Einzigartige Menschenseele
Es ist mehr als angemessen, wenn die großartige politische Philosophin Hannah Arendt fünfzig Jahre nach ihrem Tod in Deutschland, wie auch in den USA und anderswo, geehrt wird.
Es ist mehr als angemessen, wenn die großartige politische Philosophin Hannah Arendt fünfzig Jahre nach ihrem Tod in Deutschland, wie auch in den USA und anderswo, geehrt wird.
Wilhelm Busch, der große Satiriker des menschlichen Alltags, verzichtet in seinen Geschichten nur selten auf ein Bett. Meistens liegt zwischen mächtig aufgetürmten Kissenbergen jemand, von dem man nur noch die Nasenspitze erkennen kann. Aber die wohlige Ruhe will sich nicht immer einstellen. Onkel Fritze wird im Schlaf gestört von den zwickenden Maikäfern, die ihm Max und Moritz in sein Bett gesetzt haben. Bei dem einen fängt die Nachtmütze Feuer, weil er die Kerze auf dem Nachttisch nicht gelöscht hat. Einem anderen wird immer wieder die Bettdecke weggezogen, denn diese ist mit einem Haken an einer Schnur befestigt, die in der Hand eines Störenfriedes endet. Wilhelm Busch kannte das Grundbedürfnis des Menschen: seine Sehnsucht nach Schlaf. Vielleicht hat er gerade deshalb so oft von den Störungen erzählt.
Mich interessieren aber nicht die vielfältigen Störungen und das schlechte Ein- oder Durchschlafen, auch nicht das Schlafwandeln und das Träumen. Ich denke mir: Wenn Gott für unser Leben den Schlaf geschaffen hat, dann wird er uns damit etwas offenbaren wollen. Meine Frau hat mir dazu vor kurzem zu neuen Einsichten verholfen. Kauf doch mal einen Tee, nach dem man noch gut schlafen kann, gab sie mir mit auf den Weg. Ich fand mich also vor dem Teeregal in einem Supermarkt ein. Das Angebot überwältigte mich. Hier nur einige Namen von den Schlaftees: Innere Ruhe, Träum schön, Besser Einschlafen, Ruhiger Abend, Gelassenheit, Entschleunigung, Sternenleuchten. Offensichtlich wünschen wir uns eine Welt, in der jeder Mensch ganz bei sich sein kann. Das war meine Erkenntnis am Teeregal.
Fünf Erfahrungen
Weil wir schlafen können, wissen wir auch, was Heilsein ist. Mir fallen fünf heilsame Erfahrungen des Schlafes ein. Die erste ist das Abstandnehmen von den Sorgen: Du hast heute genug getan, jetzt darfst du dir etwas Ruhe gönnen. Zweitens sind wir im Schlaf auf die Fürsorge anderer angewiesen: Du kannst darauf vertrauen, dass die Dinge auch ohne dich gut weitergehen. Der Schlaf ist drittens ein Zustand der Schutzlosigkeit: Du darfst akzeptieren, dass du keine Macht mehr über dein Tun hast. Das ist lebenserhaltend, weil es deine Kräfte schont. Viertens lehrt die Erfahrung des Schlafes, dass lediglich in einem Zustand der Kraftlosigkeit die Befreiung von allen Nöten und Herausforderungen geschehen kann. Deshalb ist der Ratschlag, eine Nacht über eine Entscheidung zu schlafen, wirklich gut. Und schließlich ist fünftens das Aufwachen eine heilsame Erfahrung. Ein neuer Beginn! Der adventliche Ruf „Wachet auf!“ gehört also auch zum heilsamen Schlaf dazu. Wir wollen nicht einfach wegdämmern, sondern uns den Aufgaben stellen.
Abstand nehmen, Fürsorge erfahren, Schutzlosigkeit akzeptieren, befreiende Kraftlosigkeit, Aufwachen: Das sind auch die Lebenserfahrungen Jesu Christi auf seinem Weg zum Heil für die Menschen. Das Sein bei Gott ist ein Sein in Ruhe und Geborgenheit. Da wir das bereits jetzt in einem guten Schlaf erleben können, ist das ein Hinweis auf die Zuwendung Gottes. Vielleicht hat Gott den Schlaf geschaffen, um uns Menschen jeden Tag darauf aufmerksam zu machen, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als die, die wir mit unserem Verstand und mit unseren Kräften kontrollieren können.
Offenbarung nach Rückwärts
Das bringt mich noch auf einen weiteren Gedanken. Im Schlaf befinden wir uns in einem Zustand wie vor unserer Geburt. So mancher glaubt an ein Leben „nach dem Tod“ und hofft auf ein paradiesisches Jenseits. Aber es gibt auch ein jenseitiges Davor, ein „vor dem Leben“. Kein Mensch kann sich an die Zeit vor seiner Geburt erinnern, obwohl er doch dabei war. Wir können uns das aber vorstellen wie einen wohligen Schlaf. Vielleicht ist es so: Jeder lebt immer schon bei Gott, und dann tritt der Herr auf ihn zu und sagt: „Ich brauche dich. Komm mit, werde Mensch!“ So beginnt jedes menschliche Sein: Durch das Angesprochen- und Herausgerufenwerden zum lebendigen Dasein, durch das Heranwachsen in einer Mutter, um dann nach und nach auf eigenen Füßen zu stehen und in eine eigene Existenz zu gehen. Das wird uns durch die Wirklichkeit des Schlafes geoffenbart. Das ist eine Offenbarung nach rückwärts, auf unseren Anfang in Ruhe und Geborgenheit.
Dazu gibt es die schöne Legende von den Siebenschläfern. Die sieben Männer können sich vor der Verfolgung retten, indem sie sich verbergen und in einen tiefen Schlaf fallen. Nach ihrer Rettung erklären sie: „Wir lebten, und wie das Kind im Mutterleib keinen Schaden spürt und lebt, so lagen auch wir und lebten und schliefen, und spürten nichts.“
Liegen – schlafen – nichts spüren: Wenn wir schlafen, gehen die Geschäfte der Welt weiter. Das weist uns auf unseren eigenen Tod hin. Dorthin gehen wir. Aber der Schlaf ist zugleich auch der Zustand einer erfüllten Zeit. Das erinnert uns an das Sein bei Gott, an das Leben im Paradies. Von dorther kommen wir.
Benno Haunhorst ist Oberstudiendirektor i.R. aus Hildesheim.
"Kraftwerk Gottes“ – es dauerte nicht lange, da hatte die Berliner Schnauze einen Spitznamen für die evangelische Kirche am Hohenzollernplatz im Stadtteil Wilmersdor
Am ersten Weihnachtstag kamen die einen Großeltern, am zweiten die anderen. So war das bei uns in der Familie. Aus einer anfänglichen Gewohnheit wurde es im Laufe der Jahre zu einer geliebten Tradition. Und an Traditionen sind die Weihnachtstage bekanntlich so reich wie keine andere Zeit im Jahr. Das blieb selbst dann so, als es für unsere Großeltern zunehmend schwieriger wurde, die jeweiligen Reisen auf sich zu nehmen. Aber sie kamen. Als einer unserer Opas recht früh gestorben war, kam die Oma allein. Verlässlich. Und wir Enkel freuten uns. Auch als wir schon fast erwachsen waren.
Unsere Großeltern waren kostbar für mein Leben. Und sie sind es bis heute, die einen wie die anderen. Obwohl – oder gerade, weil? – sie kaum unterschiedlicher hätten sein können. Schon früh habe ich begriffen, wie sehr die Erfahrungen, die ein Mensch macht, sein Leben und sein Wesen prägen. Die Eltern meines Vaters stammten aus Litauen und aus dem damals ostpreußischen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, das zu Russland gehört. Während mein Opa im Zweiten Weltkrieg bei der Marine war, machte sich meine Oma im Januar 1945 mit ihren beiden jüngeren Söhnen von Königsberg aus auf die Flucht. Der älteste Sohn war als 17-Jähriger an die Front geschickt worden und kam nie wieder. Meine Oma hat diesen Verlust nie verwunden. Die Flucht war elend, eine Zeit jämmerlichen Frierens und quälenden Hungers, eine Zeit voller Läuse und Flöhe und Todeserfahrungen. Die Flucht dauerte lang, nach zwei Jahren Internierungslager in Dänemark schließlich die Ankunft bei Verwandten in Hanau. Gott sei Dank kam auch der Opa unversehrt dorthin. Als Stempel blieb der Familie: „Flüchtlinge aus dem Osten“. Diesen Stempel wurden sie gefühlt nie wieder los.
Geschichten liefen mit
Die Eltern meiner Mutter stammten beide aus Fabrikantenfamilien, die seit Generationen in einer kleinen südwestfälischen Stadt lebten. Der großväterliche Betrieb mit etlichen Angestellten konnte im Zweiten Weltkrieg kaum weiterlaufen, alle arbeitsfähigen Männer – auch mein Opa – mussten an die Front. Der Alltag zu Hause wurde währenddessen von den Frauen gemeistert. Meine Oma bekam im Krieg ihr drittes Kind; sie sorgte für das stattliche Haus, in dem die Familie lebte. Die Soldaten, die für kürzere oder längere Zeit dort einquartiert waren, hinterließen ihre Spuren. Gute Spuren – und auch schlimme. Auch hier kam der Opa äußerlich heil aus dem Krieg zurück. Aber seine Seele hatte Schaden genommen – und nachdem meine Oma über Jahre alles allein geregelt hatte, wurde in der Beziehung der beiden nichts mehr wie zuvor.
Es waren unsere Omas, die erzählten. Gott sei Dank haben sie erzählt. Und wenn die Großeltern dann kamen – am ersten Weihnachtstag die einen, am zweiten Weihnachtstag die anderen –, und wenn ich dann staunte über ihre Unterschiedlichkeit, liefen ihre Geschichten mit. Gott gebe, dass da immer Großeltern sind, die ihren Enkeln erzählen – in Israel und in Palästina, in der Ukraine und in Russland, im Sudan und in Afghanistan. Und dass da immer Enkel sind, die zuhören und sich niemals abfinden mit Krieg und Flucht und Unrecht. Solange bleibt die Hoffnung wach.
Annette Kurschus ist Pfarrerin in den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und Herausgeberin von zeitzeichen.
Welche Rollen spielen heute die Großeltern im Familiengefüge? Was hat sich verändert gegenüber früher? Welche Gedanken schießen einem durch den Kopf, wenn man plötzlich Opa wird? Und was findet man heraus, wenn man über die Vergangenheit der eigenen Großeltern forscht? Familienfreuden und Familienbande und was die Wissenschaft sagt – ein Schwerpunkt für alle Generationen kurz vor Weihnachten.
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Das Geschenk war ein Schock, wenn auch ein absolut schöner.
Oma ist die Frömmste. Dass dies immer so stimmt, lässt sich zwar bezweifeln.
Enkel – ein Segen!
Hiob 42,16; Psalm 128,6; Psalm 145,4; Sprüche 17,6; Lukas 1,48
Die Szene war filmreif: Etwa 1995, mein Großvater („Opi“ genannt) war schon etwa zehn Jahre tot, saß ich neben meiner Großmutter in ihrem gemütlichen „Büro“ ihres Bonner
Eva-Marie Kessler (* 1976) ist Prorektorin für Gerontopsychologie an der MSB Medical School Berlin. Sie hat dort eine Professur für Gerontopsychologie inne und leitet als Psychologische Psychotherapeutin die dortige Hochschulambulanz „Psychotherapie im Alter“. Sie war Mitglied der Neunten Altersberichtskommission der Bundesregierung, die Anfang 2025 einen Bericht zur Lage der älteren
Generation in der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt hat.