Alexander Benatar

Alexander Benatar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Er studierte Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt im Internationalen und Europäischen Recht und hat über die deutsch-deutsch-indischen Beziehungen während des Kalten Krieges promoviert.

Mehr Raumpflege, bitte!

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Warum unsere Kirchengebäude gerade jetzt Aufmerksamkeit verdienen
Foto: Christian Lademann

„Endlich raus aus den engen Kirchenräumen, hinaus ins Weite!“ Das höre ich in letzter Zeit häufiger von kirchlich Aktiven, die enthusiastisch ihre Erfahrungen seit Beginn der Pandemie beschreiben. Die notwendigen Hygienemaßnahmen führen dazu, dass Kirche plötzlich an ungeahnten Orten aufscheint: auf Waldlichtungen, Marktplätzen, Straßenkreuzungen, in Gärten... All das ist eine neu entdeckte Fluidität kirchlicher Formen und Orte, die zu Recht von Vielen als eine Bewegung hin zu einer zukunftsfähigen Kirche gesehen und gefeiert wird.

Dennoch beschäftigen mich solche Ausrufe, welche die neu entdeckte Freiheit mit dem Verlassen der kirchlichen Gebäude assoziieren. Haben unsere Kirchenräume es eigentlich verdient, für solche Freiheitsparolen herzuhalten? Ein solches Narrativ, das den Kirchenraum zum Symbol für die Enge wenig innovationsfreudiger Kirchlichkeit und den Muff von 1000 Jahren macht, wird unseren Kirchen nicht gerecht. Diese Räume waren vor allem in den letzten Monaten weitaus mehr als das. Als öffentliche Zeichen der Transzendenz ragen sie auf in den Dörfern und Städten und erzählen von der Wirklichkeit Gottes, auch als es eine Zeit lang still blieb auf den Kanzeln. Sie entfalten ihre Kraft als Orte individueller Religiösität, sind offen für Menschen, die darin Ruhe und Weite finden, vor allem als diese Räume endlich mal nicht dauernd mit pastoralen Worten gefüllt waren. Duldsam ertragen es unsere Kirchenräume, dass wir mit Desinfektionsmittelspendern und Verbotsschildern die ganze Fragilität unserer aktuellen Lebenswelt in sie hineingeräumt haben. Sie sind großzügige Gastgeber für Uni-Seminare, Testzentren und Versammlungen. Als historische Gebäude künden sie von einer Beständigkeit, die Balsam ist für all diejenigen, die gegenwärtig mit den Fragen nach der Zukunft der Kirche beschäftigt sind. All das und noch viel mehr leisten unsere Kirchengebäude. Sie sind alles andere als das Symbol der Enge und des ewig Gestrigen.

Schmerzhafte Abschiede

Mich treibt diese Frage nach der Sensibilität für die Relevanz von Kirchenräumen vor allem deshalb um, weil die kirchlichen Gebäude uns in naher Zukunft noch intensiver beschäftigen werden, als dies ohnehin jetzt schon der Fall ist. Die zu erwartende Finanzentwicklung macht es notwendig, dass der kirchliche Gebäudebestand massiv reduziert wird. Eine ganze Reihe Räume werden auf dem Prüfstand stehen und es werden schmerzhafte Abschiede zu gestalten sein. Diese Aufgabe ist nicht allein mit dem Taschenrechner in der Hand zu bewältigen, sondern es braucht eine kollektive Beschäftigung mit den besonderen Qualitäten von Kirchenräumen. Die Frage, welche Gebäude an welchen Orten wir brauchen und welche Nutzungen diese Räume ermöglichen sollen, ist letztlich nichts geringeres alles die grundlegende Fragestellung, wie wir uns zukünftig kirchliches Leben vorstellen.

Im Grunde ist es im Hinblick auf diese Mammutaufgabe nahezu fahrlässig, dass die EKD-Synode beschlossen hat, das Institut für Kirchenbau und Gegenwartskunst in Marburg nicht weiter zu finanzieren. Dieses Institut ist das einzige seiner Art, in dem die mannigfaltigen Fragen rund um einen zeitgemäßen evangelischen Kirchenbau bedacht und zahlreiche Räume für Diskurse rund um diese Themen geschaffen werden. In Kürze wird es dieses Institut nicht mehr geben und das in einer Zeit, in der die Fragen nach dem Umgang mit kirchlichen Gebäuden virulenter wird als jemals zuvor. Die EKD hat sich gegen die Fortführung dieser Arbeit entschieden. Nicht verschwunden ist hingegen die dringliche Aufgabe, Strategien für den Umgang mit dem kirchlichen Baubestand zu entwickeln, die nicht allein wirtschaftlich, sondern kirchentheoretisch plausibel und von vitalen Visionen und Kirchenbildern begleitet sind. Wenn diese Diskurse aus Marburg verschwinden, müssen sie an anderen Orten geführt werden. Ich bin gespannt, ob die EKD dafür schon Vorschläge hat. 

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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Weitere Beiträge zu "Kirche"

Sophia Marschner

Dr. Sophia Marschner promovierte 2010 in Düsseldorf über „Die Geschichte der Europäischen Union unter besonderer Berücksichtigung des Weges Österreichs in die Europ. Union“. Sie arbeitete in Werbung und PR.

Befreit zum Schrumpfen

Im gegenwärtigen Bundestagswahlkampf ist es der Elefant im Raum, von dem alle wissen, den aber niemand beim Namen nennt, weil alle so eifrig dabei sind, ihn wortgewandt zu umschiffen: Postwachstum.

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Ein Beitrag zur Spaltung

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Warum ich weiterhin gegen eine Impfpflicht bin

Nach längerer urlaubsbedingter Internet-Abstinenz bin ich vor einigen Tagen auf den Beitrag von Ingo Reuter gestoßen, den ich mit Interesse gelesen habe, zumal er sich auf einen Text von mir bezieht, dessen Überschrift („Impfpflicht? Nicht im Ernst, oder?“) von der Redaktion stammte. Mit Recht kritisiert Reuter, prägnanter als ich es getan habe, das staatlich propagierte und medial flankierte „Corona-Impfungs-Nudging“ als „unehrlich und tendenziell entmündigend“.

Zugleich wird aber auch deutliche Kritik an der Stoßrichtung meines Votums geäußert. Nicht das faktische Ziel der deutschen Corona-Politik, die Durchsetzung einer Impfpflicht, hält Reuter für problematisch, sondern lediglich den Weg, auf dem dieses Ziel bisher zu erreichen versucht wurde. Ganz ähnlich hat sich übrigens der Philosoph Markus Gabriel in einem Interview geäußert. Ich bin hier dezidiert anderer Auffassung und möchte dies im Folgenden begründen.

Im Hintergrund meiner Position scheint Reuter einen „neoliberal-konsumistischen Freiheitsbegriff“ zu vermuten, der unangemessener Weise auch dort noch die individuelle Freiheit zum Zuge bringen will, wo diese „aufgrund der Gefahr von Ansteckung, Überbelegung von Intensivstationen, Ausbreitung und weiterer Mutation des Virus […] gesellschaftliche Implikationen hat“. Schlichter formuliert: Wo durch das Ausleben individueller Freiheit die Freiheiten anderer eingeschränkt und jene gesellschaftliche Strukturen gefährdet werden, auf denen unser aller Freiheitspraxis basiert, dort sind Freiheitsbeschränkungen nicht nur möglich, sondern sogar geboten.

Keine sterile Immunität

Dem stimme ich uneingeschränkt zu, und ein aufgeklärter Liberalismus (Otfried Höffe) weiß das alles längst. Die Frage ist allerdings, welche Argumente für oder gegen eine Impfpflicht sich daraus ableiten lassen. Um hier einer Klärung näher zu kommen, muss ich etwas tun, das ich in meinem oben erwähnten Beitrag mangels Fachverstand bewusst unterlassen hatte; ich muss mich auf medizinische und medizinstatistische Argumente beziehen, deren Richtigkeit ich mangels eigener Kompetenz nicht so gut beurteilen kann, wie ich es gern würde. Hinzu kommt, dass sich nach meinem Eindruck aus den verfügbaren Informationen derzeit noch kein kohärentes Gesamtbild ergibt. Insofern sind meine Überlegungen, das machen die Formulierungen auch deutlich, vorläufig und reversibel – was faktisch, wenn auch oft uneingestandener Maßen, von allen Äußerungen zum Thema gilt.

Es dürfte zustimmungsfähig sein, dass durch die Impfung gegen SARS-CoV-2 keine sterile Immunität erreicht wird. Konkret heißt das: Auch Geimpfte können sich infizieren und die Infektion an andere weitergeben. Allerdings scheint ebenso zu gelten, dass Geimpfte im Infektionsfall zumeist vor schweren Verläufen geschützt sind. Für Menschen, die für sich das Risiko eines schweren Verlaufs gern minimieren wollen, ist das eine gute Nachricht. Zugleich freilich zeigt der momentane Blick etwa nach Israel oder Island, dass hohe Impfquoten mit hohen Infektionszahlen einhergehen können. Im Blick auf die auch in Deutschland zu verzeichnende steigende Zahl von Infektionen bei Geimpften werden vom zuständigen Minister bereits Auffrischungsimpfungen („Booster-Impfungen“) ins Spiel gebracht, gern für alle, die es wollen, und wenn es nach Jens Spahn geht, sollten alle es wollen. Gerade die dann dreifach Geimpften müssten keinerlei Angst vor einer Infektion mehr haben. Denn sie sind, wenn die Impfungen halten, was sie versprechen, sowohl vor ihresgleichen (also vor infizierten Geimpften) als auch vor Ungeimpften hinreichend geschützt.

Was die Ungeimpften angeht, so muss unterschieden werden zwischen den (noch) Nicht-Infizierten und den Genesenen, einer Gruppe, die gut 94% der bestätigten Coronavirus-Fälle in Deutschland umfasst. Diese Menschen haben eine natürliche Immunität gegen das Virus ausgebildet, durch die sie, wie eine auf Spiegel Online ausgewertete Studie aus Israel zeigen soll, vor dem Virus signifikant besser geschützt sind als Geimpfte. Dass sie sich infizieren und die Infektion an andere weitergeben, tritt bei dieser Gruppe also seltener auf als bei der der Geimpften; ob sich diese Feststellung auch langfristig als richtig erweist, kann derzeit nicht gesagt werden.

Persönliche Risikoabwägung

Wäre es nun, die Validität des Ergebnisses der Studie vorausgesetzt, gesundheitspolitisch nicht vernünftig, auf Impfangebote für diese Personen vorerst grundsätzlich zu verzichten? Derzeit gelten Genesene allerdings lediglich als Ungeimpfte im Wartestand mit einer „Schonfrist“ von maximal sechs Monaten.

Doch nun zu denen, die für die politischen Bekämpfer der Pandemie das entscheidende Ärgernis sind, also diejenigen Ungeimpften, die entweder noch nicht infiziert waren oder nicht mehr als genesen gelten (die Gruppe jeder Ungeimpften, die für eine Corona-Impfung aus derzeit noch politisch akzeptierten medizinischen Gründen nicht infrage kommen, mag hier unberücksichtigt bleiben). Dabei handelt es sich um Menschen, deren jeweils persönliche Risikoabwägung zu einem anderen Ergebnis geführt hat als die der Geimpften: Sie rechnen, zumeist auch aufgrund ärztlicher Beratung, damit, dass sie im Infektionsfall keinen schweren Verlauf zu erwarten haben. Die Frage ist nun: Für wen sind diese Personen eine Gefahr? Für die Geimpften eher nicht, die sind ja geschützt. Für andere Ungeimpfte? Hier kommen zunächst die gerade erwähnten nicht Impffähigen infrage. Diese können allerdings prinzipiell auch von infektiösen Geimpften angesteckt werden, wenn auch möglicherweise in geringerem Maße.

Insgesamt gilt: Hier gibt es zwar ein Problem, über das man nachdenken muss; aber angesichts der komplexen Gesamtkonstellation sollten nicht voreilig einfache Lösungen propagiert werden, schon gar nicht, wenn sie mit einer Einschränkung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit verbunden sind, denn genau darum würde es sich im Fall der Impfpflicht handeln.

Unbestritten ist allerdings: Die selbstbestimmt Ungeimpften können eine Gefahr für ihresgleichen sein. Zwar ist dieses Risiko in ihre Entscheidung eingepreist, aber, so muss man fragen, werden nicht durch die dann vielleicht doch akut werdenden schweren Krankheitsverläufe die vorhandenen und teuren Intensivbettenkapazitäten überstrapaziert? Gehen die denkbaren und von der Website „Der Postillon“ satirisch imaginierten Treffen der Impfgegner auf Intensivstationen nicht zu Lasten der Solidargemeinschaft der Versicherten?

Zweifel angebracht

Nun gilt grundsätzlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die aufgrund ihres Lebenswandels und ihrer Risikoabwägungen durchaus vermeidbare kostenintensive medizinische Behandlungen benötigen. Deshalb dürfte man sich, wollte man hier mit rechtlichen Regelungen eingreifen, nicht auf die Ungeimpften beschränken. Und deshalb steht dieses Thema auch auf keiner politischen Agenda. Die grundsätzlich ganz unplausible Fokussierung Ungeimpfter wird nun im speziellen Fall regelmäßig begründet mit dem Hinweis, die Lage auf den Intensivtherapiestationen in den deutschen Krankenhäusern sei angespannt. In der jüngeren Vergangenheit wurden mit diesem Hinweis auch immer wieder Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Kontaktbeschränkungen u.ä. legitimiert.

An solchen Lagebeschreibungen waren und sind allerdings Zweifel angebracht. So hat das Robert Koch-Institut im Januar 2021 die dann auch vom Bundesrechnungshof aufgenommene Vermutung geäußert, dass die im DIVI-Intensivregister erfassten Behandlungskapazitäten – die Datenbasis der Lagebeurteilung – für eine sachgerechte Bewertung der Situation ungeeignet sind, weil Krankenhäuser zum Teil weniger intensivmedizinische Behandlungsplätze meldeten, als tatsächlich vorhanden waren, um eine Gewährung von Ausgleichszahlungen zu erreichen. Ob es die von Reuter angesprochene „Überbelegung von Intensivstationen“ in der Vergangenheit tatsächlich gegeben hat, ist also alles andere als klar. Und was die zukünftige Entwicklung angeht, so gibt es, wie Elisa Hoven kürzlich in der „Leipziger Volkszeitung“ festgestellt hat, erst recht keine Anhaltspunkte für eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems; diese „wird mit der Impfung der Risikopatienten auch zunehmend unwahrscheinlicher“.

Auch mit der Situation des Gesundheitssystems lässt sich also – so jedenfalls scheint es mir – eine Impfpflicht nicht rechtfertigen; eine Einschränkung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit bräuchte triftigere Gründe. „Nicht der Gebrauch der Freiheit ist zu begründen, sondern die Eingriffe in diese Freiheit sind es.“ Diesen schlichten, aber richtigen Grundsatz hat der Rechtsphilosoph Horst Dreier im August 2021 in der „Welt am Sonntag“ in Erinnerung gerufen, und ihn sollten sich all die Menschen zu Herzen nehmen, die derzeit Regeln ersinnen, begrüßen und implementieren, die den Zweck verfolgen, Ungeimpften das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wer so agiert, trägt nach meiner Überzeugung weniger zur Förderung der „Volksgesundheit“ bei, sondern leistet eher einen weiteren Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft in feindliche Lager.

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Rochus Leonhardt

Rochus Leonhardt, Jahrgang 1965, ist seit 2011 an der Theologischen Fakultät der Universität seiner Geburtsstadt Leipzig Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik.


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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Immer wieder 'raus aus der Blase

Immer wieder 'raus aus der Blase

Ein Blick zurück zum Jubiläum der Evangelischen Verlagsanstalt

Als die Evangelische Verlagsanstalt (EVA) 1956 ihr zehnjähriges Jubiläum feierte, begann man in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte mit einem feierlichen Dankgottesdienst. Im Gottesdienst predigte Friedrich-Wilhelm Krummacher, der im Jahr zuvor Bischof in Greifswald geworden war. Um den Dienst hatte ihn der Verlag vermutlich gebeten, weil er bei der Gründung des Verlages 1946 zusammen mit dem Berliner Propst Heinrich Grüber die beiden Gesellschafter der V erlags-GmbH repräsentierte, die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg und das Kirchliche Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, aus dem bald das Diakonische Werk werden sollte. Grüber und Krummacher waren als Repräsentanten der Gesellschafter in der sowjetischen Besatzungszone bestens geeignet, weil sie über ausgezeichnete Kontakte zu den Besatzungsbehörden verfügten. Grüber hatte vor 1945 Hilfe für jüdische Menschen organisiert und war dafür ins Konzentrationslager Dachau gebracht worden; Krummacher hatte sich in sowjetischer Gefangenschaft dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ angeschlossen und war 1945 mit der Gruppe Ulbricht nach Berlin zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem damaligen Bischof von Berlin, Otto Dibelius, gelang es Grüber und Krummacher, einer der begehrten Lizenzen für einen Verlag zu erhalten, der (wie es in einer erneuerten Lizenz heißt) „Theologie und Belletristik“ verlegen durfte.

Die Militäradministration in Karlshorst erteilte nicht den vielen evangelischen Verlagen jeweils eine eigene Lizenz, die vor 1945 religiöse und theologische Bücher produziert hatten und sich nach wie vor in Privateigentum befanden, sondern privilegierte einen einzigen „Zentralverlag“ in kirchlicher Trägerschaft, bei dem die kleineren Verlage „in Lizenz“ produzieren sollten. Das entsprach einem sowjetischen Modell der Verlagspolitik. Heinrich Grüber hat hervorgehoben, dass die Gründung und auch die großzügige Praxis in den Anfangsjahren, eher bürgerlich-konservative Literatur zum Druck zuzulassen, ein Zeichen der kirchenfreundlichen Haltung der sowjetischen Behörden in der Anfangszeit nach 1945 war. Mindestens sahen einzelne gebildete russische Offiziere in den Kirchen einen Bündnispartner bei der Entnazifizierung der deutschen Bevölkerung. Krummacher erzählte gern die Geschichte, dass ein hoher russischer Offizier ihn beim Abendessen gefragt hätte, warum am Tisch nicht gebetet worden wäre (worauf Krummacher geantwortet haben will: „Wir beten nur bei warm“).

Rigide Zensur

Natürlich musste die Verlagsleitung den Besatzungsbehörden das Verlagsprogramm zur Genehmigung vorlegen und auch jedes einzelne Buch; in der 1949 gegründeten DDR wurde die Zensur von Buchmanuskripten und Zeitschriften noch einmal sehr viel rigider gehandhabt, obwohl es laut Verfassung gar keine Zensur hätte geben dürfen.

Nach dem erwähnten Festgottesdienst zum zehnjährigen Jubiläum der Evangelischen Verlagsanstalt 1956 versammelte man sich in einem Gemeindehaus, der stellvertretende Ministerpräsident und CDU-Vorsitzende Otto Nuschke forderte in seinem Grußwort den Verlag auf, sich aktiver für den Aufbau der DDR einzusetzen und keine reaktionären Publikationen vorzulegen. Darauf erklärte der Verlagsleiter, ein Berlin-Neuköllner Pfarrer namens Friedrich Bartsch, er verstehe die Evangelische Verlagsanstalt als Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem klaren Auftrag, das in Jesus Christus offenbare Wort zu verkündigen. Und zwar – wie wir heute sagen würden – auch außerhalb der Kirchenbubble, mit guter Belletristik, schönen Kunstbänden und natürlich auch mit kirchlicher Gebrauchsliteratur wie den Losungen, Kalendern und kirchlichen Texten wie Gesangbüchern, Agenden und Noten.

Theologie spielte in den Anfangsjahren der gewöhnlich EVA abgekürzten Evangelischen Verlagsanstalt noch eine etwas geringere Rolle, weil die meisten wichtigen Publikationen auch von ostdeutschen Theologen in westdeutschen Verlagen erschienen. Das änderte sich erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte – eine beeindruckende historisch-kritische Lutherausgabe, ein neutestamentliches Kommentarwerk und eine Gesamtdarstellung der Kirchengeschichte in Einzelbänden künden noch heute vom herausragenden Niveau, das die DDR-Theologie partiell aufwies.

Sensibles Agieren

Bartsch fasste seine Vorstellung von christlicher Publizistik in dem prägnanten Satz zusammen, die EVA sei ein Werk der Kirche, ein Werk der EKD (was sie, rein rechtlich betrachtet, gar nicht war; von der EKD kam letztlich nur das Westgeld, das man brauchte, um Papier für den Druck der Bücher und Zeitschriften zu kaufen).

Am 2. September 2021 hat die EVA, pandemiebedingt um vier Monate verzögert, ihr fünfundsiebzigjähriges Jubiläum gefeiert, in Leipzig, wo sie seit der Wiedervereinigung ansässig ist. Wieder traf man sich in einer Kirche (nämlich der St. Thomaskirche, deren hoher gotischer Hallenraum in Zeiten von Corona erlaubt, in Übereinstimmung mit den Hygieneregeln recht viele Menschen einzuladen und für eine hervorragende musikalische Rahmung des Festaktes steht). Wieder war ein Bischof als Repräsentant der Gesellschafter anwesend, der mitteldeutsche Bischof Friedrich Kramer. In einer kleinen, aber feinen Andacht zum Abschluss des Festaktes machte er dem Verlag, seinen Mitarbeitenden, den Autorinnen wie Autoren und allen Gästen Mut: Wenn man die Welt aus christlicher Perspektive ehrlich wahrnimmt, dort klagt, wo geklagt werden muss, aber auch dort lobt und dankt, wo gelobt und gedankt werden kann, dann wird diese Wahrheit Menschen weiter frei machen – in digitaler und gedruckter Form, in der Bubble und außerhalb der Bubble.

Natürlich kann ein christlicher Verlag nicht mehr agieren wie 1946 oder 1956 – und muss es, Gottlob auch nicht mehr, denn Publikationen müssen nicht mehr dem Zensor vorgelegt werden und mühsam mit ihm ausgehandelt werden, was noch geht und was nicht mehr. Aber schon 1946 war klar, dass Verkündigung der christlichen Lebensorientierung in der Publizistik nicht einfach Predigt von der Kanzel ist, sondern ein sensibles Agieren in einem seither noch einmal pluralisierten Kommunikationsgeschehen. Kramer rief in der Leipziger Thomaskirche dazu auf, das als Chance zu begreifen und nicht vergangenen Welten nachzutrauern. Vorher hatte der emeritierte Züricher Systematiker Ingolf Dalferth schon daran erinnert, bei solcher Kommunikation christlicher Lebensorientierung Gott nicht zu vergessen, der der eigentliche Grund des großen Möglichkeitsraums unseres Lebens ist, aber auch der eigentliche Adressat unserer Klagen in Corona-Zeiten.

Die andere Eva

Rückblick auf Vergangenes, Innehalten in der Gegenwart – beides diente beim Festakt für die Evangelische Verlagsanstalt dazu, um auch neugierig, fröhlich und munter in die Zukunft zu schauen. Am Ende wünschten alle der EVA viele weitere gute und erfolgreiche Jahre, Friedrich Kramer wünschte sogar ziemlich präzise über 900 Jahre, denn mit dieser Zahl berechnet das antike Judentum die Lebensjahre der anderen Eva.

Wer nicht dabei war in Leipzig, kann bald nachlesen und nachschauen (auf der homepage www.eva-leipzig.de) oder sich einfach ein Programm ansehen, dass das Beste aus den vergangenen und gegenwärtigen Jahren und viel Zukunft bietet (auch auf der genannten Homepage).

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Weitere Beiträge zu "Kultur"

Fett, fromm und fröhlich

Fett, fromm und fröhlich

Warum die Kirche sich für die Dicken einsetzen sollte
Foto: privat

 „Man darf ja mittlerweile gar nichts mehr sagen“ stöhnen viele, weil überall die politische Korrektheit lauert und einem den Spaß verdirbt. Für Menschen, die sich in dieser Weise eingeschränkt fühlen, habe ich Neuigkeiten, denn es gibt eine Gruppe von Menschen, die nach Herzenslust und ungestraft diskriminiert werden darf: Dicke. Ein Beispiel: Sie besitzen ein Hotel und finden den Anblick von Dicken widerwärtig? Kein Problem. Verbieten Sie einfach Menschen mit einem Gewicht über 130 kg den Zutritt – mit Verweis auf Ihr filigranes Designermobiliar (so geschehen in Cuxhaven). Als diese Diskriminierung bekannt wurde, erfolgte kein Aufschrei in der Bevölkerung, es gab keine Demo und keine Campact-Unterschriftenaktion. „Fat-Shaming bleibt die am meisten verbreitete und sozial akzeptierte Form der Diskriminierung aufgrund von Aussehen", heißt es in einem Überblick über neue Bücher zur Fettleibigkeit in einem Heft des Times Literary Supplement (zitiert in der SZ).

Fat-Shaming hat unzählige Gesichter – von offenem Anstarren über „wohlmeinende“ Ratschläge zu Diätprogrammen bis hin zu unbändigem Hass. Fat-Aktivistin Magda Albrecht berichtet von offen diskriminierenden Kommentaren, wenn sie einen Raum betritt: „Guck mal, die deutschen Panzer rollen wieder!“ Grünen-Politikerin Ricarda Lang ist permanent Fat-Shaming ausgesetzt. „Pummelchen, zu dick, unattraktiv, abstoßend, fette Sau“ sind für sie beinahe alltägliche Beleidigungen. Befeuert wird diese Form von Gewalt von Fernsehserien, die genüsslich übergewichtige Körper fast nackt zur Schau stellen. Bei SAT1 läuft seit Jahren „The biggest Loser“, eine Show, die dicke Menschen durch ein radikales Diät- und Sportprogramm quält, und kein Mensch interessiert, wie sehr diese Tortur die Gesundheit der Teilnehmenden gefährdet. Dicke haben eben keine gesellschaftliche Lobby, keine politische Partei schreibt sich Fat Acceptance auf die Fahnen. 

Untergewichtiger Erlöser

Wäre das nicht eine Missio für die evangelische Kirche? Sie könnte sich zum Beispiel mit der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. zusammentun und fordern, dass „Gewicht“ als Diskriminierungsmerkmal neben Geschlecht, zugeschriebener „Rasse“, Religion/Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexueller Identität anerkannt wird. Die evangelische Kirche könnte sich für eine differenzierte Sicht auf Körperfülle einsetzen und darüber aufklären, dass Dicksein nicht gleichbedeutend ist mit Kranksein. Sie könnte deutlich machen, dass nicht hagerer Verzicht, sondern Sättigung in Gemeinschaft im Christentum eine zentrale Angelegenheit ist: Im Abendmahl werden Kohlehydrate und Alkohol geteilt, das wäre mal ein Ansatz für Body Positivity.

Allerdings spricht auch einiges dagegen: Der Durchschnittsgottesdienst reduziert das Mahl auf einen Diätsnack, ein gänzlich unsinnliches Unterfangen, das wenig geeignet scheint, dicke Menschen in ihrem Sosein zu bejahen. Der Blick auf unseren Erlöser hilft da auch nicht weiter: Glaubt man christlichen Darstellungen liegt Jesu Body Maß Index deutlich unter 18, und es ist, als höbe seine Nacktheit am Kreuz sein Untergewicht noch hervor. Bei Instagram hätte Jesus bestimmt allein aufgrund seiner Magerkeit jede Menge Follower, auch weil sie für Askese und geistliche Entschlackung steht.

Luther würde sich freuen

Der Blick auf die Kirchenleitenden macht es auch nicht besser: Bischöfinnen, Bischöfe, der Ratsvorsitzende, die Präses – alle schlank. Selbst das Kirchenvolk nimmt ab (zahlenmäßig meine ich), es wird immer weniger, eine Entwicklung, die ebenso beklagt wie akzeptiert wird. Infolgedessen müssen Mittel reduziert werden, der Ruf nach verschlankten Strukturen findet allenthalben Zustimmung. Fazit: Es sieht nicht gut aus für die Glaubwürdigkeit einer Allianz zwischen dem Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung und der evangelischen Kirche.

Und doch… was wäre, wenn die Kirche nicht nur „die üblichen Verdächtigen“ adressierte, sondern unwahrscheinliche Bündnisse einginge, wenn sie einen Raum schaffen würde, in dem dicke Menschen sich wohl fühlten und Kraft tanken könnten. Das gäbe dann eine Strahlkraft der besonderen Art: Plus Size eben! Martin Luther würde, da bin ich sicher, bestimmt einen Humpen Bier darauf heben „auf dass wir essen, trinken und fröhlich sind“, auf dass wir eine schwungvolle Kirche werden – auf Englisch: a curvy church.

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Ringen um den Frieden

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die wichtigsten Gespräche am schönen Bodensee nie öffentlich werden – und das ist wohl gut so. Vom 4. bis 7.

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