Ein Symbol

Seit dem 7. Oktober 2023 ist „Gaza“ ein Symbolbegriff – für den Terror der Hamas und ihre ungeheure Aggression gegenüber jüdischen Israelis und für das große Leiden der Palästinenser:innen und das Unrecht, das ihnen geschieht.

Wenn Orte zu Symbolen werden, werden die Menschen, die dort leben, und die Geschichte, Kultur und Vielfalt eines solchen Ortes oft vergessen. So ist es ein großes Verdienst von Georg Röwekamp, in seinem Band den Fokus auf einen Aspekt Gazas zu lenken, der nur wenigen Leser:innen vertraut sein dürfte: die Geschichte und Gegenwart der Christen in der Region Gaza.

Der katholische Theologe Röwekamp stellt nüchtern und doch fesselnd vor, wie sich dieser Landstrich insgesamt seit den fassbaren Anfängen im 14. vorchristlichen Jahrhundert entwickelt hat, um ab dem zweiten Kapitel titelgerecht darzustellen, wie sich Christen dort ansiedelten und seitdem dort leben.

Die im Buch ausführlich dargestellte Auseinandersetzung zwischen den frühen Christen und den „Altgläubigen“ in Gaza führt bildhaft vor Augen, wie das Christentum in der Region Fuß fasste, sich lange mit anderen religiösen Bindungen arrangierte, dagegen agitierte, oder auch verfolgt wurde. Eusebius, der als einer der ersten über die Christen der Region Gaza berichtet, erzählt von dem Märtyrer Timotheus, der im Jahr 304 unter Kaiser Diokletian hingerichtet wurde, und von den Verfolgungen unter Kaiser Maximinus Daia, der im südlichen Ostjordanland 39 Christen an einem Tag köpfen ließ. Der christliche Historiker Hieronymus, der eine Heiligenvita des Mönchs Hilarion von Gaza verfasst hat, beschreibt, wie bei einem Wagenrennen das Gespann eines Christen den Wagenführer eines Marnas-Verehrers besiegt und damit zeigt: Die lokale Gottheit Marnas wird von Christus besiegt.

Gaza hat viel zu erzählen: vom anhebenden Mönchtum, wie es Hilarion prominent repräsentiert; von den frühchristlichen Auseinandersetzungen um die angemessene Darstellung des Heilswirkens Christi, also den Streit um das Bekenntnis von Chalcedon im fünften Jahrhundert, bei dem die Geistlichen Gazas eine wichtige Rolle spielten; von den paganen, christlichen, muslimischen, jüdischen Einflüssen, deren Spuren bis zum Gaza-Krieg zu entdecken waren; von den religiösen Pilgern des Mittelalters und den Missionaren des 19. Jahrhunderts, die den Landstrich als Fluchtort der Familie Jesu entdeckten und neu prägten.

Die Darstellung der vielfältigen Geschichte der Region wird gerahmt von der kriegerischen Gegenwart: Der lateinische Patriarch von Jerusalem Pierbattista Kardinal Pizzaballa eröffnet das Buch mit einem Grußwort. Er dankt darin den heutigen Christen von Gaza für ihre Hoffnung und ihr Bekenntnis zur Gewaltfreiheit. Das Buch endet mit einem Epilog, in dem theologisch eindringlich und mit Rückgriff auf die auch in Gaza verortete Simson-Geschichte das tragische Widerspiel von Gewalt und Friedenssehnsucht sensibel reflektiert wird. Der katholische Autor nimmt hier mit ökumenischer Weite Stimmen der lutherischen Christen wie den Bischof Ibrahim Azar, den katholischen Jesuitenpater David Neuhaus und den Dichter Muin Bseiso (1926–1984) auf, die gemeinsam den Blick auf einen kommenden Frieden richten, der aktuell nicht sichtbar und auch nicht einfach „machbar“ ist.

In dem kurzen Band kann manches nicht ausführlich zur Sprache kommen. Wer etwa eine differenzierte Präsentation der politischen Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Fatah Anfang des 21. Jahrhunderts in Gaza und die Rolle der Christen in diesem innerpalästinensischen Konflikt sucht, dürfte enttäuscht werden.

Insgesamt ist bemerkenswert, wie viel der Band an Einsicht vermittelt. Das „Symbol“ Gaza wird zu einem Ort mit vielfältiger Geschichte und lebendiger Gegenwart.

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Fundgrube

Dieses Buch ist ein Mammutwerk – und ein absolut zeitnotwendiges Werk, die erste umfassende Darstellung der Rolle der Religionen in Konflikten und Friedensprozessen nach der „Zeitenwende“, die der damalige Kanzler Olaf Scholz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 diagnostiziert hat.

Der erste Anstoß liegt schon früher. Er kam aus dem deutschen Außenministerium: Was wissen Diplomaten, die ins Ausland gehen, über Religion und Kultur in den Ländern, in denen sie wirken werden? Frank-Walter Steinmeier hat noch als Außenminister ernst genommen, dass sich rund 80 Prozent der Weltbevölkerung religiös orientieren, mit zunehmender Tendenz, trotz der Säkularisierungsentwicklungen in den „westlichen“ Staaten. Er hat einen Dialogprozess zu Außenpolitik und Religionen in Gang gesetzt, der über mehrere Jahre über die Abteilung 612 des Außenamtes organisiert wurde. Von 2020–2023 gab es einen dreijährigen Konsultationsprozess mit 30 Wissenschaftler:innen in drei Arbeitsgruppen, und zwar zu den Inhaltsgebieten „Religion und Recht“, „Religion und Gewalt“ sowie „Religion und Frieden“. Waren im Konsultationsprozess nur die „abrahamischen“ Religionen Judentum, Christentum und Islam im Blick, so ist in der Weiterarbeit für das vorliegende Handbuch auch der südostasiatische Kulturraum mit Hinduismus und Buddhismus und der chinesische Kulturraum mit Konfuzianismus und Taoismus einbezogen worden.

Die Arbeit wurde durchgeführt von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg unter Ines-Jacqueline Werkner, der Leiterin des Arbeitsbereichs „Frieden“. Es wurden wissenschaftlich qualifizierte Autor:innen für schließlich insgesamt 97 Beiträge gewonnen. Was für eine Leistung. Und welche Perspektivenbreite.

Den Teilen Religion und Recht, Religion und Gewalt sowie Religion und Frieden wird eine Verständigung über Grundbegriffe (Religionsbegriff, religiöse Profile, Verhältnisbestimmung von Politik und Religion) vorgeschaltet. Bei jeder Reflexionsachse erfolgt eine differenzierte Sicht auf die verschiedenen im Fokus des Handbuchs stehenden Religionen. Als herausfordernd erwies sich die Auswahl der Religionen und das Drängen auf „objektive“ Darstellungen.

Es war eine besondere Leistung, den Kreis der Autorinnen und Autoren zu gewinnen, umfangmäßig begrenzte und gut strukturierte Artikel zu erhalten, diese zu redigieren und zu lektorieren, mit einem kleinen Team. Die aktuellen religions-politischen Problemlagen, der Backlash, der sich in einer Entwicklung neuer autoritärer Strukturen gegen Pluralität, Toleranz und soziales Engagement weltweit zeigt, sind durchgängig im Blick: evangelikale Trump-Unterstützer, russisch-orthodoxe Putin-Verehrer, die Ideologie von jüdischen Siedlern mit ihren Angriffen auf die Westbank, das betonharte islamische Regime im Iran, Buddhisten in Myanmar, die Muslime verfolgen, und Hindu-Nationalisten in Indien. Aber es wird auch das Gegenteil sichtbar gemacht, viel breiter und viel stärker als es in den Medien und im öffentlichen Bewusstsein präsent ist.

In jeder der Religionsgemeinschaften gibt es Protagonisten und Bewegungen eines Glaubens, der aus den spirituellen Wurzeln, die in jeder Religion ganz spezifisch sind, Kraft schöpft für ein verantwortliches Leben. Religion macht Frieden, der Titel des Buches von Markus Weingardt aus dem Jahr 2007 über religiöse und interreligiöse Friedensstifter ist unüberholt. Die Artikel des Handbuchs lenken die Aufmerksamkeit auf Geschichte, Kultur, heilige Texte und ihre Auslegung, Ethik, soziales Leben in jeder der Religionen und – das hätte noch ausgeprägter sein können – die wichtige Bildungsaufgabe.

Da ist nichts uniformiert, das Buch lädt ein, genau hinzuschauen und wahrzunehmen, statt vorschnell zu urteilen. Natürlich ist die Religionen-Auswahl trotz aller Breite begrenzt, zum Beispiel im Blick auf die nicht einbezogenen indigenen Religionen, die für die Frage friedensschaffender ökologischer Traditionen von besonderer Bedeutung sind. Insgesamt enthält das Buch einen grundlegenden Appell: Sucht die Friedenswege so differenziert und vielfältig, wie die Religionen und die politischen Konstellationen im jeweiligen Lebenskontext sind. Überlasst die Deutungshoheit nicht den Fanatikern. Dies Werk ist eine Fundgrube für alle, die sich in diesem komplexen Feld ein differenziertes Bild machen wollen.

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Was bleibt?

Was bleibt?

Neue biografische Luther-Studie

Die Reformationsforschung verdankt Thomas Kaufmann einige gewichtige Bücher, aus denen man viel lernen kann, auch wenn man seine aus der Zeit gefallene Überbetonung der Bedeutung Luthers und der Reformation nicht teilt. Das Buch aber, das er nun vorgelegt hat, ist schlicht missglückt, und das von der ersten bis zur letzten Seite.

Das ist umso überraschender, als „Luther als Publizist“ das Grundthema seiner Forschungen, genau genommen schon der seines Lehrers Bernd Moeller, ist, dessen feinziselierten Ansatz Kaufmann breit und detailreich ausgeschrieben hat. Nun will er „auch manche studentischen Leser“ und Leserinnen hierfür finden. Ob Kaufmanns fremdwortreicher Nominalstil diesem Ziel gute Dienste leistet, sei dahingestellt. Gerade für diese Leserschaft wäre das Ausbügeln kleinerer Schlampigkeiten, wie der, dass die Jahre „zwischen 1475 und 1490“ als Zeit der Kindheit des 1483 geborenen Martin Luther eingeführt werden, jedenfalls hilfreich gewesen.

Wirklich erstaunlich ist allerdings, dass die dünne argumentative Grundlage mancher vollmundigen Aussagen in diesem Buch nicht mehr rhetorisch verschleiert werden kann, sondern offen an die Oberfläche tritt: Kaufmann führt zwei Zitate aus dem Testament Martin Luthers an, in denen dieser seine Person als „offentlich“ bezeichnet. Dass dieses Wort gewiss nicht auf Publizieren im modernen Sinne eingeengt werden kann, ist heute historisches Gemeingut – und sollte spätestens im unmittelbaren Kontext auffallen, in dem Luther von seinem Bekenntnis „ym himel, aüff erden, aüch ynn der helle“ spricht (WA.B 9,573), bekanntlich nicht alles unbedingt Orte mit reicher Druckerpresse. Davon ungerührt, folgert Kaufmann, dass man nicht über verschiedene gegenwärtig die Reformationsforschung belebende Zugänge wie Mystik-, Körper- oder Emotionsstudien Luthers Selbstverständnis erfasse, „sondern“ durch „das Publizieren“. Das ist so meinungsstark wie argumentationsschwach.

Dabei wird die Aufmerksamkeit auf die Publizistik nicht einmal stringent durchgehalten: Die Bedeutung der Katechismen hebt der Autor immer wieder hervor, eine eigene Behandlung erfahren sie nicht. Bilder werden durch die Überschrift „typographische Porträts“ mühsam mit dem Thema verbunden, obwohl es sich oft bloß um „Bildchen“ handelte, „die Luther selbst mit Unterschriften versandte“, von den späteren Großporträts ganz zu schweigen – das könnte zu interessanten Reflexionen über unterschiedliche Medialitäten führen. Die findet man hier nicht.

Dafür liest man lebhafte Schilderungen zur Leipziger Disputation oder zum Reichstag zu Worms, die als Vorlage für eher verquälte Darstellungen der Publizistik im Umfeld dienen. Und da, wo sich dann nun wirklich alles in Büchern abspielt, wird die Abhandlung vollends dürftig. Die erregende Phase 1518/19, als sich Erbauungsschriftstellerei und Kirchenkritik in Luther verschränkten und diese Mischung aus Alt und Neu sein „Berühmtwerden“ (Bernd Moeller) heraufführten, bleibt blass. Eine nette Pointe ist es allerdings, dass Kaufmann in diesem Zuge unter „Frömmigkeitsrevolutionen“ vor allem die beiden Editionen der spätmittelalterlichen mystischen Theologia Deutsch behandelt. Man könnte fast meinen, er wolle ganz subtil die Hohlheit der permanenten Neuheitsrhetorik in der Reformationsgeschichte zeigen. Dass weit später die ungeheure publizistische Dynamik des Abendmahlsstreits zwischen Zürich und Wittenberg auf zwei Seiten, die zu einem Viertel aus Lutherzitaten aus der Endphase der Debatte bestehen, zusammengeschnurrt wird, ist eine weitere Merkwürdigkeit dieses Buches.

Die größte ist allerdings, dass Thomas Kaufmann verkündet, mit diesem Band den „‚eigentlichen‘ Luther darzustellen“, ja, dessen „Wesensnatur“. Der Historiker wird zum Essenzialisten – und noch dazu zu einem schlechten. Ist es wirklich das, was bleibt, wenn Kaufmann zwei Jahrzehnte seiner Forschung „rekapituliert“?

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Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.

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Kundig

Es ist mehr als ein Zufall, dass Christiane Tietz fast zeitgleich mit ihrem Amtsantritt als neue Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgerechnet ein Buch über Friedrich Nietzsches Verhältnis zum Christentum veröffentlicht. Eine Strategie allerdings sollte man dahinter nicht vermuten. Es zeigt sich hier schlicht der Übergang von ihrem vorherigen Leben als Professorin für Systematische Theologie in Zürich zur Kirchenleitung in Darmstadt. Aber es ist eben auch ein schönes Zeichen für eine weltoffene und gedanklich freie Kirche, dass dies keinen Skandal auslöst. Wo sonst in der weiten Welt der Konfessionen und Religionen der Gegenwart wäre Vergleichbares möglich?

Tietz möchte zeigen, wie Nietzsche in allen seinen Lebens- und Denkphasen „im Bann des Christentums“ geblieben ist, wie der Titel ihres Buches glücklich, wenn auch zwiespältig formuliert. Als Kind und Jugendlicher war Friedrich in einer tiefen, innigen Frömmigkeit aufgewachsen, das Christentum hatte einen unwiderstehlichen Sog auf ihn ausgeübt, später mag er diesen „Bann“ als Fluch empfunden haben, von dem er sich mit „übermenschlicher“ Kraftanstrengung zu lösen versuchte. Tietz beschreibt diesen Prozess mit großem Einfühlungsvermögen und ohne zu werten. Stattdessen lässt sie Nietzsche in vielen gut gewählten Zitaten selbst zu Wort kommen.

Zu Nietzsches Anfängen lässt sich nur sagen: Evangelischer kann man nicht aufwachsen. Der früh verstorbene Vater war ein erwecklicher Landgeistlicher, die Mutter ebenfalls sehr fromm. Viele Vorfahren waren Pfarrer. Seine Schulzeit in Schulpforta war geprägt von Religionsunterricht und -praxis. Kein Wunder, dass er anschließend nach Bonn zog, um evangelische Theologie zu studieren. Doch die intensive Auseinandersetzung mit dem Glauben – intellektuell wie existenziell – weckte in ihm Zweifel, die ihn schließlich Studienfach und -ort wechseln ließen. In einem Brief an seine Schwester Elisabeth brachte er es so auf den Punkt: „Hier scheiden sich nun die Wege der Menschen; willst Du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst Du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche.“

Als Wunderkind der Altphilologie wurde Nietzsche mit 24 Jahren Professor in Basel. Entgegen dem Klischeebild vom einsamen Genie lebte er vom literarischen und persönlichen Dialog, wie Tietz plastisch erzählt: Feuerbach, Strauß, Schopenhauer, Wagner, Burkhardt, Overbeck. Schrift für Schrift ließ Nietzsche das evangelische Erbe hinter sich, und doch blieb die biblische (und lutherische) Sprache für ihn prägend. Es bleibt ein Geheimnis, das Tietz zum Glück nicht aufzulösen versucht, sondern nur dezent beschreibt, wie die radikale gedankliche Selbstentfaltung mit einer fortschreitenden, grauenhaften Krankheit einherging. Körperlicher Schmerz und gedankliche Euphorie waren hier keine Gegensätze. Je tiefer Nietzsche sank – berufsunfähig, vereinsamt, literarisch erfolglos, je mehr wurde er zum „Freigeist, der nichts mehr wünscht, als täglich irgendeinen beruhigenden Glauben zu verlieren“. Kundig führt Tietz diese Bewegung in Nietzsches beißender Kritik des christlichen Gottesglaubens und dessen Moral vor.

Das eigentliche Wunder dieses Lebens- und Denkweges hat sich nach seinem Ende ereignet. Der Vergessene und in Umnachtung Gestorbene wurde späteren Generationen zum epochalen Ereignis – nicht nur bei radikalen politischen Bewegungen, sondern gerade auch in der Theologie. Martin Buber oder Albert Schweitzer, um bloß zwei zu nennen, kann man nur als religiöse Nietzscheaner verstehen. Deshalb ist es schade, dass Tietz ihr Buch mit dem Tod (sowie eigenen Schlussgedanken) enden lässt. So wird nicht deutlich genug, dass seither – um den Buchtitel umzudrehen – das Christentum unter dem Bann Nietzsches lebt.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.

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Imaginiert

Schon in den ersten Zeilen dieses dicken Bandes, schon im Editorial, wird eine ganze Welt eröffnet – und leider muss man diese mit Fremdwörtern überlasteten Sätze erst einmal in ein verständliches Deutsch übersetzen, um ermessen zu können, dass sie Kluges meinen: „Rurale Topografien erleben nicht nur gegenwärtig in den medialen, literarischen und künstlerischen Bilderwelten eine neue Konjunktur – sie sind schon seit jeher in verschiedensten Funktionen ganz grundsätzlich am Konstituierungsprozess sowohl kultureller als auch individueller Selbst- und Fremdbilder beteiligt“, heißt es da. Und weiter: „Imaginäre ländliche und dörfliche Lebenswelten beeinflussen die personale und kollektive Orientierung und Positionierung in bestimmten Räumen und zu bestimmten Räumen. Dabei entwerfen sie Modelle, mit denen individuelle und gesamtgesellschaftliche Frage- und Problemstellungen durchgespielt, reflektiert und analysiert werden können.“

Das Land ist also wieder angesagt, unter anderem in der Kultur, und die dabei neu entstehenden Bilder und Ideen tragen wie schon in der Vergangenheit dazu bei, uns darüber im Klaren zu werden, was wir von uns selbst und dem anderen halten. Dabei ist die vielleicht auch nur erfundene Vorstellung des Lebens auf dem Land wichtig dafür, wie wir uns als Person oder Gemeinschaft in der Gesellschaft selbst einordnen, nicht zuletzt in unserem Verhältnis zum Land oder zur Stadt.

Das Buch mit dem angenehm knappen Titel Stadt – Land geht diesen Fragen auf immerhin 284 Seiten nach und versammelt 13 Aufsätze, die die heutige kulturelle Betrachtung des Landes analysieren – und das mit einem ziemlich breiten Ansatz. Dabei geht es zwar mehrheitlich um aktuelle Romane, die das Leben auf dem Land behandeln, aber auch Landkrimis werden bedacht. Tatsächlich gab es nach Auskunft des Bandes seit der Jahrtausendwende eine „zunehmende Präsenz von Dorfliteratur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt“. Es scheint, ähnlich vielleicht wie im 19. Jahrhundert zur Zeit der Industrialisierung, ein gesellschaftliches oder zumindest literarisches Bedürfnis zu geben, den ländlichen Raum näher zu erkunden oder wiederzuentdecken. Hinzu kommen im Sammelband Aufsätze zu Fernsehdokumentationen, Reportagen und (ziemlich originell und klug) deutschen Kinderfilmen, deren bekanntester vielleicht „Hände weg von Mississippi“ von Detlev Buck aus dem Jahr 2007 ist (doch es gibt noch eine erstaunlich lange Reihe anderer Kinderfilme, die in den vergangenen Jahren auf dem Land spielen). Aber gibt es Grundlinien, die die Autorinnen und Autoren im komplexen Verhältnis von Stadt und Land in den so verschiedenen kulturellen Produkten ausmachen können? Die sind nur schwer erkennbar. Die Herausgeberinnen, die aus den Feldern der Geografie, Germanistik und Jüdischen Studien kommen, stellen immerhin, mit Einschränkungen und vorsichtig, fest, „dass die vermeintlichen Gegensätze zwischen Stadt und Land mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen“. Anders gesagt: Das Land ist demnach keineswegs mehr dieser ganz andere, fremde Raum, für den er gern aus der Perspektive der Stadt gehalten wird.

Der vorliegende Band richtet sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, richtige Lesegenüsse sind deshalb spärlich zu finden. Aber es gehört zu den Stärken des Bandes, dass er herausarbeiten kann, wie in künstlerisch-kulturellen Arbeiten Stereotype und Klischees, die mit der Stadt-Land-Differenz zusammenhängen, problematisiert, dekonstruiert und kritisiert werden – etwa das Klischee von der pluralistischen (Groß-)Stadt, die für individuelle Freiheit steht, oder das Stereotyp des angeblich homogenen Dorfes, das mit naturverbundenen Lebensweisen assoziiert wird. Nein, es kann alles auch ganz anders sein. Und das im kulturellen Feld wissenschaftlich nachzuweisen, ist eine Leistung des Bandes.

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Eindrücklich

Ohne die Erzählung einer großen Liebe kommt auch heute kaum ein Film aus. Der Traum von der großen, romantischen Liebe bleibt ungebrochen. Doch unerfüllte oder gescheiterte Liebesbeziehungen werfen viele Menschen aus der Bahn, sie verlieren Halt und Stütze, stranden, Existenzen zerfallen vor aller Augen. Und manche Liebe lässt sich nicht leben, Flucht und Krieg zerstören sie, stellen sich zwischen die Liebenden. Davon erzählt der Künstler und Schriftsteller Steffen Weiller in seinem Hörspiel Die schöne Müllerin.

Die ach so romantische Geschichte vom armen Müllersburschen des Dichters Wilhelm Müller, 1823 als Liederzyklus von Franz Schubert komponiert, verwebt er mit Erzählungen von Menschen, die auf der Straße leben, von Gewalt- und Stalkingopfern, Menschen auf der Flucht oder denen, die der Krieg trennt. Wie bei Schubert und doch 200 Jahre später sind es Geschichten von Sehnsucht, Hoffnung und Schmerz. In 14 Episoden erzählt Weiller von gescheiterter Liebe, ihren Folgen, auch von Suizid. Von Mutterliebe, die nicht erwidert wird, von Liebe in Zeiten des Krieges und der Flucht. Die 105 Minuten der ausgezeichnet komponierten Hörcollage berühren, lassen sich manchmal kaum aushalten. Die vorzüglichen Sprecher Birgitta Assheuer, Dagmar Manzel und Jens Harzer lesen behutsam, eindringlich, ohne jede Wertung. Stefan Weiller hat seine Protagonisten in Beratungsstellen, in Unterkünften und Frauenhäusern getroffen. Sie alle eint die Suche nach dem geliebten Menschen und dem Scheitern. Tod, Krankheit, Einsamkeit, Flucht und Armut ziehen sich durch die Leben. Die Lyrik Müllers stellt Weiller kunstvoll passend an seine Texte, so dass sie manchmal fließend ineinander übergehen. Ein anspruchsvolles Projekt, das seiner Hörerschaft viel abverlangt.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.

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Grenzen trotzen

Grenzen trotzen

Gilles Petersons Anthems

Musik ist seine Leidenschaft, er selbst eine Institution: Der Londoner DJ, BBC-Moderator, Labelmacher und Kurator Gilles Peterson (* 1964) fing mit Jazz und Funk auf Schuldiskos und als Piratenfunker an. Sein Geschmack reicht von Dub, House, Drum’n’Bass bis Breakbeat und HipHop. Acid Jazz machte ihn bekannt, mit gut 150 Compilations gab er jedoch an vielen Stellen Anschub. 2014 hatte er 50 000 Alben im Fundus, zum Beispiel alle des in demselben Jahr gegründeten Chicagoer Labels International Anthem Records. „From the get go I could see it. I could see that was the real deal. I could hear it too – more importantly“, schreibt er in den Liner Notes zur Doppel-CD, mit der er dessen erstes Jahrzehnt feiert: „A record label with the vision and care that places it in the pantheon of labels where you can pick up any release“. Wie Impulse! in den 1960ern oder das Gitarrenlabel SST in den 1980ern: Alles, was dort erscheint, bereichert.

Die Label-Story grenzt an jene von Tellerwäscherei, bloß markant anders, und verrät auch, inwiefern: Schlagzeuger Scottie McNiece war umtriebig in Chicagos Klubs unterwegs. Er jobbte nebenher. Ein Wirt, den er belieferte, erlaubte ihm, im Keller Konzerte der quirligen Underground-Szene zu veranstalten, darunter auch mit dem Kornettisten Rob Mazurek. Um die Gigs festzuhalten, tat er sich mit Tontechniker David Allen zusammen – IAR mit dem Credo „boundary defying music“ war in der Welt. Die junge Szene, die da Platz fand, steht der Musikervereinigung Association for the Advancement of Creative Musicians nahe, die seit 1965 ehrenamtlich an Instrumenten und Musiktheorie unterrichtet. Politisches, kulturelles und soziales Anliegen sind eins. Der AACM wiederum entstieg das avantgardistische Art Ensemble of Chicago, das „Great Black Music – Ancient to the Future“ auf der Fahne hat und darunter Rhythm & Blues, Rock’n’Roll, Spirituals, Swing, Dixie, Reggae und Bebop genauso fasst wie Funk, was die IAR-Spannweite gut umschreibt und insofern Namedropping zur Compilation erübrigt. Nur dies: Sie beginnt groovy mit Makaya McCraven und den kämpferischen Irreversible En­tanglements („Open The Gates“), sie hat weite meditative Partien, macht große Lust auf mehr, etwa von der wunderbaren Sängerin und Klarinettistin Angel Bat Dawid, hat tief Berührendes wie den von GP und ihr selbst angesagten Auftritt der 2022 verstorbenen Trompeterin Jaimie Branch. Die musikalisch Funkelnde und menschlich hoch Geschätzte war in der vielfach untereinander kooperierenden, längst nicht mehr Chicago-beschränkten IAR-Community ein Leitgestirn. Doch deren Himmel, so viel ist spürbar, bleibt weiterhin offen. Die von Peterson hier versammelten 29 Tracks, strikt persönlich als DJ-Set mit smartem Flow und facettenreich angelegt, machen das kompetent und sympathisch glaubhaft. Funktioniert als Mix ebenso wie als IAR-Einstieg.

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Liebe über alles

Peter Cornelius war ein Christkind. Jedenfalls vom Geburtstag her, denn der Dichter, Schauspieler und Komponist erblickte am 24. Dezember 1824 in Mainz das Licht der Welt, hineingeboren in eine Künstlerfamilie. Er hatte viele Gaben, doch überdauert hat bis heute nur seine Musik, zumindest für Kenner und Liebhaber. Ein One-Hit-Wonder hat er, was größere Bekanntheit errungen hat. Sein Lied „Drei Kön’ge wandern von Morgenland“, wo er als Text- und Tondichter in Erscheinung tritt und eine gefühlvolle Melodie mit dem vierstimmigen Satz von „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ verbindet, ist wohl bis heute das einzige Stück, das durch unzählige Weihnachtskonzerte, ob in der Solofassung mit Klavier oder mit vierstimmigem Chor, einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden ist.

Deutlich ausladender als die „Kön’ge“ kommt aber der dreiteilige „Liebe-Zyklus“ daher: drei Motetten auf Texte des frühbarocken Mystikers Johann Scheffler alias Angelus Silesius. Mit diesen wunderbaren Werken eröffnet das Voktett Hannover seine CD „Liebesweisen“, auf der, wie der Untertitel verrät, „Geistliche und weltliche Bekenntnisse“ vereint sind. Die hohe stimmliche und musikalische Qualität der jungen Sängerinnen und Sänger macht diese hochromantische Musik zu einem Hochgenuss. Es ist ungewohnt, diese Musik solistisch besetzt zu erleben, also jeweils nur mit einem Menschen pro Stimme. Das heißt, es gilt, auf das romantische Wabern eines großbesetzten Chores zu verzichten, aber man wird durch harmonische Exaktheit und klare Sprachgebung mehr als entschädigt.

Mit dem gewichtigen Corneliusblock gelang dem Voktett 2019 eine großartige Erstlings-CD, die nichts von ihrem Zauber verloren hat und so weiterhin wärmstens zu empfehlen ist. Ein nächster Höhepunkt darauf, möglicherweise etwas bekannter als das Liebe-Trio von Scheffler/Cornelius, und natürlich eine völlig andere Klangwelt ist die „Hymn to St. Cecilia“ von Benjamin Britten (1913–1976). Die gut zehnminütige Vertonung der Hymne von W. H. Auden ist eine Perle und kann in der Darbietung der acht jungen Sängerinnen und Sänger absolut überzeugen, und Britten versteht es wie kein anderer, musikalische Kurzweiligkeit auf höchstem Niveau zu erzeugen. Ein Must-have der Chorliteratur des 20. Jahrhunderts, in das es sich immer wieder zu vertiefen lohnt. Aber dies sind nur die Höhepunkte der reichlichen Stunde Chormusik, die mit drei Klassikern ausklingt, Mendelssohns „Engel“, den „Herzgedanken“ von Brahms und einem gefühlvollen Satz des norddeutschen Klassikers „Dat du min Leevsten büst“. Das ist alles herzallerliebst und bester Ohrenschmaus für manch dunkle Herbstabende, die jetzt möglicherweise bevorstehen. Unbedingt besorgen, noch scheint die Scheibe nicht vergriffen!

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C wie Christus der Ungesehene

Die Erkundungstour startet am Hauptbahnhof in Chemnitz. Einem Kopfbahnhof, wie er im 19. Jahrhundert gebaut wurde, um die Bedeutung der Stadt hervorzuheben.

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Rotes Seil der Hoffnung

Rotes Seil der Hoffnung

Klartext
Foto: privat

Die Predigthilfe dieses Monats kommt von Traugott Schächtele. Er ist Prälat i.R. in Freiburg/Breisgau.

Wie ein Krimi

17. SONNTAG NACH TRINITATIS, 12. Oktober

Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. (Josua 2,18)

Ausreichender Stoff für einen ausgewachsenen Spionagekrimi – und das in der Bibel. Alles ist da, was dafür nötig ist, zwei Spione, eine feindliche Macht, deren Geheimpolizei und eine Prostituierte. Und es geht um Leben und Tod.

Diese Erzählung ist einer der Klassiker unter den alttestamentlichen Geschichten. Mir ist sie seit den Tagen des Kindergottesdienstes vertraut. Rahabs Beruf verschwieg man unseren kindlichen Gemütern natürlich. Aber in Erinnerung ist mir geblieben, dass sie ein guter Mensch gewesen sein muss. Schließlich rettet sie den beiden Kundschaftern der guten Seite das Leben, mit einem Versteck, einer Lüge und einer mutigen Tat. Bildhaft vorstellen konnte ich mir, wie Rahab die beiden Männer an einem Seil an der Stadtmauer runterlässt und ihnen so zur Flucht verhilft.

Aus diesem roten Seil, das die Verfolgten rettet, wird das große Band der Hoffnung. Ans Fenster gebunden wird es den Truppen, die später unter Trompetenklängen Jericho überfallen und seine Mauern zum Einsturz bringen, zum Zeichen und zur Aufforderung, die Bewohner des Hauses am Leben zu lassen. Die Zerstörung von Häusern als Schutzort der Menschen ist bis heute üblich – in der Gegend, in der diese Geschichte angesiedelt ist, genauso wie anderswo. Von dem roten Seil, das dem Töten Einhalt gebietet und Häuser stehen und Menschen am Leben lässt, ist nur ein seidener Faden der Hoffnung übriggeblieben. Dass er zu einem Seil wird, ist bis heute die Hoffnung von Menschen. So ist unverzichtbar, dass wir an diesem Seil der Hoffnung mit unseren Möglichkeiten mitknüpfen: im Beten und „Tun des Gerechten“ – und, was das Schwerste ist, im „Warten auf Gottes Zeit“ (Dietrich Bonhoeffer).

Unbewusste Nähe

18. SONNTAG NACH TRINITATIS, 19. Oktober

Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem anderen Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot. (Jakobus 2,25–26)

Ein Predigttext, der an den des vorausgegangenen Sonntag anknüpft, bietet eine Chance, die dem Prediger, der Predigerin nicht immer geboten wird. Rahabs gute Tat wirkt nach. Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerichos könnte ein stehengebliebener Gebäuderest, der in den Himmel ragt, Anlass zur theologischen Spekulation gegeben haben. Warum war seine Zerstörung nicht vollendet worden?

Der Verfasser des Jakobusbriefes entwickelt am Beispiel Rahabs sein Verständnis von Glauben und Werken. Die Frau scheint ihm erinnerungswürdig, weil ihr Glaube Konsequenzen hatte. Weil sie das Risiko der guten Tat einging und mit dem Fürwahrhalten von theologischen Richtigkeiten wohl nicht zufrieden war. Allerdings wissen wir von Rahabs Glauben gar nichts. Vermutlich hat sie ihren Gästen das Leben gerettet, um ihr eigenes in Sicherheit zu bringen. Aber auch dieses egoistische Motiv muss sie nicht diskreditieren.

Für den theologischen Autor, der ihre Geschichte überliefert, ist Rahab ein Rädchen im klaren göttlichen Handlungskonzept zugunsten seines Volkes. Mehr zunächst nicht. Für den Autor des Jakobusbriefes ist Rahab Kronzeugin seines Verständnisses von Glaube und Werken. Denn ohne ihren Einsatz hätte ihr der Glaube nichts genützt. Für Martin Luther war das Grund genug, den Jakobusbrief im Neuen Testament als „stroherne Epistel“ nach hinten zu versetzen. Aber wären sich der Reformator und der Briefschreiber direkt begegnet, hätten sie womöglich gemerkt, dass sie sich weniger in der Theologie als in der Terminologie unterscheiden. Der Glaubensbegriff des Jakobus zählt zunächst nur theologische Grundwahrheiten auf. Und von Bedeutung sind sie nur dann, wenn sich daraus Konsequenzen ableiten lassen. Luthers Glaubensbegriff sieht dagegen im Glauben das tätige Grundvertrauen in Gott gleich mitgesetzt. Ein Glaube ohne Folgen wäre tot. Nur vermeintlich gute Taten, die nicht einem Glauben entspringen, wären in seinem Sinn „Werke“. So wären Jakobus und Luther am Ende womöglich überrascht, dass sie sich näher sind, als sie es selbst für möglich gehalten haben. Gut, wenn wir heute über diese Brücke des Verstehens gehen, die die beiden noch nicht bauen und überschreiten können.

Mut zur Nähe

19. SONNTAG NACH TRINITATIS, 26. Oktober

Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. (Johannes 5,7)

Es war für mich tief bewegend, in Jerusalem den Teich Bethesda zu sehen – ganz gleich, ob es sich dabei wirklich um den von Johannes erwähnten Ort handelt. Bewegend im ursprünglichen Wortsinn war für den Mann, der 38 Jahre (damals fast ein Menschenleben) lang gelähmt war, die Begegnung mit Jesus. Die Bewegung der Worte Jesu hat dem Leben des Gelähmten einen Schwung verpasst, der all denen verdächtig gewesen sein muss, die nichts lieber wollen, als dass alles bleibt, wie es ist.

Bewegend sind für mich jedes Mal die beiden Botschaften des Gelähmten. Zum einen: „Ich habe keinen Menschen.“ Zum anderen: Immer ist jemand anderes vor mir dran. Die beiden Sätze beschreiben die Ursache der Erkrankung vieler Menschen – auch heute. Die beiden Klagen lähmen nämlich die Motivation, das Leben in die Hand zu nehmen, und – den Mut zum Leben auch unter schwierigen Rahmenbedingungen.

Die Einsamkeit ist eine der großen – und immer noch zu oft übersehenen – Leiden unserer Zeit. Tendenz zunehmend. Seit einem Jahr gibt es in Berlin eine Einsamkeitsbeauftragte mit vollem Deputat. Die Überwindung der Einsamkeit ist also auf der Liste der politisch zu bearbeitenden Themen angekommen.

Jesus reagiert am Teich Bethesda mit einer Doppelstrategie. Er nimmt das körperliche Leiden ernst, aber zugleich die seelischen Belastungen. Sein „Sündige hinfort nicht mehr“ ist eine Aufforderung, Nähe zu wagen – gegenüber den Menschen und vor allem gegenüber Gott. Schade nur, dass die festgefahrenen Positionen der Kritiker Jesu nicht ebenfalls in Bewegung geraten.

Stein des Anstoßes

20. SONNTAG NACH TRINITATIS, 2. November

Und Gott sprach: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. (1. Mose 9,13–14)

Das hätte sich Noah nicht träumen lassen. Der Regenbogen, das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen, wird zum bleibenden Zeichen des Anstoßes. Vor 500 Jahren schickte Thomas Müntzer die Bauern unter der Regenbogenfahne in die vermeintlich endzeitliche Schlacht gegen die Truppen der Landesherren. Und sie endete für die meisten Bauern in einem schrecklichen Blutbad. Für Müntzer erfüllte sich die Hoffnung auf das Bundeszeichen des Regenbogens nicht. Heute steht die Regenbogenfahne mit dem Wort „Pace“ für die Sehnsucht nach Frieden und Toleranz. Aber weltweit, anderswo und in unserem Land, wird den Farben des Regenbogens, die (in umgekehrter Reihenfolge) die Vielfalt der Lebensentwürfe in der Buntheit der guten Schöpfung Gottes symbolisieren, der Kampf angesagt. Warum ist der Regenbogen für die einen Symbol ihrer Freiheit, während die anderen ihre eigene Freiheit gerade darin gefährdet sehen?

Ein Blick in die Geburtsstunde des Regenbogens lohnt. Von der Schöpfung Gottes waren nur diejenigen Lebewesen übriggeblieben, die sich in Noahs Arche hatten retten können. Doch Gott setzt – und wagt! – den Neuanfang. Seine Zusage ist für mich das Hoffnungswort schlechthin: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22).

Wer immer sich unter dem Zeichen des Regenbogens sammelt, steht in dieser Traditionslinie der Hoffnung auf die Beständigkeit der Welt.

Was jetzt dran ist

DRITTLETZTER SONNTAG DES KIRCHENJAHRES, 9. November

Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! (Lukas 6,31)

Am 9. November, dem Schicksalstag der deutschen Geschichte (1918, 1938, 1989), über die Goldene Regel ins Nachdenken kommen … Passt das? Oder wäre etwas ganz anderes angesagt? Ein Schuldbekenntnis oder ein Appell zur Buße, wenn man knapp neunzig Jahre zurückgeht? Oder ein Aufruf zur Dankbarkeit beim Blick in die jüngere Vergangenheit? Mir scheint es angemessener, nicht krampfhaft die Geschichte deuten zu wollen und allzu schnell von Gottes Eingreifen oder menschlicher Gottvergessenheit zu sprechen. Die Geschichte ist das Ergebnis unseres Handelns, des Irrens wie des rechten Tuns zur rechten Zeit.

Die Goldene Regel verbindet uns mit der Ethik verschiedener philosophischer Denktraditionen und anderer Religionen. Sie gilt gewissermaßen universell. Kants Kategorischer Imperativ wirkt wie eine säkulare Version dieses schlichten Satzes. Und der Schatz der Sprichwörter nimmt den Gedanken in negativer Formulierung auf: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“

Aber was will ich, dass mir die Leute tun? Sie sollen mich wertschätzen, mit mir auf Augenhöhe kommunizieren, sollen offen, klar und wahr mit mir sprechen. Vor allem sollen sie mir aber helfen, wenn ich mit dem Leben alleine nicht mehr zurechtkomme.

Dies alles ist mir ins Stammbuch geschrieben, gibt mir einen ethischen Leitfaden. Er macht manche Entscheidungen nicht leichter, aber sagt zumindest klar, was jetzt dran ist. Am 9. November 1938 wäre es mutiges Widerstehen gewesen. Am 9. November 1989 hätte mit dem Mauerfall ein neues Miteinander eingeläutet werden können, nicht der vermeintliche Triumph eines überlegenen Systems über eines, das schon in der Vergangenheit versagt hatte. Zu Dank im einen Fall und Buße im anderen wäre dann immer noch Zeit gewesen und – ist womöglich von neuem Zeit.

 

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