschreibt und offenhält. Denn nur damit haben die Überlebenden die Möglichkeit, sich der Wahrheit und Realität zu stellen, so dass Verarbeitung und Heilung möglich werden. Glaubwürdig bleibt Hesekiel, weil er das Ganze nicht nur in Worten ausdrückt, sondern auch selbst körperlich erfährt. Denn das Schicksal der Vertreibung muss er buchstäblich schlucken und verdauen. Und nur so wird Heil möglich. „Süß wie Honig“ ist in der Zeit, die Zucker noch nicht kannte, wie eine Gastro-Auszeichnung mit drei Sternen. Will sagen: Selbst in der scheinbar größten Gottesferne gibt es keinen Augenblick, in dem Gott wirklich fern ist und die Menschen am Ende – überrascht.