Wie ein Krimi
17. SONNTAG NACH TRINITATIS, 12. Oktober
Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. (Josua 2,18)
Ausreichender Stoff für einen ausgewachsenen Spionagekrimi – und das in der Bibel. Alles ist da, was dafür nötig ist, zwei Spione, eine feindliche Macht, deren Geheimpolizei und eine Prostituierte. Und es geht um Leben und Tod.
Diese Erzählung ist einer der Klassiker unter den alttestamentlichen Geschichten. Mir ist sie seit den Tagen des Kindergottesdienstes vertraut. Rahabs Beruf verschwieg man unseren kindlichen Gemütern natürlich. Aber in Erinnerung ist mir geblieben, dass sie ein guter Mensch gewesen sein muss. Schließlich rettet sie den beiden Kundschaftern der guten Seite das Leben, mit einem Versteck, einer Lüge und einer mutigen Tat. Bildhaft vorstellen konnte ich mir, wie Rahab die beiden Männer an einem Seil an der Stadtmauer runterlässt und ihnen so zur Flucht verhilft.
Aus diesem roten Seil, das die Verfolgten rettet, wird das große Band der Hoffnung. Ans Fenster gebunden wird es den Truppen, die später unter Trompetenklängen Jericho überfallen und seine Mauern zum Einsturz bringen, zum Zeichen und zur Aufforderung, die Bewohner des Hauses am Leben zu lassen. Die Zerstörung von Häusern als Schutzort der Menschen ist bis heute üblich – in der Gegend, in der diese Geschichte angesiedelt ist, genauso wie anderswo. Von dem roten Seil, das dem Töten Einhalt gebietet und Häuser stehen und Menschen am Leben lässt, ist nur ein seidener Faden der Hoffnung übriggeblieben. Dass er zu einem Seil wird, ist bis heute die Hoffnung von Menschen. So ist unverzichtbar, dass wir an diesem Seil der Hoffnung mit unseren Möglichkeiten mitknüpfen: im Beten und „Tun des Gerechten“ – und, was das Schwerste ist, im „Warten auf Gottes Zeit“ (Dietrich Bonhoeffer).
Unbewusste Nähe
18. SONNTAG NACH TRINITATIS, 19. Oktober
Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem anderen Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot. (Jakobus 2,25–26)
Ein Predigttext, der an den des vorausgegangenen Sonntag anknüpft, bietet eine Chance, die dem Prediger, der Predigerin nicht immer geboten wird. Rahabs gute Tat wirkt nach. Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerichos könnte ein stehengebliebener Gebäuderest, der in den Himmel ragt, Anlass zur theologischen Spekulation gegeben haben. Warum war seine Zerstörung nicht vollendet worden?
Der Verfasser des Jakobusbriefes entwickelt am Beispiel Rahabs sein Verständnis von Glauben und Werken. Die Frau scheint ihm erinnerungswürdig, weil ihr Glaube Konsequenzen hatte. Weil sie das Risiko der guten Tat einging und mit dem Fürwahrhalten von theologischen Richtigkeiten wohl nicht zufrieden war. Allerdings wissen wir von Rahabs Glauben gar nichts. Vermutlich hat sie ihren Gästen das Leben gerettet, um ihr eigenes in Sicherheit zu bringen. Aber auch dieses egoistische Motiv muss sie nicht diskreditieren.
Für den theologischen Autor, der ihre Geschichte überliefert, ist Rahab ein Rädchen im klaren göttlichen Handlungskonzept zugunsten seines Volkes. Mehr zunächst nicht. Für den Autor des Jakobusbriefes ist Rahab Kronzeugin seines Verständnisses von Glaube und Werken. Denn ohne ihren Einsatz hätte ihr der Glaube nichts genützt. Für Martin Luther war das Grund genug, den Jakobusbrief im Neuen Testament als „stroherne Epistel“ nach hinten zu versetzen. Aber wären sich der Reformator und der Briefschreiber direkt begegnet, hätten sie womöglich gemerkt, dass sie sich weniger in der Theologie als in der Terminologie unterscheiden. Der Glaubensbegriff des Jakobus zählt zunächst nur theologische Grundwahrheiten auf. Und von Bedeutung sind sie nur dann, wenn sich daraus Konsequenzen ableiten lassen. Luthers Glaubensbegriff sieht dagegen im Glauben das tätige Grundvertrauen in Gott gleich mitgesetzt. Ein Glaube ohne Folgen wäre tot. Nur vermeintlich gute Taten, die nicht einem Glauben entspringen, wären in seinem Sinn „Werke“. So wären Jakobus und Luther am Ende womöglich überrascht, dass sie sich näher sind, als sie es selbst für möglich gehalten haben. Gut, wenn wir heute über diese Brücke des Verstehens gehen, die die beiden noch nicht bauen und überschreiten können.
Mut zur Nähe
19. SONNTAG NACH TRINITATIS, 26. Oktober
Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. (Johannes 5,7)
Es war für mich tief bewegend, in Jerusalem den Teich Bethesda zu sehen – ganz gleich, ob es sich dabei wirklich um den von Johannes erwähnten Ort handelt. Bewegend im ursprünglichen Wortsinn war für den Mann, der 38 Jahre (damals fast ein Menschenleben) lang gelähmt war, die Begegnung mit Jesus. Die Bewegung der Worte Jesu hat dem Leben des Gelähmten einen Schwung verpasst, der all denen verdächtig gewesen sein muss, die nichts lieber wollen, als dass alles bleibt, wie es ist.
Bewegend sind für mich jedes Mal die beiden Botschaften des Gelähmten. Zum einen: „Ich habe keinen Menschen.“ Zum anderen: Immer ist jemand anderes vor mir dran. Die beiden Sätze beschreiben die Ursache der Erkrankung vieler Menschen – auch heute. Die beiden Klagen lähmen nämlich die Motivation, das Leben in die Hand zu nehmen, und – den Mut zum Leben auch unter schwierigen Rahmenbedingungen.
Die Einsamkeit ist eine der großen – und immer noch zu oft übersehenen – Leiden unserer Zeit. Tendenz zunehmend. Seit einem Jahr gibt es in Berlin eine Einsamkeitsbeauftragte mit vollem Deputat. Die Überwindung der Einsamkeit ist also auf der Liste der politisch zu bearbeitenden Themen angekommen.
Jesus reagiert am Teich Bethesda mit einer Doppelstrategie. Er nimmt das körperliche Leiden ernst, aber zugleich die seelischen Belastungen. Sein „Sündige hinfort nicht mehr“ ist eine Aufforderung, Nähe zu wagen – gegenüber den Menschen und vor allem gegenüber Gott. Schade nur, dass die festgefahrenen Positionen der Kritiker Jesu nicht ebenfalls in Bewegung geraten.
Stein des Anstoßes
20. SONNTAG NACH TRINITATIS, 2. November
Und Gott sprach: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. (1. Mose 9,13–14)
Das hätte sich Noah nicht träumen lassen. Der Regenbogen, das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen, wird zum bleibenden Zeichen des Anstoßes. Vor 500 Jahren schickte Thomas Müntzer die Bauern unter der Regenbogenfahne in die vermeintlich endzeitliche Schlacht gegen die Truppen der Landesherren. Und sie endete für die meisten Bauern in einem schrecklichen Blutbad. Für Müntzer erfüllte sich die Hoffnung auf das Bundeszeichen des Regenbogens nicht. Heute steht die Regenbogenfahne mit dem Wort „Pace“ für die Sehnsucht nach Frieden und Toleranz. Aber weltweit, anderswo und in unserem Land, wird den Farben des Regenbogens, die (in umgekehrter Reihenfolge) die Vielfalt der Lebensentwürfe in der Buntheit der guten Schöpfung Gottes symbolisieren, der Kampf angesagt. Warum ist der Regenbogen für die einen Symbol ihrer Freiheit, während die anderen ihre eigene Freiheit gerade darin gefährdet sehen?
Ein Blick in die Geburtsstunde des Regenbogens lohnt. Von der Schöpfung Gottes waren nur diejenigen Lebewesen übriggeblieben, die sich in Noahs Arche hatten retten können. Doch Gott setzt – und wagt! – den Neuanfang. Seine Zusage ist für mich das Hoffnungswort schlechthin: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22).
Wer immer sich unter dem Zeichen des Regenbogens sammelt, steht in dieser Traditionslinie der Hoffnung auf die Beständigkeit der Welt.
Was jetzt dran ist
DRITTLETZTER SONNTAG DES KIRCHENJAHRES, 9. November
Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! (Lukas 6,31)
Am 9. November, dem Schicksalstag der deutschen Geschichte (1918, 1938, 1989), über die Goldene Regel ins Nachdenken kommen … Passt das? Oder wäre etwas ganz anderes angesagt? Ein Schuldbekenntnis oder ein Appell zur Buße, wenn man knapp neunzig Jahre zurückgeht? Oder ein Aufruf zur Dankbarkeit beim Blick in die jüngere Vergangenheit? Mir scheint es angemessener, nicht krampfhaft die Geschichte deuten zu wollen und allzu schnell von Gottes Eingreifen oder menschlicher Gottvergessenheit zu sprechen. Die Geschichte ist das Ergebnis unseres Handelns, des Irrens wie des rechten Tuns zur rechten Zeit.
Die Goldene Regel verbindet uns mit der Ethik verschiedener philosophischer Denktraditionen und anderer Religionen. Sie gilt gewissermaßen universell. Kants Kategorischer Imperativ wirkt wie eine säkulare Version dieses schlichten Satzes. Und der Schatz der Sprichwörter nimmt den Gedanken in negativer Formulierung auf: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“
Aber was will ich, dass mir die Leute tun? Sie sollen mich wertschätzen, mit mir auf Augenhöhe kommunizieren, sollen offen, klar und wahr mit mir sprechen. Vor allem sollen sie mir aber helfen, wenn ich mit dem Leben alleine nicht mehr zurechtkomme.
Dies alles ist mir ins Stammbuch geschrieben, gibt mir einen ethischen Leitfaden. Er macht manche Entscheidungen nicht leichter, aber sagt zumindest klar, was jetzt dran ist. Am 9. November 1938 wäre es mutiges Widerstehen gewesen. Am 9. November 1989 hätte mit dem Mauerfall ein neues Miteinander eingeläutet werden können, nicht der vermeintliche Triumph eines überlegenen Systems über eines, das schon in der Vergangenheit versagt hatte. Zu Dank im einen Fall und Buße im anderen wäre dann immer noch Zeit gewesen und – ist womöglich von neuem Zeit.