Konfliktfreudig

Konfliktfreudig

Pfarrer in der Bundeswehr

Klaus Beckmann war bis 2020 evangelischer Militärdekan, begleitete Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan und Mali und arbeitete danach als persönlicher Referent des Militärbischofs. Den kirchlichen Friedensdiskurs sieht der evangelische Theologe kritisch. Provokativ legt er in seinem Buch dar, der sogenannte deutsche Nationalpazifismus könne auf dem Hintergrund des nicht bewältigten Nationalprotestantismus interpretiert werden. „Nie wieder Krieg!“ ist für Beckmann eine spezifisch deutsche Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg; sie stelle militärisches Handeln auf dieselbe ethische Stufe, egal, ob es Unrecht stürze oder stütze. Weshalb der gesellschaftliche Konsens in Polen oder Israel eher „Nie wieder wehrlos!“ laute, werde in Deutschland nicht ausreichend reflektiert. Man darf gespannt sein, wie diese brisanten Überlegungen in der Diskussion über Friedensethik und Sicherheit aufgenommen werden. Es bleibt abzuwarten, ob sie da auf Offenheit treffen, wo Streitkräfte und Militärseelsorge prinzipiell abgelehnt werden.

Um „Änderungsbedarf anzuzeigen“, wirft Beckmann auch einen kritisch-konstruktiv herausfordernden Blick auf die Militärseelsorge. Besorgt ist der Theologe, der heute als Religionslehrer arbeitet, über öffentliche Äußerungen des Militärgeneraldekans Matthias Heimer, der der höchste staatliche Beamte der evangelischen Militärseelsorge ist. Heimer charakterisierte 2020 in einem Aufsatz das von ihm als Militärgeneraldekan geleitete Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr „als ‚Teil des Systems und der Systemlogiken‘, die der Bundeswehr zu eigen seien“. Beckmann widerspricht: Der Militärseelsorgevertrag sehe nicht vor, die Verwaltung dieses kirchlichen Handlungsfelds militärischer Systemlogik zu unterstellen, sondern betone im Gegenteil die Freiheit der Militärgeistlichen gegenüber staatlichen und militärischen Weisungen im pastoralen Dienst. Jene Äußerung des Generaldekans zeuge gemäß Beckmann von einer vereinnahmenden Neigung der militärischen und behördlichen Struktur gegenüber der Seelsorge. Seelsorge sei zweckfrei und entziehe sich solchen Erwartungen Dritter.

Ferner kritisiert Beckmann weitere Äußerungen des Militärgeneraldekans zu einem Vorgang, den die Zeitschrift des Bundeswehrverbandes 2020 dokumentiert hat. Heimer erklärte das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr zu einer „‚Truppenkameradschaft‘“. Beckmann hält es für sachlich verfehlt, wenn Militärgeistliche für sich selbst die Bezeichnung Kameraden anstreben, während Heimer dem „Vorgang erhebliche ‚Symbolkraft‘ und ‚historische Dimension‘“ zuschreibt. Bewusste Abstinenz vom Kameradenbegriff drücke laut Beckmann nötige professionelle Distanz und Rollenklarheit aus. Es zolle den Menschen in Uniform Respekt, denn Militärgeistliche seien den Soldatinnen und Soldaten zwar nahe, doch sie teilten nicht alle Lasten ihres Dienstes.

Um die pastorale Arbeit gegen den Sog des militärischen Systems zu stärken, sei eine synodal geprägte Ordnung der Militärseelsorge nötig, wie sie den verfassten Protestantismus insgesamt kennzeichne. Anders als in zivilen Kirchengemeinden hätten Militärgeistliche bisher kein gewähltes Gemeindeparlament als institutionalisierten Rückhalt. Daher fordert Beckmann als Konsequenz aus pastoraler und kirchentheoretischer Einsicht gewählte kirchliche Basisvertretungen. Diese könnten die Spannung zwischen staatlicher und kirchlicher Leitung der Militärseelsorge befrieden. In der Bundeswehr gäbe es regelmäßig Wahlen von Vertrauenspersonen und Personalräten, daher sei es gut denkbar, dass Soldaten künftig auch kirchliche Basisvertretungen in der Militärseelsorge wählen.

Das Buch, im Untertitel Streitschrift genannt, sei allen empfohlen, denen Friedensethik und eine Reform der Militärseelsorge am Herzen liegen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Unentbehrlich

Unentbehrlich

Über das Christus-Zeugnis

Nach dem dreibändigen Jesus-Buch Benedikts XVI. ist Hans-Christian Kammlers Arbeit ein notwendiges evangelisches Pendant. Während Joseph Ratzinger einen Durchgang durch die Evangelien und die gesamte sonstige Überlieferung – von Matthäus 1 bis Offenbarung 22 – wagt, bezieht sich der Tübinger Neutestamentler Kammler in fünfzehn Studien auf die schlechterdings elementaren Hauptthemen des Christus-Zeugnisses des Neuen Testaments.

Bezeichnend ist, dass dieses Buch mit zwei Studien zum Kreuzestod und zur Auferstehung Jesu Christi beginnt. Kammler belegt in verständlicher Sprache und in luzider theologischer Arbeit – ohne sich im Klein-Klein exegetischer Einzelheiten zu verlieren –, was Hauptsache im Neuen Testament ist: Das irdische Ende des Nazareners am Kreuz und seine österliche Erweckung, die Theologie der Leidens- und der Ostergeschichte und die Bezeugung der Menschwerdung des Sohnes Gottes sind die Verstehensschlüssel des zweiten – eigentlich auch des ersten Teils – der Bibel. Also nicht wie bei Ratzinger führt vom Holz der Krippe her der Weg zur Erkenntnis der Person und des Werkes des Jesus Christus. Sondern vom Holz des Kreuzes und des weggerollten Steins am leeren Grab und dann vom Holz der Krippe her – in dieser Reihenfolge – ist zu hören, wer ER ist.

Gleichwohl stimmen Ratzinger und Kammler in ihrer exegetisch ausgewiesenen und dogmatisch reflektierten Grundthese überein: „In Jesus Christus ist das Geheimnis des einen Gottes persönlich anwesend“ (Ratzinger). „Der letzte und tiefste Grund des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi ist, dass Gott der in Freiheit liebende Gott ist, als der er sich in Jesus Christus offenbart hat von Ewigkeit her: der ‚Immanuel‘ (Matthäus 1,23), der ‚Gott für uns‘ (Römer 8,31)“ (Kammler). Man mag denken, dass das doch selbstverständlich sei. Mitnichten. Auch wer nur wenig Zeit und Mühe auf die Lektüre derzeitiger wissenschaftlicher – und erst recht populärwissenschaftlicher – Jesus-Literatur aufwendet, sieht, dass (fast durchweg) der Geist liberaler Theologie richtungsweisend ist. Willi Marxsen (1919 – 1993) hat diesen Geist in die griffige Formulierung gefasst: „Die Sache Jesu geht weiter.“ Demgegenüber zeigt Hans-Christian Kammler, dass das Bekenntnis der göttlichen Würde Jesu Christi ursprünglich und bleibend und von alles entscheidender Bedeutung für die Beantwortung der Frage ist: „Wer ist dieser?“ – Präsens!

Kammlers Buch erscheint als Band zwei der neuen wissenschaftlichen Reihe „Lutherische Theologie im Gespräch“. Die damit verbundene Aussicht erfüllt dieses Werk insofern, als hier – der Weisung Luthers folgend – bibelkundlich so gearbeitet wird: „Wer diesen Mann, der da heißt Jesus Christus, Gottes Sohn, den wir Christen predigen, nicht recht und rein hat noch haben will, der lasse die Bibel in Ruhe. Das rate ich; er wird gewisslich zuschanden und wird, je mehr er studiert, um so blinder und toller.“

Hans-Christian Kammler konzentriert sich im Luther-Teil seiner Arbeit auf die Frage nach dem Verhältnis der Theologie des Paulus zu der Martin Luthers – besonders in der Rechtfertigungslehre. In seinen „Thesen zur Gegenwartsrelevanz der Rechtfertigungslehre Luthers“ zeigt der Autor: „Die das Evangelium bezeugende und sichernde Rechtfertigungslehre (Paulus‘ und Luthers) darf nicht zu einer religiösen Allerweltsweisheit werden, die sich von selbst und also auch ohne Christus versteht.“

Dieses Buch ist ein unentbehrliches evangelisches Hilfsmittel, um im Neuen Testament (und auch im Alten) nicht den roten Faden zu verlieren und – was für alle Exegese gelten sollte – den Hauptsatz der Bibel immer augenfälliger, differenzierter und schriftgemäßer wahrzunehmen: Das Heilshandeln Gottes ist Jesus Christus selbst in Person und Werk.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Neue Perspektiven

Neue Perspektiven

Der Reichstag zu Worms

Kaum eine Szene hat sich so ins kulturelle Gedächtnis gebrannt wie diese: Ein Mönch steht aufrecht vor dem Kaiser und weigert sich, das zu tun, was von ihm verlangt wird; er pocht auf sein Gewissen, widersteht trotzig den versammelten Großen des Reichs und sagt (angeblich) eine der berühmtesten Satzfolgen der Weltgeschichte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen!“ Dieses Bild vom unerschrockenen Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms steht dafür, dass Gewissensfreiheit ein hohes, vielleicht sogar das höchste Gut ist, und es steht ebenso dafür, dass es im Ringen um die Wahrheit keine faulen Kompromisse geben darf. Dieses Ereignis hat sich 2021 zum 500. Mal gejährt. Grund genug, seiner zu gedenken und vor allem danach zu fragen, wie sich Fakten und sich verselbstständigende Erzählungen zueinander verhalten.

Genau dies tut der vorliegende Band in eindrücklicher Weise, indem er einen deutlichen Akzent auf die Rezeption legt. In einem ersten Teil werden Historie und Theologie in drei Beiträgen so aufgeblättert, dass die Bedeutung des Auftrittes Luthers vor dem Reichstag herausgestrichen wird, ohne in die Fallen der alten Meistererzählungen oder die der Glorifizierung des 19. Jahrhunderts zu tappen. Der zweite Teil widmet sich mit doppelt so vielen Beiträgen der Rezeption über die Jahrhunderte hinweg.

Der Frankfurter Theologieprofessor Markus Wriedt zeichnet Luthers Auftritt in Worms in die Geschichte der Reformbewegungen des 16. Jahrhunderts ein und verdeutlicht, dass Luthers akademisches Interesse, in Worms einen Streit um die Schriftauslegung zu führen, in der Rezeption vernachlässigt wurde. Albrecht Beutel nimmt eine Spur, die Wriedt gelegt hat, auf und erläutert den Gewissensbegriff jenseits neuzeitlicher Verschiebungen im Kontext Luthers eigener Aussagen und seines Freiheitsverständnisses. Minutiös untersucht Armin Kohnle, wie man nach Luthers Widerrufsweigerung versucht hat, einen endgültigen Bruch zu verhindern. Den zweiten Teil des Bandes leitet Hellmut Zschoch mit einem Beitrag zur Aufnahme des Ereignisses in der zeitgenössischen Publizistik ein und konstatiert: „[D]er Bedeutungsgehalt von ‚Luther in Worms‘ als einer emblematischen Reformationsszene [wurde] schon in den Publikationen festgezurrt, die 1521 unmittelbar an das Ereignis selbst anschlossen“.

Der ikonografischen Rezeption widmet sich Albrecht Geck, und es ist erfreulich, dass er dabei auch filmische Umsetzungen nicht auslässt und zum Schluss danach fragt, für welche Herausforderungen heute, 500 Jahre später, das Ereignis von 1521 in Anschlag gebracht werden könnte und wie man sich daraufhin gegenwärtig und zukünftig der Person Luthers sowie einem Ereignis wie dem Wormser Reichstag künstlerisch nähern kann. Auf das 19. Jahrhundert und verschiedene Lutherspiele dieser Zeit richtet sich der Blick von Gabriele Stöber, während Wolf-Friedrich Schäufele der Frage nachgeht, wie sich Luthers Freiheitsbegriff durch die Rezeption im Protestantismus der Neuzeit gewandelt hat und was eine Kirche, die sich dezidiert als „Kirche der Freiheit“ versteht, bieten muss.

Dass es auch einen Beitrag zum Thema „Luther und die Juden“ gibt, ist in diesem Band weit mehr als ein Feigenblatt von political correctness: Die Tatsache, dass Luther in Worms von zwei Juden aufgesucht worden sein soll, die mit ihm über die Auslegung des Alten Testaments diskutieren wollten, ist ein guter Anlass, dieses Thema anzugehen – aber interessanterweise und ausgesprochen bereichernd einmal von der anderen Seite aus, nämlich unter der Fragestellung: Wie haben Juden im Lauf der Jahrhunderte Luther gesehen? Werner Zager schließlich untersucht, wie in den vergangenen Jahrhunderten Jubiläen des Wormser Reichstags gefeiert wurden. Auch dies ist eine außerordentliche Bereicherung, hat sich die bisherige Forschung zu Reformationsjubiläen doch weitgehend an Feiern zum 31. Oktober orientiert. Abgerundet wird der Band schließlich durch ein Personenregister.

Alles in allem ist der Band schon deswegen empfehlenswert, weil er durchaus neue Perspektiven auf ein scheinbar schon gut erforschtes Thema bietet. Durch den Fokus auf die Rezeption verdeutlicht er, wie und warum bestimmte Luthermythen sich im Laufe der Zeit verselbstständigt haben und was das weniger über Luther und den Wormser Reichstag selbst als über Mensch und Gesellschaft der Zeit aussagt, in der solche Rezeption stattgefunden hat. Ein gut lesbares Buch, das in ein zweifellos bedeutendes Ereignis nicht nur der Kirchengeschichte wertvolle Einblicke liefert und Lust macht, sich mit sehr grundständigen Fragen wie denen nach Gewissen und Freiheit neu zu beschäftigen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Wichtige Debatte

Wichtige Debatte

Wurzeln der Judenfeindschaft

Tilman Tarach, der bereits vor wenigen Jahren mit einer Publikation zum israelbezogenen Antisemitismus in Erscheinung getreten war, analysiert in seinem knapp über 200 Seiten langen gut zu lesenden Text Teuflische Allmacht die Verschränkung der religiösen und säkularen Judenfeindschaft. In 22 meist sehr knapp gehaltenen Kapiteln geht er der Frage nach, in welchem „Verhältnis die Gründungsmythen und Leitideen der christlichen Lehre als solche zum Antisemitismus stehen – und zwar durchaus auch zum modernen, nationalsozialistischen und schließlich auch zum israelbezogenen Antisemitismus“. Das Hauptargument Tarachs, das er retardierend vorbringt, lautet: Die Unterscheidung von Antijudaismus und Antisemitismus trage nicht, denn der religiöse und säkular-rassische Antisemitismus seien aufs engste miteinander verknüpft und könnten daher nicht voneinander getrennt werden. Tarach setzt seine argumentative Kraft dem Gedanken entgegen, dass bis in die Moderne wesentlich religiöse Argumente im Antijudaismus angeführt worden seien und mit der Rassenlehre eine neue Form des Antisemitismus einsetzte, die dann auch für die Verfolgung und Ermordung des europäischen Judentums verantwortlich sei.

Der Ausgangspunkt für diese Argumentation ist dabei die Annahme, dass erst mit dem Christentum eine spezifische Judenfeindschaft eingesetzt habe, die grundlegende Merkmale des Antisemitismus erzeugt habe. Zentral sind dabei für Tarach sowohl die Christus- beziehungsweise Gottesmordlegende als auch christliche Ritualmordanschuldigungen. In allen Phasen der Judenfeindschaft seien diese Motive neu aufgegriffen und jeweils aktualisiert worden. Die vorchristliche Judenfeindschaft wird von Tarach wiederum als gängige „Fremdenfeindlichkeit“ beschrieben und so wird der These widersprochen, dass Judenfeindschaft auch in einem nichtchristlichen Kontext bestand, wie beispielsweise der Judaist Peter Schäfer argumentiert. Tarach widerspricht gerne mit Deutlichkeit und bisweilen unnötig scharfzüngig. Die imaginierte Vorstellung einer dämonischen Allmacht des Judentums, wie er dem Antisemitismus innewohnt, sei erst mit der Entstehung des Christentums erkennbar und wirke bis heute fort. So finden sich sowohl in Texten des Neuen Testaments als auch in allen Phasen der Kirchengeschichte Begründungszusammenhänge des Antisemitismus, in denen die Dämonisierung von Jüdinnen und Juden mit deren Blut begründet werde.

Das Buch ist dabei in seiner Argumentation als ein kursorischer Durchgang durch die Geschichte der Judenfeindschaft angelegt. Das immer wiederkehrende Argument Tarachs, das durchaus zu überzeugen weiß, wird so für unterschiedliche Phasen des historischen und gegenwärtigen Antisemitismus angewandt. Dabei gelingt es Tarach, stichhaltig die Aufnahme und Virulenz christlicher Judenfeindschaft für Akteure des Nationalsozialismus und des gegenwärtigen Antisemitismus (der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem israelbezogenen Antisemitismus) darzulegen. Die Idee der Reinheit des Blutes, wie sie auch im Nationalsozialismus bestand, sei beispielsweise keine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sondern entstand im Kontext der Reconquista in Spanien. Auch damals habe Jüdinnen und Juden die Taufe nicht geholfen, dem Antisemitismus zu entkommen.

Der Durchgang durch biblische Texte, aber auch ganze kirchengeschichtliche Epochen, geschieht im Buch zwangsläufig überblicksmäßig, sodass das Urteil über das Verhältnis der Kirche(n) zum Judentum beziehungsweise zu Israel doch schablonenhaft wirkt. Beispielsweise muss eine Darstellung der paulinischen Haltung gegenüber Israel im Ungefähren bleiben, wenn sie keinen Blick auf Römer 9–11 wirft.Und auch das abschließende Kapitel „Zur Ideologie des Christentums“ spricht eine eigene meinungsstarke Sprache, die mehr persönliche Glaubenssache als wirkliches Argument ist. Und trotzdem: Tarachs Buch ist ein Beitrag zu einer wichtigen Debatte, die im Raum der Kirchen und der Theologie noch unzureichend geführt wird.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Privat

Hans-Ulrich Probst

Hans-Ulrich Probst ist Referent für die Themen Populismus und Extremismus Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2008 und 2009 arbeitete er für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Minsk.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Standardwerk

Standardwerk

Über Ernst Troeltsch

Ernst Troeltsch (1865 – 1923) war ein Denker, der sich immer zwischen alle Stühle gesetzt hat. Ernst Troeltsch war ein Christ, der die Spannung zwischen seiner eigenen optimistischen Frömmigkeit und der wissenschaftlichen Kultur der Moderne aufs Schärfste wahrgenommen hat. Ernst Troeltsch war ein Theologe, der unbedingt interdisziplinär gedacht hat und ein weites Netzwerk an Freunden und Bekannten unterschiedlicher Wissenschaften (und anderer Berufe) besaß. Ernst Troeltsch war ein Freund der Synthese und des Kompromisses. Ernst Troeltsch war ein öffentlicher Intellektueller und zeitweise Politiker. Ernst Troeltsch ist ein Klassiker der Theologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft. Dieser Klassiker hat nun eine wirklich würdige Biografie erhalten.

Unbestritten ist Friedrich Wilhelm Graf einer der größten Theologiehistoriker der Gegenwart. In vielen Werken hat er die Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erforscht und in unendlicher Kleinstarbeit wesentliche Quellen erschlossen. Sein akademisches Hauptinteresse galt seit den 1970er-Jahren Ernst Troeltsch. Als langjähriger Vorsitzender der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft und als einer der Hauptherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe hat er einen unschätzbaren Dienst um die Erforschung dieses Denkers geleistet. Nun hat er eine fulminante Biografie vorgelegt, die in mehrerer Hinsicht ein gelungenes Buch darstellt.

Die Biografie zeichnet sich durch drei Vorzüge aus. Erstens ist sie sehr gut und lesbar geschrieben. Sie ist pointiert und ergeht sich nicht in detaillierter Werkexegese. Es gibt keine Endnotenschlachten, aber dafür einen dosierten Humor. Die Kapitel sind kurz und bündig. Die zweite Eigenschaft ist, dass das Werk das umfangreiche Fachwissen und die lebenslange Forschung des Autors atmet und damit auch in der dezidierten Troeltsch-Forschung von großem Wert ist. Es entsteht ein umfassendes Bild. Die vielen Brief- und Memoirenzitate erschließen Troeltsch nicht nur als Denker, sondern auch als Person. Der dritte Vorzug ist das Interesse des Autors an seiner eigenen Gegenwart. Dies ist keine Biografie, die schlicht die Ereignisse und Werke nacherzählt, sondern ein Buch, das im Leben eines Verstorbenen Impulse für die Gegenwart sieht.

Diese letzte Eigenschaft des Buches macht es gerade für eine breite Öffentlichkeit wichtig. Graf profiliert Troeltsch als kompromissorientierten und letztlich demokratischen Modernetheoretiker, der aus seiner christlich-frommen Grundhaltung heraus Gott als „Individualitätsgarant“ gegen jede Vereinfachung und Vereindeutigung der Wirklichkeit erlebte.

Diesem Menschen auf seinem Lebensweg von seiner Jugend in Augsburg über Militärdienst, Studium, Vikariat und akademisches Proletariat zum ersehnten Lehrstuhl für Systematische Theologie in Bonn, dann in Heidelberg, folgt man gern. Arbeitswut und interdisziplinäre Verbindungen lassen ihn zu einem der prominentesten und meistgefragten Gelehrten des Kaiserreiches werden, der dann folgerichtig 1915 an die philosophische Fakultät der Universität Berlin wechselte. In Berlin wurde er in noch viel stärkerem Maß ein öffentlicher Intellektueller, der sich auch in die Tagespolitik einmischte. Er wurde nach „langjährigen harten Lernprozessen“ ein überzeugter Demokrat und in der frühen Weimarer Republik Politiker in der liberalen DDP. Durch die Aufzählung der unzähligen öffentlichen Vorträge bekommt einzig die Berliner Epoche leichte Längen.

Graf stellt dieses Leben unter den Untertitel „Theologe im Welthorizont“. Diesen Welthorizont hatte Troeltsch in zwei Hinsichten: Einmal betrachtete er das Christentum als transnationales Phänomen im Verhältnis zu anderen Religionen; zum anderen sah er als politischer Denker Deutschland nie als Insel, sondern im Konzert mit anderen Staaten und Mächten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Vergötzung

Vergötzung

Die Gesundheitsgesellschaft

Den Einstieg markiert der Ludwigsburger Theologe Martin Wendte mit zwei Episoden: Als Pfarrer trifft er bei einem Geburtstagsbesuch auf zwei fitnessbegeisterte Senioren, die alles für ihren Körper tun und die Zeitschriften Men’s Health und Runner’s World auf dem Couchtisch liegen haben. Als Pfarrer begleitet er ebenso einen alten Mann, der friedlich stirbt.

Diese pfarralltägliche Spannung bildet die Ouvertüre zu einem weltanschaulichen Kampf von „Gesundheitsgesellschaft“ und „Gottesgesundheit“. Erstere umfasst für Wendte eine biomedizinisch-ökonomische Prägung des Gesundheitssystems sowie ein Gesundheitsverständnis, das den fitten Körper „vergötzt“, Letztere verortet er in der für ihn wichtigsten, der sozialen und religiösen Dimension von Gesundheit. Die Kirchen sieht er in der Pflicht, „den Gesundheitsbegriff der Gesundheitsgesellschaft zu brechen“. Denn Gemeinschaften wie sie hätten die Kraft dafür, so seine „kommunitaristisch angehauchte Hoffnung“.

Wendte schreibt einen systematisch-theologischen Essay. Soziologische und philosophische Gewährsleute sind etwa der Soziologe Hartmut Rosa und der Philosoph Martin Heidegger. Gewährsmann für Gottesgesundheit ist Jesus, wie er uns im Evangelium nach Markus begegnet. Wendte schreibt an gegen ein Primat der Ökonomie, gegen Vernutzung und Selbst­optimierung. Er tut dies im Namen einer Ganzheitlichkeit, die als „umfassende Gottesgesundheit“ letztlich bei und in Jesus zu finden ist.

Seine Kulturkritik kombiniert er so mit einem Überbietungsgestus, der außerhalb der Theologie und eines bestimmten Frömmigkeitsstils kaum verständlich sein dürfte. Auf diese Weise werden wichtige und lesenswerte Einsichten zu Jesus als Heiland, Befreier, Heiler und Leidender überformt. Auch die berechtigte Kritik an einem Gesundheitsverständnis, „das eine chronische Krankheit (nur) bedauert oder bekämpft und nicht auch gut tragen kann und in dem das Sterben (nur) als Niederlage angesehen wird“, wird überschattet.

Die ersten beiden Teile des Buches sind vor Corona geschrieben und in überarbeiteter Form abgedruckt worden. In den letzten beiden Teilen ändert sich unter dem Eindruck der Pandemie der Blickwinkel. Die Biomedizin kommt besser weg. Wendte bekennt: „Ja, auch ich bin #TeamDrosten.“ Vor allem aber geht er dem Wirken Gottes in der Pandemie nach. Anders als etwa der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm beschreibt er sie als „Heimsuchung“ Gottes, die zu „Umkehr“ und „Buße“ treibt. Mit Martin Luther gelangt er vom verborgenen zum offenbaren Gott. Dabei sieht er Gott zunächst nicht nur „in verschiedener Weise ins Böse involviert“ . Dieser mache durch die Pandemie neben anderen „Problemlagen“ auch „sichtbar, wie wenig hinreichend Deutschland digitalisiert ist“.

Die Gesundheitsgesellschaft beschreibt Wendte ebenfalls als gewandelte. Die Akzeptanz großer Einschränkungen nennt er einen „Akt kollektiver Nächstenliebe zum Schutz älterer und vorerkrankter Menschen“. In ihr realisiere sich „ein zentraler Aspekt jesuanischer Ethik“. Jedoch bemängelt er, dass trotz vieler Toter keine gesellschaftliche Debatte darüber geführt werde, „ob der Tod seinen letzten Schrecken verlieren kann“.

Das Buch muss und will nicht in einem Zug gelesen werden. Immer wieder verweist der promovierte Theologe auf Teile, wie etwa stärker fachwissenschaftliche, die bei mangelndem Interesse übersprungen werden können. Wiederholt werden Zusammenfassungen angeboten.

Bisweilen blitzt der trockene Humor des Autors durch. So etwa in der Beschreibung von Jesus als Heiler: „Jesus schient keine gebrochenen Beine, heilt keine Schlangenbisse und zieht keine eiternden Zähne. Vielmehr ist Jesus Spezialist für schwierige Fälle.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Rücksichtslos

Rücksichtslos

Über medizinischen Fortschritt

Der im Jahr der Friedlichen Revolution in der Schweiz geborenen Schriftstellerin Yael Inokai ist mit Ein simpler Eingriff ein leise-starkes Buch gelungen, dessen Besonderheit der Autorin den Anna-Seghers-Preis 2022 eingebracht hat.

Sie erzählt – unterteilt in drei Abschnitte, die die Namen der handelnden Protagonisten Marianne, Sarah und Meret tragen – die Geschichte der Krankenschwester Meret, die, ihrem Elternhaus unglücklich entronnen, in einem Schwesternwohnheim wohnt und auf einer neurochirurgisch-psychiatrischen Station arbeitet. Der Oberarzt macht die junge Frau zur Assistentin bei seinen Eingriffen, die die Patienten aus der psychischen Abnormität wieder in die gesellschaftliche Normalität zurückführen sollen. Ihr empathisch-idealistisches Wesen ist von hohem Wert: für die Patienten, für den Arzt, für das Renommee.

Ihre Überzeugung bekommt jedoch Risse: durch Marianne, eine junge Patientin, bei der der Eingriff misslingt und die damit schattenhaft aus dem Raster des Menschseins fällt, und durch Sarah, ebenfalls Krankenschwester und Zimmergenossin, in die sie sich verliebt und mit ihr eine vorher unvorstellbar scheinende Liebesbeziehung eingeht. Dabei wird Meret gewahr, was ein simpler Eingriff für ein fataler Übergriff sein kann und wie wohlmeinend postulierter medizinischer Fortschritt von rücksichtslosen Abhängigkeiten gesteuert wird.

In der schwebenden Zeitlosigkeit der Szenerie offenbart Yael Inokai die immanente Gefahr dieser gratwandernden Fortschrittsfalle, gegen die Meret schließlich aufbegehrt und durch die Liebe zu Sarah ihre eigene Freiheit findet. Wie die Schauspielerin Lisa Hrdina mit diesem Text umgeht, ist wagemutig dicht und substanziell. Es geht unter die Haut.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Einfach machen

Einfach machen

A Feminist Music History

Die Via negationis ist die Annäherung an Gott mit Sätzen darüber, was er (oder sie?) alles nicht ist. Von Nutzen ist sie indes auch in minderschweren Fällen wie dem dieser Compilation mit Musik von Frauen seit 1975 mit dem Titel „Revenge“. Denn Rache ist doch arg dick aufgetragen und buhlt eher um Aufmerksamkeit, zudem sind hier nicht nur All-female-Acts zu hören. Und auch Iro-Assoziationen von Sicherheitsnadel, Lederjacke und zerrissenen Nylons laufen aufs Schönste ins Leere, was zugleich für die Erwartung von Krach-Stümpern gilt „as only a frenetic full-frontal sonic attack“, wie Vivien Goldman das nennt, die das Doppelalbum zusammenstellte. Um Punk geht es zwar schon, bloß fasst sie ihn von seinem Spirit, jenem Do-it-yourself-Ansatz des „Einfach machen!“, her. Der war es schließlich, der Frauen im männerdominierten Business eine Bühne gab. Ein inklusorisches Genre also. Darauf geblickt hat die Londonerin stets von innen, als Redakteurin des Sounds-Magazins wie als Sängerin der Post-Punk-Band The Flying Lizards, später solo sowie als nun in New York ansässige Dozentin. In ihrem Buch „Die Rache der She-Punks. Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot“ (2021 im Ventil-Verlag, übersetzt und mit Nachwort von dem Genderforscher Vojin Saša Vukadinovic) lokalisiert sie dessen Empowerment-Impulse weit darüber hinaus.

Die Compilation ist eine Art Soundtrack dazu, den die Dance-Hall-Deejay Tanya Stephens mit „Welcome to the Rebelution“ (2006) eröffnet. Sie springt also nicht nur chronologisch. „(You’re different.) It’s obvious“ von den Au Pairs, Post-Punker aus Birmingham, und „Identity“ von X-Ray Spex folgen. Beides sind Klassiker der Ursprungsszene. Goldman gruppiert die 28 (!) Songs in vier Kategorien (Identity, Money, Love/Unlove, Protest). Maßstab sind nicht die Lyrics, sondern Sound, Energie und Rhythmus – eine gute Wahl, denn die Botschaft zeigt sich eh von selbst. Patti Smith und Blondie/Debbie Harry (mit dem ruppigen „Rip Her To Shreds“ über eine, die Klatsch- und Modeheften folgt) sind ebenso dabei wie die grandios unerreichte Grace Jones, auf die Kante rockender Punk von The Bags, Sleater-Kinney, die Raincoats sowie die herrlich kaputte Skinny Girl Diet aus London von 2016. Die emblematischen Slits sind mit Reggae vertreten, Rhoda with the Special AKA liefert feinsten Rocksteady, die einflussreichen Berliner Malaria! um Gudrun Gut und Bettina Köster bieten mit „Geld“ insistierenden Diskurs-Wave. Neneh Cherry schließt den großartigen She-Punks-Reigen. Rache? Geschenkt. Musik, die nötig war und bleibt! Kyrill, Franziskus, AfD und Gesinnungskonsorten wird die Compilation nicht gefallen. Egal. Wir andern brettern diese Via negationis bereichert und immens angeregt hinunter. Das ist Schwung, der auch Y-Chromosome begeistert.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Klar und unerklärlich

Klar und unerklärlich

Bachs Opus ultimum

Kennen Sie die h-moll-Messe von Bach? „Unverschämtheit“ werden die meisten von Ihnen innerlich schnauben und einige gar beginnen, vor ihrem geistigen Auge die Zahl der Konzerte mit diesem Werk aufzuzählen, denen sie beigewohnt, oder bei denen sie gar mitgewirkt haben. Der Autor dieser Zeilen hörte die h-moll-Messe „in echt“, also live, erstmals bei einem Konzert während des Düsseldorfer Kirchentages 1985 kurz nach dem Abitur mit 19 Jahren in der dortigen Tonhalle und weiß nur noch, dass Almuth Rössler dirigierte und Christoph Prégardien die Tenorarien sang, bevor er wenige Wochen später in kurzen Abständen das Werk gleich in drei verschiedenen Chören mitsang, aber Details führten jetzt zu weit …

Nun gibt es unter Ihnen sicher auch einige, die die h-moll-Messe nicht oder kaum kennen. Denen sei gesagt, dass es eines der großartigsten Werke der Musikgeschichte ist und ein Unikat, denn Bach vertonte nur dieses eine Mal das gesamte Messformular. Das knapp zweistündige Opus ist geschaffen aus umfangreichem umgearbeitetem Material aus Bachs Kantaten, aber entscheidende Teile komponierte Bach exklusiv 1748/49 gegen Ende seines Lebens neu.

Die h-moll-Messe umfasst insgesamt 27 Nummern: 18 Chöre, sechs Arien und drei Duette, alles von größter Schönheit, gefühlstief und zuweilen außerordentlich virtuos, kurz: „Völlig klar, aber unbegreiflich.“ So urteilte einst Carl Friedrich Zelter, der Leiter der Berliner Singakademie, über Bachs Kunst. In dieser kleinen Rubrik nun Detailliertes über das Werk sagen zu wollen ist zwecklos. Nur so viel: Wer es hört, will es wieder hören, und wer es noch nie hörte, dem oder der sei gesagt: Es wird höchste Zeit!

Es gibt unendlich viele Aufnahmen der h-moll-Messe. Eine neue lässt jetzt aufhorchen: Das Ensemble Gli Angeli Genéve unter Leitung des mitsingenden Bassisten Stephan McLeod hat eine wirklich überzeugende und berückende Einspielung von Bachs Opus ultimum vorgelegt. Der sogenannte Chor besteht nur aus acht Sängern, es wird zwischen solistischer und chorischer (sprich Oktett-)Besetzung gewechselt, und alle Arien werden natürlich aus den Reihen des Ensembles bestritten. McLeod und den Seinen gelingt eine vorzügliche Mischung aus Transparenz und dichtem Klang mit Mut zur emotional fesselnden Gestaltung. Man höre allein die Trias „Et incarnatus-Crucifixus-Et resurrexit“ – herausragend!

Diese CD sei allen, die Bach lieben, dringlichst empfohlen, egal wie viele Aufnahmen des exzeptionellen Werkes bereits im Regal stehen – und Erstlingen in Sachen h-moll-Messe sowieso. Und da es ein Werk für alle (Kirchenjahres-)Zeiten ist, eignet es sich auch trefflich dafür, unter dem Christbaum zu liegen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

An der Front

Stolz wie Oskar – eigentlich sollten Reportagen nicht mit abgenudelten Redewendungen und erst recht nicht mit Namenswitzen beginnen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
abonnieren