Gemeinsam weiter
Das Schwerpunktthema der nächsten EKD-Tagung in Würzburg lautet: „Gemeinsam weiter - Kirche als Werkstatt für Demokratiebildung und intergenerationales Lernen als Ausdruck gelebten Glaubens.“ Klingt sperrig, ist aber ein Schwerpunktthema, auf das ich mich als EKD-Synodale sehr freue. Der Reichtum der Kirche sind die Menschen, Kirche hat zugleich den Reichtum ihrer besonderen Räume. Ich träume davon, dass Menschen allen Alters in diesen Räumen miteinander diskutieren, sich öffnen, zuhören und so miteinander Demokratie leben.
Das Präsidium hatte eigentlich das Thema „Evangelische Kirche und Demokratie stärken“ vorgeschlagen. Ein Gegenvorschlag einer jungen Delegierten lautete „Intergenerationale Kirche“. Letztlich haben wir in einer kleinen Gruppe bis tief in die Nacht beraten, um einen Vorschlag zu bieten, der beide Aspekte verbinden konnte. Es war spannend: Eine Landesbischöfin, die junge Delegierte, ein bayrischer Pfarrer und ich. Schon diese Kleingruppe war etwas Besonderes, quasi „spartenübergreifend“: Babyboomerin und GenZ, Kirchenkonferenz und Synodale, VELKD und UEK. Klar war uns: Wir wollen keine leeren Appelle, die sowieso jeder von Kirche erwartet, die zudem leicht in einen ausgrenzenden Diskurs führen können. Undemokratisch sind dann immer die bösen Anderen. Für mich ist das Thema der Intergenerationalität und Demokratie auch eine sinnvolle Fortsetzung des Themas „Macht“ der letzten Tagung der Synode. Denn über die Räume der Kirche bestimmen in den wenigsten Fällen junge Menschen. Diese werden immer noch häufig als Kellerkinder in finstere Räume verbannt.
Wir werden als EKD-Synodale keine Nutzungskonzepte für Gemeindehäuser entwerfen können. Doch wir werden, hoffentlich, für die Relevanz von Generativität in der Kirche sensibilisieren können. Der österreichische Organisationsberater Leo Baumfeld meint, dass christliche Kirche, egal wohin sie sich wandelt, immer eine soziale Ebene braucht, in der sie sich am häufigsten und einfachsten reproduziert. Dazu zählt er Räume, Orte und Kommunikationen, in denen Kirche lebendig ist und sich immer wieder neu hervorbringt, also generiert. Stagnation ist das Gegenteil von Generativität. Leo Baumfeld erklärt, dass die Generativität der Kirche aus entwicklungspsychologischer Sicht bedeutet, die „Liebe in die Zukunft zu tragen“. Soziale Generativität meint, dass Beziehungen so gepflegt werden, dass sie von den Beteiligten gerne fortgesetzt werden wollen, darunter fallen auch die Abstimmungs-, Beratungs- und Entscheidungsarenen.
Leo Baumfelds Überlegungen beschreiben, wie die Themen Demokratie, Orte und Menschen zusammenhängen.
Wie das ganz konkret aussehen kann, hat mir auf der letzten Synodaltagung in Dresden Regionalbischöfin Friederike Spengler in der Unterkirche der Frauenkirche gezeigt. Hier hat sie sich als Vierzehnjährige mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen getroffen, um über Demokratie, Frieden und Freiheit zu diskutieren. Dieser Ort und ihre Gemeinschaft haben Mut gespendet, später auf der Straße, nur mit einer Kerze in der Hand, zu demonstrieren, Jung und Alt gemeinsam. In schwierigsten Zeiten, bedroht von Stasi und Polizei.
Keiner sagt, dass es leicht wird, unsere Räume neu zu denken und zu Lernorten der Demokratie zu formen. Ich kenne auch die Geschichten aus Kirchengemeinden, in denen eine Gruppe der anderen und eine Alterskohorte der anderen den Raum neidet und alle im klassischen Gemeindehausdenken feststecken.
Ich weiß aber: unsere Gesellschaft braucht gerade unsere Kirchen-Räume als Lernorte. Es ist nicht das Schlechteste, die Liebe in die Zukunft zu tragen.
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.