Wie die Bremer Stadtmusikanten
Die erste Rede des Kongresses setzte den Ton: Stephan Grünewald, Psychologe und Gründer des „Rheingold“-Instituts in Köln, sprach unter dem Titel „Wir Krisenakrobaten“ zum Thema: „Wie eine verunsicherte Gesellscha
Die erste Rede des Kongresses setzte den Ton: Stephan Grünewald, Psychologe und Gründer des „Rheingold“-Instituts in Köln, sprach unter dem Titel „Wir Krisenakrobaten“ zum Thema: „Wie eine verunsicherte Gesellscha
Vor zwei Wochen war ich das erste Mal im Leben in Japan. In Kyōto, um präzise zu sein. Also in dem Ort, der wegen der berühmten Klimakonferenz und ihres nicht minder berühmten Kyōto-Protokolls, der ersten Vereinbarung zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen, immer wieder einmal erwähnt wird. Ich war sogar in dem im klassischen Beton-Brutalismus der Zeit mit ein paar japanischen Einsprengseln errichteten Kongresszentrum, in dem seinerzeit die nicht einfachen Verhandlungen um ein gemeinsames Klima-Ziel stattfanden. Mindestens die Aussicht aus dem Zentrum ist bezaubernd, weil in Kyōto sich der Moloch Stadt nicht auf die Hügel heraufzieht wie an so vielen Orten, sondern bewaldete Hügel und elegant bepflanzte Gärten das Kongresszentrum umgeben.
Die Konferenz, die ich besuchte, wurde dadurch ausgezeichnet, dass das japanische Kaiserpaar den Teilnehmenden die Ehre des Besuchs gab. Und „Ehre geben“ ist hier wörtlich zu verstehen. Man wurde gebeten, schon zwei Stunden vor dem Besuch im Zentrum zu sein, vorher alle Taschen abzugeben, und diese wurden gründlich durchsucht. Soweit kennt man solche Prozeduren auch aus Mitteleuropa. Aber dann erschien zur festgesetzten und angekündigten Zeit der Kaiser, seine Frau etliche Schritte hinter ihm, und nahm auf einem Stuhl Platz, der auf der Bühne vor einem goldenen Paravan stand. Alle, die die beiden Stühle für den Monarchen und seine Frau vor dem Paravan passierten oder sich ihnen näherten, verneigten sich so tief, dass das Verhältnis von Oberkörper und Beinen sich dem rechten Winkel näherte. Ich verzichte auf die Schilderung weiterer Details, denn mir geht es nicht um das Hofzeremoniell, das natürlich auch an anderen monarchischen Höfen dieser Welt einem für unseren Geschmack sehr strengen Protokoll folgt. – In Italien wurde ich einmal vor einem Besuch beim Staatspräsidenten gebeten, nur dann zu reden, wenn der Präsident mich eigens dazu aufgefordert hatte, was er dann auch glücklicherweise tat: „Wo kommen Sie denn her?“. Mir geht es vielmehr darum, wie sehr man in Japan auf die Ordnung achtet und die Ordnung immer wieder zur Vollendung treibt (man könnte auch sagen: auf die Spitze treibt).
Der Philosophenweg von Kyōto
In Kyōto gibt es einen Philosophenweg, einen wunderschönen Weg, den man philosophierend entlang flanieren kann, gerade wie in Heidelberg. Kirschbäume und ein Kanal säumen den Weg, der eine kleine, sanfte Steigung entlangführt. Sehr geeignet, um über das absolute Nichts zu meditieren, das die deutsche Mystik und bestimmte Formen des Buddhismus verbindet. Ich war nach dem Flanieren und Meditieren ein wenig erledigt und suchte ein Café auf, das am Rande des Weges liegt. Um es kurz zu machen: Die Zubereitung des Kaffees dauerte rund zwanzig Minuten. Und das ist, wenn man an eine japanische Tee-Zeremonie denkt, eigentlich noch bestürzend schnell. Bohnen wurden da nicht einfach ins Mahlwerk der Kaffeemühle gekippt. Es gab zwischen Sorten zu wählen, die Menge der Bohnen wurde sorgfältig abgewogen und natürlich mit der Hand gründlich im Mahlwerk verteilt. Auch das Ergebnis des Mahlvorgangs wurde noch einmal gemessen, Wasser aus kleinen Kännchen hinzugefügt und ein Kaffee aufgebrüht, wie ich ihn in dieser Qualität selten getrunken habe. Man muss nur die Zeit dafür mitbringen, sich in die strenge Ordnung zu fügen und darf nicht ungeduldig aus ihr ausbrechen wollen. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles bis in die Perfektion getrieben, auf die Spitze, bis in die Vollendung. Jedenfalls der Theorie nach. Mindestens im Kaiserpalast. Und beim Café am Rande des Philosophenwegs von Kyōto. So will es die Ordnung.
Nun hat eine solche strenge Ordnung natürlich ihre Schattenseiten. Seiten, die einem Fremden wie mir vielleicht greller auffallen als einem Menschen, der in dieser Kultur aufgewachsen ist oder sie aufgrund vieler Reisen aus tiefster Seele liebt. Ich meine jetzt gar nicht das Gerücht, dass die Kaiserin wegen des allzu strengen Hofzeremoniells in Depressionen verfallen sein soll, meine auch nicht die relativ hohe Rate an Selbsttötungen von Menschen in Japan, die die in der Ordnung mitgesetzten Erwartungen nicht erfüllen können. Mir geht es schlicht um den Alltag. Und da hat die perfekte Ordnung eben auch Schattenseiten. Zu meinen Kongress gehörte ein Festbankett, natürlich mit aller Kunst des Zeremoniells, wie es sich gehört. Neben mir saß eine Kollegin aus Hannover, die kurz nach Beginn des festlichen Abendessen der Kellnerin sagte, dass sie die vegetarische Option gebucht hätte. Sofort entfernte die Kellnerin den kleinen Teller mit Brot, Butter und einem Messer. Die Frau neben mir schaute erkennbar so bekümmert über den Verlust des Brotes zum Salat, dass ich ihr einfach meinen Teller herüberschob. Das hätte ich nicht tun sollen, denn sofort erschien aus dem Hintergrund besagte Kellnerin und schob den Brotteller auf meinen Platz zurück. Ich hatte immer noch nicht verstanden und schob ihn, kaum das die Kellnerin verschwunden war, wieder an den Platz zu meiner Rechten zurück. Sofort war die Kellnerin wieder da und bugsierte den Brotteller zurück. Endgültig entbarg ich mich als fremdländischer Barbar, als ich nun nochmals den Teller herüberschob – da erschien nämlich der Oberkellner und kassierte den Brotteller höchstpersönlich ein, so dass niemand mehr Brot hatte. Auf die freundlichst vorgebrachte Bemerkung meiner Nachbarin, dass sie Vegetarierin, aber nicht Veganerin sei und durchaus Brot mit Butter zu sich nehme, meine ich, einen Satz in der Art wie „das ist hier aber nicht vorgesehen“ gehört zu haben. Ordnung ist nur das halbe Leben, aber eben nicht das ganze Leben und beschädigt manchmal die Lebensqualität, nicht nur in Japan.
In Depressionen verfallen
Ich sollte freilich vermeiden, mich nach meinem ersten Japan-Besuch und ein paar Erlebnissen in der Art, die ich hier erzähle, allzu sehr breit zu machen. Ist diese Form einer auf die Spitze, zur Vollendung getriebenen Ordnung wirklich nur für Japan charakteristisch? Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, da hatten wir exakt diese strenge Form von Ordnung auch in Mitteleuropa und hierzulande. Wenn ich in Berlin in der Untergrundbahn fahre, frage ich mich immer, wie man auf den Bänken, die sich gegenüberstehen, eigentlich vor 1918 vermieden hat, jemanden so zu „fixieren“, dass man sich eine Duell-Aufforderung einhandelte. Ich weiß noch aus Kindertagen, wie ich es unangenehm fand, nicht zu wissen, wo ich mit den Blicken hinsollte, um niemand anzustarren, der mir auf den langen Bänken an den Wagenseiten gegenübersaß. Vermutlich könnten Frauen, die allein Kinder aufzuziehen hatten, lange Geschichten über auf die Spitze getriebene Ordnung lange noch nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Als ich als West-Berliner Schüler einmal in einem Gottesdienst des damaligen Bischofs Kurt Scharf saß, der an jedem ersten Sonntag im Monat in einer kleinen Neubaugemeinde in Berlin-Steglitz Gottesdienst feierte, die sozusagen seine Bischofskirche war, drehte sich eine ältere Frau mit strengem Gesicht zu einem etwas unruhigem Kind um und drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger: „Sei gefälligst still“.
Wenn einer meiner japanischen Kollegen diese Zeilen gelesen hätte, würde er sich vermutlich gegen die Gleichsetzung der auf die Spitze getriebenen Ordnung des Kaffee-Kochens in Kyōto einerseits und einer gegenüber einem Kind arg unfreundlichen Alten in einem Berliner Gottesdienst andererseits freundlich, aber bestimmt zur Wehr setzen. Menschen in Japan sind ungemein höflich. Studierende würden niemals kritische Einwände in einer Lehrveranstaltung vortragen, es sei denn, man hätte sie wirklich mehrfach darum gebeten. Alle Taxifahrer tragen weiße Handschuhe und schützen die Polster ihrer Autos mit Spitzendeckchen. So unhöflich, wie die Frau im Gottesdienst vor vielen Jahrzehnten mit dem Kind umging, würde niemals jemand in Japan reagieren. Es würde aber eben auch kein Kind unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen, etwas gelangweilt die Mutter ansprechen und fragen, wann der Gottesdienst endlich zu Ende ist.
Große Kulturbrüche
In Deutschland hat es große Kulturbrüche gegenüber den Ordnungen gegeben, die bis 1918 und zum Teil noch bis 1945 und 1968 in Geltung standen. Das ist gut so, denn schon der Hinweis auf die Duelle eben macht deutlich, dass diese Ordnungen nicht nur lediglich das halbe Leben waren, sondern manchmal sogar Leben zerstört und vernichtet haben. Aber der Blick auf die Verhältnisse in Japan zeigt, dass Ordnungen eine Ästhetik haben können, unsere Hektik und Flüchtigkeiten vermeiden helfen – und manchmal einfach einen der besten Kaffees eines Lebens zur Folge haben können. Es kommt, wie so oft im Leben, auf die Kontexte an und darauf, dass man die Zeit hat, beispielsweise über die Implikationen eines Kaffees nachzudenken, den man am Philosophenweg trinken kann. Jesus von Nazareth hat gezielt Ordnungen durchbrochen, die ihm nichts lebensdienlich erschienen (und die Evangelien wissen da großartige Geschichten zu erzählen). Aber er war auch kein Revolutionär, der alle Ordnung blindwütig zerschlagen hat. In manchen Ordnungen verbleibt das frühe Christentum bewusst. Dieser sorgfältig abwägende Umgang mit Ordnungen kann einem in Kyōto eindrücklich zu Bewusstsein kommen.
Christoph Markschies ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt in Berlin.
„Es gibt diese Hoffnungsorte.“ Dieser fast ganz am Ende des Nachmittags ausgesprochene Satz der Theologin Sarah Vecera fasst knapp zusammen, was das „Institut für Religion und Gesellschaft“ an der Ruhr-Universitä
Dr. Axel Buether ist Professor am Lehrstuhl für Didaktik der visuellen Kommunikation der Bergischen Universität Wuppertal.
Dr. Nicole Lehmann ist Ethnologin und Publizistin. Sie lebt in Berlin.
Dr. Matthias Kopp ist Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz.
Mit dem Beginn der dunkleren Jahreszeiten öffnet auch wieder unser digitaler Salon seine virtuellen Türen exklusiv für Online- und Print-Abonnent:innen.
Mit Sarah Mullally, die seit 2018 Bischöfin der Diözese London der anglikanischen „Kirche von England“ (CoE) ist, wird erstmals eine Frau geistliches Oberhaupt der CoE.
Haben Sie schon mal etwas von Tlatelolco gehört? Tlatelolco ist ein Stadtteil von Mexico-City, und dort ist im August etwas Bemerkenswertes geschehen. In deutschen Medien wurde darüber leider so gut wie gar nicht berichtet, deshalb muss nun diese Kolumne dafür herhalten.
Vom 12. bis 15. August haben sich in Tlatelolco Vertreter*innen der Mitgliedsstaaten der CEPAL, der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Comisión Económica para América Latina y el Caribe) getroffen und den „Compromiso de Tlatelolco“ verabschiedet, also eine Art Verabredung oder Selbstverpflichtung. Für die kommende Dekade von 2025 bis 2035 wollen sie eine „substantielle Gleichstellung der Geschlechter“ anstreben; zudem formuliert der Compromiso ein „Menschenrecht auf Sorge“ und versteht darunter „das Recht der Menschen, zu sorgen, umsorgt zu werden und Selbstsorge zu praktizieren“. Dies zu garantieren, sei eine Verpflichtung des Staates und eine „Verantwortung, die von Menschen aller Gesellschaftsbereiche, Männern und Frauen, Familien, Gemeinschaften und dem Privatsektor getragen werden muss.“ Der Aufbau einer Sorgegesellschaft sei „eine wesentliche Säule zur Überwindung der globalen Krise“ und „ein neues Paradigma für nachhaltige Entwicklung, Gleichstellung und Frieden“.
Weit voraus
Die „Verabredung von Tlatelolco“ ist allem, was in Europa zum Thema Care diskutiert wird, weit voraus. Bei uns wird das Thema notorisch als Luxusthema begriffen, dem man sich widmen kann, wenn man grade keine anderen Probleme (Krieg, Wirtschaftskrise, gute Umfragewerte der AfD) hat. Am Care-Budget wird auch zuerst gespart, wenn man knapp bei Kasse ist. Das ließ sich gerade wieder an der Debatte über eine mögliche Abschaffung der Pflegestufe 1 beobachten. Nicht nur, dass das behauptete Sparpotenzial von 1,8 Milliarden Euro gar nicht existiert – tatsächlich werden nämlich nur etwa 640 Millionen Euro abgerufen. Vor allem war das wieder einmal ein Beispiel dafür, wie unsystematisch an das Thema herangegangen wird.
Pflegestufe 1 ist für Menschen gedacht, die zwar im Großen und Ganzen selbstständig leben können, aber bei manchen Dingen Hilfe brauchen: um ihre Betten neu beziehen oder oben auf dem Schrank Staub zu wischen, die Blumen auf dem Balkon winterfest zu machen oder den Wocheneinkauf stemmen. Dafür stellt die Pflegekasse ein kleines Budget zur Verfügung. Und sie unterstützt finanziell einen womöglich notwendigen Umbau in der Wohnung, eine barrierefreie Dusche zum Beispiel.
Lauter Kleinkram
Was lässt sich sparen, wenn man das abschafft? Womöglich fallen die Menschen dann beim Putzen von der Leiter oder rutschen aus beim Versuch, in die Badewanne zu steigen - dann verursachen sie Krankheitskosten statt Pflegekosten, also gut für die Bilanz der Pflegekassen, aber leider schlecht für die der Krankenkassen. Vielleicht bekommen sie aber auch schneller Pflegegrad 2, dann hätte sich die Sparidee als Kostentreiber entpuppt. Vielleicht sind sie aber auch schneller tot und kosten die Allgemeinheit dann gar nichts mehr? Ich würde mich nicht wundern, wenn das auch schon kalkuliert wurde. Oder die Schwiegertochter übernimmt das Gärtnern, Bettenbeziehen und Einkaufen und reduziert dafür ihre Erwerbstätigkeit - was dann aber für die Arbeitgeber zum Problem wird, Stichwort Fachkräftemangel. Vielleicht macht die Schwiegertochter die Pflege aber auch zusätzlich zu allem anderen und bekommt dafür einen Burnout.
So viele Möglichkeiten! Nur leider ist keine einzige davon gut! Das ist typisch für unsere Herangehensweise: Es werden lauter Kleinkram-Maßnahmen eingeführt und wieder abgeschafft, aber es gibt kein realistisches Gesamtkonzept. Ich hoffe ja – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – dass irgendwann eine Regierung die zigtausend Einzelmaßnahmen evaluiert, auf Effizienz und Zukunftsfähigkeit prüft, und dann einen kohärenten Plan ausarbeitet, der funktionieren kann.
Zentrale Aufgabe
Und zwar hoffe ich das aus Eigeninteresse. Denn meine Altersklasse der heute um die 60-Jährigen wird in 20, 25 Jahren nicht entfernt in den Genuss von professionellen Pflegedienstleistungen kommen, wie sie heute üblich sind. Selbst wenn der Staat aus Angst vor uns Alten dann Geld drucken würde, es wären gar keine Fachkräfte da, die man einstellen könnte. Die Frage ist nicht, ob unser derzeitiges System zusammenbricht, sondern wann und wie dieser Zusammenbruch vonstatten geht. Ob wir ihn solidarisch gestalten und die Herausforderung rational angehen, oder ob wir einfach reinschlittern. Ob es ein Wandel „by design“ wird oder „by desaster“.
Der „Compromiso de Tlatelolco“ hat meiner Hoffnung ein bisschen Futter gegeben. Auch wenn Deutschland die Augen vor dem Problem feste zukneift: Woanders denkt man offenbar ernsthaft darüber nach und sammelt Ideen. Die lateinamerikanischen und karibischen Staaten haben verstanden, dass Care nicht ein Spleen von Feministinnen ist, sondern zentrale Aufgabe verantwortungsvoller Politik. Zwar ist die Verabredung von Tlatelolco auch erstmal nur ein Papier, aber sie formuliert immerhin den notwendigen Perspektivenwechsel: die gegenseitige Fürsorge der Menschen regelt sich nicht irgendwie von selbst, sondern muss priorisiert und in politische und ökonomische Strukturen eingebunden werden. Wir sollten daraus lernen und uns dem Compromiso anschließen.
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.