In der Grauzone
Wandelbar und klassisch
Wandelbar und klassisch
Grau hat ein schlechtes Image, es wird verbunden mit Eintönigkeit, Verfall und farblosen Novembertagen. Aber gleichzeitig gilt es in der Mode als edel, und wer Grautöne wahrnimmt, denkt nicht in schematischem Schwarz-Weiß. In der Kunst spielen graue Pinselstriche sowieso schon lange eine ganz besondere Rolle, nicht nur bei Piet Mondrian und seinem Gemälde „Das Meer“ aus dem Jahr 1912 (Foto: akg-Images). Es ist also Zeit für einen differenzierten Blick auf das Grau.
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Das hätte Elisabeth von Thadden (1890–1944) gefreut: „Thadden wieder unter den besten 15 Schulen“, so titelte die Rhein-Neckar-Zeitung am
Als vor fast 35 Jahren, Anfang der 1990er-Jahre der Yoga in mein Leben trat, ahnte ich nicht, dass ein Vierteljahrhundert später ein Internationaler Yoga-Tag ins Leben ge
Jubiläumsfeiern können schreckliche Veranstaltungen sein: eine endlose Kette von Grußworten am frühen Abend, ein langweiliger Festvortrag, dessen Pointe man vergeblich sucht, ein hung
Als ich junger Erwachsener war, haben wir Briefwechsel manchmal mit Angabe der Bibelstelle 3. Johannes 13+14 beendet. Was da steht? „Ich hätte dir viel zu schreiben; aber ich will es nicht mit Tinte und Feder an dich schreiben. Ich hoffe aber, dich bald zu sehen; dann wollen wir mündlich miteinander reden.“ Ziemlich analog also, die biblischen Zeiten damals. Zum Ausdruck wird dabei die freundschaftliche Beziehung von Sender und Empfänger gebracht, das heißt das Miteinander-in-Kontakt-Sein, Einander-wichtig-Sein, Sich-aufeinander-Freuen und das Anteil-aneinander-Geben und -Nehmen.
In Zeiten, in denen in Gesellschaft, Politik und den sozialen Medien unterschiedliche Kommunikationsstile anzutreffen sind, wo aufgeheizte Debatten, Cancel-Culture sowie populistische Äußerungen vorkommen – bis hin zur „Diskursvulnerabilität“ (Frauke Rostalski), kann gefragt werden, wie Kommunikation und Beziehungen verlaufen beziehungsweise gepflegt werden. Wie sieht es aus mit dem sozialen Kitt in den Familien, in der Gesellschaft und in der Kirche? Gelingende Kommunikation kann aus meiner Sicht als systemrelevant für den Zusammenhalt in der Gesellschaft angesehen werden. Misslingende Kommunikation kann demgegenüber eine Gefährdung für Beziehungen im privaten wie im öffentlichen Bereich darstellen. Sei es aufgrund von Unklarheiten und Missverständnissen oder offenen Zwistigkeiten und Zerwürfnissen.
Wie können die Unfallgefahren im Miteinander minimiert werden, so dass aus einer gelingenden Kommunikation ein verbindliches und wertschätzendes Miteinander erwächst? Worauf könnte es dabei ankommen? Angefangen vom Einander-Zuhören und Ausreden-Lassen, Interesse am Anderen beziehungsweise an der Sichtweise des Anderen haben, den Anderen verstehen (wollen), kompromissbereit sein, Rücksicht nehmen, kann dazu auch zählen, mal ein Dankeschön auszusprechen, neben kritisch-konstruktivem Feedback auch positives Feedback zu geben, zu loben, das Gemeinsame und Verbindende hervorzuheben, Gaben und Stärken anderer wertzuschätzen, um einige Beispiele zu nennen. Unter Druck, bei Schwierigkeiten und Krisen, zeichnet sich eine entsprechende Kommunikations- und Beziehungskultur dadurch aus, dass mit den Problemen im Rahmen der Möglichkeiten offen und transparent umgegangen wird.
Gesellschaftlich gesehen, haben derzeit verschiedene Angebote und Möglichkeiten der physischen und psychischen Selbstfürsorge (zum Beispiel Entspannungsverfahren) und Selbstoptimierung (zum Beispiel Körperbild) eine gewisse Priorität; welchen Stellenwert wird im Vergleich dazu der Förderung einer positiven Gesprächs- und Beziehungskultur beigemessen?
Könnte das Miteinander im kirchlichen Kontext beziehungsweise in der Gemeinschaft der Gläubigen ein Beispiel für gelingende Kommunikation und ein wertschätzendes Miteinander sein? So dass es mit „Ansteckungsgefahr“ in die Gesellschaft ausstrahlt und auch Einfluss auf gesellschaftliche Debatten hat? Wo im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext von Transformationsprozessen die Rede ist, wie etwa im Buch des katholischen Theologen Jan Loffeld Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt, wird damit aus meiner Sicht auch das Miteinander von ChristInnen und der Kirchen untereinander angefragt. Kirchliche Kommunikation als Best-Practice-Modell gelingender Kommunikation? Die vielleicht sogar einen neuen Megatrend begründet?
Sicherlich wäre das ein langer Weg der kleinen Schritte. Die Überlegungen an dieser Stelle sind dabei als motivierender Impuls gedacht, ohne die konkreten Situationen vor Ort, personellen Ressourcen et cetera berücksichtigen zu können. Wo und wie können im kirchlichen Kontext Möglichkeiten der Kontaktaufnahme geschaffen oder intensiviert werden, um als Grundlage für eine weitere Beziehung zu dienen? Wie kann ein gegenseitiges Kennenlernen intensiviert werden? Wo können Kirchengemeinden voneinander lernen? Dazu kommen die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Auch bezüglich des Themas der Einsamkeit besonders von Alleinstehenden, das mittlerweile eine gesellschaftliche Relevanz erreicht hat, könnte damit ein Angebot geschaffen werden. Wobei die kirchlichen Angebote neben der sozialen Vernetzung ja auch die Möglichkeiten bieten, dass Menschen mit dem Wort Gottes in Berührung kommen, was dann nochmal eine ganz eigene Wirkung entfalten kann …
Abschließend noch ein Beispiel von Krisenmanagement aus biblisch-analoger Zeit im Sinne von aktiver Anteilnahme und freundschaftlicher Verbundenheit. Hiob 2,11: „Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war“ – taten sie was? Da dachten sie, so schlimm könne das gar nicht sein? Da waren sie mit sich selbst beschäftigt und kamen weiter ihren Alltagspflichten nach? Nein, sondern: „Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie …“
Daniel Reichwald ist Psychologe. Er arbeitet mit drogenabhängigen Straftätern im Maßregelvollzug.
Bereits auf dem diesjährigen Johannisempfang im Juni in Berlin hatte die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs Einblick in die Arbeit an der Denkschrift gewährt: „Die Situation hat sich f
Die israelischen Geiseln der Terrororganisation Hamas sind zurück zuhause. Am 13. Oktober schaute ich gebannt auf mein Handy und verfolgte jeden einzelnen Beitrag auf Instagram. Ich sah live zu, wie die letzten 20 lebenden Männer nach zwei Jahren Dunkelheit ins Licht geführt und zu ihren Familien gebracht wurden.
Ich sah weinende, schreiende und lachende Väter und Mütter, die ihre Söhne fassungslos in die Arme schlossen und sie wahrscheinlich nie wieder loslassen würden. Ich aktualisierte Noa Argamanis Account, um zu erfahren, ob sie endlich wieder mit ihrem Partner Avinatan Or vereint war. Noch nie hatte ich das Leben anderer so intensiv mitverfolgt wie seit dem 7. Oktober 2023 – unfähig, mich diesem grausamen Zustand zu entziehen.
Warum ich meine Eindrücke auf Instagram reduziere? Weil kaum ein Medium die Emotionen der Konsumenten und ihre Haltung derart stark spiegelt wie dieser Kanal auf Social Media.
So beobachtete ich online auch, wie die Followerzahlen auf den Accounts jüdischer Publizisten schwanden, nachdem scheinbar die erste Welle der Sensationslust am Massaker am 7. Oktober 2023 gestillt worden war, das Schicksal der Geiseln in dem Streifen am Mittelmeer zunehmend ins Stocken geriet, ihre Gesichter verblassten – und die Welt fortan auf die Zerstörung Gazas blickte.
Plötzlich fühlte es sich verboten an, dem Account @bringthemhomenow zu folgen, auf Lebenszeichen zu warten und mit den Angehörigen zu fühlen, zu hoffen und zu beten – während Tausende sich in Palitücher hüllten, für ein freies Palästina auf die Straße gingen und die Empathie gegenüber dem jüdischen Volk zusehends verflog.
Lange Zeit hatte mich erschreckend wenig interessiert, dass meine Familie mütterlicherseits jüdischen Ursprungs ist. Ich wusste um die Deportation und Ermordung von Flora Hofer samt Geschwistern in Theresienstadt und Auschwitz. Ich wusste um die Flucht der wenigen Überlebenden nach England und Amerika. Im Unterricht wurde uns der Holocaust wieder und wieder vor Augen geführt – doch konnte ich mich weder damit identifizieren, noch richtig begreifen, dass dies auch Teil meiner Vergangenheit war. Mein bisheriges Leben lang musste ich mir nie Sorgen machen und hätte auch nicht angenommen, dass sich die Geschichte tatsächlich wiederholen könnte.
Doch die antisemitischen Vorfälle häufen sich. Und am 13. Oktober stellte ich trotz großer Erleichterung über die Freilassung der Geiseln mit Bestürzung fest, dass meine unmittelbare Umgebung keine sichtbare Notiz davon zu nehmen schien.
Vielleicht ist es falsch, wahrhaftige Anteilnahme anhand von Likes ablesen zu wollen. Doch in einer Zeit, in der jeder seine politische Meinung in Form von Repostings auf Instagram nur zu gern zum Ausdruck bringt, fällt es auf, wenn Reaktionen auf das Ende eines derart traumatischen Ereignisses ausbleiben. Kann man hier schon von Gleichgültigkeit sprechen?
Die Geiseln sind zurück zuhause. Der Krieg scheint vorbei zu sein. Aber das Schweigen bleibt – und mit ihm die Angst, dass Gleichgültigkeit der Nährboden ist, auf dem sich alter Hass neu entfaltet.
Anna Hofer ist Volontärin bei zeitzeichen und Der Sonntag. Sie hat Kunstgeschichte und Hörfunk an der Universität Leipzig studiert.
Die Skulptur „Begegnung“ des Bildhauers Hubert Teschlade steht seit 1985 vor dem evangelischen Lydia-Zentrum im westfälischen Nienberge.
„Stockfinster war’s, und alle Katzen grau!“ – so verteidigt sich Ruprecht in Heinrich von Kleists Stück „Der zerbrochene Krug“ gegenüber dem Dorfrichter Adam, als dieser wissen will, wen Ruprecht nachts am Haus von Ruprechts Verlobter Eve gesehen hat. „In der Nacht sind alle Katzen grau“, damit ist ganz wörtlich gemeint: Das menschliche Auge ist nicht in der Lage, im Dunklen Farben zu erkennen.
Das schon Kleist wohlbekannte Sprichwort benennt damit im übertragenen Sinne die Unmöglichkeit, Dinge immer und jederzeit ganz richtig einzuordnen. Wenn Ruprecht sich im Verhör durch den Dorfrichter Adam auf die grauen Katzen bezieht, dann verweist er damit ganz praktisch darauf, dass er tatsächlich nicht gut sehen konnte, weil es draußen dunkel war. Allerdings benennt Ruprecht dann doch einen vermeintlich Schuldigen, den Flickschuster Lebrecht, auf den Ruprecht schon vorher eifersüchtig war.
Damit markiert die Referenz auf graue Katzen, was das Stück vorführt: die mögliche Willkür, die menschliches Handeln mit sich bringen kann und die nur eingehegt werden kann durch gerechte Gesetze und durch eine unabhängige Judikative, die für diese Gesetze garantiert. Kleists Stück nun führt vor, was passiert, wenn auf diese Judikative kein Verlass ist. Denn der Dorfrichter Adam verfolgt eigene und sehr selbstsüchtige Interessen. Von Beginn an ahnt man, was am Ende entlarvt wird: dass Adam heimlich zu Eve schlich, dass er den titelgebenden Krug bei der Flucht zerbrochen hat, dass er also der eigentlich Schuldige ist.
Alle Katzen mögen nachts grau sein. Aber, um im Bild zu bleiben: Ein Rechtsstaat beruht darauf, dass Menschen sich darauf verlassen können, dass am Ende eben doch klar wird, welche Farbe die Katze eigentlich hat. Die Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit ist entscheidend. In den USA kann man gerade eine Gerichtsbarkeit unter einem für eine Demokratie beispiellosen Druck beobachten: Die Regierung Trump ignoriert Anweisungen des Obersten Gerichtshofes. Richterinnen und Staatsanwälte werden offen oder verdeckt bedroht. Richterposten schon seit Jahren nach politischem Kalkül besetzt. Die Schnelligkeit, mit der es so gelingt, eine Demokratie umzubauen in ein autokratisches System, entsetzt jeden Tag aufs Neue.
Hiervon sind wir in Deutschland weit entfernt. Gott sei Dank. Und doch mag Mahnung sein, was wir in den USA beobachten können. Das Vertrauen in staatliche Institutionen sinkt bekanntlich in den vergangenen Jahren in Deutschland. Das Vertrauen in die Justiz ist aber laut Umfragen relativ stabil. Ungefähr zwei Drittel der Deutschen vertrauen der Justiz, ein Drittel tut dies (eher) nicht. Bei allen Verteilungsfragen bei Investitionen sollte daher Forderung nach mehr Investitionen in die Justiz des deutschen Richterbundes mit Verweis auf die hunderttausenden offenen Verfahren aus dem Juli dieses Jahres sehr ernst genommen werden. Ein Rechtsstaat ist auf unabhängige Richter und Staatsanwältinnen angewiesen. Aber eben auch darauf, dass es genügend von ihnen gibt. Damit die Katzen am Ende nicht grau bleiben.
Dr. Friederike Krippner ist Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin.