Davor und danach

Davor und danach

Swell Maps: John Peel Sessions

Als Der Spiegel mit „Kultur aus den Slums: brutal und häßlich“ Punk 1978 zur Titelstory machte, war der sinister-freche und wuchtig-heitere Schaulauf der Sex Pistols bereits fast Geschichte. Mit Anarchy in the UK, God Save The Queen und ihrem Album Never Mind the Bullocks, Here’s The Sex Pistols hatten sie eine ebenso fruchtbare wie nachhaltige Lawine aus rotzig-klarem Benennen und Do-it-Yourself-Ästhetik losgetreten, die für die meisten erst mal Peter Bursch ohne VHS bedeutete, nicht so aber für die von dieser Pogo-Welle gepackten Swell Maps aus Solihull bei Birmingham. Biggles Books, Jowe Head und die Godfrey-Brüder Adrian und Kevin (aka Nikki Sudden und Epic Soundtracks) hatten sich schon seit 1972 Gitarre und etliche andere, oft haushaltsnahe Klangquellen wie Kindersaxophone oder Staubsauger erschlossen und waren zudem von Krautrockern wie Faust und vor allem Can fasziniert: „Die Leute hielten uns für Hippies und brüllten Schimpfwörter wie Pink Floyd “, erinnerte sich Epic an den ersten Swell-Maps-Auftritt. „Keiner begriff, was wir machten, weil wir nicht wie Bondage-Punks aussahen.“

Weihnachten 1977 war das, da hatten sie ihre erste Single Read About Seymore gerade raus. Ein Reggae auf Turbospeed, dazu Suddens nöliger Gesang, Lyrics, die irritierten, und kräftig über Pogo-Stampf hinaus repetierende Muster, die an Can-Psychedelik gemahnten, bis sie in Noise versandeten. Der immer hellwache John Peel indes hatte ein Ohr für dieses Zugleich von Davor und Danach – Swell Maps waren zwar mittendrin, doch schon Postpunk. Er lud sie 1978, damals noch ohne Album (sie schafften zwei), zu einer ersten seiner legendären BBC-Sessions ein, auf die zwei weitere folgten. Die gibt es hier jetzt in Gänze. Nicht bloß, dass sie mit dem Ansatz und ihrem Gitarrensound Bands wie Sonic Youth oder Pavement inspirierten und Kurt Cobain häufig in SM-T-Shirts auftrat, sie also – obwohl bis zur Auflösung 1980 notorisch erfolglos – immens einflussreich waren, vielmehr ist ihr Amalgam aus exaltiertem Stampfen/Springen mit detailgesättigtem Extra-Wumms ein Meilenstein, der heutztage nicht bloß die auf eigenes Versanden blickenden Boomer in nostalgische Verzückung reißt, sondern gegenwartsrelevant mit Wuchtwut und Heiterkeit füttert. Anspieltipp ist die Doppelnummer Vertical Slum/Forest Fire mit Ekstase-Sax-Explosion und Mundharmonika-Hetzjagd, die ebenso grooven wie sie für Pogo-Stump taugen – ein beseeltes Irgendwo zwischen Zerlegen und Erheben; außerdem der 1980er-Track Big Empty Field, der gewieft-lässig dem Breakbeat vorgreift. Staunen erlaubt. Man wippt, springt, singt grölend mit und hat dieses befreiende Empfinden von Verortung. Brutal und hässlich ist die Welt, aber ganz und gar nicht der musikalische Reim, den sich die Swell Maps darauf machen.

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Weitere Beiträge zu „Kultur“

Weitere Rezensionen

Wesen, das besteht

Wesen, das besteht

Avishai Cohens: Naked truth

Die Platte zum neuen Jahr hat etwas Intimes. Sie ist so sehr Teil eigener Mußestunden, dass ich bisher nicht darauf kam, sie zu teilen. Dabei ist ihre nackte Wahrheit so wunderbar klar und offen, so selbstbestimmt und unaufgeregt, dass ich ihr viele offene Ohren wünsche. Darum gehört sie an das Tor der Zeit. Ihre Essenz ist eindringlich wie Angelus Silesius: „Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“ Und sie ist erlösend wie Christian Morgenstern: „Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich.“

Über die Pole dieses Weltwissens spannt der israelische Trompeter Avishai Cohen in einer Suite aus acht Tönen, die in Teil II exemplarisch klingen, das Seil seiner Erkenntnis. Wie die vier Hobbits machen sich Avishai Cohen und seine drei Mitmusiker in klarer Rollenverteilung auf den Weg: am Bass geschwisterlich begleitend und geleitend Barak Mori, am Klavier vor allem unwegsamen Lebensgeröll mit einem weichen Teppich beschützend Yonathan Avishai, am Schlagzeug alle und alles in nimmermüder Bewegung haltend Ziv Ravitz. Dabei sind die Abenteuer der vier eher innerer Natur und die Verarbeitung dessen ein unaufhörliches Wahrnehmen und Loslassen, ein andauerndes Entschleunigen und Entschlacken – ein fortwährender Vertrauensbeweis an das Leben, das sich selbst genug ist und niemandem etwas beweisen will. Mit dem Tor zu sich selbst öffnen sie das intime Tor des Vertrauens.

Das gelingt in jedem Part anders – mal durch die Nähe zwischen tieftönend luftiger Trompete und samtig in hoher Lage gezupftem Bass, mal zwischen chromatisch gestaffelten Klavierbordüren und deren silbrig angelegter rhythmischer Spiegelung mit Hi-Hat und Becken. Diese Begegnungen sind spielerisch, aber nicht verspielt, leichtfüßig, aber nicht leichtsinnig, zielsicher, aber nicht geradeaus. Sie folgen ihrem roten Faden. Der zieht sich durch Part I bis VIII, wird unwillkürlich zum eigenen, und gipfelt in Part IX unvermutet und doch unbeirrbar in einem neuen Gewand: Avishai Cohen legt die Trompete zur Seite und spricht. Er rezitiert, vom Klavier unterlegt, das Gedicht Departure der israelischen Dichterin Zelda Schneurson Mishkovsky (1914–1984), bekannt unter ihrem Vornamen Zelda. Avishai Cohen hat es gemeinsam mit Sharon Mohar ins Englische übertragen. Es beginnt mit dem Satz: It is necessary to begin the departure from the splendour of the skies and the colours of earth (Es ist notwendig, Abschied zu nehmen von der Herrlichkeit des Himmels und von den Farben der Erde) und endet schließlich, nach dem letzten Ton des Klaviers, mit … and before the end, to live with the fear of their death, and the certainy of my own (Und, vor dem Ende, zu leben mit der Furcht vor ihrem Sterben und meiner eigenen Gewissheit). Keine Angst vor Schwere, vielmehr Freude an Tiefe, die sich eröffnet zwischen Sonnenunter- und Mondaufgang, zwischen Nebeln und leuchtenden Sternenhimmeln.

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Jana Jaeckel hält vier Medikamentenschachteln in der Hand. Mit einem Spatel öffnet sie jede einzeln, hält sie kopfüber und schüttelt sie. „Kommt raus da“, murmelt sie. Doch die Blister mit den Tabletten klemmen.

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Glaube ohne Tabus

Glaube ohne Tabus

Klartext

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Kasiser. Er ist Pfarrer i.R. in Stuttgart.

Das walte Gott

ZWEITER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 18. JANUAR

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre. … Ach Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen, sohilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben … Du bist doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (Jeremia 14,1.7.9)

Das walte Gott!“ – so lautet der Anfang von Martin Luthers Morgen- und Abendsegen. Am Abend gibt der Christ sein Tagwerk und die Welt an Gott zurück, und am Morgen übernimmt er wieder Verantwortung für den Tag und alles, was auf Erden geschieht. Das Leben und die Arbeit sind der tägliche Gottesdienst des Menschen. Denn Gott hat ihm die Verantwortung über die Beziehungen zu seinen Mitmenschen und für die Schöpfung übergeben.

Damals wie heute sehen die Welt, die Beziehungen zu Mitmenschen und die Schöpfung nicht aus, als sei der Mensch mit der von Gott übertragenen Verantwortung gut umgegangen. Denn überall herrscht eine große Dürre. Und betrachtet man das Weltklima, ist das nicht einmal bildlich zu verstehen.

Das Volk Israel sah im übertragenen Sinn überall eine Dürre, als das Königreich aufgelöst worden war. Und im Jahr 587 vor Christus wurden auch noch Jerusalem und der Tempel zerstört. Die Oberschicht wurde in die „Babylonische Gefangenschaft“ deportiert. Dazu kam eine richtige Dürre, die Vieh und Menschen verdursten ließ. Und das Volk Gottes verlor seinen Glauben an Gott und sich selbst.

Da trat zwischen 627 bis 587 vor Christus Jeremia auf und redete dem Volk ins Gewissen. Er predigte, was es nicht hören wollte: Die politischen und klimatischen Katastrophen sind kein göttliches Versagen, sondern Gottes Strafe. Denn statt täglich nach Gottes Geboten zu leben, flüchtete das Volk in neue Religionen, verstieß gegen das Bilderverbot und versündigte sich an der Schöpfung.

Hier erweist sich der Predigttext auf einmal nicht nur als rund 2 500 Jahre alt. Vielmehr lassen sich die alten Bilder pro­blemlos durch heutige ersetzen.

Jeremia belässt es nicht bei einer Strafpredigt. Er wendet sich vielmehr direkt an Gott und bittet um Gnade. Er bezeugt den zornigen Gott (den wir gern verdrängen) und bittet zugleich den gnädigen Gott (ohne den wir nicht überleben). „Das walte Gott“, der Gnädige, denn unsere Verantwortung für den Tag, die Beziehungen, die Welt und die Schöpfung wahrzunehmen, bekommen wir ja alleine nicht hin.

Christen wissen um die Gnade Gottes. Sie ermöglicht die Freiheit und den Mut, es jeden Tag erneut zu versuchen, die Beziehungen, die Welt und die Schöpfung etwas menschlicher zu gestalten. Das walte Gott!

Christ ohne Umweg

DRITTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 25. JANUAR

Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. (Apostelgeschichte 10,34–35)

Wäre es nach der Urgemeinde in Jerusalem gegangen, hätten nur jüdische Menschen Christen werden können. Aber Paulus sah das anders und musste deshalb sein Apostolat ständig verteidigen. Ohne ihn wäre das Christentum von den Römern nur als jüdische Sekte wahrgenommen worden und in den Vertreibungen und Verfolgungen der ersten beiden Jahrhunderte zerschellt. Das Christentum trat aber einen Weg in die Globalisierung an. Paulus lieferte die Theologie dazu und Lukas die Geschichte.

Die Erzählung des Lukas beginnt bei unbedeutenden Hirten auf dem Feld in Bethlehem, erzählt von einem Stall mit Ochs und Esel und endet in der Hauptstadt des römischen Weltreichs. In dieser Geschichte gibt es einen Wendepunkt, der alles entscheidet, Petrus’ Begegnung mit dem römischen Hauptmann Kornelius in dessen Haus, mit Essen und Trinken, Gespräch auf Augenhöhe und Gebet.

Dabei darf das eigentlich nicht sein. Denn ausgerechnet Petrus, der Anführer der judenchristlich geprägten Jerusalemer Urgemeinde, besucht einen heidnischen Römer (verboten!), betritt dessen Haus (verboten!), spricht mit ihm (verboten!), nimmt an der Tischgemeinschaft teil (verboten!), isst die Speisen (verboten!) und betet mit dem Heiden (sprich: Nichtjuden) (auch verboten!).

Natürlich muss er sich dafür in Jerusalem rechtfertigen. Und die Apostelgeschichte beschreibt dies ausführlich. Aber Petrus kann nicht anders. Ihm ist Gott im Traum erschienen und hat angewiesen, auch „unreine“ Tiere zu essen, also ein religiöses Verbot zu missachten. Und Gott weist Petrus an, Kornelius’ Boten zu empfangen, zu beherbergen und mit ihnen zu Kornelius zu gehen. Ausgerechnet Petrus brach alle Tabus und schuf damit die Wende des Christentums von einer Sekte zu einem globalisierten Unternehmen.

Es ist schon eigenartig, dass Christen heute überall auf der Welt Grenzen neu ziehen, religiöse Verbote erlassen, Tabus zementieren und sich dabei auf einen Gott berufen, der in Jesus Christus Verbote übertritt, Tabus verletzt und Grenzen überschritten hat. Aber vielleicht mangelt es diesen Christen an Gottvertrauen.

Machtfrage gestellt

LETZTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 1. FEBRUAR

Er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,9+17–18)

Mit den Bildern und Geschichten der Offenbarung kann man das Gruseln lehren und sogar noch biblisch überbieten. Als ob die Welt nicht schon genügend angsteinflößend wäre, beherrscht von Tyrannen und Superreichen. Johannes, der von sich nicht, behauptet der Jünger oder Apostel Johannes zu sein, sondern einfach nur Johannes, hatte die römischen Kaiser Domitian, Trajan oder Hadrian im Blick. Alle drei pflegten einen ausgeprägten Kaiserkult mit vielen Tieropfern. Und das Fleisch mussten dann alle Anwesenden essen. Für Christen und Juden war das unzumutbar. In den christlichen Gemeinden rumorte es. Und dabei ging es nicht nur um liberale Ansichten im Umgang mit öffentlichen Zeremonien, sondern auch um Moral, um das, was „unzüchtiges Verhalten“ genannt wurde. Apokalypse steht in unserem heutigen Sprachgebrauch für Weltuntergang. Johannes aber schreibt kein Werk über den Weltuntergang, sondern ein Trostbuch für die Gemeinden, die er kennt. Vielleicht wäre er heute ein erfolgreicher Drehbuchautor für Theaterbühnen und Filmstudios. Aber es geht ihm bei aller Dramatik nur um die Frage, wer am Schluss mehr Macht hat, Christus oder die Mächtigen der Welt, und ob der Tod und sein Totenreich das letzte Wort haben.

So schreibt er am Anfang, dass es ihm genauso geht wie seinen Zeit- und Glaubensgenossen, die die Welt ängstigt. Doch Johannes belässt es nicht bei Klage und Jammern. Er beschreibt vielmehr, wie ihm der Auferstandene begegnet ist. Das ist nicht auszuhalten, und er fällt um wie tot. Doch der Auferstandene berührt Johannes. Über kein Geistwesen wird berichtet, sondern eine körperliche Erfahrung. Am Beginn der Menschwerdung Gottes verkündigten die Engel in Bethlehem „Fürchte Dich nicht!“ Und bei Johannes ist es wieder zu hören.

Wer die Schlüsselgewalt hat, hat das Sagen. Denn mit einem Schlüssel kann man Menschen einsperren oder in die Freiheit entlassen. Aber Christen wissen, dass nicht Tyrannen und Superreiche das letzte Wort haben. Auch nicht der Tod und das Totenreich. Sondern Christus, der berührt und tröstet.

Trauma bearbeitet

SONNTAG SEXAGESIMÄ, 8. FEBRUAR

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind … und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen … da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen … Da aß ich sie und
sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Hesekiel 2,3–4,3,2–3)

Hesekiel oder Ezechiel stammt aus einer Priesterfamilie, die als Mitglied der israelitischen Führungsschicht 598/597 vor Christus nach Babylon deportiert wurde. Seine Vertriebenengruppe übernahm eine verlassene Siedlung am „Großen Kanal“, einem Nebenarm des Euphrat, und musste sich nun selbst versorgen. Das muss eine Herausforderung gewesen sein. Denn untergebene Bauern hatten sie keine.

Erst zur Elite gehörend, dann vertrieben, ungewisse Zukunft und alles verloren, was bisher Halt gab: den Tempel in Jerusalem als Zentralheiligtum und das Versprechen Gottes, auserwählt zu sein. Mich erinnert das an die spärlichen Erzählungen meiner Schwiegermutter, die aus Mähren vertrieben wurde und vom „Brünner Todesmarsch“ berichtete.

Kein Wunder, dass Hesekiel Gottes Auftrag nur mit Widerwillen annimmt. Sein gesamter Text beschreibt genau die Verarbeitung der Vertreibung und den Bedeutungsverlust, den die Vertriebenen erlitten haben. Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, dass Hesekiel dies alles nun stellvertretend für sein Volk verarbeiten muss. Denn als Prophet ist er der Vermittler zwischen zürnendem Gott und den harten Köpfen und verstockten Herzen. So muss er auch die Klagen, das Seufzen und die Wehrufe, verschriftlicht in einer Schriftrolle, buchstäblich schlucken.

Moderne Auslegerinnen und Ausleger empfehlen als Zugang zum Text, die Rolle Hesekiels als Umgang mit traumatischen Erfahrungen zu verstehen. Denn mit seinen Schilderungen kämpft der Prophet gegen das Verdrängen und Vergessen an. Und das macht ihn nicht beliebt. Noch unbeliebter wird er, weil er Wunden beschreibt und offenhält. Denn nur damit haben die Überlebenden die Möglichkeit, sich der Wahrheit und Realität zu stellen, so dass Verarbeitung und Heilung möglich werden. Glaubwürdig bleibt Hesekiel, weil er das Ganze nicht nur in Worten ausdrückt, sondern auch selbst körperlich erfährt. Denn das Schicksal der Vertreibung muss er buchstäblich schlucken und verdauen. Und nur so wird Heil möglich. „Süß wie Honig“ ist in der Zeit, die Zucker noch nicht kannte, wie eine Gastro-Auszeichnung mit drei Sternen. Will sagen: Selbst in der scheinbar größten Gottesferne gibt es keinen Augenblick, in dem Gott wirklich fern ist und die Menschen am Ende – überrascht.


 

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Wir Zweitschlag-Christen

Wir Zweitschlag-Christen

Die „atomare Abschreckung“ und die Naivität der neuen Friedensdenkschrift der EKD
Foto: privat

Man muss nicht in Hiroshima gewesen sein. Man kann es auch so wissen. Dass nicht weniger als ein Gewalteinbruch des Totalen erfolgt ist. „Vernichtung“ war vorher noch nicht richtig erfunden. Es ist jetzt aber treibendes Prinzip. In den Ungeheuern der selbstläufigen, immer nur weiter perfektionierten, verfluchten Vernichtungstechnologie. Das Satanische zeigt in ihnen offen sein wahres Gesicht. Man kann jetzt wissen, mit wem man es zu tun hat. Mit dem absoluten Gräuel vor Gott.

Das Hauptproblem der neuen Friedensdenkschrift der EKD: nicht einfach „die Gewalt“. Sondern die atomare Abschreckung. Sie müsse „glaubhaft“ sein. Sei nur dann „glaubhaft“, wenn mit dem atomaren Zweitschlag gedroht wird. Wer die „nukleare Teilhabe“ (Seite 116), den „Besitz von Nuklearwaffen“ (ebendort), den Einsatz einer nuklearen „ultima ratio“ als „Gegengewalt“ ( (S.19; 57f; 61; 65; 67; 116; 143)) oder die „atomare Abschreckung“ zulässt, so die Denkschrift ausdrücklich (S.6; 60; 74; 77; schlimm 113f: „‘taktische‘ Einsätze mit kleinerer atomarer Ladung“ „nicht ausnahmslos verboten“; 117; 128) – wer all das zulässt, müsse einverstanden sein, dass Einsatz und Schlag von Atombomben hunderte Male geübt worden ist, das heißt: im Entwurf, in der Planung, in Vorbereitung und Bereitstellung dieser Waffen. Der muss in der Logik der Denkschrift seinerseits jederzeit buchstäblich zum Äußersten bereit sein, gleich morgen, gleich nachher. Jährlich stürzt sich die NATO, die Gegenseite auch, in das Szenario eines Atomkriegs, in entsetzlichste Gewaltphantasien (wehe, sie werden als das, was sie sind, benannt!).

Wir Christen? Nach dieser Denkschrift sind wir dabei. Die Warnung des Apostels „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“ wird jetzt erneut ausgeschlagen. Praktiziert wird die reine Anpassung an den waffengläubigen Zeitgeist. Keine Rede davon, dass es, wie behauptet, um „Güterabwägung“ geht oder dass ein „tragisches Dilemma“ vorliegt (S.112ff; 117). Das wird ja immer nur beteuert und vorgeschoben, wenn in Wirklichkeit die Entscheidung für die Waffen längst gefallen ist.

Uns Zweitschlag-Christen schreckt die Gefahr keineswegs, den Fortbestand aller Erdendinge aufs Spiel zu setzen. Die ganze Welt ins Unheil zu stürzen. Einen nuklearen Winter heraufzuführen, die Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Falls es „schiefgeht“, beim Versagen des Hasardspiels, wird es keiner von uns gewollt haben. Die eigentliche furchtbare Naivität? Sehenden Auges, hochmütig, irrsinnig das Weiterbestehen der Menschheit aufs Spiel zu setzen. „Abschreckung“ als die in dieser Sache einzig gesellschaftlich akzeptierte Denkweise anzuerkennen. Den aberwitzigen Glauben an die Verlässlichkeit der Furcht und an den Terrorismus der gegenseitigen Ängstigung zu teilen. Die hysterische Tabuisierung der Möglichkeit ihres Versagens mitzumachen.

Von einer Einmischung des Bösen will die Doktrin der atomaren Abschreckung jedenfalls definitiv nichts wissen. Weil sie weltfremd ist. Sie weigert sich, das ungeheure Gewicht des Bösen zu begreifen. Versucht – sträflich unbedarft, verantwortungslos –, über es hinwegzudenken, an ihm vorbei. Als verbiete sich das „negativistische“, „pessimistische Bezichtigungsgeschrei“ der christlichen Sündenlehre. „Skepsis“, für Viele ein höchster Wert, kommt in dieser Sache nicht auf. „Halt’s Maul, Kassandra!“, tönt es aus der Mitte der Gesellschaft. Wer, wenn nicht die Kirche Jesu Christi, könnte aber die Zeit mit ihrer eigenen Besessenheit konfrontieren?

Wozu mag denn eine nihilistische Terrorgruppe einiger Spezialisten imstande sein? Die genialischen Hacker. Subalterne, aber fachkundige Mitarbeiter mit fröhlichen blauen Augen. Darf man ihr Eingreifen ausschließen? Offenbar muss die „Unwahrscheinlichkeit“, wenn man beschwichtigen will, genügen. Eben: Das ist naiv. Und der weitgehend angstfreie, skrupellose, zynische, unzurechnungsfähige, untote Diktator, Großgauner eines Banditenstaats, Schlägertyp (ein russischer, chinesischer, amerikanischer, nordkoreanischer, iranischer, israelischer Präsident oder Ajatollah)? Der gegenüber dem Schicksal der Welt die Schultern zuckt? Die gäbe es nicht? Was hätte Hitler getan? Für Naivität, welcher Art auch immer, entsetzlich zu sagen, sind die Zeiten zu schlecht.

Wir könnten es aber besser wissen. Wir Christen? Oder sind auch wir diejenigen apokalyptischen Scharfmacher, die – im Interesse „unserer Art zu leben“ – mit der Möglichkeit der Verheerung der Erde spielen? Die das unausdenkbare Risiko eingehen: das der Abschaffung aller menschlicher Zukunft. Was laden wir mit dem Akklamieren auf unser christliches Gewissen?

In Wirklichkeit gibt es nur Bonhoeffers „einfältigen Gehorsam“ (so ein ganzes Kapitel in seiner Bergpredigt-Auslegung). „Die Bergpredigt ist dazu da, dass sie getan wird“, schreibt er in wunderlicher Einfalt. In einem Buch mit dem ungeheuerlichen Titel „Nachfolge“.

Es hilft nichts: Diese Denkschrift dokumentiert ein schlimmes Versagen der evangelischen Kirche

 

Anmerkung: Der Autor hat die Seitenangaben des Textes in der Printausgabe zum Teil korrigiert und ergänzt.

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Einmal großer Wurf, bitte!

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Drei Wünsche an die Rentenkommission der Bundesregierung
Foto: Rolf Zöllner

Wann war die Rente in Deutschland eigentlich einmal wirklich sicher? Vermutlich lange vor jenem berühmten Satz von Norbert Blüm im Jahr 1986, den man fast nicht mehr zu zitieren wagt. Schon damals war klar, dass eine alternde Gesellschaft und schrumpfende Jahrgänge der Beitragszahler das Umlagesystem unter Druck setzen. Demografiefaktor, Riester-Rente, Haltelinien – all das hat in den vergangenen Jahrzehnten keine überzeugende und dauerhafte Antwort geliefert. Nun soll eine Rentenkommission erneut einen großen Anlauf nehmen und bis zum kommenden Sommer Vorschlä­ge vorlegen. Diesen will dieser Kommentar nicht vorgreifen. Doch nach Jahrzehnten von Reförmchen und Stellschraubendreherei und dem andauernden Streit darüber haben sich drei Wünsche angesammelt.

Erstens: Es braucht endlich einen großen Wurf. Wenn die heute Erwerbs­tätigen immer wieder hören, die Rente sei unsicher, die Politik aber nur nachjustiert und die grundlegende Reform aufschiebt, wächst das Misstrauen. Es geht um materielle Sicherheit für bis zu drei Jahrzehnte des Lebens – eine Phase, in der wir körperlich und geistig oft nicht mehr auf der Höhe sind. Politik muss den Generationen X, Y und Z ein verlässliches Gesamtpaket vorlegen, das die kommenden Jahrzehnte trägt und nicht nur Symptome verwaltet.

Zweitens: Es muss mehr Geld ins System. Wer meint, das sei nicht finanzierbar, unterschätzt, dass es vor allem eine Frage politischer Prioritätensetzung ist. Möglichkeiten gibt es viele: höhere Steuerzuschüsse, etwa aus stärkerer Besteuerung von Kapitalgewinnen, oder mehr Beitragszahler durch die Ein­beziehung von Beamten und Selbstständigen. Ja, auch sie erwerben Ansprüche – doch wer beim Berufsnachwuchs beginnt, schafft erst einmal Jahrzehnte lang Einnahmen und federt den absehbaren Babyboomer-Buckel ab. Ergänzend könnten Erträge aus einem staatlich gemanagten Fonds ein­fließen – kostengünstiger und transparenter als die Riester-Produkte, die vor allem der Ver­sicherungswirtschaft hohe zusätzliche Einnahmen beschert haben.

Drittens: Alle sollten sich beteiligen. Höhere Beiträge dürfen kein Tabu sein. Sie sind nicht nur Kosten, sondern eine Investition in sozialen Frieden und den Wohlstand, von dem alle profitie­ren – auch die Wirtschaft. Ebenso muss über längere Lebens­arbeitszeiten gesprochen werden. Wir leben im Durchschnitt länger und gesünder als frühere Generationen. Doch manches Arbeitspensum verschleißt stärker als anderes: Was für akademische Bürojobs gilt, kann nicht für Tätigkeiten auf Baustellen, in Pflegeheimen oder Kitas gelten. Eine Reform muss diese Unterschiede ehrlich abbilden.

Die Aufgabe ist gewaltig, ohne Frage. Aber auch andere Länder wie Österreich, die Niederlande oder Dänemark haben – auf sehr unterschiedliche Weisen – Lösungen gefunden, die im internationalen Vergleich langfristig tragfähiger erscheinen. So bietet das niederländische System hohe Renten durch starke kapitalgedeckte Vorsorge, Dänemark koppelt das Rentenalter an die Lebenserwartung und kombiniert Grundsicherung mit staatlich verwal­teten Pensionskassen, und Österreich erzielt im umlagefinanzierten System vergleichsweise hohe Renten. Der große Wurf ist möglich, wenn man ihn wirklich will.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen". 

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