Alte Meister im Gartenreich

Die drei Männer sind gleichzeitig in Wittenberg tätig und kennen sich auch untereinander: der Maler Lukas Cranach der Ältere (1442–1553) und Friedrich der Weise mit

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Wachstum

Anmerkungen zu der Monografie Rilke als Gärtner kommen nicht aus ohne einen Hinweis auf den ebenfalls in der Insel-Bücherei erschienenen Zwillingsband Rilkes Tiere, herausgegeben von Angelika Overath und Manfred Koch. Vor allem aber nicht ohne einen sich verneigenden Satz vor Sandra Richters fundierter, biografisch umfangreicher Vorarbeit Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Sie räumt detailreich nüchtern und empathisch ehrlich auf dem vielfach überladenen Rilke-Altar auf, indem sie der Verflechtung von Werk und Autor mit der Idealisierung eines Künstlers und der suggestiven Wirkmächtigkeit seiner Sprache ein Ende macht und diese so der plakativen Überhöhung und mythischen Einverleibung durch romantisierende Glorifizierung entreißt.

Dabei ist Sandra Richters Entthronung Rainer Maria Rilkes alles andere als eine Abrechnung mit dem Dichter. Sandra Richter stellt eine Leiter an den Dich­terhimmel und ermächtigt Rilke, für sich selbst zu sprechen. Ihr Blick auf dieses Dichterleben ist unverblümt. Gleichwohl nimmt sie alles Blühen, alle Größe und alles Scheitern, alle Schönheit der Sprache wie ihre rhythmisch vollendete Stilisierung wahr und ist so klug, sie nicht allein mit heutigen Augen zu überfliegen und der Mode besserwissender Bewertung und Zuschreibung zu unterwerfen. Sondern sie bezieht immer auch Zeit und Wirklichkeit Rilkes ein und beleuchtet sie, respektvoll unaufdringlich. So bindet sie in ihrer Darstellung den Menschen Rilke mit seinen Wünschen und Vorstellungen, seinen Eitelkeiten und Ängsten ein.

Neue Ehrlichkeit

Das ist eine neue Ehrlichkeit, eine Offenbarung, die Raum lässt, ohne ihn gleich wieder zuzustellen. Wem etwas an Rilke und seiner Dichtung liegt – und das will ich gern unterstellen oder dafür werben –, der lese zunächst diese Biografie.

Fürs Gärtnern ist zyklisch immer Zeit – so auch für diesen kleinen Band, der ästhetisch und inhaltlich ganz in die Reihe der Insel-Bücherei passt und den Dichter und seine Zeit noch einmal in die Gartenlaube lädt. Mit abgestreiften Handschuhen, gesäuberter Rosenschere, bei frisch gebrühtem Tee. Hier erscheint der zeitlebens Ruhelose ruhig, als würden die eigenen Verse zur erfahrenen Gewissheit: „Rast! / Gast sein einmal. / Nicht immer selbst seine Wünsche / bewirten mit kärglicher Kost. / Nicht immer feindlich nach allem fassen; / einmal sich alles geschehen lassen / und wissen: / Was geschieht, ist gut.“

Schon die Einführung bestätigt den Garten für Rilke als Erholungs- und Kraftort, der aber noch mehr ist als ein Ausgleich: Er wird Äquivalent zum eigenen Schaffen, Anschauungs- und Lernort. Und das Gärtnern wird zu einer unmittelbar tätigen, praktischen Kunst, die Wesentliches voraussetzt: Hören und Sehen auf den Zyklus der Jahreszeiten und Wissen um die Bedürfnisse der Pflanzen. Er vergleicht den Beruf mit dem Literaturbetrieb, sieht im Baumbeschnitt und in der Blumenpflege, im Jäten und Düngen die Arbeit von Redaktion und Lektorat und erkennt und erwartet eine hohe Professionalität, damit ein Garten auch ein solcher ist: gepflegt und gehegt: kultiviert, das Natürliche in Form und zu Schönheit und Nutzen bringend.

Das verlangt Zeit für Wachsen und Werden – und damit Kontinuität und eine Sesshaftigkeit, die Rilke nicht gewohnt ist und erst lernen muss. Dafür bildet er sich fachlich, aber auch literarisch auf den traulichen Pfaden der Lyrik weiter – etwa im gezielten Lesen von Naturlyrik wie Johann Gaudenz von Salis-Seewis’ Seelenspiegel „Bünder Nachtigall“, in der auch dessen berühmtes, volksliedartiges Herbstgedicht „Bunt sind schon die Wälder“ zu finden ist. Sandra Richter und Anna Kinder zeigen in diesem Büchlein den Seelen-Gärtner, der Rilke als Autor Vielen war und ist, als Blumen-Gärtner, der das Formen und Gestalten an der Wind und Wetter ausgesetzten Wirklichkeit des eigenen Gartens noch einmal neu begreift.

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Weitere Beiträge zu „Kultur“

Weitere Rezensionen

Religiöse Rechte

Angesichts der politischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren überrascht es nicht: Auf der Suche nach öffentlichen Einordnungen und Positionierungen zur extremen Rechten wird man bei den evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland mittlerweile sehr schnell fündig. Und auch der kirchliche Diskurs greift Themen wie die Gefährdung und den Schutz der Demokratien in Deutschland, Europa und weltweit immer häufiger und immer nachdrücklicher auf (siehe zum Beispiel das Schwerpunktthema „Demokratie in Gefahr“ in zeitzeichen im August 2025).

Umso wichtiger ist es deshalb, dass sich die vier Herausgeber:innen des Buches Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten nun daran machen, den wissenschaftlich bisher eher schwach beleuchteten Zusammenhang von Christentum und Rechtsex­tremismus (und vielen in der Nähe befindlichen Phänomenen) eingehend in den Blick zu nehmen. Unterstützt von 15 weiteren Autor:innen tun dies Hans-Ulrich Probst, Dominik Gautier, Karoline Ritter und Charlotte Jacobs aus theologischer und religionssoziologischer Perspektive. Sie richten sich dabei an ein außerordentlich interdisziplinäres Publikum.

Analyse und Reflexion

Der Sammelband teilt sich in zwei inhaltliche Schwerpunkte zur Analyse und Reflexion der religiösen Rechten auf: internationale Vernetzungen und verbindende Feindbilder. Anhand von vielfältigen Beispielen wie der globalen Vernetzung der Russischen Orthodoxen Kirche, den Aktivitäten von christlich-politischen Influencern oder dem Rechtspopulismus als Herausforderung für den Religionsunterricht in Deutschland und Polen können die Autor:innen dadurch zum einen Hinweise auf Spezifika des deutschsprachigen Raums sowie internationale Kontinuitäten geben. Mithilfe des sinnvoll gewählten Analyseinstruments des Topos werden zum anderen typische und gemeinsame inhaltliche Bezugspunkte auf der großen Landkarte der religiösen Rechten aufgezeigt. Dazu zählen die Topoi des Anti-Genderismus, des identitären Nationalismus, dualistische Welt- und Lebensmuster sowie die Verbreitung von Verschwörungserzählungen. Sie alle tragen seit jeher zum inhaltlichen Grundbestand der extremen Rechten bei und erfahren nun durch die religiöse Rechte eine theologische Akzentuierung oder sogar Aufwertung.

Eine grundsätzliche Herausforderung der Frage nach „verbindenden Feindbildern zwischen extremer Rechter und Christentum“ und damit auch des gesamten Sammelbandes ist das diffuse Untersuchungsfeld. In diesem sind die Grenzen zwischen christlich-konservativ und christlich-rechtsextrem an einigen Stellen bisher nur schwach konturiert und werden von aktuellen Ereignissen sowie Treibern wie der Digitalisierung oder Globalisierung immer wieder neu angefragt. Dieser Umstand trägt zur großen Faszination für Forschungsprojekte wie den „Topoi und Netzwerken der religiösen Rechten“ bei. Gleichzeitig ist die Lektüre von einigen Artikeln des Buches deshalb recht voraussetzungsreich und öffnet den Raum für weiterführende Fragen. Kapitel oder Übersichten, in denen grundlegende Begriffe, Diskursverläufe und Akteure eingeführt und (sofern möglich) abschließend bewertet werden, wären hier für das interdisziplinäre Publikum möglicherweise hilfreich gewesen.

Unabhängig davon ist die Lektüre des Buches vor allem aufgrund der zahlreichen interessanten Fallbeispiele und der unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen sehr zu empfehlen. Das Projekt ist außerdem ein wichtiger Beitrag für die weitere wissenschaftlich-analytische Auseinandersetzung mit dem Zusammenkommen von religiös-christlichen Überzeugungen und extrem rechten Einstellungen. Insbesondere die einleuchtende konzeptionelle Verbindung von Topoi und Netzwerken liefert hierbei wichtige Impulse und lässt weitere spannende Erkenntnisse erwarten.

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Foto: Nico Herzog

Maria Sinnemann

Maria Sinnemann ist Referentin für Demokratiebildung und -förderung bei der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers.

Weitere Beiträge zu „Kirche“

Weitere Rezensionen

Entdeckung

Mit epochaler Nonchalance wurde der preußische König Friedrich II. zum Begründer einer modernen Religionskultur: „Alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leute so sie profesiren Erliche leute seindt, und wen Turken und Heiden kahmen und wollten das Land Popliren, sow wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Diesen wunderbaren Ausspruch, hinter dem allerdings auch eine gute Portion Desinteresse, wenn nicht Geringschätzung institutionalisierter Religion steckt, zitiert die Berliner Theologin Gerdi Nützel in ihrer Habilitationsschrift Religiöse Pluralisierung im öffentlichen Raum. Diese versucht, die Geschichte und Gegenwart religiösen Zusammenlebens baugeschichtlich zu fassen.

An den Sakralbauten unterschiedlicher Konfessionen und Religionen in Berlin und Brandenburg zeigt sie, wie friedlich oder konfliktiv, unauffällig oder sensationell, innovativ oder selbstverständlich Religionsgemeinschaften in der Stadt, aber auch auf dem Land zusammengelebt haben und zusammenleben. Das ist theologisch fundiert, baugeschichtlich informiert, vor allem aber sehr anschaulich.

Weite Welt

Es öffnet sich eine weite Welt des Religiösen: vom Evangelischen über das Katholische und Orthodoxe, das Jüdische, Muslimische, Alevitische, Buddhistische, Hinduistische, über die Sikhs, die Bahai bis zum Candomblé. Jedes religiöse Gebäude im ehemaligen preußischen Kerngebiet steht für eine religiöse Idee, aber auch für eine Migrationsgeschichte.

Dass neue Religionen sich feste Gebäude errichten, zeigt, dass es nie „Gastarbeiter“ waren, die kamen, sondern Menschen, die hier dauerhaft arbeiten, leben und eben auch beten wollten.

Gerdi Nützel gliedert diese Geschichte in fünf Phasen. Die erste begann 1671, als Kurfürst Friedrich Wilhelm einer Gruppe von 50 jüdischen Familien aus Wien den Zuzug erlaubte. Weitere religiöse Minderheiten folgten, um das Land mitaufzubauen. Die zweite Phase begann 1788 mit der schrittweisen Etablierung des Prinzips der Religionsfreiheit – im Rahmen des Staatskirchentums. Dies erlaubte die Integration vieler Neubürger, die für die Industrialisierung gebraucht wurden.

Anregende Plastizität

Die dritte Phase begann 1919 mit dem Ende der Staatskirche, was anderen Religionen neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnete, bis das NS-Regime alles zerstörte. Die vierte Phase begann 1945: In West-Berlin wurde das Weimarer Modell wieder eingeführt, in Ost-Berlin und Brandenburg regierte sozialistische Religionsfeindlichkeit. In der fünften Phase, die 1990 begann, befinden wir uns immer noch. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass klassische Religiosität ihre Dominanz verliert und neue Akteure öffentlich sichtbar werden.

Die Grundlinien dieser Entwicklungen mögen bekannt sein, sie erhalten aber eine überaus anregende Plastizität und Konkretheit, wenn man sie baugeschichtlich nachzeichnet. Eigentlich ist Nützels Habilitationsschrift eine Stadt- und Landkarte, mit der man sich selbst auf Streifzüge durch die Hauptstadt und ihr Umland machen sollte. Ganz anders als beim Studium religionssoziologischer Statistiken würde einem dann aufgehen, wie sehr die Religionslandschaft im Wandel ist – aber auch, dass dies keineswegs eine neue Entwicklung ist, sondern eine sehr lange Vorgeschichte hat. Das könnte einen vor aktualistischen Aufgeregtheiten bewahren. In den allermeisten Fällen sind die religiösen Baugeschichten friedlich verlaufen und Teil eines normalen Alltags geworden.

Doch auch wenn Nützels Arbeit von emphatischer Sympathie für religiöse Konvivenz geleitet ist, spart sie Ambivalenzen, Krisen und Konflikte keineswegs aus. Wer sich also auf eine Entdeckungsreise durch die Geschichte und Gegenwart unserer Religionskultur begeben möchte, sollte dieses Buch einpacken.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.

Weitere Beiträge zu „Kirche“

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Zeitreise

Kämpferisch, zuspitzend prophetisch, aufklärend kapitalismuskritisch: Mit theologischer Hingabe und politischer Analyse hat der evangelische Theologe und Sozialethiker Ulrich Duchrow die Ökumenische Bewegung nachhaltig bewegt. Die persönliche, leidenschaftlich ökumenisch orientierte Zeitreise über die vergangenen fünfzig Jahre, die der 90-jährige Autor den kommenden Generationen als eine Art Bekenntnis und Vermächtnis hinterlässt, dokumentiert das gesellschaftskritische Rütteln und Schütteln an Machtstrukturen und selbstgenügsamen Institutionen, die „die zukünftigen Lebensmöglichkeiten zerstören“.

Akribisch und global wie regional vernetzt nimmt er in seinem Rückblick die weltweite Kirche – im Rahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und der Lutherischen und Reformierten Weltbünde – mit ihren Botschaften und Selbstverpflichtungen zum Konziliaren Prozess und zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beim Wort. Mehrere dieser Verlautbarungen stammen aus seiner Feder und haben die Wechselwirkung der Sozialgestalten von Kirche gestärkt – von der Basis bis zu den internationalen Kirchenbünden.

Für Kirchengemeinden, Basisbewegungen, „Nachfolgegruppen“, Initiativgruppen und Netzwerke – und deren Ausstrahlung auf Zivilgesellschaft und Gewerkschaften – engagiert sich Ulrich Duchrow bis heute mitreißend, etliche gehen auf seine Initiative zurück.

Dabei weist der Theologe auf den weltweiten Aspekt der „konziliaren Einheit“ hin – mit seinem Ursprung im Apostelkonzil in Jerusalem (Apostelgeschichte 15 und Galater 2). „Konziliare Einheit“ will – Duchrow at its best – konfliktfähig sein und zielt auf Versöhnung, weil sie ausgeht „von der um das Abendmahl versammelten christlichen Gemeinschaft vor Ort und der weltweiten Gemeinschaft aller Ortskirchen“. In dieser „konziliaren Einheit“, die Spannungen lebt, aushält und überwindet, sieht Ulrich Duchrow „ein Modell für die Heilung der Welt in Gerechtigkeit und Frieden“.

Die Vielzahl seiner Impulse und Pu­blikationen lässt nach dem Movens fragen, das etwa die ethisch-konfessorischen Akzente erklärt. Er selbst bezeichnet Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers als „theologische Muttermilch“. Und die zweite These der Barmer Theologischen Erklärung war starker Antrieb: „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“ und „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“.

So wundert es nicht, dass der Begriff „status confessionis“ im Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und später der Terminus „processus confessionis“ zur wirtschaftlichen Ungerechtigkeit in Ulrich Duchrows Zeitreise mehrfach entfaltet wird. Die Arbeit in „Nachfolgegruppen“ wurde dadurch geprägt, ebenso die Gründung seiner Kairos-Bewegung 1990 in all ihren Variationen, die ohne die Südafrika-Arbeit nicht zu denken ist. Beeindruckendes Beispiel war das von Duchrow 2010 angestoßene internationale Projekt „Radicalizing Reformation“ mit 94 Thesen, um auf der Basis sozialgeschichtlicher Bibelforschung den „Blick von unten“ zu schärfen und eine mit den Armen solidarische Kirche zu werden.

Den Konflikt hat Ulrich Duchrow nicht gescheut, weder um die Ökumene noch um „die Verwerfung des imperialen Kapitalismus“, und in jüngerer Zeit erst recht nicht um Israel und Palästina. So ist Duchrows Schlusskapitel gewidmet der „Interreligiösen Solidarität für Gerechtigkeit in Palästina-Israel“ und dem Kairos-Palästina-Netzwerk, das seit 2009 existiert und wiederholt dem Antisemitismus-Vorwurf ausgesetzt war. Zu Unrecht.

Der Begriff „Apartheidstaat“ für Israel ist indes zu Recht umstritten, auch wenn nicht nur der Ökumenische Rat der Kirchen Duchrows Sicht teilt. Gleiches dürfte für die wirklich schwierige Bezeichnung Israels als „Teil des globalen imperial-kapitalistischen, rassistischen und militaristischen Apartheidsystems mit seiner kolonialistischen Geschichte“ gelten. The floor is painfully wide open. Ein zukunftsfähiges Zeugnis politischer Prophetie bleibt gleichwohl Ulrich Duchrows in Jahrzehnten gelebter Widerstand gegen eine Kirchentheologie, wann und wo immer sie Versöhnung ohne Gerechtigkeit predigt.

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Wolfgang Gern

Wolfgang Gern ist ein evangelischer Theologe und Pastor und war Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Hessen und Nassau e. V. mit Sitz in Frankfurt sowie Sprecher der Nationalen Armutskonferenz.

Weitere Beiträge zu „Gesellschaft“

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Nie gottlos

Nie gottlos

Karl Barth und die säkulare Welt

Der aus fünf Aufsätzen bestehende Sammelband Am Ende der christlichen Welt geht auf eine Tagung im Herbst 2023 an der Zürcher Theologischen Fakultät zurück und stellt die Frage, ob und wie Karl Barths Theologie den gegenwärtigen Kirchen bei ihrer Orientierung in der säkularisierten Welt helfen kann. Alle Autor:innen bejahen die Frage, und zwar durchaus unterschiedlich.

Mitherausgeber Michael Pfenninger geht einführend von der Kirchlichen Dogmatik aus und findet vor allem in den Bänden IV/3 und IV/4 manche Äußerungen Barths, die zum einen das Ende des „christlichen Abendlands“ illusionslos wahrnehmen und damit zu einer „Ekklesiologie der Bescheidenheit“ raten. Zum anderen zeigt Pfenninger aber auch auf, dass die Welt in Barths Sicht „zwar empirisch areligiös, aber theologisch gesehen, soteriologisch gesprochen, nie ganz gottlos sein kann“.

Bei dem Zürcher Praktischen Theologen Ralph Kunz kommt Barth vor allem in den Fußnoten vor, sein Fokus liegt auf der Debatte über unterschiedliche Säkularisierungstheorien, die im Gefolge der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung „Wie hältst du’s mit der Kirche?“ (KMU VI) wieder deutlich geworden sind. Was bedeuten diese Theorien für die Kommunikation des Evangeliums?

Der Berner Systematiker Reinhold Bernhardt geht religionstheologisch nicht nur „über Barth hinaus“, sondern auch über das Christusereignis als einzige Gottesoffenbarung. Angesichts der heutigen Bedeutung anderer Religionen auch für die Kirche postuliert er: „Gott ist grösser und reicher als alles, was sie [die Kirche] von ihm zu kennen meint.“

Oliver Albrechts erfahrungsgesättigter Beitrag „Simplify your Pfarramt“ ist aus der Perspektive der Tätigkeit in einer deutschen Landeskirche geschrieben. Schwungvoll analysiert der hessische Propst kirchliche Reformbestrebungen und -verweigerungen, lehnt das Interpretationsmodell „Säkularisierung“ als untauglich ab und kommt mit Barth zu dem Fazit: „Ich glaube in der Tat, dass es genau darum in unserem Beruf geht: dass einer oder eine in der Gemeinde mit ganzer Existenz lebt, dass Theologie, Nachdenken über und öffentliche Rede von Gott das aller-, allerwichtigste für eine Kirche ist, heute mehr denn je.“

Die reformierte Theologin Christina Aus der Au wendet Barths Ekklesiologie aus kirchenleitender Perspektive auf die Thurgauer Landeskirche an und kommt so zu befreienden Erkenntnissen, die die Kirche theologisch auf die Welt ausrichten. Sie stellt allerdings auch fest, „dass Barth mit ‚Kirche‘ nicht die Organisation meint, deren Strukturen auf Dauer angelegt sind, mit einer verlässlichen Personalstruktur und verbindlichen Dienstleistungsangeboten“.

Interessant wäre es gewesen, wenn Christiane Tietz, Systematische Theologin und inzwischen Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, zu diesem Buch nicht nur die Mitherausgeberschaft, sondern auch einen eigenen Text beigetragen hätte. Vielleicht hätte dies in dem vorliegenden Sammelband einen deutlicheren roten Faden sichtbar werden lassen. Aber auch so geben die fünf Beiträge viele unterschiedliche Denkanstöße für den aktuellen Nutzen von Karl Barths Kirchlicher Dogmatik für die Kirche ein gutes Halbjahrhundert nach seinem Tod. Offenbar lässt sich Barth doch nicht so schnell in die Kirchen- und Dogmengeschichte abschieben, wie manche sich dies zwischenzeitlich erhofft haben mögen.

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Vicco von Bülow

Pastor Dr. Vicco von Bülow ist Referent für Theologie und Öffentlichkeitsarbeit der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Hannover.

Weitere Beiträge zu „Theologie“

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Menschen wie wir

Menschen wie wir

Die Männer des Richterbuchs

Kaum Beachtung findet das biblische Buch der Richter in Theologie und Kirche. Es wirkt allzu archaisch, erzählt es doch von brutaler Gewalt in endlosen kriegerischen Auseinandersetzungen, von Vergewaltigung und grausamen Frauenopfern. Es scheint schwer, da einen religiösen Sinn zu entdecken. Die schnellfertige Abwehr lässt die evangelische Theologin Nora Schmidt nun nicht gelten. In ihrem Buch entdeckt sie die Figuren des Richterbuchs als Menschen, die uns auch heute etwas zu sagen haben.

Schließlich erzählt das Buch der Richter nicht nur von militärischen Auseinandersetzungen nach der Landnahme. Immer geht es dabei auch um menschliche Probleme, um Familientragödien und Ehekonflikte, um Schuld, Scham und Einsamkeit. Diesen Nöten geht sie tiefenpsychologisch deutend nach. Sie versteht die Erzählungen als Mythen, in denen symbolisch verdichtet seelische Konflikte und innere Entwicklungen geschildert werden. Dabei lässt sie weder die historisch-kritische Exegese noch die feministische Kritik an den Richter-Erzählungen außer acht. Aber das ganzheitliche Menschenbild, um das es der feministischen Theologie geht, will sie auch für die in männlichen Rollenmustern fixierten Richtergestalten gelten lassen: Sie will die Menschen hinter den Helden und Mördern entdecken.

Die Texte tiefenpsychologisch zu deuten, heißt, sie wie Träume als Innensicht einer Person zu lesen. Die in der Erzählung auftretenden Figuren, Orte und Handlungen werden als Bilder für die innere Realität eines Menschen aufgefasst. Die Akte der Gewalt stehen dann für die Vehemenz einer seelischen Not. So entdeckt Nora Schmidt im Richter Barak einen Sohn, der sich von der als übermächtig erlebten Muttergestalt Debora nur zu trennen vermag, indem er sein kindliches Ich abspaltet und tötet. Das hilft am Ende beiden zur Freiheit. Jeftach, der als Sohn einer Hure von seinen Brüdern ausgestoßen wird, entwickelt eine narzisstische Persönlichkeit, muss immer Sieger sein und dafür seine weibliche Seite in Gestalt seiner Tochter opfern. Emotionale Lebendigkeit bleibt ihm versagt. Jeftach ruft auch das Schicksal traumatisierter Veteranen wach. Simson, Sohn einer Mutter, die ihn von Anfang an überhöht, bleibt der ewige Außenseiter, der sich mit Bindung schwertut und kein Gegenüber findet, das ihm gerecht wird. 

An der schrecklichen Erzählung von dem Leviten, der seine Frau den Feinden zur Vergewaltigung überlässt und sie dann zerstückelt, exemplifiziert Nora Schmidt die heillosen Folgen kindlicher Traumatisierung. Die Gideon-Erzählung deutet sie – mit Rekurs auf C. G. Jung – als Krise eines Menschen in der Lebensmitte. Gideon gelingt es, das Unbewusste zu integrieren, tiefe Ängste zu überwinden und in Beziehung zu kommen mit dem großen Anderen, dem Wurzelgrund des Lebens. Es sind aber gar nicht zuerst die Diagnosen, die hier faszinieren. Es ist vor allem die außerordentlich umsichtige und präzise Art und Weise, wie Nora Schmidt den Texten nachgeht und ihre Symbole entschlüsselt. Dass sich auch in vermeintlich anstößigen Texten tiefes Wissen verbergen kann, legt sie überzeugend dar und lädt ein, die tiefenpsychologischen Deutungsmöglichkeiten der Bibel ernst zu nehmen. Darüber hinaus möchte sie einen Beitrag leisten zu einer urteilsfreien, traumasensiblen Seelsorge. Auch wenn die Männer (und Frauen) der Richterzeit kaum Identifikationsfiguren für moderne Menschen sein können, mögen die alten Erzählungen doch helfen, die Heftigkeit seelischer Konflikte zu verstehen und zu akzeptieren.

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Angelika Obert

Angelika Obert ist Pfarrerin im Ruhestand in Berlin. Sie war bis 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

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Fundiert

Was ein theologisch-politisches Thema inmitten des alljährlichen Sommerlochs hätte sein können, wurde zu einer – nicht nur auf dem evangelischen Kirchentag im Mai in Hannover – engagiert geführten Debatte in der medialen Öffentlichkeit. Die Äußerungen der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zum Verhältnis von Kirche und Politik schlugen mediale Wellen (vergleiche zz 6/2025).

Nicht nur aufgrund aktueller Diskussionen scheint die (christliche) Theologie einmal mehr aufgerufen zu sein, ihren politischen Anspruch, die theologische Begründung politischer Positionen und ihre emanzipatorisch-kritischen Haltungen innerhalb der pluralen, demokratischen Gesellschaft zu reflektieren. Diesem Ruf der Zeit nahmen sich nicht nur zwei wissenschaftliche Tagungen in Köln und Tübingen an, sondern auch die Herausgeber des nun vorliegenden Bandes Politische Theologien. Aufbrüche und Neukonzipierungen.

Dabei bildet der Diskurs um die „Neue politische Theologie“ (Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle) den Diskussionsrahmen. Der Band vereint verschiedene theologische Disziplinen und Strömungen und stellt die Diskussion um einen erneuten politischen Aufbruch in der Theologie ökumenisch dar.

Dies gelingt in fünf Sektionen, welche das Thema der politischen Theologie breit in insgesamt 27 Beiträgen entfalten. Die erste Sektion vereint dabei Beiträge mit „Theologische[n] und wissenschaftstheoretische[n] Impulsen“, die unter anderem Verbindungslinien zwischen politischer und öffentlicher Theologie ziehen. Ausgehend von dieser Grundlegung befassen sich die Beiträge der zweiten Sektion mit „postkoloniale[n] und befreiungstheologische[n] Perspektiven“. Hiermit ist nicht nur eine Brücke hin zur äußerst aktuellen Debatte um die Überwindung von Kolonialismus und Rassismus in einer pluralen Einwanderungsgesellschaft geschlagen, sondern auch die internationale Dimension politischer Theologien aufgezeigt. Den Blick vom Globalen zurück ins Europäische lenkt die dritte Sektion des Bandes, in der Beiträge versammelt sind, die sowohl den Entstehungskontext der Theologien Metz’ und Moltmanns befragen, als auch ihren Zielpunkt in den pluralen europäischen Gesellschaften finden.

Besonders hervorzuheben ist sicherlich die vierte Sektion, welche sich nicht nur feministischen oder ökologischen Fragen stellt, sondern ökofeministische und damit genuin intersektionale Perspektiven entwirft. Hier wird die theologische Bearbeitung ökologischer Fragen, wie des nach wie vor virulenten Problems der Geschlechtergerechtigkeit für Theologie, Kirche und Gesellschaft deutlich.

In der abschließenden fünften Sektion sind Beiträge zu „Christentum, Kirche und Gesellschaft“ versammelt. Die Autor:innen diskutieren hier intensiv die Verhältnisbestimmung von politischer Theologie und Marxismus, den Kapitalismus und die Frage der Möglichkeiten und Grenzen politischer Theologien.

Die Beiträge – dies betonen auch die Herausgeber in ihrer Einleitung – orientieren sich dabei klar an den politischen Theologien Metz’ und Moltmanns, ohne jedoch diese einfach zu wiederholen, nachzusprechen oder in deren Diskussionszusammenhängen stehen zu bleiben. Sie befragen vielmehr diesen Traditionszusammenhang ökumenischer Theologie und führen ihn mit den gegenwärtigen politisch-gesellschaftlichen Fragen (Rassismus, Klassismus, Ökologie und Feminismus) produktiv zusammen, ohne jedoch die für die politischen Theologien leitende Idee der „Option für die Marginalisierten“ aus dem Blick oder der Diskussion zu verlieren.

Gerade die thematische, konfessionelle wie fachliche Breite des Bandes zeichnet ihn aus. Wer theologisch klar fundiert kritisch auf Um- und Abbrüche der gegenwärtigen (Welt-)Gesellschaft blicken will, wird in diesem Band fündig. Nicht nur für die akademische Theologie, sondern weit über diese hinaus eine Empfehlung.

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Foto: Rolf Zöllner

Lukas Johrendt

Lukas Johrendt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Evangelische Theologie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

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Begraben auf Maps

Tausendsassa-Philosophin Hannah Arendt sah den entscheidenden Irrtum Martin Heideggers darin, „der Wirklichkeit in den Gestapokellern und den Folterhöllen der Konzentrationslager, die unmittelbar nach dem Reichstagsbrand entstanden, in angeblich bedeutendere Regionen auszuweichen.“ Die Mühe macht sich aber keiner mehr. Die Restpfütze Gewissen, sofern je vorhanden, lässt man nun durch Leugnen der Wirklichkeit aufsaugen.

„Post-Faktisch“ heißt denn auch eines der 87 Gedichte in Oksana Maksymchuks Tagebuch einer Invasion, das vom Davor bis ins Heute in der überfallenen Ukraine reicht: „Schau, wie kunstvoll arrangiert, / als hätte irgendwer das kuratiert /mit einem Händchen für den Effekt, /von opaker Grausamkeit, düsterer Erotik.“ Also alles nur geträumt, „eine jener furchtbaren Nächte /voll Suff und Kotzerei // bis zum Blackout“? Das darauf folgende „Stillleben einer Person mit Mops“ über den Spaziergang einer Frau in der Straße ihrer Kindheit („immer noch im Wintermantel, /obwohl es bereits wärmer wurde“) dementiert lakonisch: „Etwas biss sie /in den Rücken, sie fiel /lag da /auf dem Gehweg // Am nächsten Tag brachte ein Nachbar /ein Laken mit kleinen Rosen /für das, was einst ihr Körper war, /einen passenden Kissenbezug für den Mops“. Aber „Rakete im Raum“ kommt noch trockener daher: „was die Rakete gemeinsam hat /mit dem Raum voller Kinder /ist ihr gegenwärtiger Standort // jemand dachte die Rakete /gehöre in den Raum mit den Kindern /und jetzt ist sie da // mit der Zeit /wird jemand anderes kommen /und die Einzelteile einsammeln // von der Rakete von den Kindern /wird weinen und Flüche /in den Himmel schreien // aber momentan /sind diese Rakete und diese Kinder /eine ungeordnete Angelegenheit // ein Puzzle /das auf seine Lösung wartet.“

Ein Paradebeispiel für die Wirkungstreffer, die sie mit diesen Gedichten fulminant, taff und intim erzielt. In einfacher Sprache gehalten meiden sie Metaphern. Öfters vorkommende Sirenen oder Vögel, der Fluss („Er weint nicht /wenn er die Leichen wiegt /und mit den Überresten spielt /neutral /wie der Fluss eines Gedichts“), die Zerstörung („Unsere Stadt, sie mag aussehen wie ein /Haufen Schutt /aber sie besteht aus demselben Stoff /nur die Form hat sich verändert“) stehen bloß für sich. Mehr Bilder brauchen sie nicht.

Maksymchuks Material sind Stimmen, Erlebtes, Fotos, Drohnenaufnahmen, Nachrichten, Sätze von Freunden, Verwandten, Zeugen. Eine philosophische Grundierung ist sachte spürbar, in Zitaten, aufgeladenen Worten, doch stets fasst sie das Durchdachte in einfache Sprache, auch gewichtiges Poetologisches.

Die 1982 in Lviv Geborene, deren Mutter mit ihr als Teenagerin in die USA zog, hat einen Doktor in antiker Philosophie und ein Händchen, das Schwere sagbar zu fassen. Sie pendelt zwischen den USA, Europa und ihrer Heimatstadt. Da erschienen in den Nullerjahren von ihr zwei gefeierte Lyrikbände auf Ukrainisch. Sie arbeitet als Übersetzerin. Still City, wie das Tagebuch im Original heißt, hat sie auf Englisch geschrieben, der Sprache, die sie mit ihren Kindern spricht, jedoch nicht als Zeugin, sondern als Dichterin. Die Poiesis, Durcharbeiten und Erschaffen, ist in jeder Zeile so luzide greifbar, als würfe sie einen Anker. Ob er Halt findet, hängt an uns, den Lesern.

Ihr Ton ist leicht, verführerisch musikalisch. Dass ihr zärtlicher Sarkasmus so sympathisch empathisch ist, liegt auch daran. Keine leichte Kost, aber nahrhaft. Auch ihr Humor überlebt bislang: „Und wenn ich sterbe /im Krieg, /dann begrabt mich auf Maps // Ich bin auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen /in einem Dorf, dessen Name nach Pilzen riecht /... /Wirf den Pegman dort ab, /... /Besuch mich, wenn du magst, /jede Nacht, bevor du dich ausloggst, /... /Ich behalte mir das Recht/auf einen Respawn vor.“

Still City ist ein wunderbarer Gedichtband mit fürchterlichem Anlass und Oksana Maksymchuk eine große, herausragende Lyrikerin. Wer da noch ausweicht, bleibt ein Schwätzer.

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Das trägt einander

Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien sind keine leichte Kost. Hält man sich an die Regieanweisungen des Dichters, nach denen sich im Vollzug des Sprechens und für die Dauer des Hörens im gemeinsamen Erleben eine Ahnung dessen auftut, was da poetisch sublim ziseliert und rhythmisch erhaben ausbalanciert ist, dann geht einem doch ein Licht auf. – Zeitweise zumindest, mit stetig sich ändernder, aber nie ganz verlöschender Kraft.

Am Ende steht ein Erlebnis, dass sich nicht eindeutig zuschreiben lässt: dem Dichter? Den beiden Interpreten? Das mäandert. Lesen und hören. Und dann: das Erlebnis des Vollzugs zu fassen suchen.

Das ist hier bei Franziska Walser und Edgar Selge ein ganz ungeheures, weil das Paar, wechselseitig zu Wort kommend, unterschiedlicher kaum sein könnte: Edgar Selge scheint Rilke alles aus dem Leib zu reißen und aus dem eigenen wieder herauszurufen – keine Rezitation, keine Begegnung zwischen Autor und Leser mit der Membran aus Papier, nein: ein aus dem Geröll des eigenen Herzens und seinen Seufzern aufsteigender Monolog, immer neu ansetzend im rufenden Entsetzen, gestillt in den wenigen Momenten des Verstehens. Jedes Ende seiner Elegie erschöpft erreichend. Und dann Franziska Walser, wieder Ordnung einlesend, noch auf dem dünnsten Eis des Daseins den Haltegriff der Form wie eine Bestimmung wahrend und auch im dunkelsten Moment gefasst … so gerät Dichtung zu Gegenwart, ohne auf rationalen Segen angewiesen zu sein.

Alle Affekte bestimmt das Timbre: Edgar Selges schaler Tenor dehnt die existenzielle Spannung bis auf Zehenspitzen stehend. Franziska Walsers weicher, unbestechlich klarer Alt bietet aller Erschöpfung einen Stuhl. Das trägt einander.

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