Erlösende Schönheit
Meine Eltern hatten nie Geld. Aber man sah es ihnen nie an. Jedenfalls ihrer Kleidung nicht. Sie hielten immer auf sich, wie es so seltsam sperrig heißt.
Meine Eltern hatten nie Geld. Aber man sah es ihnen nie an. Jedenfalls ihrer Kleidung nicht. Sie hielten immer auf sich, wie es so seltsam sperrig heißt.
Kennen Sie die amerikanische Zeichentrickserie South Park? Die bitterböse Satire um vier Schulfreunde in einem kleinen Städtchen in Colorado läuft seit 27 Jahren auf verschiedenen Kanälen, auch in Deutschland.
Die Serie ist dafür bekannt, dass sie gesellschaftliche Trends aufs Korn nimmt. So tauchte vor einigen Jahren in South Park ein neuer Schuldirektor auf, der sich als „PC Principal“ vorstellte. PC stand für „Political Correctness“, also „politische Korrektheit“, und tatsächlich führte der neue Direktor ständig irgendwelche sinnlosen Regeln für Minderheitenschutz, Feminismus und dergleichen ein. Sein Hang zum Fanatismus wurde ein Running Gag der Serie.
Ein Rollenspiel
In der neuen Staffel, die diesen Sommer gestartet ist, ist PC Principal jedoch mit einer ganz anderen Mentalität aus den Ferien zurückgekehrt: PC steht jetzt für „Power Christian“, der Schuldirektor hat sich zum Christentum bekehrt. Er trieft immer noch vor moralischer Überlegenheit, nur jetzt eben mit der Bibel in der Hand. Und er ist nicht der einzige. Alle möglichen Leute in South Park hängen sich plötzlich Kreuze um den Hals und predigen vermeintlich christliche Werte. Wirklich Ahnung vom Christentum haben sie aber nicht - jedenfalls wenn man Jesus fragt, der an der Schule Vertrauenslehrer ist, für dessen Meinung sich aber niemand interessiert.
Die Serie greift einen Trend auf, der ernsthaften Christ*innen Sorgen bereiten muss: Im derzeitigen politischen Klima wird das Christentum zur Modeerscheinung. In bestimmten Kreisen ist es schick, sich fromm zu geben. Aber nicht im Sinne einer persönlichen Wende hin zu Gott, sondern eher wie ein Rollenspiel, bei dem man sich traditionsreiche Symbole aneignet, um daraus Nutzen für sich selbst zu ziehen.
Auch in Deutschland
In Deutschland ist der Christlichkeits-Boom zwar lange nicht so stark wie in den USA. Aber auch hier erklären „Christfluencer“ auf Instagram und Tiktok im Namen des Christentums, wie schlimm Homosexualität ist. Junge Mädchen feiern den so genannten „Jesus Glow“, also die Idee, der Glaube würde ihre Haut reiner und strahlender machen, und erwachsene Frauen bekennen, dass sie sich gerne ihren Ehemännern unterordnen, weil das so in der Bibel steht.
Angesichts sinkender Mitgliederzahlen mögen manche hoffnungsvoll auf solche Hypes schauen. Aber für Optimismus gibt es keinen Grund. In Wirklichkeit zeigt das alles nur, wie stark die Bedeutung christlicher Traditionen abgenommen hat. Der ganze Quatsch kann sich ja nur deshalb so verbreiten, weil seriöses theologisches Grundwissen in der Gesellschaft kaum noch vorhanden ist.
Das liegt nicht an mangelndem theologischem Bemühen seitens der Kirchen. So hat sich gerade die Vollversammlung der katholischen Bischöfe in den USA in deutlichen Worten von der Anti-Migrationspolitik der Trump-Regierung distanziert. Auch Geistliche aus protestantischen Kirchen melden sich immer wieder zu Wort. Aber ob es was nützt? Das Christentum ist ja keine geschützte Marke. Jeder kann sich so nennen und predigen, was er will. Oder sie.
Lernende und Erleuchtete
Die antiken Christ*innen waren da noch strenger, wie wir aus den Reisebüchern einer spanischen Pilgerin namens Egeria wissen. Sie reiste im 4. Jahrhundert nach Jerusalem und hat unter anderem die Taufrituale der dortigen Gemeinde beschrieben: Wer getauft werden wollte, musste sich beim Bischof bewerben und zwei Zeug*innen mitbringen, die für den guten Charakter und die ernsthaften Absichten bürgten. Anschließend galt es, einen christlichen Lebensstil unter Beweis zu stellen - und damit war nicht gemeint, keinen Sex vor der Ehe zu haben, sondern für Arme und Kranke zu sorgen, den eigenen Reichtum mit den Armen zu teilen, sich von den Mächtigen nicht korrumpieren zu lassen.
Als „Katechumenoi“ - also Lernende - durften die Anwärter:innen nur am ersten Teil des Gottesdienstes teilnehmen, und zwar in einem separaten, von der eigentlichen Gemeinde getrennten Bereich. Erst wenn sie genug gelernt hatten, was mehrere Jahre dauern konnte, durften sie zu den „Photizomenoi“ aufsteigen, zu den „Erleuchteten“. Das bedeutete, dass sie einen achtwöchigen Intensiv-Kurs mit täglichen Unterweisungen und spirituellen wie körperlichen Übungen absolvieren konnten, und danach erst durften sie endlich die Taufe empfangen.
Wie Jesus in South Park
So ein langwieriges Prozedere macht natürlich jeden Hype zunichte. Heute hingegen kostet es überhaupt keine Anstrengung mehr, getauft zu werden, und wenn nicht in dieser Kirche, dann halt in jener, und wenn gar nichts hilft, gründet man einfach selber eine. Dann kann man predigen, was man will, und wenn das Video nur gut gemacht ist, sorgen die Algorithmen von Tiktok und Co. für Reichweiten, gegen die keine Bischofskonferenz etwas ausrichten kann. Die fünf Millionen Views, die das katholische Video zur Migration erreicht hat, sind zwar ganz respektabel., Aber letztlich war es doch nur ein kurzes Aufbäumen im großen Meer der Konkurrenz: Laut Marketingseite „Buzzvoice“ erreichten christliche Influencer*innen im Jahr 2025 über 500 Millionen Follower.
Wahrscheinlich bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als es so zu halten, wie Jesus im South Park-Comic: Wir schauen dem Hype staunend zu, widersprechen, wo es sich anbietet, und hoffen ansonsten, dass der Spuk irgendwann wieder vorbei ist.
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.
Im Jahr 1941 musste die neunzehnjährige Sophie Scholl einen sechsmonatigen Arbeitsdienst verrichten.
Eine feierliche Stille liegt über dem Medonca-Palast in Lissabon. Etwa 300 Gäste nahmen Abschied, als Prinz Karim Aga-Khan IV. am 4.
Begonnen habe ich mein Studium als Lehramtsstudium der Evangelischen Religionslehre und Englisch in Saarbrücken, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich so sehr für die Theologie (und
Die Predigthilfe für die kommenden Wochen stammt von Kathrin Oxen, Pfarrerin in Berlin.
Wer mich in diesen Tagen wirklich zum Verzweifeln bringt, sind die Konsequenten. Schon Anfang Dezember schicken sie Weihnachtskarten mit perfekt inszenierten Familienfotos. Wir dagegen kriegen uns schon über den Text unserer Karte in die Haare. Sie haben schon alle Geschenke und wissen, was es an den Feiertagen zum Essen gibt.
Johannes der Täufer ist auch einer von den Konsequenten. Er lebt nicht nur in der Wüste, sondern er lebt die Wüste, kleidet sich in das, was sie hergibt. Sein Gewand ist aus Kamelhaar, der Gürtel aus Leder. Johannes ernährt sich hauptsächlich von wildem Honig und von Heuschrecken, wahrscheinlich mit Stacheln. Außen wie innen ist er kratzig und widerspenstig. Aber als Bußprediger ist Johannes absolut glaubwürdig. Wer so lebt, karg und bedürfnislos, kann mit allem Recht seine Mitmenschen auffordern, umzukehren und ihr Leben zu ändern.
Die Frage der Menschen am Fluss, die von Johannes getauft werden wollen, hat einen leicht verzweifelten Unterton. Du kennst uns und wir kennen uns selbst auch, Johannes. So konsequent wie du, das werden wir nicht hinkriegen. Und sie bekommen eine überraschend sanfte Antwort von Johannes: Es gibt etwas zwischen Alles oder Nichts. Wer zum Beispiel reich ist, muss nicht das letzte Hemd hergeben. Aber wenigstens eines. Muss sich nicht den letzten Bissen vom Mund absparen. Aber teilen. Sogar die Soldaten können Soldaten bleiben. Sie sollen aber niemandem Gewalt und Unrecht tun und sich bereichern. Trotz Kamelhaar und Heuschrecken ist Johannes erstaunlich geschmeidig. Er verlangt nichts Übermenschliches. Wenn man es einigermaßen schafft, der Gier und dem Machtmissbrauch zu widerstehen, gibt es so etwas wie wahres Leben, auch im falschen. Nicht konsequent, aber entlastend.
Die Christen in Korinth finden Paulus inkonsequent. Erst verspricht er, dass er ganz bestimmt kommt. Doch dann muss der Apostel seine Pläne plötzlich ändern. Als wäre er ein Angehöriger der Generation Z, der man Unverbindlichkeit in vielen Dingen nachsagt. Zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth herrscht nicht nur eine leichte Verstimmung. Sie geht vielmehr tiefer. Wenn der, der ihnen die Botschaft von Jesus Christus verkündigt hat, unzuverlässig ist, stimmt dann vielleicht auch etwas mit der Botschaft nicht? Schließlich geht es um Glaubwürdigkeit.
Sein Glaubwürdigkeitsproblem ist Paulus bewusst. Und auch die Gefahr, die seine Unverbindlichkeit mit sich bringt. Die Gemeinde von Korinth ist nämlich noch nicht gefestigt, sondern unerfahren, und vieles ist ihr neu. Da ist es kein Wunder, dass sie ihre eigene Unsicherheit einfach bei Paulus ablädt. Und um Reisepläne geht es dabei gar nicht, sondern um die Frage, ob man dem Apostel und seiner Botschaft wirklich vertrauen kann.
In den Briefen, die Paulus an seine Gemeinden schrieb, bekommen wir ein gutes Gefühl dafür, was die ersten Christinnen und Christen bewegte. Vor allem wird deutlich: Es war am Anfang des Christentums nicht alles besser. Im Gegenteil, als zum ersten Mal Menschen zum Glauben an Jesus Christus kamen, war alles noch viel schwieriger. Denn es gab keine Strukturen und Institutionen, sondern nur einzelne Menschen wie Paulus und seine Mitarbeiter Silvanus und Timotheus. Paulus macht deswegen noch einmal klar, dass das mit dem Ja und dem Nein passiert. Wir sind nicht perfekt und auch nicht immer glaubwürdig. Aber die große Sehnsucht nach dem Ja hat Gott mit der Geburt Jesu beantwortet. Und in Jesus ist die absolute Glaubwürdigkeit zu finden, die wir unter uns manchmal vergeblich suchen. Ein konsequentes Ja, zu dieser Welt, zu uns Menschen, mit unseren Stärken und unseren Schwächen.
Gott meldet sich zu Weihnachten an, wie das Besucherinnen und Besucher tun, und lässt durch den Propheten Sacharja ausrichten: „Ich komme und will bei dir wohnen.“ Und die „Tochter Zion“ soll sich darüber auch noch freuen. Dabei hat sie gerade alles andere im Sinn als Besuch zu empfangen. Die Tochter Zion ist die Stadt Jerusalem am Berg Zion. Und dort gibt es nicht nur ein paar unordentliche Ecken. Die Stadt und der Tempel sind vielmehr zerstört und die Bevölkerung zum großen Teil noch vertrieben. Die Tochter Zion gleicht wohl eher einer Trümmerfrau, ist also das Gegenteil einer entspannten Gastgeberin. Aber nun will Gott kommen und bei ihr wohnen.
„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem“, singen wir gerne. Aber der echten Tochter Zion war nicht zum Singen und Jauchzen zumute. Müde war sie, erschöpft. Wäre sie ehrlich gewesen, dann hätte sie sagen müssen: Lieber Gott, das passt gerade schlecht.
Gott gehört aber leider zu der Sorte Besuch, die auf zarte Andeutungen nicht reagiert. Ihn interessiert in bemerkenswerter Konsequenz überhaupt nicht, ob es gerade passt, dass er kommt. Das war damals in Jerusalem so und später, zu Weihnachten in Bethlehem, genauso. Gott fragt nicht, ob wir eingerichtet sind auf seinen Besuch. Schon immer kommt er und richtet sich ein in der Welt, wie sie nun mal ist. Wie gut, dass Gott sich konsequent weder vom Stand unserer Vorbereitungen noch den Umständen unseres Lebens davon abhalten lässt. Denn dann wäre es wohl nie so weit. Denn es bleibt ja immer noch etwas aufzuräumen oder schönzumachen. Aus den Vorbereitungen auf Weihnachten kennt jede und jeder das Bedürfnis, die Tür hinter sich zuzumachen. Es ist viel größer ist als der Wunsch, jetzt auch noch Besuch zu bekommen. Aber dann ist es doch gut, dass er kommt.
Widerstand und Ergebung hieß das Buch. Auf dem Cover, leicht abstrahiert, Gitterstäbe und etwas, das wohl eine Schreibfeder sein sollte. In den christlichen Kreisen, in denen ich mich als Jugendliche bewegte, war der Name Dietrich Bonhoeffer einer, den man kennen musste, so wie in anderen, spannenderen Kreisen bestimmte Bands. Dieses Buch würde mir sicher helfen, endlich zu verstehen, warum Dietrich Bonhoeffer ins Gefängnis gekommen und dann, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, von den Nazis ermordet wurde.
Ein Lied hatte er auch geschrieben. Das sang ich zum ersten Mal auf einer Silvesterfreizeit und mochte es lieber als das Buch, das ich nach kurzer Zeit wieder weglegte. Das Buch gab mir das unangenehme Gefühl, dass es meinem jugendlichen Glauben noch an Ernsthaftigkeit fehlte. Denn es war alles nett im Jugendkreis und bei der Silvesterfreizeit. Aber wegen meines Glaubens ins Gefängnis kommen, gar sterben müssen, das wollte ich natürlich nicht. In mir regte sich Widerstand gegen diese Art von Ergebung. Viele Jahre blieb Dietrich Bonhoeffer so etwas wie ein Heiliger für mich, so entsetzlich konsequent. Erst als ich den Briefwechsel zwischen ihm und seiner Verlobten las, dachte ich zum ersten Mal, dass sich da kein Heiliger äußert. Da schreibt ein Mensch, in dem mindestens so viel Widerstand wie Ergebung ist. Einer, der liebt, einer, der sich sehnt.
Heute, am Übergang vom alten zum neuen Jahr, halte ich einen Moment inne, wie es an diesem Tag wohl jeder tut. Ich sehe auf das vergangene Jahr, auf das, was war, und auf das, was kommt.
Auf meinen jugendlichen Glauben sehe ich gnädiger als damals. Jetzt bin ich in der viel zitierten Mitte des Lebens angekommen und habe längst meine eigenen Erfahrungen damit gemacht, wo Widerstand von mir verlangt wird und wo Ergebung. Und dass man beides nicht voneinander trennen kann. Das gilt für das große Ganze und noch mehr für das eigene kleine Leben und was es an Widerständen und Ergebungen von mir verlangt. Konsequent ist nicht alles, was ich getan habe. Aber je älter ich werde, desto mehr glaube ich: Der Glaube beginnt gar nicht mit einem festen Herzen. Sondern er macht ein festes Herz, durch das ganze Leben hindurch.
Wir sind am Anfang der Geschichte unseres Glaubens. Das Kind, dessen Geburt wir gerade erst gefeiert haben, wird jetzt getauft. Bis jetzt wurde immer nur über ihn gesprochen. Matthäus hat von ihm erzählt: von dem neugeborenen Kind, das von den Weisen angebetet wurde. Von dem Baby, das den König Herodes in Panik versetzt und zu einer Gewaltorgie angestiftet hat, der es selbst nur knapp entkommt. Auch von Johannes, dem Täufer, dem wir gerade erst begegnet sind. Und nun ist das Kind plötzlich schon erwachsen und kommt auf eigenen Füßen an den Fluss. Er reiht sich ein in die Schlange, die sich am Ufer gebildet hat und wartet, bis er dran ist. Er steht da zwischen all den Menschen, die den Fehler bei sich selbst suchen, die nicht bleiben wollen, wie sie sind, die neu werden wollen. Einmal ganz untertauchen und Wasser in die Ohren kriegen. Einmal untertauchen und die Augen ganz fest zusammenkneifen. Einmal untertauchen und den Mund zumachen müssen. Und dann auftauchen, wie aus dem allerersten Wasser, wie neugeboren. Die Ohren frei machen und hinhören. Die Augen öffnen und nicht mehr wegsehen. Wenn es sein muss, auch den Mund aufmachen. Neue Menschen kommen aus diesem Wasser, Gottes Kinder, Söhne und Töchter. Und Gottes Sohn kommt dazu und stellt sich erst mal hinten an.
Johannes der Täufer weiß gleich, mit wem er es zu tun hat. Dem kann ich nicht das Wasser reichen. Den kann ich doch nicht taufen. „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde“, sagt er deswegen zu Jesus. Und Jesus antwortet nur: „Lass es jetzt geschehen.“ Das sind die allerersten Worte, die man von Jesus selbst in dieser Geschichte hört. Du oder ich, das spielt doch keine Rolle. Wir sind beide nicht die Macher. Wir lassen es nur geschehen. Ein anderer macht es.
Und als Johannes es geschehen lässt, als es dann geschehen ist, öffnet sich der Himmel, und es ist wie damals, wie ganz am Anfang, als die Erde noch wüst war und leer und nur der Geist Gottes über dem Wasser schwebte. Es ist wie damals, als die Taube nach der großen Flut mit dem Ölzweig im Schnabel über all das Wasser flog. Es fängt neu an. Eine große Chance für alle Menschen. Und es beginnt mit einem, der sich konsequent hinten anstellt. Und es geschehen lässt.
Hundert Jahre Theologinnenkonvent in Deutschland regen an, zurückzuschauen und vorwärts zu blicken.
Frühnebel hängt in den Baumkronen auf dem Gehöft in Zentral-Kamerun.
Francesco Grano (Klavier): Bach. Piano transcriptions. La Bottega Discantica, 2025.
Eine Welt ohne die Musik von Johann Sebastian Bach? Oh nein! Es gibt für viele Menschen, die Musik lieben, keine schlimmere Vorstellung. Doch eigentlich gehört es zu den großen glücklichen Zufällen, dass die Musik Johann Sebastian Bachs überlebte und ein Ende ihrer Wirkmächtigkeit nicht abzusehen ist. Das war keineswegs ausgemacht, galt doch vielen seiner Zeitgenossen die Musik des großen Thomaskantors bereits zu dessen Lebzeiten als überholt.
Selbst die Matthäuspassion, die heute vielen als Gipfelpunkt abendländischen Musikschaffens gilt, war Bachs Zeitgenossen keine öffentliche Äußerung wert, sondern sie musste 1829 vom jungen Felix Mendelssohn wiederentdeckt werden und die h-Moll-Messe, der andere musikalische Achttausender, bezeichnete erst 1818 der Verleger Hans Georg Nägeli als das „größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Und erst sehr zögerlich kam die Bachrenaissance im 19. Jahrhundert in Gang, und der Reichtum des vokalen, orchestralen und kammermusikalischen Schaffens wurde nach und nach wiederentdeckt, seitdem 1850 die erste Gesamtausgabe der Werke Bachs gestartet wurde.
Doch ein Genre der Bachschen Kunst wurde nie ganz vergessen, und das war die Musik für Tasteninstrumente, insbesondere die Sammlung „Das Wohltemperierte Klavier.“ Das Klavier sorgte im 19. Jahrhundert auch für die Verbreitung Bachscher Vokalmusik, und früh entstand das Genre der Transkriptionen Bachscher Werke für Klavier. Tastenvirtuosen wie Franz Liszt und besonders nach ihm Feruccio Busoni schufen mit ihren Bearbeitungen Bachscher Werke ein eigenes Genre, das bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. So ist erst jetzt wieder eine neue CD erschienen, auf der Francesco Grano, ein junger italienischer Pianist, eine sehr berückende Auswahl zusammengestellt hat.
Nicht satthören kann man sich an der Transkription Harold Bauers von „Die Seele ruht in Jesu Händen“ aus Bachs Kantate BWV 127, aus der Grano wirklich alles herausholt. Hier vermählt sich Bachs Melodik und Harmonik in vornehmster Manier mit der Ausdrucksfülle eines Konzertflügels. Und das gilt auch für andere der vielen Glanzpunkte dieser CD, zum Beispiel für die berühmte Bearbeitung des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ aus der Kantate BWV 140 von Wilhelm Kempff. Die außerordentliche Qualität dieses Melodiearrangements war Bach wohl bewusst, denn er selbst „zweitveröffentlichte“ diese Choralfassung als ersten in seinen „Schübler Chorälen“ für die Orgel (BWV 645). Um es kurz zu machen: Auf diesem Bach-Silberling Francesco Granos ist jedes Stück ein Treffer und scheint insofern perfekt dafür geeignet, unter möglichst vielen Christbäumen der Welt zu liegen.
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.
Egoexpress: A Piece of the Action. (1995–2005) Bureau B/Indigo, 2025.
Auch größte Bedenkenträger von damals geben heute zu: Olaf Scholz ließ 2017 beim G20-Gipfel die Polizei die Falschen jagen. Hätte er sich mal an jene in der Elbphilharmonie gehalten, der Welt wäre viel erspart geblieben … Aber Hamburg war immer mehr als das: Die Indie-geprägten Freunde Mense Reents und Berndt ‚Jimi‘ Siebels zog es 1990 dahin, als sich im Kielwasser der Goldenen Zitronen gerade die „Hamburger Schule“ bildete (Tocotronic, Die Sterne, Blumfeld und andere), die dann Diskursrock wurde. Reents und Siebels aber packte die Bassdrum: „blunt, immediate, and liberating“, schreibt Patrick Ryder in seinen konzisen Liner Notes.
Mit DIY-Ethos und Klangfaszination droschen sie ihre Prägung durch Punk, Mod-Kultur, NDW und das Faible für die hypnotische Intensität von Suicide oder Bohannon zu Elektromusik, die bis heute kickt. Sie hat Bumms, Kante, Funk und Witz, der die nahrhafte Ursuppe spiegelt: Seit 1995 waren sie das House-Duo Egoexpress Siebels als bildender Künstler, Reents auch bei den Zitronen. Er hat aus dem Œuvre nun „A Piece Of The Action (1995–2005)“ kuratiert, eine wunderbare Werkschau mit 16 Tracks.
Sie reißen vom Punkt weg in Bewegung, Fröhlichkeit und gewichtig ins Leichte. Schulterrollen und Hüftkreisen beschert gleich der erste, das funky-euphorisch entflammte We Are Here, erst recht, wenn die Bassdrum zurückgeknallt kommt. Drumkraft ist abstrakt, sperrig, Intelligent Techno. Spätestens Hot Wire My Heart (Edit) lässt die Wohnung beim Gang zur Kaffeemaschine indes alles schnöde Vertraute verlieren und die Arme nach oben fliegen, wenn Drum und Basslinie wieder hochgezogen werden – Körper, Geist, Seele wippen. Musik, die auch für den Lauti beim Gegenprotest taugt, weil sie mit Erinnerung an gemeinsam gefeierte Nächte flutet. Und so viele Details: Ska-Bläser, Knef-Stimme, Latin-Drive, Dub on Speed, Yello, doch können sie auch anders, ins fett Psychedelische oder dicht an Aphex-Twin-Knarzen.
Prätentiös ist das alles nie, tanzbar immer, eben: Beautiful Music/Dangerous Rhythm. Können Lust und Ausgelassenheit sozial sein? Eminent sogar, Egoexpress schultern elegant die Beweislast. Liebling bleibt Knartz IV mit einer herrlichen Intro-Collage aus Gesprächs- und historischen, eine „Zurück in die Zukunft“-Szene imitierenden Tanzmusikfetzen (diese Details!), die mit einem gedämpften „Oh, my God, it’s techno music!“ endet. Dann geht es ab. Munter klaubender Mundraub zwischen Erfinden und Erkunden. Die Kanten rund, Effekte teils gar Ambient. Das reißt mit, umarmt, grooved, tröstet, „ist Ich und Tanzen“, sexuell wie das cunnilinguale „Hohl von innen“ oder setzt wie „Weiter“ mit seinem Mantra „man muss immer weiter durchbrechen/gehen“ Impulse. Dem obwaltendem Irrsinn steht freundlich Lebendigkeit entgegen, und dies entschieden. Anstand, der kickt. Und wie.
Udo Feist lebt in Dortmund, ist Autor, Theologe und stellt regelmäßig neue Musik vor.