Wir regulieren die Falschen
Wir regulieren die Falschen
Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten – andere Länder wollen folgen. Doch ob solche Regeln Jugendliche wirklich schützen, ist offen. Unser Onlinekolumnist Philipp Greifenstein warnt davor, Verantwortung an Verbote abzuschieben: Nötig seien Medienbildung, Vertrauen und eine Regulierung der Plattformen selbst.
Ich glaube, es war der Informatik-Unterricht, in dem ich zum ersten Mal auf das „Trial-and-Error“-Prinzip gestoßen bin. Auch wenn wir damals keine hochkomplexen Algorithmen klackern ließen, sondern nur an einfachstem Code herumfriemelten, bis das gewünschte Ergebnis dabei heraussprang: Versuch und Irrtum als Methode der Problemlösung und Digitalisierung gehören – nicht nur für mich – irgendwie zusammen.
Seit dem 10. Dezember 2025 gibt es in Australien ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Die Alterssperre gilt für alle uns aus dem Alltag in der Digitalität leidlich bekannten großen Social-Media-Plattformen: Instagram, Facebook, X, Snapchat und-so-weiter und-so-fort. Nun hätte man ja denken können, dass die in zahlreichen Ländern („des Westens“) geführte Debatte über Social-Media-Verbote für Heranwachsende sich ob des australischen Versuchs der Regulierung des individuellen Nutzungsverhaltens von jungen Internet-Nutzer:innen ein wenig entspannt: Erstmal schauen, wie sich die Sache ausgeht.
Für ein einigermaßen sinnvolles fachliches Urteil darüber ist es nach nicht einmal zwei Monaten Verbotsdauer noch viel zu früh. Nichtsdestotrotz eilen die Gesetzgeber in vielen weiteren Ländern voran: Das britische Oberhaus, die französische Nationalversammlung und viele weitere Parlamente befassen sich mit der rechtlichen Kodifizierung von Plattform-Verboten für Jugendliche. Die Mahnungen von Expert:innen wie der Frankfurter Professorin für Erziehungswissenschaften (Schwerpunkt: Medienbildung) Denise Klinge verhallen im Fahrtwind des legislativen Massenstarts: „Ein pauschales Verbot verkennt sowohl die sozialen Funktionen digitaler Räume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen.“
Reale Probleme adressiert
Klinge und andere Expert:innen negieren keineswegs, dass Social-Media-Verbote reale Probleme adressieren. Jede:r, der sich – wie ich beispielsweise hier, hier und hier in zeitzeichen – mit den Herausforderungen der Digitalisierung für Kinder, Jugendliche und Familien beschäftigt, kennt sie: Online-Suchtverhalten, Radikalisierungs-Gefahren, Kinder- und Jugendschutzproblematiken, die Sorge um Lese- und Lernkompetenzen. Wohl aber bezweifeln Expert:innen – gerade solche aus Fächern und Forschungsbereichen, die jugendnah operieren –, dass Verbote effektive und effiziente Maßnahmen sind, den oft beschriebenen Problemen Herr zu werden.
Ich bekenne, dass ich von Woche zu Woche, Monat zu Monat in meiner Haltung zu Social-Media-Verboten schwanke. Doch jetzt, da es allenthalben „schnell, schnell“ gehen soll, wachsen meine Zweifel wieder. Statt erst einmal zu schauen, ob unter den vielen möglichen Lösungsansätzen ausgerechnet ein Verbot nach australischem Vorbild am Ende funktioniert, eilen die Gesetzgeber voran.
Unterstützt werden die erwachsenen (und nicht gerade jugendlichen) Gesetzgeber:innen von einem Medien-Kommentariat, das Probleme junger Menschen ohnehin gerne zackig und mit „One Size fits All“-Lösungen vom Schreibtisch wischen will. Die evangelische „Medienbischöfin“ (sic!) Dorothee Wüst weiß immerhin, dass es allein mit einem Verbot für Jugendliche, die noch nicht im Konfirmationsalter sind, wohl nicht getan ist. Doch wünschen sich nicht auch viele Jugendliche selbst inzwischen Verbote und klare Regeln?
„Schau hin!“
Kinder und Jugendliche haben in der Tat ein Recht auf proaktiv handelnde Erwachsene, die ihrer Verantwortung gerecht werden – auch wenn das bedeutet, sich beim (eigenen) Nachwuchs zeitweise unbeliebt zu machen. „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ und nicht Laissez-faire und Desinteresse ist definitiv angesagt. Social-Media-Verbotsgesetze könn(t)en funktionieren. „Das Verbot in Australien bietet eine Chance mit empirischer Begleitung (qualitativ und quantitativ) die tatsächlichen Effekte, unbeabsichtigte Nebenfolgen und die Rolle verschiedenster Akteure zu untersuchen“, meint auch Professorin Klinge.
Vor allem aber sind Verbote der einfachste Weg für uns Erwachsene, unsere lästige Verantwortung für Medienbildung, die Begleitung junger Menschen und die Gestaltung der Digitalität weg zu delegieren. Statt die Plattformen zu regulieren und für Nutzer:innen jeden Alters sicherer zu machen, regulieren wir die individuelle Mediennutzung derjenigen Bevölkerungsgruppe, die sich auf demokratischem Wege gegen diesen Eingriff in die persönliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit (noch) nicht wehren kann. Und ja, digitale Teilhabe ist in der digitalisierten Welt nicht weniger als ein Menschenrecht.
Besorgniserregend sind vor allem die Freiheitseinschränkungen für uns alle, die wir offenbar zum Zwecke der Durchsetzung von Social-Media-Verboten für Heranwachsende in Kauf zu nehmen bereit sind. (Oder die wir bestenfalls noch nicht zu Ende gedacht haben.) Verlässliche Altersnachweise bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen sind anders als auf dem Wege der Identifizierung mit Ausweisdokumenten bisher nicht in Sicht. Wollen wir wirklich ein Internet, in dem man sich an jeder Ecke mit dem Perso ausweisen muss? Welchen Infrastrukturen und Unternehmen trauen wir eine solche Regulierung unser aller Mediennutzung denn wirklich zu?
Auch Verbote wirken
Verbote haben, so viel sei eingestanden, auch eine prohibitive Wirkung. Auch weil das Rauchen, Alkohol und weitere Drogen Jugendlichen weitgehend und zunehmend verboten worden ist, wird in Deutschland weniger geraucht, gesoffen und gefixt. Teilweise Lockerungen wie beim Kiffen zeigen jedoch, dass die Rechnung so einfach nicht aufgeht. Die zunehmend restriktiven gesetzlichen Nutzungsverbote gingen in den vergangenen Jahrzehnten auch mit weiteren Maßnahmen wie Werbeverboten, Bildungsprogrammen und Sensibilisierungskampagnen einher. Es gibt auch andere Maßnahmen, unkluges Verhalten nachhaltig uncool zu machen, als Verbote.
Wie beim Rauchen und Alkohol werden Jugendliche auch bei der Social-Media-Nutzung Aus- und Umwege finden. Schon heute findet ein riesiger Teil der jugendlichen digitalen Kommunikation in Computerspielwelten, auf Messengerdiensten und in kleinen, neuen Mode-Apps statt. Dem kann man nicht effektiv hinterherregulieren. Es braucht vielmehr Verantwortlichkeit und Vertrauen. Verantwortung kann ohne vertrauensvoll gewährte Freiheit nicht wachsen.
Ich befürchte, mit einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige machen wir Erwachsenen uns die Sache viel zu einfach. Selbst wenn wir ein solches Verbot einführen sollten, ist seine Wirksamkeit von anderen Faktoren wie der Medienbildung für Jugendliche und Erwachsene und der Gestaltung der Plattformumgebungen selbst abhängig. Reden wir uns also nicht raus, sondern stehen wir zu unserer Verantwortung als Eltern, Großeltern, Lehrer:innen und Lebensbegleiter:innen junger Menschen.
Der beste – wenngleich nicht hundertprozentige – Schutz vor den Gefahren von Social-Media-Plattformen und digitalen Werkzeugen ist ein vertrauensvolles Miteinander, das wir jungen Menschen schuldig sind, während sie sich die (digitalisierte) Welt erschließen. Das setzt voraus, dass wir Erwachsenen einen Umgang mit unseren – zuweilen uneingestandenen – Ängsten in der Digitalität und um junge Menschen finden. Gemeinsame Versuche führen, da bin ich mir sicher, am Ende zum Erfolg.
Philipp Greifenstein
Philipp Greifenstein ist freier Journalist sowie Gründer und Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“: https://eulemagazin.de
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Philipp Greifenstein ist freier Journalist sowie Gründer und Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“: https://eulemagazin.de