Mit der Summierung des vergangenen Jahres möchte man vielleicht den Stecker herausziehen und einen Waldspaziergang machen. Doch es gibt Zuversicht in der Nachbarschaft. Mein Wohnungsnachbar im großen Haus erscheint stets dynamisch und urlaubsgebräunt. Alle fragen sich, wie er das wohl macht. Das Sonnenbanking ist sein kleines Geheimnis, in das er mich gelegentlich auf dem Hausflur einbezieht. Einmal die Woche, morgens am Montag, geht er drei Straßen weiter auf die Sonnenbank im Viertel. Und dort gibt es eine gute Seele, sie heißt Mario.
Bei ihm gibt es zum Liegeplatz heiße Musik, er beschallt wohl fast das gesamte Ladencenter. Für diesen gut aufgelegten Mario hat sich mein Nachbar über die Jahre etwas ganz Besonderes einfallen lassen: den Spruch zur Sonne. Der ist tagespolitisch kommentierend, und es gibt ihn zum Abschied nach jedem Sonnenbankbesuch, in etwa so: „Drohe ich selbst auch zu erfrieren, der Mario kann’s ignorieren.“ Oder: „Geht bei uns die Welt auch unter, der Mario hält alle munter.“ Oder: „Hab’ ich mal die Schnauze voll, bei Mario ist’s immer toll.“ Und zuletzt noch den: „Kannst Du zu Marios Sonne gehen, lässt Du jeden Glühwein stehen.“
So geschah es, dass neben der Medienprominenz von Donald, Friedrich und Wladimir sich jener mir ferne Mario auf der Festplatte verewigen konnte. Mit seinem visionären Paralleluniversum, weit empathischer als Künstliche Intelligenz oder Augmented Reality. Eingängig, merkfähig und reproduzierbar – es taucht ein Hoffnungsschimmer auf, niederschwellig formuliert und gut gelaunt. Wie also lauten die zeitnahen Zauberworte zum Jahreswechsel? Aus dem mir unbekannten Sonnenparadies nur drei Blocks weiter erklingt vom Nachbarn kommuniziert die frohe Botschaft: „Kannst Du feiern fröhlich Feste, bleibt uns Mario der Beste.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.
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Kathrin Jütte
Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.
Nach knapp 20 Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine neue Friedensdenkschrift herausgegeben. Damit reagiert sie auf die neuen sicherheitspolitischen Konstellationen in Europa.
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Ines-Jacqueline Werkner
Dr. Ines-Jacqueline Werkner ist Leiterin des Arbeitsbereichs "Frieden" bei der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.
Die neue Friedensdenkschrift der EKD nimmt sich vor, Orientierung in einer Welt zu bieten, die in Unordnung geraten ist. Sie hat zahlreiche und kontroverse Reaktionen ausgelöst.
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Einer der anmutigsten Plätze in Europa befindet sich in Nancy: Place Stanislas, benannt nach dem letzten Herzog von Lothringen, gebaut zu Ehren des Schwiegersohns, Ludwig dem XV, 1983 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Das Geviert aus Rathaus, die Oper, das Grand Hȏtel de la Reine und das Museum der Schönen Künste umschließen den Platz, bewacht von 100 Maskaronen: Fratzengesichtern, ein Physiognomiekabinett, in das man sich verlieben kann. Abundanz an großen Pforten: Ein goldenes Gitter-Gewitter von Jean Lamour. Und bitte Zeit nehmen für den Brunnen im Rokokostil.
Lange war Nancy die Kunstmetropole Lothringens, bis im nahen Metz eine Außenstelle des Centre Pompidou eröffnet wurde, auch architektonisch ein großer Wurf. Das Musée des Beaux Arts de Nancy steht seitdem im Schatten dieses Museums. Und doch habe ich dort ein mich fesselndes Gemälde von Jan Sanders van Hemessen (1500-1566) entdeckt. Aufmerksam geworden war ich auf ihn vor vielen Jahren durch sein Gemälde Die Goldwägerin (1530).
Magere Biographie
Seine Biographie ist mager. Er gehört nicht zu den bekanntesten Malern des 16. Jahrhunderts, wurde mit Malerkollegen einmal aus Antwerpen vertrieben, weil sie verdächtigt wurden, zu den Anabaptisten und Freigeistern zu zählen. Spannend aber: Er hat seine Tochter Catarina bis zum 20. Lebensjahr in Malerei unterrichtet, sie gilt als erste flämische Künstlerin, die mit ihrem eigenen Namen signierte. Später wurde sie von Maria von Kastilien, Königin von Böhmen und Ungarn, Prinzessin von Spanien und Erzherzogin von Österreich, sehr vornehm und nachhaltig gefördert.
Jan Sanders Van Hemessen: Le Christ chasssant les marchands du temple, 171 X 67,3, um 1538, Datierung unklar. Quelle: Wikimedia
Zur Zeit von Van Hemessen war Antwerpen eine blühende Gewerbestadt und laute Finanzmetropole. Das religiöse Klima war beherrscht vom Streit zwischen Reformation und Gegenreformation. Aufregend ist der move, den Van Hemessen mit der biblischen Geschichte eines zornigen Jesus, der die Tauben-Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem vertreibt (Mt 21,12ff., Joh 2,13ff.), unternimmt: die Szene spielt jetzt in der Kathedrale in Antwerpen. Was für die tradierte Geschichte gilt, gilt auch noch hier; Stichwort: Räuberhöhle und Kaufhaus statt Bethaus. Angedeutet wird die Kathedrale im Gemälde durch hohe Säulen und Rundbögen im Hintergrund. Zwar beherrschte das Thema Ablassstreit zu dieser Zeit nicht mehr die Agenda, aber van Hemessen nutzt die tradierte Geschichte, um den bleibenden religiösen Pomp der katholischen Kirche mit dem Urbild des umherziehenden, mittellosen Jesus zu kontrastieren.
Jesus taucht zweimal im Bild auf, einmal oben links, schon nah am Ort des Geschehens, aber noch im Gespräch, vielleicht auf Einsicht bauend, dann übergroß, die linke Hälfte dominierend. Die Forschung spricht von Simultan- oder besser: von Kontinuitäts-Darstellungen, die die Narration verzeitlichen, aufeinander folgende Bilder, die auf das spätere Filmmedium vorverweisen. Dieser Jesus, im schlichten Dress eines armen Wandercharismatikers gekleidet, in gedecktem grau-braun unterwegs, sich deutlich von den farbenfrohen Gewändern der Umgebung abhebend, barfüßig, holt zur Bewegung aus.
Es trifft immer die Richtigen
Aber während der Körper ganz von der Dynamik beherrscht wird, bleibt, und das ist die Pointe des Bildes, das Antlitz zwar konzentriert, aber nicht zornig, keine prophetische Verbissenheit im Blick, beinahe Freundlichkeit und Demut ausstrahlend, die Augen bleiben geschlossen, der Blickkontakt, der Einhalt gebieten könnte, wird verweigert, ohne Ansehen der Person wird hier die ganze Bagage Antwerpens hinausgeprügelt. Es trifft immer die Richtigen, denn alle, die sich im Dunstkreis der Gegenreformation aufhalten, verraten die durch Luther wiederentdeckte arme Urkirche. Kehraus mit Antwerpen. Der Aufruhr ist beträchtlich. Es herrscht ein Tohuwabohu, ein heilloses Durcheinander. Und warf der historische Jesus nur die Tische der Händler um und scheuchte sie hinaus, hat hier der Jesus aufgerüstet. Oder holt er nur drohend zum Schlag aus?
Besonders erwähnenswert: Mit dem Twist in die Kirche vermeidet van Hemessen es, die verstörenden antisemitischen Stereotypen zu bedienen, die diese Szene in der christlichen Ikonographie sehr lange beherrschten, wenn es galt, die Geldwechsler und Taubenverkäufer dazustellen.
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Foto: Privat
Klaas Huizing
Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.
Dreimal kommt der Begriff „Feindesliebe“ in der neuen EKD-Friedensdenkschrift, stets in Form von „Nächsten- und Feindesliebe“, quasi im Gesamtpaket jesuanischer Friedensethik.
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Die Held:innen sind müde: Während in früheren Jahrzehnten nächtelang um Kommata und Spiegelstriche gerungen wurde, um eine Synodenkundgebung zum Schwerpunktthema zu verabschieden, von der manc
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Traditionell begannen die verbundenen Tagungen der EKD und der sogenannten Kirchenbünde UEK und VELKD am Freitag mit der Tagung der lutherischen Generalsynodalen, die auch diesmal in Dresden ein anspruchsvolles liturgis
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Meine Freundin ist tot. Sie ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Eben noch hat sie mir eine lustige WhatsApp geschrieben, kurz darauf ruft mich ihr Ehemann an und ich kann es erst gar nicht fassen und glauben. Sie war jünger als ich. Ihr Mann bleibt mit Kindern zurück. Bei der Beerdigung kommen fast 500 Menschen, wollen trauern, Beistand leisten, Mitgefühl zeigen. Ihr Leben hat Viele berührt, ihr Tod auch. Früher habe ich sie manchmal im Scherz gefragt: „Besuchst du mich mal im Altersheim wenn ich Demenz habe?“
Jetzt stehe ich vor ihrem Sarg und habe das Gefühl, dass die natürliche Reihenfolge des Lebens durcheinandergeraten ist. Ich als die Ältere hätte zuerst sterben müssen. Ich bin ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie irgendwann einmal vor meinem Sarg steht und nicht umgekehrt. Aber so läuft es nicht.
Auf dem Friedhof
„So Gott will und wir leben,“ haben wir uns manchmal verabredet. Und dabei nicht wirklich ernstgenommen, dass das eine sehr ernste Mahnung aus dem Jakobusbrief ist. Theoretisch ist das klar, aber im Alltag? Diese November-Zeit im Kirchen-Jahreskreis erinnert jedes Jahr daran, dass das Leben begrenzt ist. Eine Mahnung, die viel zu oft ungehört verhallt, auch bei mir. Wieviel Beerdigungen habe ich als Pfarrerin im Lauf meines Lebens gestaltet? Und bin in all den Jahren doch keine Meisterin des „memento mori“ geworden.
Ich besuche einen alten, längst aufgegebenen Friedhof in Rheinhessen, der malerisch an einer alten Kirchenruine liegt, und entziffere die Inschriften auf den Grabsteinen. In Sachen memento mori waren unsere Vorfahren mit Sicherheit fitter als ich und viele andere. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Ein Grabstein betrauert den Tod einer 13jährigen, ein anderer den Tod eines im 1. Weltkrieg in Frankreich gestorbenen Sohnes. Der arme Kerl hat nach seiner Verwundung noch zehn Tage auf seinen Tod warten müssen. Ich will mir nicht vorstellen, unter welchen Schmerzen und Umständen. Auf dem nächsten Grabstein nennt eine Familie gleich zwei Söhne, die im 2. Weltkrieg gefallen sind. Weitere Kinder gab es nicht. Die Eltern blieben verwaist zurück.
So Gott will und wir leben
Nach so vielen Jahren Frieden in Deutschland und einer ausgezeichneten medizinischen Versorgung sind es die Unfälle, die uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens erinnern. Doch trotz fast 3000 Verkehrstoten jedes Jahr in Deutschland kommt der plötzliche, frühe Tod unwirklich vor. Eine Katastrophe, auf die man in der Regel nicht vorbereitet ist. Da ging es den Altvorderen anders. Die Grippe raffte Millionen hin, Kinder überlebten regelmäßig ihre ersten Lebensjahre nicht. Viele Frauen starben nach der Geburt ihrer Kinder, die Männer im Krieg.
November. Ende des Kirchenjahres. Gedenke, dass du sterben musst. So Gott will und wir leben. Was meine tote Freundin mich lehrt, jetzt, da mir unsere Gespräche und Begegnungen fehlen, ihre klugen Bemerkungen und ihre strahlende Lebensfreude: Das Leben ist ein kostbares Geschenk. Jeder Atemzug ist ein kleines Wunder. Jeden Tag darf ich dankbar aus Gottes Hand annehmen. Bis zu meinem letzten Lebenstag. Dann, wer weiß, wie Gott sich das vorstellt, sehen wir uns ja im Himmel wieder.
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Foto: Harald Oppitz
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.
Die Bundeswehr wird heute 70 Jahre alt, doch über ihre Zukunft wird gestritten. Soll die ausgesetzte Wehrpflicht angesichts der wachsenden Gefahr eines Kriegs wieder eingesetzt werden? Roger Töpelmann, ehemaliger Mitarbeiter des früheren evangelischen Militärbischofs Sigurd Rink, ist dafür. Ihm widerspricht Birgit Wehner, Co-Vorsitzende der katholischen Friedensbewegung "pax christi"
Können wir Krieg?
Diese unabsehbar schwierigen Zeiten fordern ein „mind change“ - und die Kirche sollte sich klar dazu bekennen
Als die allgemeine Wehrpflicht 2011 auf Vorschlag des damals amtierenden Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) durch Bundestagsbeschluss ausgesetzt wurde, hieß es, sie könne ebenso leicht wieder in Kraft gesetzt werden. Heute: Ein Hauen und Stechen um die Wiedereinsetzung. Die aktuellen Debatten zeigen ein verstörendes Bild: Ein neuer Wehrdienst soll vor allem auf Freiwilligkeit bauen. Wer ihn ableisten muss, wird durch Losverfahren ermittelt. Alle ideellen Prinzipien wie Freiheit, Demokratie und nationale Selbstbestimmung spielen – obwohl historisch äußerst bedeutsam – offensichtlich keine große Rolle. Das Verteidigungsministerium sieht eine sechsmonatige Ausbildungszeit für ausreichend an und jeder könne selbst entscheiden, ob er hier noch eine Zeit draufsatteln will. Bis zu 23 Monate oder auch länger.
Der Dienst in der Truppe ist vor allem wegen der aktuellen politischen Bedrohungslage – vornehmlich durch Russland – zwingend und richtig. Ein Erproben anderer Wehrdienstmodelle verbietet sich schon deshalb, weil sie erhebliche Risiken bergen. Was passiert, wenn über die neue Auswahl nicht genügend Wehrdienstleistende gefunden werden? Wird dann weiter experimentiert?
Die „alte“ Bundeswehr garantierte, dass die jungen Männer nach dem Schulbesuch – heute heißt das „Gap-Year“ - auch anders Ausgebildete kennenlernen konnten: Soziale Schichten traten in eine Begegnung ein, wie sie die Gesellschaft nirgends sonst garantieren konnte. Abiturienten und Handwerker, Studierwillige und Berufserfahrene kamen in den Kasernen zusammen. Zu einer gemeinsamen Verpflichtung. Sehr viele ehemalige Wehrpflichtige beschreiben diese Zeit als Reifeprozess, als politische und persönliche Erweiterung ihrer jugendlichen Perspektiven. Rückblickend auf ihre persönliche Biographie stellen viele ehemalige Wehrpflichtige der Bundeswehr ein beachtlich positives Zeugnis aus: Viele sagen, sie hätten im Wehrdienst den Sinn von Zusammenhalt, Kameradschaft und gemeinsamen Handelns erfahren. Von den technischen Ausbildungen gar nicht zu reden.
Auch die Kirchen sprachen bei der ethischen Ausrichtung der Soldatinnen und Soldaten mit ihrer Seelsorge in der Bundeswehr ein klares Wort mit. Mehr noch: Aller Wahrscheinlichkeit nach ist eine deutsche Armee niemals zuvor so klar am Anspruch christlich-abendländischer Ethik orientiert worden. Auch deshalb, weil das Recht auf Kriegsdienstverweigerung mit dem Gewissensvorbehalt nie in Frage stand, ja sogar in der Volksarmee der DDR möglich war.
Wie wichtig die Bundeswehr die Begleitung der Kirchen nahm, ließ sich bei einer Rekrutenvereidigung 2016 in Berlin sehen: Der Berliner Bischof a.D. Wolfgang Huber und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD würdigte den Deutschen Widerstand am heutigen Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums und sagte vor den jungen Männern und Frauen in Uniform: Die Vereidigung ist ein Gelöbnis für die Zukunft…ein solcher Dienst ist nicht selbstverständlich. Aber es gelte: „Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen.“ Und: Es könne kein Handeln ohne Bereitschaft zur Übernahme von Schuld geben. Da berief er sich auf Dietrich Bonhoeffer.
Schon frühere Zeitgenossen kannten das Dilemma von Schuld und Opfer: Wer die Gefallenentafeln in einer Kirche nahe den Schlachtfeldern von 1813/14 gegen Napoleon in den Freiheitskriegen südlich von Berlin liest, weiß: Es waren junge Bürger ihrer Zeit: der eine Landwehrmann, der andere Musketier, der Dritte Füsilier, die mit Anfang 20 ihr junges Leben als Soldaten hingaben: Wissentlich oder unwissentlich. Ihre patriotische Entscheidung zeigt das Dilemma.
Die EKD hat sich trotz des neuen Vorranges des Schutzes vor Gewalt im Konzept des Gerechten Friedens in ihrer neuen Friedensdenkschrift nicht zu einer klaren Unterstützung der Wehrpflicht entschließen können. Grundsätzlich soll die Freiwilligkeit Vorrang haben. Und wenn es wieder eine Verpflichtung geben soll, dann wäre eine allgemeine Dienstpflicht wünschenswert. Ob diese aber auch für Frauen gelten solle, will die EKD der gesellschaftlichen Debatte überlassen. Gerade als Fürsprecherin einer jungen Generation sollte sich die evangelische Kirche aber klarer äußern.
So schwierig wie die Dinge heute liegen, nach über 30 Jahre Frieden holt die deutsche Gesellschaft die Frage in der Bundeswehr ein: Können wir Krieg?
Die Antwort ist überraschender als man gemeinhin denkt: Jeder 3. junge Deutsche sieht sich als wehrbereiter Realist und eine absolute Mehrheit der Männer im wehrfähigen Alter befürwortet einen neuen Wehrdienst und zeigt sich bereit, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Militärsoziologen sehen deshalb die junge Generation nicht in Fatalismus oder Pazifismus gefangen.
Was ist das Resümee? Die EKD hätte mit ihrer neuen Friedensdenkschrift auch eigene Fehleinschätzungen bekennen können: Trotz zahlloser politischer und internationaler Krisen über Jahrzehnte hin, hielt sie eine militärisch wehrhafte Gesellschaft für weitgehend entbehrlich. Auch ein klares Ja zu atomaren Abschreckung wäre wünschenswert gewesen. Denn diese unabsehbar schwierigen Zeiten fordern einen „mind change“.
Es spricht viel dagegen
Ein Staat, der junge Menschen zum Dienst an der Waffe verpflichtet, behandelt sie nicht mehr als selbstbestimmte Subjekte, sondern als Ressourcen für den Ernstfall.
Die Forderung nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht passt in die aktuelle Forderung nach Kriegstüchtigkeit. Sie ist auch ein Indiz dafür, dass man sich vom Grundgedanken „Nie wieder Krieg“und damit der Suche nach gewaltfreien Konfliktlösungen langsam verabschiedet. Und sie gehört in den Bereich der Aufrüstung, die mit der Erhöhung des Wehretats und Einkauf von Kriegswaffen ihren Anfang nahm. Argumentiert wird, dass nur so Sicherheit zu schaffen sei, gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert werde und junge Menschen zu Disziplin und Verantwortungsbewusstsein erzogen würden – getreu dem Spruch aus der Mottenkistedes Kalten Krieges „Als Muttersöhnchen sind sie gekommen, als Männer verlassen nach Ableistung des Wehrdiensts die Kaserne“.Und es zeigt sich, dass eine Rückkehr zur Wehrpflicht noch weiter geht als eine organisatorische Maßnahme der Verteidigungspolitik. Sie berührt Grundfragen des Menschenbildes, der Freiheit und der Verantwortung.
1. Der Mensch als Zweck, nicht als Mittel:Im Zentrum der Ablehnung der Wehrpflicht steht das Prinzip der Menschenwürde. Eine Wehrpflicht aber macht den Einzelnen zum Instrument staatlicher Interessen – ob zur Landesverteidigung, zur Symbolpolitik oder zur moralischen Disziplinierung einer vermeintlich „orientierungslosen Jugend“. Er ist Teil der Aufrüstung genauso wie eine Mittelstreckenrakete. Ein Staat, der junge Menschen zum Dienst an der Waffe verpflichtet, behandelt sie nicht mehr als selbstbestimmte Subjekte, sondern als Ressourcen für den Ernstfall.
2. Das Gewissen als Grenze staatlicher Macht: Die Entscheidung, Gewalt anzuwenden, ist keine technische oder organisatorische Frage, sondern eine moralische. Sie betrifft den innersten Bereich menschlicher Selbstbestimmung – das Gewissen. Hannah Arendt nannte das Gewissen den Ort, an dem der Mensch „mit sich selbst im Einklang bleiben“ muss. Wer gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln oder Handlungen mitzutragen, die es verletzt, verliert seine innere Freiheit, auch wenn er äußerlich gehorcht. Nicht alle jungen Menschen sind in der Lage, diese Zusammenhänge zu sehen und ihre innere Verfasstheit gut genug zu erkennen, um von ihrem Recht der Wehrdienstverweigerung Gebrauch zu machen. Jugendliche und junge Erwachsenen, die nicht von ihren Eltern unterstützt werden können, sind hier entscheidend benachteiligt. Anders als in den 90-ziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind zudem junge Menschen derzeit einem viel höheren gesellschaftlichen Druck ausgesetzt.
3. Die seelische Verwundbarkeit der Jugend - Viele Befürworter übersehen, dass junge Menschen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase stehen. Sie suchen Orientierung, Identität und moralische Maßstäbe. Eine Pflicht, in der sie lernen sollen, zu gehorchen, bevor sie gelernt haben, zu urteilen, ist gefährlich. Das Erleben von Gewalt, die Erfahrung von Befehl und Unterordnung, oder gar die Beteiligung an Tötungshandlungen hinterlassen Spuren, die das Leben prägen können – oft in Form von Schuldgefühlen, innerer Leere oder Entfremdung. Eine Gesellschaft, die junge Menschen solchen Belastungen aussetzt, um ihre Verteidigungsfähigkeit zu sichern, verkennt den Wert der seelischen Unversehrtheit.
4. Freiheit statt Zwang – Verantwortung statt Gehorsam Die Befürworter der Wehrpflicht behaupten oft, sie stärke den Zusammenhalt und das Verantwortungsgefühl. Doch echter Zusammenhalt entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Einsicht. Verantwortung kann man nicht befehlen, man muss sie lehren – durch Bildung, Dialog und Vorbild, nicht durch Befehlsketten. Der Gedanke, Disziplin und Gemeinsinn durch Zwangsdienste zu erzeugen, ist ein pädagogischer Irrtum aus anderen Zeiten.
5. Der Staat als Partner, nicht als Herr- Die Wehrpflicht steht sinnbildlich für ein Verhältnis zwischen Staat und Bürger, das auf Kontrolle und Unterordnung basiert. Doch eine moderne Demokratie beruht auf Vertrauen: Der Staat traut seinen Bürgerinnen und Bürgern zu, freiwillig Verantwortung zu übernehmen. Dieses Vertrauen ist kein Risiko, sondern die Voraussetzung politischer Reife. Wenn der Staat statt Vertrauen wieder auf Zwang setzt, sendet er ein gefährliches Signal: dass Freiheit ein Luxus sei, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten könne.
6. Friedliche Wehrhaftigkeit als moderne Antwort - Die Herausforderungen der Gegenwart – Klimakrise, Desinformation, soziale Spaltung – werden nicht durch militärische Stärke gelöst, sondern durch Bildung, Kooperation und Methoden der Gewaltfreien Konfliktbewältigung.Eine „friedliche Wehrhaftigkeit“ bedeutet, die geistigen und sozialen Grundlagen einer stabilen Gesellschaft zu stärken: Empathie, Zivilcourage, Dialogfähigkeit, kritisches Denken. Eine Demokratie, die in die Jugend vertraut und ihr Raum zur freiwilligen Mitgestaltung gibt – in sozialen, ökologischen oder internationalen Diensten –, schafft mehr Sicherheit als eine, die sie zum Kasernengehorsam zwingt.
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Foto: privat
Roger Töpelmann
Dr. Roger Töpelmann ist Theologe und war von 2015 bis 2020 Mitarbeiter des Evangelischen Militärbischofs, - im Handlungsbereich Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr (HESB) in Berlin.