Gemeinsam weiter

Gemeinsam weiter

Alle Generationen in der Kirche miteinander im Einsatz für Demokratie
Foto: Harald Oppitz

Das Schwerpunktthema der nächsten EKD-Tagung in Würzburg lautet: „Gemeinsam weiter - Kirche als Werkstatt für Demokratiebildung und intergenerationales Lernen als Ausdruck gelebten Glaubens.“ Klingt sperrig, ist aber ein Schwerpunktthema, auf das ich mich als EKD-Synodale sehr freue. Der Reichtum der Kirche sind die Menschen, Kirche hat zugleich den Reichtum ihrer besonderen Räume. Ich träume davon, dass Menschen allen Alters in diesen Räumen miteinander diskutieren, sich öffnen, zuhören und so miteinander Demokratie leben. 

Das Präsidium hatte eigentlich das Thema „Evangelische Kirche und Demokratie stärken“ vorgeschlagen. Ein Gegenvorschlag einer jungen Delegierten lautete „Intergenerationale Kirche“. Letztlich haben wir in einer kleinen Gruppe bis tief in die Nacht beraten, um einen Vorschlag zu bieten, der beide Aspekte verbinden konnte. Es war spannend: Eine Landesbischöfin, die junge Delegierte, ein bayrischer Pfarrer und ich. Schon diese Kleingruppe war etwas Besonderes, quasi „spartenübergreifend“: Babyboomerin und GenZ, Kirchenkonferenz und Synodale, VELKD und UEK. Klar war uns: Wir wollen keine leeren Appelle, die sowieso jeder von Kirche erwartet, die zudem leicht in einen ausgrenzenden Diskurs führen können. Undemokratisch sind dann immer die bösen Anderen. Für mich ist das Thema der Intergenerationalität und Demokratie auch eine sinnvolle Fortsetzung des Themas „Macht“ der letzten Tagung der Synode. Denn über die Räume der Kirche bestimmen in den wenigsten Fällen junge Menschen. Diese werden immer noch häufig als Kellerkinder in finstere Räume verbannt.

Wir werden als EKD-Synodale keine Nutzungskonzepte für Gemeindehäuser entwerfen können. Doch wir werden, hoffentlich, für die Relevanz von Generativität in der Kirche sensibilisieren können. Der österreichische Organisationsberater Leo Baumfeld meint, dass christliche Kirche, egal wohin sie sich wandelt, immer eine soziale Ebene braucht, in der sie sich am häufigsten und einfachsten reproduziert. Dazu zählt er Räume, Orte und Kommunikationen, in denen Kirche lebendig ist und sich immer wieder neu hervorbringt, also generiert. Stagnation ist das Gegenteil von Generativität. Leo Baumfeld erklärt, dass die Generativität der Kirche aus entwicklungspsychologischer Sicht bedeutet, die „Liebe in die Zukunft zu tragen“. Soziale Generativität meint, dass Beziehungen so gepflegt werden, dass sie von den Beteiligten gerne fortgesetzt werden wollen, darunter fallen auch die Abstimmungs-, Beratungs- und Entscheidungsarenen. 

Leo Baumfelds Überlegungen beschreiben, wie die Themen Demokratie, Orte und Menschen zusammenhängen. 

Wie das ganz konkret aussehen kann, hat mir auf der letzten Synodaltagung in Dresden Regionalbischöfin Friederike Spengler in der Unterkirche der Frauenkirche gezeigt. Hier hat sie sich als Vierzehnjährige mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen getroffen, um über Demokratie, Frieden und Freiheit zu diskutieren. Dieser Ort und ihre Gemeinschaft haben Mut gespendet, später auf der Straße, nur mit einer Kerze in der Hand, zu demonstrieren, Jung und Alt gemeinsam. In schwierigsten Zeiten, bedroht von Stasi und Polizei. 

Keiner sagt, dass es leicht wird, unsere Räume neu zu denken und zu Lernorten der Demokratie zu formen. Ich kenne auch die Geschichten aus Kirchengemeinden, in denen eine Gruppe der anderen und eine Alterskohorte der anderen den Raum neidet und alle im klassischen Gemeindehausdenken feststecken. 

Ich weiß aber: unsere Gesellschaft braucht gerade unsere Kirchen-Räume als Lernorte. Es ist nicht das Schlechteste, die Liebe in die Zukunft zu tragen.

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Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.

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Wir regulieren die Falschen

Wir regulieren die Falschen

Australiens Social-Media-Sperre für Jugendliche löst Debatten aus
Foto: privat

Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten – andere Länder wollen folgen. Doch ob solche Regeln Jugendliche wirklich schützen, ist offen. Unser Onlinekolumnist Philipp Greifenstein warnt davor, Verantwortung an Verbote abzuschieben: Nötig seien Medienbildung, Vertrauen und eine Regulierung der Plattformen selbst.

Ich glaube, es war der Informatik-Unterricht, in dem ich zum ersten Mal auf das „Trial-and-Error“-Prinzip gestoßen bin. Auch wenn wir damals keine hochkomplexen Algorithmen klackern ließen, sondern nur an einfachstem Code herumfriemelten, bis das gewünschte Ergebnis dabei heraussprang: Versuch und Irrtum als Methode der Problemlösung und Digitalisierung gehören – nicht nur für mich – irgendwie zusammen.

Seit dem 10. Dezember 2025 gibt es in Australien ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Die Alterssperre gilt für alle uns aus dem Alltag in der Digitalität leidlich bekannten großen Social-Media-Plattformen: Instagram, Facebook, X, Snapchat und-so-weiter und-so-fort. Nun hätte man ja denken können, dass die in zahlreichen Ländern („des Westens“) geführte Debatte über Social-Media-Verbote für Heranwachsende sich ob des australischen Versuchs der Regulierung des individuellen Nutzungsverhaltens von jungen Internet-Nutzer:innen ein wenig entspannt: Erstmal schauen, wie sich die Sache ausgeht.

Für ein einigermaßen sinnvolles fachliches Urteil darüber ist es nach nicht einmal zwei Monaten Verbotsdauer noch viel zu früh. Nichtsdestotrotz eilen die Gesetzgeber in vielen weiteren Ländern voran: Das britische Oberhaus, die französische Nationalversammlung und viele weitere Parlamente befassen sich mit der rechtlichen Kodifizierung von Plattform-Verboten für Jugendliche. Die Mahnungen von Expert:innen wie der Frankfurter Professorin für Erziehungswissenschaften (Schwerpunkt: Medienbildung) Denise Klinge verhallen im Fahrtwind des legislativen Massenstarts: „Ein pauschales Verbot verkennt sowohl die sozialen Funktionen digitaler Räume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen.“

Reale Probleme adressiert

Klinge und andere Expert:innen negieren keineswegs, dass Social-Media-Verbote reale Probleme adressieren. Jede:r, der sich – wie ich beispielsweise hierhier und hier in zeitzeichen – mit den Herausforderungen der Digitalisierung für Kinder, Jugendliche und Familien beschäftigt, kennt sie: Online-Suchtverhalten, Radikalisierungs-Gefahren, Kinder- und Jugendschutzproblematiken, die Sorge um Lese- und Lernkompetenzen. Wohl aber bezweifeln Expert:innen – gerade solche aus Fächern und Forschungsbereichen, die jugendnah operieren –, dass Verbote effektive und effiziente Maßnahmen sind, den oft beschriebenen Problemen Herr zu werden.

Ich bekenne, dass ich von Woche zu Woche, Monat zu Monat in meiner Haltung zu Social-Media-Verboten schwanke. Doch jetzt, da es allenthalben „schnell, schnell“ gehen soll, wachsen meine Zweifel wieder. Statt erst einmal zu schauen, ob unter den vielen möglichen Lösungsansätzen ausgerechnet ein Verbot nach australischem Vorbild am Ende funktioniert, eilen die Gesetzgeber voran.

Unterstützt werden die erwachsenen (und nicht gerade jugendlichen) Gesetzgeber:innen von einem Medien-Kommentariat, das Probleme junger Menschen ohnehin gerne zackig und mit „One Size fits All“-Lösungen vom Schreibtisch wischen will. Die evangelische „Medienbischöfin“ (sic!) Dorothee Wüst weiß immerhin, dass es allein mit einem Verbot für Jugendliche, die noch nicht im Konfirmationsalter sind, wohl nicht getan ist. Doch wünschen sich nicht auch viele Jugendliche selbst inzwischen Verbote und klare Regeln?

„Schau hin!“

Kinder und Jugendliche haben in der Tat ein Recht auf proaktiv handelnde Erwachsene, die ihrer Verantwortung gerecht werden – auch wenn das bedeutet, sich beim (eigenen) Nachwuchs zeitweise unbeliebt zu machen. „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ und nicht Laissez-faire und Desinteresse ist definitiv angesagt. Social-Media-Verbotsgesetze könn(t)en funktionieren. „Das Verbot in Australien bietet eine Chance mit empirischer Begleitung (qualitativ und quantitativ) die tatsächlichen Effekte, unbeabsichtigte Nebenfolgen und die Rolle verschiedenster Akteure zu untersuchen“, meint auch Professorin Klinge. 

Vor allem aber sind Verbote der einfachste Weg für uns Erwachsene, unsere lästige Verantwortung für Medienbildung, die Begleitung junger Menschen und die Gestaltung der Digitalität weg zu delegieren. Statt die Plattformen zu regulieren und für Nutzer:innen jeden Alters sicherer zu machen, regulieren wir die individuelle Mediennutzung derjenigen Bevölkerungsgruppe, die sich auf demokratischem Wege gegen diesen Eingriff in die persönliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit (noch) nicht wehren kann. Und ja, digitale Teilhabe ist in der digitalisierten Welt nicht weniger als ein Menschenrecht.

Besorgniserregend sind vor allem die Freiheitseinschränkungen für uns alle, die wir offenbar zum Zwecke der Durchsetzung von Social-Media-Verboten für Heranwachsende in Kauf zu nehmen bereit sind. (Oder die wir bestenfalls noch nicht zu Ende gedacht haben.) Verlässliche Altersnachweise bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen sind anders als auf dem Wege der Identifizierung mit Ausweisdokumenten bisher nicht in Sicht. Wollen wir wirklich ein Internet, in dem man sich an jeder Ecke mit dem Perso ausweisen muss? Welchen Infrastrukturen und Unternehmen trauen wir eine solche Regulierung unser aller Mediennutzung denn wirklich zu?

Auch Verbote wirken

Verbote haben, so viel sei eingestanden, auch eine prohibitive Wirkung. Auch weil das Rauchen, Alkohol und weitere Drogen Jugendlichen weitgehend und zunehmend verboten worden ist, wird in Deutschland weniger geraucht, gesoffen und gefixt. Teilweise Lockerungen wie beim Kiffen zeigen jedoch, dass die Rechnung so einfach nicht aufgeht. Die zunehmend restriktiven gesetzlichen Nutzungsverbote gingen in den vergangenen Jahrzehnten auch mit weiteren Maßnahmen wie Werbeverboten, Bildungsprogrammen und Sensibilisierungskampagnen einher. Es gibt auch andere Maßnahmen, unkluges Verhalten nachhaltig uncool zu machen, als Verbote.

Wie beim Rauchen und Alkohol werden Jugendliche auch bei der Social-Media-Nutzung Aus- und Umwege finden. Schon heute findet ein riesiger Teil der jugendlichen digitalen Kommunikation in Computerspielwelten, auf Messengerdiensten und in kleinen, neuen Mode-Apps statt. Dem kann man nicht effektiv hinterherregulieren. Es braucht vielmehr Verantwortlichkeit und Vertrauen. Verantwortung kann ohne vertrauensvoll gewährte Freiheit nicht wachsen.

Ich befürchte, mit einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige machen wir Erwachsenen uns die Sache viel zu einfach. Selbst wenn wir ein solches Verbot einführen sollten, ist seine Wirksamkeit von anderen Faktoren wie der Medienbildung für Jugendliche und Erwachsene und der Gestaltung der Plattformumgebungen selbst abhängig. Reden wir uns also nicht raus, sondern stehen wir zu unserer Verantwortung als Eltern, Großeltern, Lehrer:innen und Lebensbegleiter:innen junger Menschen.

Der beste – wenngleich nicht hundertprozentige – Schutz vor den Gefahren von Social-Media-Plattformen und digitalen Werkzeugen ist ein vertrauensvolles Miteinander, das wir jungen Menschen schuldig sind, während sie sich die (digitalisierte) Welt erschließen. Das setzt voraus, dass wir Erwachsenen einen Umgang mit unseren – zuweilen uneingestandenen – Ängsten in der Digitalität und um junge Menschen finden. Gemeinsame Versuche führen, da bin ich mir sicher, am Ende zum Erfolg.

 

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Keine Ahnung

Ich will den Algorithmus als meinen Freund, oder besser: als meinen Bruder betrachten. Denn er hat mir schon viele schöne Stunden beschert. Richtig groß wurde meine Dankbarkeit ihm gegenüber, nachdem ich vor ein paar Jahren bei meinem deutsch-türkischen Barber an der Potsdamer Straße („Potse“ genannt) in Schöneberg, wo ich nur „Meister“ gerufen werde, während des Haareschneidens erstmals Musik von Aram Serhad hörte und fragte, wer das sei. Serhad ist ein türkisch-kurdischer Lieder­macher. Der Algorithmus von youtube spielt mir seine wunderbare Musik immer wieder zu.

Der Witz ist: Ich verstehe kein einziges Wort der vielen Wörter, die Serhad singt. Ich nehme an, es geht oft um die Liebe, aber das ist nur eine Vermutung. Serhad singt in einem Musikvideo etwa sehr innig den Song „Ey Welatê Min“ auf einer Anhöhe in Istanbul mit dem Blick auf den Bosporus. Er wird dabei von seinen Musikern begleitet, diedie Langhalslaute Saz (oder wohl am ehesten: die Bağlama) spielen sowie die türkische Holzflöte Mey mit einem Rohrblatt – das habe ich im Netz recherchiert. Aber was er singt: keine Ahnung!

Ich bin jedenfalls, spätestens seit dieser Entdeckung Serhads, ein großer Fan türkisch-urdischer Volksmusik und Songwriter, vorgeschlagen durch den nimmermüden youtube-Algorithmus, gerade weil ich nicht verstehe, was sie eigentlich singen. Diese Musik von Serhad und Co. belebt und erfreut – und lenkt nicht ab beim Arbeiten oder Lesen.

So ungefähr müssen sich Jugendliche in fast ganz Europa gefühlt haben, als sie in den 1960er-Jahren diese neue Beatmusik aus England und Amerika hörten: Völlig ratlos, was die singen, aber es ist schön. Und man kann dabei wunderbar träumen: von der Schönheit Istanbuls, der Weite Anatoliens, der Ewigkeit des Meeres – und der Liebe natürlich.

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Knackig

Nicht nur politisch, auch erotisch hat München eine schillernde Geschichte. Die bis 1910 in Schwabing notorische Bohemienne Franziska Gräfin zu Reventlow und deren freie Liebe haben darin ein eigenes Kapitel („in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen“).

Souveräner Verzicht auf Indiskretion ist nur eine der Stärken ihrer bis heute anregenden und knackigen Prosa. Herbert Kapfer, geboren 1954, der lange inspiriert die Abteilung „Hörspiel und Medienkunst“ im Bayerischen Rundfunk leitete, fügt mit seinem novellistischen Kammerspiel aus sieben klug komponierten Auftritten literarisch nun ein Kapitel hinzu. Außer zwei die Protagonisten prägenden Vorspielen (Germanistikstudentin Bea erlebt beim Italienurlaub mit ihrem Vater eine feministische Demo mit; Theoretikerin Françoise d’Eaubonne und deren „Feminismus oder Tod“ werden ihr Leitstern – der Schulabbrecher und Ausreißer Kai trifft in Köln sein Idol, den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann) sind alle 1975 angesiedelt, also nach der so genannten sexuellen Revolution und den 1968er-Jahren. Wir befinden uns demnach auf der weiten Ebene der Anwendungsfälle, was heute auch gerade deshalb interessant ist, weil derzeit so viel um sexuelle Identitäten und deren gesellschaftliche Akzeptanz kreist.

Indes entscheidend ist und bleibt „auf‘m Platz“, wie das im Fußball so schön heißt – und eben auch im Bett. Letztlich genau dort treffen Bea und Kai in einer diffus links aktivistischen Münchener WG aufeinander. Beide sind immens gescheit und so was wie Anführertypen. Doch kann es da halt nur eine(n) geben. Kai unterwirft sich Beas von Beginn an klarem „Ich bestimme gern“. Die begehrenden jungen Beiden landen in einer Sado-Maso-Beziehung. Der erigierte Schwanz muss sich ihrem begehrten Fuß beugen, ejakulieren darf er indes schon gar nicht. Das hat sardonischen Witz, ist dem ideologischen Zwang oder Selbstanspruch dahinter bloß angemessen und in aller unaufgeregten sprachlichen Präzision jedoch nie denunzierend, sondern erzählerisch ganz stark.

Kapfer, der bis ins Geburtsjahr hinein zur Generation der Protagonisten gehört und mutmaßlich erfahrungssatt schreibt, schaut bloß genau hin. Darin liegt auch die faszinierende Zeitlosigkeit von Der Planet diskreter Liebe. Passgenau flicht er zudem süffig-schlüssig alt- und mittelhochdeutsche Minnedichtung mit ein, Bea zuliebe, doch Kai hält mit, und so ist auch der archaisch-mythische Aspekt von Herrin und Diener, master and servant, Königin und Knecht mit drin, den beide lustvoll ausleben. Der begehrte, doch stets verwehrte Schoß treibt alles voran. Konflikte gibt es stets dann, wenn die fast zerbrochene, jetzt aber auf „ökologischen Feminismus“ umdisponierte Links-WG ins Spiel kommt. Vor solchem Außen will Kai sich nicht entblößen, lenkt im tragenden Schutzraum ihrer Liebe dann indes jeweils schuldgefühlszermartert, obwohl zweifelnd, ein. Es geht um Macht, trotz all dem Bohei um Emanzipation und Befreiung. Umkehrung trifft es eher.

Valie Export mit Peter Weibel an der Leine auf dem Cover, aus ihrer legendären Aktion und Mappe der Hundigkeit von 1968, was auch im Buch Bezugspunkt ist, bringt es auf den Punkt. Kapfer ist da sehr detailvertraut und scheut nie die Komik daran, so ernst alles auch war und ist. Nebenher angedeutet ist ein Missbrauch durch Beas liberalen, bildungsbürgerlichen Vater, bleibt aber im Vagen. Schön ist, wie Kapfer andeutet, dass da sehr wohl so was wie Zärtlichkeit und Einandermögen zwischen ihnen ist, um nicht zu sagen: Liebe, trotz all der Zwänge, unter denen sie innerlich wie durch die Ideologie der angestrebten „alternativen“ Gesellschaft stehen. Diskrete Liebe eben. So schreibt Kapfer auch. Er versteht zu inszenieren und insinuiert luzide, dass Freiheit immer der Anwendungsfall ist und errungen werden muss. Die stets prekäre Schwabinger Gräfin Reventlow war vermutlich da schon längst viel weiter, als wir es heute sind.

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Dies ist ein gewichtiges Buch, ein opus magnum im mehrfachen Wortsinn. Hans Joas, geboren 1948, zuletzt in Erfurt und Chicago tätig und mittlerweile seit über zehn Jahren mit einer Honorarprofessur an der Berliner Humboldt-Universität betraut, bringt damit eine Trilogie zum Abschluss, in der er sich der Geschichte von Religion und Macht in der Moderne widmet. Standen in den Vorgängerbänden Die Macht des Heiligen (2017) und Im Bannkreis der Freiheit (2020) noch die kritische Auseinandersetzung mit den klassischen Verhältnisbestimmungen bei Max Weber beziehungsweise Georg Friedrich Hegel im Zentrum, so ist dem renommierten Soziologen diesmal stärker an einer eigenen konstruktiven Entfaltung gelegen.

Sein erklärtes Ziel ist dabei kein geringeres als eine „Globalgeschichte des moralischen Universalismus“. Dahinter verbirgt sich im vorliegenden Fall allerdings keine ideengeschichtliche Tour d’horizon. Vielmehr geht Joas von der These aus, dass moralischer Universalismus als Produkt der Auseinandersetzung mit dem zu verstehen sei, was er „politischen Universalismus“ nennt, mithin das imperiale Streben nach Expansion und Machterweiterung. Der Fokus richtet sich also auf die Geschichte von Imperien. Wie unterschiedlich sich moralischer Universalismus in verschiedenen zeitgeschichtlichen Kontexten darstellt und welche Wechselwirkung zu den jeweiligen Machtverhältnissen sich daraus ergibt, veranschaulicht Joas unter anderem am Beispiel Chinas, wo im Konfuzianismus der moralische Universalismus Teil einer imperialen Ideologie wird, aber auch am Wirken des Dominikanermönches Bartolomé de Las Casas, der im Mexiko des 16. Jahrhunderts gegen die koloniale Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung zu argumentieren beginnt.

Was Omri Boehm jüngst nur gefordert hat, versucht Hans Joas dabei als Arbeitsprogramm einzulösen: nämlich auch nicht-christliche und nicht-europäische Traditionen stärker zu berücksichtigen und damit die faktische Pluralität des Universalismus zu zeigen. So kommt neben dem antiken Griechenland und den christlich geprägten Imperien auch Indien in den Blick, in einem relativ spät angesetzten Überblickskapitel auch die islamische Welt. Indigene Ethiken thematisiert Joas leider nur am Rande, und auch die zeitgenössische Diskussion um die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in aktuellen Debatten wird nur gestreift. Nicht um Tagesaktualität geht es Joas, auch nicht um ein oberflächlich politisches Plädoyer, sondern um eine „affirmative Genealogie“, die – im sorgfältig recherchierten Gang durch das exemplarische Material – vor Geschichtsvergessenheit und Selbstgerechtigkeit warnen will. Dazu gehört einerseits, immer wieder auf die ambivalente bis offen gewalttätige Rolle der Religion in der Verteidigung eines moralischen Universalismus hinzuweisen. Andererseits erscheinen vermeintlich altbekannte Geschichtserzählungen wie die von der Amerikanischen oder der Französischen Revolution in einem anderen, deutlich eingetrübten Licht, sobald der kolonialen wie der globalen Perspektive mehr Beachtung geschenkt wird. So erweitert sich der heute gebotene moralische Universalismus bei Joas um eine Haltung, die der eigenen Tradition mit Demut und Selbstkritik, anderen dagegen aufgeschlossen und lernbereit begegnet.

Wer sich auf dieses Opus magnum einlässt, wird also nicht nur belohnt mit transparenten Argumentationslinien, einer Fülle an aufschlussreichen Details und einer klaren Sprache, der man ihre Nähe zur angloamerikanischen Schreibtradition auf das Angenehmste anmerkt. Am Ende steht auch die Einsicht, dass zwar die Lage des moralischen Universalismus „immer und überall prekär bleiben“ wird, eine universalistisch gesinnte Praxis aber in jedem denkbaren Kontext Wurzeln fassen kann.

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