Ich und Tanzen

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Egoexpress: Illustre Werkschau

Egoexpress: A Piece of the Action.  (1995–2005) Bureau B/Indigo, 2025.

Auch größte Bedenkenträger von damals geben heute zu: Olaf Scholz ließ 2017 beim G20-Gipfel die Polizei die Falschen jagen. Hätte er sich mal an jene in der Elbphilharmonie gehalten, der Welt wäre viel erspart geblieben … Aber Hamburg war immer mehr als das: Die Indie-geprägten Freunde Mense Reents und Berndt ‚Jimi‘ Siebels zog es 1990 dahin, als sich im Kielwasser der Goldenen Zitronen gerade die „Hamburger Schule“ bildete (Tocotronic, Die Sterne, Blumfeld und andere), die dann Diskursrock wurde. Reents und Siebels aber packte die Bassdrum: „blunt, immediate, and liberating“, schreibt Patrick Ryder in seinen konzisen Liner Notes.

Mit DIY-Ethos und Klangfaszination droschen sie ihre Prägung durch Punk, Mod-Kultur, NDW und das Faible für die hypnotische Intensität von Suicide oder Bohannon zu Elektromusik, die bis heute kickt. Sie hat Bumms, Kante, Funk und Witz, der die nahrhafte Ursuppe spiegelt: Seit 1995 waren sie das House-Duo Egoexpress Siebels als bildender Künstler, Reents auch bei den Zitronen. Er hat aus dem Œuvre nun „A Piece Of The Action (1995–2005)“ kuratiert, eine wunderbare Werkschau mit 16 Tracks.

Sie reißen vom Punkt weg in Bewegung, Fröhlichkeit und gewichtig ins Leichte. Schulterrollen und Hüftkreisen beschert gleich der erste, das funky-euphorisch entflammte We Are Here, erst recht, wenn die Bassdrum zurückgeknallt kommt. Drumkraft ist abstrakt, sperrig, Intelligent Techno. Spätestens Hot Wire My Heart (Edit) lässt die Wohnung beim Gang zur Kaffeemaschine indes alles schnöde Vertraute verlieren und die Arme nach oben fliegen, wenn Drum und Basslinie wieder hochgezogen werden – Körper, Geist, Seele wippen. Musik, die auch für den Lauti beim Gegenprotest taugt, weil sie mit Erinnerung an gemeinsam gefeierte Nächte flutet. Und so viele Details: Ska-Bläser, Knef-Stimme, Latin-Drive, Dub on Speed, Yello, doch können sie auch anders, ins fett Psychedelische oder dicht an Aphex-Twin-Knarzen.

Prätentiös ist das alles nie, tanzbar immer, eben: Beautiful Music/Dangerous Rhythm. Können Lust und Ausgelassenheit sozial sein? Eminent sogar, Egoexpress schultern elegant die Beweislast. Liebling bleibt Knartz IV mit einer herrlichen Intro-Collage aus Gesprächs- und historischen, eine „Zurück in die Zukunft“-Szene imitierenden Tanzmusikfetzen (diese Details!), die mit einem gedämpften „Oh, my God, it’s techno music!“ endet. Dann geht es ab. Munter klaubender Mundraub zwischen Erfinden und Erkunden. Die Kanten rund, Effekte teils gar Ambient. Das reißt mit, umarmt, grooved, tröstet, „ist Ich und Tanzen“, sexuell wie das cunnilinguale „Hohl von innen“ oder setzt wie „Weiter“ mit seinem Mantra „man muss immer weiter durchbrechen/gehen“ Impulse. Dem obwaltendem Irrsinn steht freundlich Lebendigkeit entgegen, und dies entschieden. Anstand, der kickt. Und wie.

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Kaléko: Gedichte und Prosa

Mascha Kaléko: Ich tat die Augen auf und sah das Helle. Goyalit Verlag, Hamburg 2025, 1 MP3-CD.

"Herr, gib du allen, die das Schwert vertrieb, ein Dach, ein Brot, ein Kind, ein eigen Kissen“ – Gebet einer ins Exil Vertriebenen, gesprochen von Julia Nachtmann auf der CD mit Gedichten und Prosatexten von Mascha Kaléko (1907–1975). Außer Julia Nachtmann lesen Katja Danowski, Marion Elskis, Katharina Thalbach und Rosa Thormeyer Texte Kalékos. Vorangestellt sind eine komprimierte Darstellung ihres Lebens und eine engagierte Huldigung der Dichterin von Daniel Kehlmann, der die Texte ausgewählt und herausgegeben hat. Er nennt Kaléko „die undeutscheste deutsche Dichterin“.

1933 erschien ihr erster Gedichtband Das lyrische Stenogrammheft in Berlin. Darin bestimmen bereits Melancholie und Ironie, Traurigkeit und Berliner Schnoddrigkeit den Ton. 1938 musste sie als Jüdin Deutschland verlassen und ging nach New York und Jerusalem. Liebe war von Anfang an ihr großes Thema, der Geliebte war ihr Hafen und Heimat. Sie sah die soziale Ungleichheit, einen Arbeitslosen nennt sie einen „Mönch im Stemplerorden“. Sie spottet über Beamte. Aber nun kamen Texte über die Exilorte dazu. Kaléko beschreibt das Leben in Amerika, sie beklagt die Heimatlosigkeit, ist erschrocken über die Verbrechen der Nazis. Sie erinnert an „die paar leuchtenden Jahre“ vor der Verdunklung. Die 1920er-Jahre in Berlin waren ihre große Zeit. Im Nachkriegsberlin sehnt sie sich nach diesen Jahren zurück.

Wie die Sprecherinnen dieses Schicksal erfahrbar, die Musikalität der Gedichte hörbar und die Fassungslosigkeit über menschliche Verbrechen unausweichlich spürbar machen, ist ein großes Erlebnis. Dadurch, dass jede Sprecherin andere Gewichtungen setzt, erfahren wir die Vielfalt dieses einmaligen dichterischen Werkes.

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Schlüssig

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Zuversicht in der Krise

Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2025, 158 Seiten, Euro 20,–.

Seit dem Mai 2011 ist Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Für das kommende Jahr hat er angekündigt, nicht für eine neue Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Da liegt es nahe, nicht nur persönlich, sondern auch öffentlich zu sagen, was ihn in der Zeitspanne eines Vierteljahrhunderts geprägt und getragen hat.

Doch was ihm auf einem langen politischen Weg wichtig geworden ist, schildert er nicht auf einem unmittelbar autobiografischen Weg. Vielmehr orientiert er sich an Hannah Arendt, der in Deutschland aufgewachsenen Jüdin, die angesichts der NS-Diktatur über Frankreich in die USA emigrierte, so dass sie für den Studenten Winfried Kretschmann nur über den Abstand des atlantischen Ozeans hinweg zur akademischen Lehrerin werden konnte. Ihr verdankte er die Neuorientierung seines politischen Denkens und Handelns.

Biografische Wende

Winfried Kretschmann gehörte in den späten 1960-Jahren als Student zum Kommunistischen Bund Westdeutschland, in dessen Auftrag er – weithin vergeblich – versuchte, schwäbischen Arbeitern in Esslingen die Kommunistische Volkszeitung und deren Ideologie nahezubringen. Dass er damit keinerlei Erfolg hatte, veranlasste ihn zum Nachdenken. Für die Befreiung aus der „linksradikalen Abseitigkeit“ und den Weg zu einer politischen Neuorientierung gewann die Begegnung mit den Schriften von Hannah Arendt eine zentrale Rolle. Diese Orientierung bewährte sich auf Dauer.

Das ist eine beeindruckende biografische Wende. Sie erklärt, warum Kretschmanns Verhältnis zu Hannah Arendt ganz und gar von den elementaren demokratischen Einsichten bestimmt ist, die zwar in der Haltung der Philosophin eine große Rolle spielen, aber nicht gerade ihre Einzigartigkeit ausmachen. Denn diese Einzigartigkeit hat untrennbar mit der Kraft zu tun, die Hannah Arendt aufbringen musste, um als Jüdin rechtzeitig vor dem Terror des nationalsozialistischen Regimes zu fliehen und zunächst in Frankreich sowie später in den USA ein neues Leben zu beginnen. Kretschmann hingegen interessiert sich für die elementaren Einsichten demokratischer Politik, die sich bei Hannah Arendt, aber auch bei anderen Vertreterinnen und Vertretern der politischen Wissenschaft finden.

Pluralität der Gesellschaft

Dass jedes der fünf Kapitel mit einem Zitat von Hannah Arendt beginnt, ändert nichts daran, dass damit Wahrheiten angesprochen werden, die zum Pflichtprogramm demokratischer Politik gehören. Pluralität, Freiheit, Macht durch gemeinsames Handeln, Wahrheit im öffentlichen Raum, Zuversicht in schwieriger Zeit. Auch wenn die Überschriften der einzelnen Kapitel auf Zitate von Hannah Arendt zurückgehen, so sind es doch nicht gerade diejenigen, in denen die Einzigartigkeit Hannah Arendts besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Von der „Banalität des Bösen“, um nur das berühmteste Beispiel zu nennen, ist nicht die Rede. Ohne Zweifel ist die Einsicht in die Pluralität der Gesellschaft oder die Pflicht der Politik zur Wahrung der Freiheit bei Hannah Arendt markant vertreten. Einen Anspruch auf Ausschließlichkeit hätte sie selbst dafür zuallerletzt in Anspruch genommen.

Immer deutlicher wird aus dem Buch über Hannah Arendt ein Buch über die politischen Prioritäten des Autors. Seine Erfahrungen als Ministerpräsident werden Schritt für Schritt wichtiger als das, was er in einer entscheidenden biografischen Situation von Hannah Arendt gelernt und für sein politisches Leben bewahrt hat. Auch diese Seite des Buchs ist interessant. Dass der Autor sich für eine Politik des „Gehörtwerdens“ einsetzt; warum der Klimaschutz nur zusammen gelingen kann oder warum die demokratische Gesellschaft einen „funktionierenden öffentlichen Raum“ braucht – all das sind Einsichten, die ebenso schlüssig wie bedenkenswert sind.

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Foto: epd

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und war von der Gründung 2000 an bis 2022 Herausgeber von zeitzeichen. Er lebt in Berlin.

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Irritierend

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Was Feindesliebe bedeuten kann

Wolfgang Schmidbauer: Feindesliebe. Bonifatius Verlag, Paderborn 2025. 158 Seiten, Euro 18,–.

Dreimal kommt der Begriff „Feindesliebe“ in der neuen EKD-Friedensdenkschrift vor, stets in Form von „Nächsten- und Feindesliebe“, quasi im Gesamtpaket jesuanischer Friedensethik. Nächstenliebe und ihre Radikalisierung in Form von Feindesliebe haben einen wichtigen und orientierenden Wert, betont die neue Friedensdenkschrift immer wieder. Doch sie beschreibt eben auch die Grenzen des Konzepts vor allem vor dem Hintergrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Was genau würde aber die konkrete Anwendung der Feindesliebe in dieser Situation bedeuten?

Zumindest Hinweise liefert das Buch Feindesliebe. Geschrieben hat es kein Theologe, sondern der Psychologe und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, nicht zuletzt bekannt durch seine Kolumne für das Zeit-Magazin. Tatsächlich benennt Schmidbauer gleich zu Beginn des Buches den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Wobei er klarmacht, dass schon diese Formulierung eine Interpretation ist. „Die Zuschauer glauben zum Teil, dass die Ukrainer wirklich für ihre Freiheit kämpfen, während die Russen den Einflüsterungen eines Faschisten folgen. Der andere Teil glaubt, dass die Russen wirklich für ihr Land … usw.“

Südtirol, Elsass, Ukraine?

Und dann folgt der Satz, der zeigt, wie groß die Zumutung ist, die in dem Konzept Feindesliebe steckt. „Wer denkt noch daran, dass es besser sein könnte, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun? Wir erzählen uns Geschichte einseitig“, meint Schmidbauer und verweist auf die Verachtung des britischen Ministerpräsidenten Chamberlain und seiner Appeasement-Politik gegenüber Hitler und die Anerkennung, die wir Churchill zollen. „Aber Auschwitz ist durch Krieg nicht verhindert worden, im Gegenteil. Wir wissen nicht einmal, ob sich ohne Krieg der deutsche Antisemitismus gleich grausam entwickelt hätte.“

Was bedeutet das mit Blick auf die Ukraine? Politisch verweist Schmidbauer an mehreren Stellen auf die Beispiele Südtirol und Elsass, an deren Zugehörigkeit zu Italien und Frankreich „fast alle Bewohner“ nichts mehr ändern wollten. Das liege „auch an den Erinnerungen, wie sinnlos und erschöpfend die früheren Auseinandersetzungen waren.“ Dass dies im Falle der Ukraine auch so sein könne, sagt Schmidbauer nicht selbst, aber er zitiert den Berliner Philosophieprofessor und Pazifisten Olaf L. Müller, der es für wichtiger hält, dass ein Vater für seine Familie da sein kann, anstatt tot zu sein, weil er sein Land verteidigt hat. „Die Freiheit kann zurückkehren, der Tod ist unabänderlich.“

Dauerhafte Feindbilder

Wer nun das Buch beiseitelegt, weil er Putin-freundliche Schwurbelei wittert, verpasst etwas. Denn Schmidbauer blickt eben nicht nur auf Russland und die Ukraine, sondern auch auf gesellschaftliche Phänomene, wie sie sich etwa in Social Media offenbaren, auf die Geschichte der Menschen, die als Jäger und Sammler Konflikte durch Ausweichen und Rückzug gelöst hätten, aber dann durch Besitz und Schriftkultur dauerhafte Feindbilder erschaffen haben. Und natürlich nennt er Beispiele aus Familien und Ehen, in denen „Feindesliebe“ heilsam war. „Feindesliebe gebietet, dem Mitmenschen zuliebe die eigene Überzeugung in Frage zu stellen.“

Vergessen und Neuanfang und Gnade solle der gleiche Rang eingeräumt werden wie dem Recht. Klingt gut, lässt aber doch schlucken, etwa wenn Schmidbauer das Beispiel der Schriftstellerin Alice Munro erwähnt, die ihrem Mann den sexuellen Missbrauch an einer ihrer Töchter (seiner Stieftochter) verziehen hat und nach einer kurzeitigen Trennung zu ihm zurückkehrte. Eine Tat im Geist der Bergpredigt? Oder ein Verbrechen?

Es sind diese fast schmerzhaften Fragen und Beispiele, die das Buch lesenswert machen. Dem Selbstanspruch eines überzeugenden Plädoyers wird das Buch zwar nicht gerecht. Dazu ist der Stil zu assoziativ und nicht systematisch genug. Doch eine bereichernde Irritation ist es allemal.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen". 

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Gott und Mensch

Gott und Mensch

Widerhall der jüdischen Bibel

Klaus Wengst: Gott im Wort. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2025, 352 Seiten, Euro 29,–.

Unter dem Titel Gott im Wort. Theologie des Neuen Testaments: ein Widerhall der jüdischen Bibel legt Klaus Wengst die Frucht seiner langjährigen theologischen Forschung zum Neuen Testament im Kontext der jüdischen Bibel und des nachbiblischen Judentums vor. Dass seine wissenschaftliche Arbeit als Professor für Neues Testament an der Universität Bochum mit dem Schwerpunkt in der sozialgeschichtlichen Exegese vor allem dem intensiven Gespräch mit Edna Brocke, Chana Safrai, Micha Brumlik und anderen jüdischen Gesprächspartnern eine entscheidende Kehrtwende verdankt und seither aus der lebendigen Beschäftigung mit jüdischen Quellen schöpft, beschrieb er selbst einmal.

Auferstehungshoffnung und Gerechtigkeit

Hinzu kam die Weggenossenschaft mit Jürgen Ebach, Frank Crüsemann, unter anderen im Rahmen der „Arbeitsgemeinschaft jüdisch & christlich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag“, deren christlichen Vorsitz er innehatte. Arbeiten wie sein Kommentar zum Johannes-Evangelium, die Auslegung der Bergpredigt, zur Johannesoffenbarung, dann aber auch die hochspannend und erhellend erzählte Entstehungsgeschichte des Christentums, die so manche eingefahrene Auslegungs­tradition ins Wanken zu bringen imstande ist, zeugen von dieser leidenschaftlichen Suchbewegung und dem Mut, theologisches Neuland zu betreten.

Ausgangspunkt der Theologie unter dem Motto „Gott wirkt durchs Wort oder überhaupt nicht“ (Martin Luther) ist die Auferweckung Jesu von den Toten als die zentrale Aussage des Neuen Testaments. Eingebettet in die jüdische Auferstehungshoffnung der neutestamentlichen Autoren ist sie nach Klaus Wengst „Zeugnis für die sich schließlich und endlich durchsetzende Gerechtigkeit Gottes. (…) Auferstehungshoffnung bestreitet, dass den Gewalttätern die Zukunft gehört. Es geht ihr darum, dass vielmehr Gott zum Recht kommt und sich durchsetzt.“ Damit verknüpft Wengst Auferstehungshoffnung und Gerechtigkeit Gottes als zwei sich sowohl durch das Alte als auch durch das Neue Testament durchziehende Grundmotive. Diese entfaltet er in den folgenden Kapiteln zum Tod Jesu am Kreuz, Gottes Herrschaft und Reich, zum letzten Gericht, endlich schließt sich der Kreis mit der Auferstehung der Toten. Gerade durch den Blick auf die ganze Bibel und ihrer jüdischen Nachgeschichte eröffnet Klaus Wengst neue Perspektiven. Das Wort im Neuen Testament wird durch das konsequente Hören auf die jüdische Auslegungstradition erst eigentlich lebendig.

Jesus ist nicht Gott

Dabei geht er hinter die altkirchlichen Bekenntnisse zurück und nimmt das biblische Zeugnis zum Beispiel in Johannes 1 im Doppelsinn „beim Wort“: Demnach ist der Topos von der „Menschwerdung Gottes“, der vor allem zum Christfest kaum hinterfragt gepredigt wird, der Bibel gänzlich fremd. Gott spricht und handelt durch sein Wort in Jesus. „Damit ist aber nicht intendiert, den bestimmten Menschen Jesus, der eine bestimmte Geschichte mit einem bestimmten Ende gehabt hat, zu einem präexistenten Himmelswesen zu vergotten.“ Damit widerspricht der Mensch Jesus auch nicht dem Bilderverbot. „Gott ist von seinem Wort unterschieden; er geht in ihm nicht auf.“ Jesus ist für Wengst Gleichnis Gottes, aber er ist nicht Gott – eine Provokation im Jubiläumsjahr des Nicänums, die es wert ist, sich ihr zu stellen. Zentrale Botschaft Jesu ist das Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit und Erbarmen herrschen. Angesichts des herrschenden Unrechts in der Welt ist die biblische Rede vom gerecht richtenden Gott ein Hoffnungsschimmer.

Was das Buch von anderen Büchern über die Theologie des Neuen Testaments unterscheidet, ist die profunde Kenntnis auch der rabbinischen Literatur, die immer wieder zum Verständnis neutestamentlicher Texte herangezogen wird, neue Perspektiven zum tieferen Verständnis eröffnet und zum weiteren Entdecken verlockt. Deshalb ist die Theologie des Neuen Testaments von Klaus Wengst auch aufgrund ihrer guten Lesbarkeit auf wissenschaftlich verantwortetem Niveau für eine breite, auch nichttheologische Leserschaft unbedingt zu empfehlen.

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Klarheit

Klarheit

Kirche und Leitung

Jan Hermelink/Ricarda Schnelle: 
In der Kirche leiten. Verlag Vandenhoeck & 
Ruprecht, Göttingen 2025, 136 Seiten, Euro 20,–.

Der Titel ist Programm. Er heißt eben nicht „die Kirche leiten“; weder ist die Kirche hier eine stabile Organisation, noch ist Führung allein Aufgabe der Kirchenleitung. Das Buch In der Kirche leiten zeichnet die Kirche in all ihrer Vielfalt von Gremien, Ebenen, Berufsgruppen, Organisationsformen. Dabei spielen auch Ehrenamtliche, in Leitungsgremien oft die Mehrheit, eine entscheidende Rolle. Es geht also entscheidend um Leitungskultur, um Teamarbeit und Möglichkeitsräume.

Jan Hermelink und Ricarda Schnelle wollen Orientierung geben zum Weiterdenken vor Ort, aber auch zum Nachdenken über die eigenen Bilder und die theologische Interpretation grundlegender Bibel- und Bekenntnistexte wie der Barmer Theologischen Erklärung. Kurze, lohnende „Ausflüge“ in praktisch-theologische wie auch in konfessionell bestimmte Grundlagen kirchlicher Ordnung – zum Beispiel zum presbyterial-synodalen Leitungsverständnis wie auch zum Verhältnis von Stabilität und kritischer Unruhe – vertiefen die eher praktischen Artikel über die heutigen Führungsaufgaben.  Dabei sehen Hermelink und Schnelle Kirche zunächst auf der Folie einer sich wandelnden Gesellschaft und zeigen dabei die Verzahnung mit anderen Organisationen, Räumen, Strukturen und Rechtsordnungen. So bleiben auch Kirchenrecht und Verwaltung nicht außen vor – das kirchliche Arbeitsrecht fehlt allerdings.

In einer Zeit, in der Kirche und Diakonie im Gemeinwesen zusammenwachsen, in der auch Diakonie – wie die Kirche – unter Finanzdruck steht, werden zu Recht auch diakonische Arbeitgeber einbezogen. Dabei kann allerdings die Vielfalt der Organisationsformen diakonischer Arbeitsfelder von großen, landeskirchenübergreifenden Unternehmen bis zur Quartiersarbeit nur grundsätzlich bedacht werden. Wichtig bleibt der weite Blick – denn das Buch ermutigt zum Miteinander- und Voneinanderlernen, was zum Beispiel die strategische Ausrichtung der Kirche oder auch Methoden des Managements angeht. Die nüchterne und präzise Sprache des Textes sorgt dabei für angemessene Klarheit und Knappheit.

Ein besonderer Gewinn des Buches liegt in der Reflexion der begonnenen Transformation in der Kirche. Deutlich wird, dass die Transformation selbst wie das Veränderungsmanagement auf allen Ebenen Leitungsaufgabe ist – genauso wie der Umgang mit abnehmenden Ressourcen, mit Macht und sexualisierter Gewalt. Auch Genderperspektiven werden unter dem Gesichtspunkt von Diversität und Machtfragen bedacht. Die Veränderungen von Berufsprofilen, die Bedeutung berufsübergreifender Zusammenarbeit wie die Chancen und Risiken transprofessioneller Teams spielen dabei ebenso eine Rolle wie Themen der Selbstleitung. Dazu gehört auch eine kurze, aber umsichtige Aus­einandersetzung mit den Konzepten geistlicher Leitung. Auf diesem Hintergrund wird durchaus konkret über den Umgang mit Kommunikation, mit Räumen und Spiritualität nachgedacht.

Dass angesichts des rasanten Rückgangs von Ressourcen die räumliche Distanz der Beziehungsnetze wächst, führt schließlich zu einer hilfreichen Reflexion über das Leiten auf Plattformen im Netz und die Präsenz in den sozialen Medien, der neuen Erkennbarkeit der Personen bis zu der Frage, wie sich das Verhältnis von Amt und Person zukünftig bestimmt. Solche Fragen anzuregen, ist ein besonderer Vorzug des vielfältigen und aktuellen Buches.

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Foto: privat

Cornelia Coenen-Marx

Cornelia Coenen-Marx  ist Oberkirchenrätin a. D.  Nach Eintritt in den Ruhestand machte sich Coenen-Marx 2015 mit dem Unternehmen „Seele und Sorge“ selbständig, um soziale und diakonische Organisationen sowie Gemeinden bei der Verwirklichung einer neuen Sorgeethik zu unterstützen.


 

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Menschennah

Menschennah

Ausgewählte Predigten

Christian Schad: Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2024, 344 Seiten, Euro 25,–.

Der ansprechende Band Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung enthält 43 ausgewählte Predigten, die der emeritierte Kirchenpräsident der Pfalz Christian Schad in vielen Gemeinden sowie als langjähriger Vorsitzender der UEK im Berliner Dom gehalten hat.

Im Vorwort erläutert die Herausgeberin Traudel Himmighöfer, wie Christian Schad den Titel zur Predigt der Rechtfertigungsbotschaft reformatorisch versteht: als „Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung“ – veranschaulicht durch das Titelbild des lehrenden Christus in der Speyerer Gedächtniskirche der Protestation: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28).

In seinem Geleitwort würdigt der katholische Bischof von Speyer Karl-Heinz Wiesemann den Autor als „begeisterte(n) Prediger“, „für den der Predigtdienst zentraler Selbstvollzug der Kirche als ‚creatura verbi‘ ist und damit zugleich […] die wichtigste Frucht seines theologischen Ringens sowie ein authentisches Zeugnis seiner eigenen Gottesbeziehung“.

Die Predigten leben von einer profunden Kenntnis biblisch-reformatorischer Theologie. Die erste Hälfte folgt dem Kirchenjahr, die zweite bietet Predigten zu bestimmten Anlässen: Kirchenmusik, Diakonie und Seelsorge, Ökumene und Erinnerungskultur (Christenverfolgungen, 500 Jahre Reformation, 200 Jahre pfälzische Kirchenunion, 50 Jahre Leuenberger Konkordie, Beginn des Ersten Weltkriegs, Reichspogromnacht, Tag der Deutschen Einheit).

Die Predigten schildern die Entstehungssituation des Textes, um durch menschliche Grunderfahrungen den existenziellen Bezug herzustellen und die Botschaft in das Hier und Jetzt zu übersetzen. Vorbildlich erscheint, wie er im Hören auf das biblische Wort aktuelle Anlässe, Krisen und Katastrophen homiletisch aufgreift, theologisch reflektiert und in den gesellschaftspolitischen Kontext hinein den biblisch-reformatorischen Wahrheitsanspruch entfaltet: zu Protestation und Protestantismus, Rechtfertigung und Gerechtigkeit, Schuld und Versöhnung, Religion und Politik, Gewalt und Frieden, Klimawandel oder Ukrainekrieg. Er geht auf Flüchtlinge ein, widerspricht Hass und Hetze und bekräftigt die Pflicht zur Erinnerung. Die Flutkatastrophe im Ahrtal bringt er durch Klagepsalmen zur Sprache mit Luthers Rat, in der Verzweiflung nicht nach dem rätselhaften Willen des verborgenen Gottes zu suchen, sondern zu Christus zu fliehen, das heißt, an seiner Verheißungstreue und Liebe festzuhalten.

In der Coronapandemie verweist er auf Zeichen der Gegenwart Gottes, die Trost und Hoffnung geben. Das reformatorische Leitmotiv der Promissio setzt er so um, dass er nicht abstrakt über den Glauben redet, sondern die Gemeinde direkt anspricht, Deuterojesajas Trostbotschaft, Gottes Offenbarung am Dornbusch und die johanneischen Ich-bin-Worte auf die jeweilige Situation hin zuspitzt und den Zuspruch formuliert. Indem er persönliche Nöte immer wieder anders aufnimmt, gelingt es ihm, nicht nur Zuversicht auszustrahlen, sondern durch das Lob Gottes als Ausdruck der Dankbarkeit auch zur Lebensbewältigung beizutragen, ohne abzuheben oder platt zu werden. Die Predigten wirken durch ihre einfache, abwechslungsreiche Sprache mit prägnanten Formulierungen, Zitaten, Wortspielen, Bildfeldern und bisweilen überraschenden Wendungen. Sie sind wohlbedacht ausgewählt, bieten kaum Wiederholungen, decken ein breites thematisches Spektrum ab. Sie zeigen, wie Schad „Theologie für das Leben“ nicht nur gelehrt betreibt, sondern auch praktisch predigt als „Plädoyer für eine aufmerksame Kirche“, wie der Untertitel seiner Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2023 lautet.

Beide Bände gehören zusammen, geht es doch um zwei Seiten derselben Sache. In der Predigt wird die Theologie praktisch und bewährt ihre Relevanz für das Leben. Umgekehrt wird die Predigt schriftgemäß und zeitgemäß durch das Hören auf das biblische Wort und das Wahrnehmen der aktuellen Situation. In der Predigt muss die Theologie auf den Punkt bringen können, worum es geht, wie auch die Predigt vom Nach-Denken und Reflektieren der biblischen Botschaft für die Gegenwart lebt. So bietet der Band vielfältige Anregungen für eine ebenso theologisch fundierte wie seelsorglich menschennahe Predigt, die stark macht im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

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Foto: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Ulrich Heckel

Dr. Ulrich Heckel ist Oberkirchenrat und Leiter des Dezernats Theologie, Gemeinde und weltweite Kirche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen.

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Unvoreingenommen

Unvoreingenommen

Über Jakob Böhme

Thomas R. Elßner: Jakob Böhme zur Einführung. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2025, 160 Seiten, Euro 24,–.

Angesichts des 400. Todestags und des 450. Geburtstags Jakob Böhmes (1575–1624) hätte man erwarten dürfen, dass die evangelische Theologie einen der vielleicht größten protestantischen Laienphilosophen neu ins Gespräch bringt. Doch war es erst der katholische Alttestamentler Thomas R. Elßner, der mit seiner Einführung nun eine theologische Auseinandersetzung vorlegt, die dem Rang dieses „Gotteswanderers im breiten Strombett des so genannten Geistchristentums“ (so Elßner) gerecht zu werden sucht.

Dass es dazu kam, ist ein Glücksfall – und mehr als ein Akt interkonfessioneller Gastfreundschaft in der katholischen Reihe „Theologie im Dialog“. Elßner bringt nicht nur einen theologisch unvoreingenommenen Blick mit, sondern auch ein – exegetisch geschultes – Gespür für die Quellen, die Böhmes Denken speisten. So bietet das Buch nicht bloß einen Nachvollzug von Böhmes Leben und Werk, sondern eine theologische Vermittlungsleistung, indem es den Leser in das Denken Böhmes einführt. Böhmes Lebensweg – von der Görlitzer Schusterwerkstatt zum Verfasser eines theosophischen Œuvres – wird von Elßner mit klarem Blick auf die lückenhafte Quellenlage entfaltet. Statt spekulativer Dramatisierung trifft man auf eine wohltuend zurückhaltende, um historische Plausibilität ringende Darstellung. Diese biografische Erdung ist Voraussetzung für den eigentlichen Schwerpunkt des Buches: die Darstellung von Böhmes Theologie.

Diese wird mit Nachdruck aus den Primärtexten entwickelt. Der Autor schärft Böhmes theologisches wie philosophisches Profil – in Abgrenzung von gängigen Etikettierungen, etwa als mystisch. „Für den Theo-Philosophen Böhme ist das Letzte und Tiefste nicht (wie für die Mystik) die Einheit, sondern der Gegensatz und die Zweiheit“, heißt es an zentraler Stelle. Leben sei für Böhme nur möglich, „wo der Gegensatz ist“ – und Gott sei „nur deshalb der offenbare Gott, weil er den Gegensatz in sich trägt, aus dem die Welt geworden ist“. Solche Einsichten offenbaren ein Denken, das – inspiriert von der Bibel ebenso wie von Kabbala und Naturphilosophie – in spezifischer Weise nach einer theologischen Deutung von Welt, Mensch und Gott strebt. In eigener Weise anregend sind jene Abschnitte, in denen Elßners alttestamentliche Expertise hervortritt. Wenn er etwa auf Böhmes Umgang mit Genesis-Texten oder auf dessen „Sophia“-Vorstellungen eingeht, geschieht dies nicht nur philologisch präzise, sondern theologisch ausdeutend – ein Gewinn für die Leserinnen und Leser, die sich auf einen existenziellen wie spekulativen Denker einlassen wollen.

Das Buch folgt einer klaren Struktur: Nach einem Auftakt über das Geburtsjahr 1575, das Elßner als „Zeitenwende“ deutet, folgt ein biografischer Teil, in dem prägende Gestalten wie Schwenckfeld, Kopernikus und Paracelsus ebenso behandelt werden wie Böhmes Konflikte in Görlitz. Die zentrale theologische Ausarbeitung beginnt mit der „Morgenröte im Aufgang“ und vollzieht sich über Böhmes „Theo-Philosophie“ und das „Mysterium Magnum“ bis hin zu einer Auseinandersetzung mit Böhmes Verhältnis zur Reformation – sowie einem bemerkenswerten Kapitel zu Böhmes Vorstellung der Androgynität Gottes. Ein Schlusskapitel gibt der Rezeptionsgeschichte Raum. Besonders instruktiv ist der Abschnitt zur DDR-Rezeption: Differenziert nach marxistischer, humanistischer und theologischer Lesart macht Elßner deutlich, wie unter den spezifischen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs in der DDR an Böhmes Denken angeknüpft wurde. Wünschenswert wäre, dass das sorgfältig ausgearbeitete Buch eine Folgeauflage erfährt – nicht nur, weil dies die Möglichkeit gäbe, vereinzelte Mängel in Lektorat und Satz auszubessern, sondern vor allem, weil Elßner hier einen Erschließungsweg eröffnet, dem weitere Schritte folgen sollten: ökumenisch offen, theologisch ambitioniert, geistlich inspirierend.

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Tilman Asmus Fischer

Tilman Asmus Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und schreibt als Journalist über Theologie, Politik und Gesellschaft

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Musizierend

Musizierend

Engel – eine Kulturgeschichte

Wolfgang W. Müller:  Musik der Engel. Schwabe Verlag, Basel 2024, 264 Seiten, Euro 28,–.

Nichts konnte den Engeln im Verlauf der Geschichte etwas anhaben. Es gibt sie seit vorchristlichen Zeiten und in allen drei abrahamitischen Religionen; den kurzen „Knick“ durch die Aufklärung haben sie, betrachtet man die heutige kulturelle Szene, gut weggesteckt. Mag die moderne Gesellschaft in Glaubensfragen auch immer indifferenter werden – das Interesse am religiösen Phänomen der Engel wächst. Erstaunlicherweise ist die Frage, warum Engel, wie so oft in der Kunst dargestellt, singen und musizieren, nie ernsthaft erörtert worden. Dem will der emeritierte Luzerner Theologe Wolfgang W. Müller mit dieser Studie abhelfen.

In Krisenzeiten gelten Engel als göttliche Beschützer und Helfer. Ihre wichtigere Funktion haben sie aber in den monotheistischen Religionen in der Verkündigung des göttlichen Gebots und im Lobpreis Gottes. Die Auffassungen reichten dabei von Engeln lediglich als Geisteswesen bis hin zu personalisierter Gestalt, oft ergänzt um eine – fast weltlich anmutende – Hierarchie mit vier Erzengeln an der Spitze.

Wo von Engeln gesprochen wird, ist von ihrem Gesang und ihrem Musizieren die Rede. Für den Autor zieht sich dieses Motiv durch alle Musikgattungen, Volkslied, Kunstlied, Kirchengesang, Chanson, Schlager, Oper, Musical, Chorwerke. Besonders habe sich das schon vor dem Christentum ausgedrückt in der Vorstellung von einer Sphärenmusik. Es ist ein besonders schönes Kapitel: Wolfgang W. Müller zitiert den antiken Philosophen Pythagoras, der eine kosmische Ordnung sah, manifestiert in der Musik, welche die Harmonie der kosmischen Ordnung prägt, und Zahlen, welche diese Ordnung bilden.

Gleichklang zwischen Himmel und Erde

Fast zwangsläufig wurde im Mittelalter Sphärenmusik zur Engelsmusik. Deren Musik lässt den Gleichklang zwischen Himmel und Erde ertönen; es ist die Weltharmonie, von der kein Geringerer als der – durchaus rationale – Astronom Johannes Kepler so fasziniert war, dass er seinem Hauptwerk den Titel Harmonice mundi gab.

Dass musizierende Engel in der Kunst quasi omnipräsent waren, dafür gibt die Renaissance zahllose Beispiele. Der Exzentriker Hieronymus Bosch hatte an dem gefallenen Engel und seiner Teufelsmusik besonderen Gefallen. Der Autor konstatiert, dass sich die heutige christliche Theologie gegenüber Engeln „sehr reserviert“ verhält. Allerdings hatte Luther, etwa im Abendsegen, ein ganz unmittelbares Verständnis („dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde“).

Engel in der Musik – das kann der Autor an zahlreichen Beispielen zeigen. Das Gloria und Sanctus der Messe gehen auf biblische Engelstexte zurück (Jesaja 6,1–3), ebenso später das Te Deum. Das Marienlob ist in Bachs Weihnachtsoratorium eng mit der Hirten- und Engelsmusik verbunden, wie überhaupt Engel in diesem Werk nahezu „zu Hause“ sind, nicht viel weniger in Haydns Schöpfung. Das 20. Jahrhundert kennt namentliche Bezüge in Alban Bergs Violinkonzert („Dem Andenken eines Engels“) und vor allem in Olivier Messiaens Oper Saint François d’Assise, der eine ausführliche Interpretation gilt, wonach mit Bezug auf Franziskus’ Sonnengesang die Engelsmusik zur kosmischen Harmonie wird.

Das ungemein gehaltvolle, trotz gelegentlich schwieriger Terminologie gut verständliche Buch bringt für jeden etwas: Der Theologe wird dem Engelsgedanken in den christlichen Religionen, im Judentum und im Islam folgen; der Musikfreund findet zahlreiche Beispiele für jubelnden wie für kontemplativen Engelsgesang, und der Philosoph wird, vielleicht mit Staunen, den antiken Naturphilosophen und dem gläubigen Aufklärer Johannes Kepler folgen.

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Very British

Very British

Acht Glocken und ein Toter

Dorothy L. Sayers:  Der Glocken Schlag. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024, 448 Seiten, Euro 22,–.

Die Engländerin Dorothy L. Sayers (1893–1957) war eine begabte Schriftstellerin. Und als Pfarrerstochter kannte sie sich in der anglikanischen „Kirche von England“ (CofE) aus. Beides wird in dem Krimi Der Glocken Schlag deutlich. Er spielt in einem kleinen Dorf in der englischen Region East Anglia. Und für die Lösung des Falls ist das in England übliche Wechselläuten (change ringing) der Kirchenglocken entscheidend. Dabei werden die Glocken jedes Mal in einer anderen Reihenfolge geläutet. Mit der Handlung des Krimis werden Glocken originell verknüpft.

Der Glocken Schlag ist der neunte Fall des Hobbydetektivs Lord Peter Wimsey. An einem Silvesterabend ist er, begleitet von seinem Butler, auf dem Weg zu Freunden in East Anglia. Doch bei dichtem Schneetreiben fährt Wimsey den Daimler in den Straßengraben. Die Dunkelheit erschwert den beiden Männern die Orientierung in der Moorlandschaft. Aber dann hören sie eine Kirchenglocke. Und der Lord ruft aus: „Wo eine Kirche ist, da ist Zivilisation.“ Er und der Butler werden von Pfarrer Theodore Venables und seiner Frau im Pfarrhaus von Fenchurch St. Paul aufgenommen und großzügig bewirtet. Dass sie ein Dienstmädchen und einen Gärtner beschäftigen (können), zeigt, dass Der Glocken Schlag 1934 veröffentlicht wurde. Mittlerweile hat die Kirche von England viele Dorfpfarrhäuser verkaufen müssen.

Pfarrer Venables begeistert sich für das Wechselläuten. So ist er überglücklich, dass Lord Wimsey für einen erkrankten Glöckner (bell ringer) einspringt. Nun können die acht Glocken des Kirchturms – wie geplant – von Mitternacht bis neun Uhr geläutet werden. Dorothy Sayers porträtiert die sieben Bell Ringers, vom 75-Jährigen, der seit 60 Jahren dieselbe Glocke läutet, bis zum „schüchternen Jüngling“, der das Wechselläuten noch lernt.

Spannung steigt

Bevor Lord Wimsey Fenchurch St. Paul verlässt, erfährt er noch, dass vor längerer Zeit bei der Familie Thorpe im Herrenhaus des Ortes eingebrochen und eine wertvolle Halskette gestohlen wurde. Und dieses Ereignis spielt im Verlauf des Krimis eine wichtige Rolle An Ostern schreibt Pfarrer Venables Lord Wimsey, man habe in Lady Thorpes Grab, als es für ihren Mann ausgehoben wurde, die entstellte Leiche eines Unbekannten entdeckt. Wimsey kehrt auf Bitte des Geistlichen nach Fenchurch St. Paul zurück und ermittelt in viele Richtungen.

Theodore Venables nimmt seine Pflicht ernst, als Pfarrer der CofE nicht nur für Anglikaner da zu sein. So hält er die Beerdigung des Toten, dessen Konfession natürlich ebenfalls unbekannt ist. In der Schilderung des Trauergottesdienstes zeigt Dorothy Sayers, dass sie sich mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat. Als in der Schriftlesung von der Auferstehung die Rede ist, fragt sich Lord Wimsey: „Glauben es alle die Leute hier? Glaube ich es? Glaubt’s überhaupt einer?“ Die Vernehmung von Zeugen und Verdächtigen geraten wie Wimseys Gespräche mit der Polizei etwas langatmig. Trotzdem steigt die Spannung. Und die Lösung des Falles überrascht.

Die Übersetzung aus dem Englischen ist gut – ausgenommen kirchliche Begriffe. So wird Church of England mit „Hochkirche“ übersetzt. Dabei wird so nur ein Flügel der CofE bezeichnet. Eine Dorfbewohnerin ist Nonconformist. Deutsche würden „Mitglied einer Freikirche“ (denn das ist gemeint) sicher besser verstehen als die wörtliche Übersetzung „Nonkonformistin“. Die Geistlichen der Kirche von England werden meist als Vicar bezeichnet. Aber die Übersetzung mit „Vikar“ ist falsch. Denn ein Vikar ist in den evangelischen Landeskirchen Deutschlands ein Geistlicher, der (wie ein Rechts- oder Studienreferendar) die praktische Berufsausbildung zwischen erstem und zweitem Examen durchläuft.

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