Doch die Seele?
Habermas kurzes Votum in der Festschrift für seinen Schüler Thomas M. Schmidt hat in der theologischen Landschaft erwartbarer Weise einiges an Aufsehen erregt.
Habermas kurzes Votum in der Festschrift für seinen Schüler Thomas M. Schmidt hat in der theologischen Landschaft erwartbarer Weise einiges an Aufsehen erregt.
Ich gestehe: Ich bin ein Fan von Marktwirtschaft. Dass Menschen mit ihren Kaufentscheidungen eine Nachfrage generieren, die dann von Produzentinnen, Dienstleistern und Handel befriedigt wird, finde ich ein geniales Konzept. Wie von einer „unsichtbaren Hand" geleitet, finden sich Angebot und Nachfrage zusammen und sorgen so für die Befriedigung unserer Bedürfnisse.
Natürlich hat die Marktwirtschaft ihre Grenzen. Manche Menschen können ihre Interessen nicht per Nachfrage vorbringen, Kinder zum Beispiel oder Menschen mit seltenen Krankheiten, an denen sich das Forschen nicht lohnt. Auch die Angebots-Seite hat ihre Tücken, etwa dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind und erhöhte Nachfrage deshalb in manchen Belangen kein größeres Angebot erzeugen kann.
Geld statt Sympathie
Aber dort, wo Marktwirtschaft funktioniert, ist sie prima. Sie ist neutral, denn sie behandelt alle „Marktteilnehmer*innen" gleich. Sie sorgt dafür, dass ich im Geschäft meine Brötchen bekomme, egal ob der Bäcker mich mag oder nicht. Ich muss nicht nett sein, um meine Interessen zu vertreten, ich muss nur Geld haben.
Es ist daher nichts prinzipiell dagegen einzuwenden, auch sozialpolitische Steuerungen nach marktwirtschaftlichen Prinzipien vorzunehmen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert etwa, die Ausgaben der Krankenkassen mithilfe einer „Kontaktgebühr" zu senken. Drei, vier Euro pro Arztbesuch, so die Idee, senkt den Wunsch, eine Praxis aufzusuchen. Ähnlich argumentiert Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer: Er will die Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen ebenfalls dadurch senken, dass sie teurer werden, nämlich durch höhere Eigenanteile.
Spürbar und sozial verträglich?
Gassen und Reinhardt argumentieren, dass die Nachfrage in Deutschland höher sei als in anderen Ländern – wir gehen im Schnitt zehnmal im Jahr zum Arzt, die Menschen in anderen europäischen Ländern nur 6,6-mal. Es scheint also einen gewissen Entscheidungsspielraum zu geben, und nicht jeder Gang in die Praxis ist wirklich notwendig.
Leider wird die Lösung trotzdem nicht funktionieren. Zurecht weist Ärztepräsident Reinhardt darauf hin, dass Eigenbeteiligungen und Gebühren „spürbar" sein müssen, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Eine Zuzahlung im Cent-Bereich wird niemanden vom Arztbesuch abhalten. Gleichzeitig müssen die Kosten aber „sozial verträglich gestaltet werden, damit niemand überfordert wird", wie sein Kollege Gassen sagt. Nur ist es leider vollkommen unmöglich, einen Betrag zu finden, der beides ist – sowohl spürbar als auch sozial verträglich. Vier Euro Praxisgebühr oder zwanzig Euro Zuzahlung pro Krankenhaustag sind für die einen Peanuts, für die anderen eine ganz erhebliche Ausgabe.
Utopie aus dem 19.Jahrhundert
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Marktwirtschaft in Gesellschaften, die von Ungleichheit geprägt sind, Fehlanreize schafft. Unter den gegebenen Umständen würden Gebühren auf medizinische Leistungen nicht bewirken, dass Menschen nur noch bei wichtigen Anliegen zum Arzt gehen und überflüssige Maßnahmen einsparen. Sondern es wäre eher so, dass ärmere Menschen selbst dann nicht zum Arzt gehen, wenn sie wirklich krank sind, während Bessergestellte sich womöglich auch noch berechtigt fühlen, mit kleinsten Wehwehchen die Kapazitäten zu verstopfen – schließlich haben sie dafür bezahlt.
Was aber wäre die Alternative? Eine interessante Utopie findet sich in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert: Edward Bellamys „Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887". Er entwirft darin eine utopische Gesellschaft, in der alle denselben Betrag für ihren Lebensunterhalt bekommen. Die ökonomische Aktivität des Marktes spiegelt also exakt den Willen der Bevölkerung wider.
Jenseits des Konsums
Aber, werden die Anhänger liberaler Wirtschaftstheorien nun einwenden: Was ist mit den Anreizen? Würden nicht alle nur noch auf der faulen Haut liegen, wenn jeder dasselbe bekommt? Keineswegs. Denn es gibt in Bellamys Konzept durchaus Leistungsanreize, sie liegen nur nicht auf der Seite des Konsums, sondern auf der der Arbeit. So besteht für alle Erwachsenen bis zu einem gewissen Alter Arbeitszwang. Und je begehrter die eigene Arbeitskraft ist, desto freier kann das Arbeitsleben gestaltet werden. Statt einen zugewiesenen Arbeitsplatz in der Fabrik anzunehmen kann ich mich zum Beispiel als Pfarrerin oder Journalistin selbstständig machen, vorausgesetzt es gibt genug Menschen, die dafür einen Teil ihrer Konsumkredite aufwenden und mich so von der allgemeinen Arbeitspflicht „freikaufen“. Im Übrigen ist die tägliche Pflicht-Stundenzahl in wenig beliebten Berufen niedriger als in begehrten Berufen. Der Markt regelt eben, ganz konsequent.
Was allerdings in Bellamys Utopie nicht möglich ist, das ist die Anhäufung von Vermögen und damit die Akkumulation von ökonomischer Macht. Konsum dient ausschließlich der Befriedigung von Bedürfnissen und der Erfüllung von Wünschen, nicht dem Status oder der Angeberei: Wenn ich einen Porsche fahre, wissen alle, dass ich dafür an anderer Stelle verzichtet haben muss. Kein Grund also, neidisch zu werden.
Glückliche Menschen
Die Menschen in Bellamys Roman sind glücklich, denn sie haben die perfekte Marktwirtschaft gefunden. Die Grundlage für eine stabile Demokratie. Für eine Welt, in der die Politik einfache und gerechte Möglichkeiten zur Verfügung hat, um gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Sinne des Allgemeinwohls zu gestalten. Höhere Eigenanteile im Gesundheitswesen wären dort genauso wenig ein Problem wie andere monetäre Steuerungselemente - vom Parkzettel über Theaterpreise bis zum Deutschlandticket.
Aber in unserer Welt, in der die einen immer mehr Geld zur Verfügung haben und die anderen immer weniger, funktioniert das leider nicht. Unsere Marktwirtschaft ist kaputt.
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.
Es gibt Texte, die zum Nachdenken anregen. Klaas Huizings Der unsterbliche Leib gehört zu ihnen.
In seinem Artikel über die „Jahrhundertdenkerin Hannah Arendt“ konstatiert Wolfgang Huber, dass diese über die Kirchen nur selten ge
Als spätliberaler Theologe mit verdämmerndem calvinistischem Hintergrund habe ich meinen Vorlesungszyklus über Glaubenslehre als Lebenslehre über mehr als zehn Jahre lang mit Vorliebe im Sommersemester gehalten, weil das Sommersemester durch die Pfingsttage den Kurs um eine Woche verschlankte. So kam ich nur bis zur Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) und konnte die Studierenden zur Frage nach den letzten Dingen (Eschatologie) auf das nächste Semester vertrösten. Das eschatologische Büro blieb, wie der liberale Theologe Ernst Troeltsch so herrlich süffisant sagte, geschlossen. Ich habe es wieder aufgesperrt. Drei Erfahrungen motivierten zum Neustart.
Auftrag an die Theologie
Jenes von Jürgen Habermas nicht eben schmale, sondern leicht adipöses Spätwerk »Auch eine Geschichte der Philosophie« hat mir eine Verlusterfahrung spürbar gemacht. Habermas Diagnose lautet: Im Verhältnis von Glauben und Wissen habe sich „seit dem 17. Jahrhundert zunehmend ein säkulares Selbstverständnis durchgesetzt. Diese Abkoppelung vom religiösen Komplex hat in erster Linie zwei, auch voneinander abhängige Konsequenzen: Zum einen verliert die praktische Philosophie die Rückendeckung durch die normative Autorität einer rettenden Gerechtigkeit; zum anderen stellt sich mit der Loslösung der theoretischen Arbeit und des theoretischen Welt- und Selbstverständnisses vom Ritus, das heißt von der sozialintegrativen Quelle der liturgischen Gemeindepraxis die Frage, was die Umstellung der religiösen auf eine vernunftrechtliche Legitimation der Herrschaft für die moderne Form der gesellschaftlichen Integration der Gesellschaft bedeutet.“
In einem jüngst ergangenen Weckruf von Habermas, den er in einem knappen Grußwort in einer Festschrift zu Ehren des Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt vorgetragen hat, erwartet er von der Theologie eine inhaltlich bestimmte Hoffnung, die sich auf die „Glückseligkeit einer alles Innerweltliche transzendierenden Erfüllung“ (so Habermas) richtet, ohne in einen „Erlösungsnarzißmus“ abzudriften. (Siehe auch die FAZ vom 11.10.2025). Habermas erhofft sich von der Theologie nicht länger verkürzend nur eine präsentische, also innerweltliche Transzendenzeröffnung, sondern eine konsequent futurische Eschatologie. Weil Habermas strikt zwischen Wissen und Glauben unterscheidet, lautet der Subtext: Die immanente Transzendenz als präsentische Eschatologie lässt sich von der Philosophie und anderen Geisteswissenschaften kompetent bearbeiten, die strikt futurische Eschatologie verspricht dagegen ein Surplus, sofern dieses Surplus übersetzbar bleibt und damit die Kommunikation erweitert. Hier habe die Theologie endlich zu liefern, bitteschön.
Das Paradies hat Konjunktur
Eine zweite Erfahrung blieb nachhaltig in meinem Gedächtnis. In meiner Vorlesung zur Leib-Anthropologie für alle Hörerinnen und Hörer der humanistischen Fakultät, stellte ich eher spontan einmal die Frage, als ich über Geburt und Tod sprach, wer von den Studierenden erwarte, dass mit dem Tod nicht alles aus sei. Ich hatte mit wenigen Meldungen gerechnet und war bass erstaunt, dass sich etwa 90 Prozent der Studierenden meldeten. Es wurde ein intensives, wildes und zugleich humorvolles Gespräch. Angeboten wurde: Wiedergeburt, mind-uploading, Avatar, digitale Unsterblichkeit, Transhumanismus, Einfrierung (Kryonik), aber in der überwiegenden Mehrzahl blieb es bei traditionellen religiösen Vorstellungen, das Paradies hatte wieder Konjunktur.
Vertreterinnen und Vertreter der Paradies-Vorstellung plädierten mehrheitlich für die Idee eines Gerichtes, ihr Gerechtigkeitsgefühl erlaubte nur dann der Idee der Auferstehung aller Menschen oder einer Unsterblichkeit aller Seelen zuzustimmen. Unterm Strich: Eine für mich enorm wichtige Erfahrung. Als Lehrender darf man nicht Diskussionslagen der eigenen Generation für überzeitlich halten. Die Studierenden der Generation Harry Potter und Stranger Things hatten nicht mein Problem! Ich aber hatte jetzt ein Problem. Eine strikt futurische Eschatologie! Ist das eine veritables Modell für die Gegenwart, um finale Gerechtigkeit zu bebildern?
Götter als Gefühle
Den Griff zum Schlüssel des eschatologischen Büros motivierte schließlich eine ausufernde Leseerfahrung. Mein Mastermind ist der Kieler Leibphänomenologe Hermann Schmitz, der ein mächtiges, zehnbändiges Werk: System der Philosophie publizierte, das über Jahrzehnte wenig Beachtung fand, inzwischen nachhaltig breit rezipiert wird. Aufregend ist: Hermann Schmitz endet sein System der Philosophie mit Paragrafen zur Eschatologie. In diesem Projekt der Spätmoderne kommt Schmitz ohne einen traditionellen Theismus aus. Weil Schmitz Götter als andrängende Gefühlsmächte oder Atmosphären versteht, ist er ein möglicher Diskussionspartner auch für nicht-monotheistische Religionen, er kennt aber auch eine quasi-monotheistische Aufgipfelung der Gefühlsmächte in der Gefühlsmacht der Liebe.
Schmitz versucht mit seinem Werkzeugkasten zwei mögliche Erscheinungsformen des Ewigen als Gedankenexperiment zu erkunden: Die Auferstehung und die Unsterblichkeit des Leibes. Nicht die Unsterblichkeit der Seele, denn für die Seele ist im System von Schmitz kein Platz. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert seien die Gefühlsmächte, so Schmitz, ins Innere des Menschen verlagert und die Seele als innere, seltsam ortlose Instanz installiert worden, um sich gegen die von außen andrängenden Gefühlsmächte zu stabilisieren. Für Schmitz der erste skandalöse Schritt einer Abschottung gegen affektive Betreffbarkeit und zugleich Start der langen Geschichte der Leibfeindlichkeit.
Gespräch mit Paulus
Schmitz, der sich religionsphänomenologisch bei Rudolf Otto, dem Bestseller-Autor über das Heilige, einsortiert, lädt sehr häufig auch Paulus zum Gespräch ein, auch deshalb, weil er bei Paulus noch Anklänge an die alte homerische Anthropologie zu entdecken glaubt. Schmitz ist dem biblischen Paulus auch in der Idee eines Geistleibs gefolgt und zwar in der Variante der Unsterblichkeit des spürenden Leibes. Die Frage, die Schmitz sich stellt, ist: Kann der spürende Leib, der sehr viel weiter reicht als der Körper, vollständig aus dem Körper ausreisen? Als Leibphänomenologe erkundet er etwa den Phantomschmerz.
In dieser Frage sind Schmitz auch enge Freunde nicht gefolgt. Selbst der Philosoph Gernot Böhme, der zur Urbanisierung der Philosophie von Hermann Schmitz kräftig beigetragen hat, verweigert sich ihm in dieser Frage ganz entschieden und entrüstet. „Es ist bemerkenswert, dass selbst ein Leibphilosoph wie Hermann Schmitz der Versuchung nicht widerstehen konnte, Argumente für eine mögliche Unsterblichkeit des Menschen zu konstruieren.“ Die entsprechende Stelle im System der Philosophie heißt: „Was den Tod überdauert, kann nicht die Seele sein, denn die gibt es nicht, wohl aber der spürende Leib, der weder sicht- und tastbarer Körper ist, noch ausdehnungs- und ortlose Seele. Da sogar einzeln abgespaltene Leibesinseln z. B. als Phantomglieder, ohne entsprechende Körperteile auskommen, ist nicht einzusehen, warum für den Leib im Ganzen an seinem absoluten Ort nicht etwas Entsprechendes in Frage kommen sollte.“
Ausreisende Blicke
Gegen das Beispiel der Phantomglieder wendet Böhme ein: „Die Denkfigur ist hier nicht anders als bei Descartes, der aus der selbständigen Denkbarkeit der res cogitans auf die selbständige Existenz der res cogitans schloss, nur dass bei Schmitz statt des Denkens das leibliche Spüren den Absprung für seine Schlüsse sichert. Es rächt sich hier, dass Schmitz seine Philosophie des Leibes nicht als Philosophie der Natur, die wir selbst sind, versteht. Auch die Erfahrung von Phantomgliedern, mag sie noch so unabhängig von den entsprechenden Gliedern sein, ist nicht schlechthin vom Körper unabhängig. Es wird von dieser Erfahrung nicht viel übrigbleiben, wenn man die Reizleitungen von den Gliedstümpfen zum Gehirn kappt.“
Die Debatte ist weiter offen. Ich zitiere sie, um deutlich zu machen, wie Schmitz versucht Phänomene zu beschreiben, die an jene Grenze führen, ab der die Philosophie nicht länger die Religion ersetzen kann – eben das definitive Ausreisen des spürenden Leibes aus dem Körper. Erwähnen will ich einen anderen Versuch, wenn Schmitz etwa den Blick – in vielen Phänomenologien von Rang (Sartre, Levinas, Böhme, Pelluchon) ein zentrales Phänomen der Begegnung – als Argument in den Ring wirft. Und in Tat: Blicke können aus dem Körper ausreisen und bei einem Gegenüber im spürenden Leib präsent bleiben. So können etwa Blickgeschichten als „solidarische Einleibung“ (Schmitz) in meinem spürenden Leib in großer Nähe eingeschrieben bleiben. Aber auch „antagonistische Einleibungen“ (Schmitz), dann, wenn in einem Blickduell Machtkämpfe oder Statusehrgeiz ausgefochten werden, können Spuren zeitigen. Und selbstredend: Möglich sind auch Pathologien, Blicke, die in antagonistischer Einleibung wie Speere abgeschossen werden und verwunden. Blicke können töten. Viel Arbeit für eine Phänomenologie leiblicher Kommunikation.
Reshaming-Prozesse zur Läuterung
Mehr als Gedankenexperimente kann die Phänomenologie an dieser Stelle nicht anbieten, um das eigentliche Gebiet einer futurischen Eschatologie zu eröffnen. Ich lese Schmitz‘ Leibphilosophie – seine Phänomenologie des spürenden Leibes, der bei funktionierenden Resonanzachsen sehr weit reicht – als Versuch, annähernd Wahrnehmungen zu beschreiben, die Paulus für die Ewigkeit versprach. Der spürende Leib ist ein Vorgeschmack auf den paulinischen Geistleib (soma pneumatikon). Die Leib-Phänomenologie von Hermann Schmitz ist eine Wahrnehmungslehre, die zu einem großen Sprung einlädt, um für die rettende Gerechtigkeit einen nichtobjektivierbaren Raum zu eröffnen. Schmitz schafft es, den traditionellen Vorstellungen von Auferstehung und Unsterblichkeit der Seele eine dritte Möglichkeit hinzuzufügen: die Unsterblichkeit des spürenden Leibes. Der unsterbliche spürende Leib ist die Bedingung dafür, aus den Festschreibungen und Objektivierungen durch Dritte in der Lebenswelt befreit zu werden.
Und das Gericht? Schmitz deutet sie als Charakterläuterung. Ich spreche lieber von Reshaming-Prozessen an einem Un-Ort, an dem die Atmosphäre der Liebe herrscht: Von den Opfern mit Taten, auch Gräuel-Taten konfrontiert, setzt bei den Tätern ein Schamprozess ein, der zu einer finalen Korrektur des Charakters führt und den Opfern hilft, zu verzeihen. Als Bildspender dient mir an dieser Stelle die u.a. von Bischof Tutu inszenierte und geleitete Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Ende der Apartheit in Südafrika.
Für Schmitz war das eschatologische Büro offen, aber vielleicht nicht immer mit Fachkräften besetzt. Und die Theologie? Sie macht, mit philosophischer Unterstützung, ein neues Denkangebot, um die Idee der rettenden Gerechtigkeit wieder denkwürdig zu machen. Die Hoffnung hat erneut einen denkwürdigen Inhalt. Der Himmel ist eine rettende Idee. Das beste Ergebnis.
Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.
Wir leben in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach einem möglichst langen und leidfreien Leben zu einem dominanten kulturellen Ideal geworden ist.
Eckart Löhr ist freier Publizist mit den Schwerpunkten Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft. Zuletzt veröffentlichte er im Oekom Verlag das Buch Die Würde der Natur. Plädoyer für einen radikalen Perspektivenwechsel.
Nein, eine weibliche Ausgabe von Ebenezer Scrooge bin ich nicht. Aber der geizige Geldverleiher aus Dickens Geschichte „A Christmas Carol“ und ich haben tatsächlich eine Gemeinsamkeit: ein gestörtes Verhältnis zu Weihnachtsfeiern. Bei Scrooge hat sich das dann dank der geballten Anstrengung von allerlei Geistern und übernatürlichen Kräften komplett gedreht. Da sich bei mir in den letzten Tagen keine Gespenster persönlich gemeldet haben, bleibe ich bei meiner Haltung. Ich bin ein Weihnachtsfeier-Muffel.
Weihnachtliches Rolemodel
Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen Christi Geburt. Auch nichts gegen Gottesdienste am Heiligen Abend. Schließlich bin ich eine fromme Seele und kann eine Menge damit anfangen, dass Gott Mensch wurde und damit die Weltverhältnisse auf den Kopf gestellt hat. Ich habe allerdings etwas gegen die Macht eingefahrener Vorstellungen zur idealen Weihnachtsfeier, die – aller Kirchenfeindlichkeit zum Trotz – immer noch unsere Gesellschaft dominieren. Im 21. Jahrhundert in der Bundesrepublik muss man sich eher rechtfertigen, wenn man noch Mitglied in der Kirche ist. Man muss es aber fast noch mehr verteidigen, wenn man Familienfeiern unterm Weihnachtsbaum alles andere als erstrebenswert findet. Selbst als Atheist. Ungläubige haben Jahresendzeitfiguren und Erzgebirgekrippen mit Jägern und Hirten statt mit Engeln. Aber feiern tun sie auch.
Interessanterweise hat Charles Dickens mit „A Christmas Carol“ ein Rolemodel für die Weihnachtsfeier an sich erschaffen und zugleich ein Rolemodel des Weihnachtsmuffels, der, klar, was sonst, geizig, fies und hartherzig ist. Dickens Novelle ist die - nach der Bibel – meistverbreitete Weihnachtsgeschichte. Gegen diese literarische Übermacht hat es jeder Weihnachtsfeiermuffel schwer. Wer Familienzusammenkünfte unterm Weihnachtsbaum mit Kerzen, Weihnachtsmusik, Glöckchen, Geschenken, deftigem Essen und glücklichen Kinderaugen nicht erstrebenswert findet, hat ein Problem. Finden jedenfalls die meisten.
Eine Kerze ist okay
Ich finde, ich hätte ein Problem mit einer solchen Feier. Nicht ohne sie. Doch das muss ich immer wieder erklären. Denn die Leute halten Weihnachtsfeier-Muffel sofort für eingefleischte Eigenbrötler, vereinsamt und unglücklich. Das bin ich alles nicht. Ich habe aus für mich guten Gründen einfach keine Lust auf Weihnachtsfeiern. Ich will auch nicht der Weihnachts-Feier-Crasher sein und abends auf Halli-Galli mit der Giordano-Bruno-Gesellschaft machen. Ich will nicht auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik feiern. Oder in Thailand so tun, als gäbe es das Fest gar nicht. Ich bin, ganz schlicht, lieber für mich an den Feiertagen. Oder sehr gerne mit meinem Liebsten. Na gut: Eine Kerze ist auch okay.
Nur eines gehört für mich unbedingt dazu an den Feiertagen: Der Gottesdienst mit anderen Christenmenschen, die frohe Botschaft der Weihnachtsgeschichte und das gemeinsam gesungene „O du fröhliche“. Und, ganz klar: Das Weihnachtsoratorium! Jauchzet, frohlocket! Diese Musik spannt sich für mich in überragender theologischer und musikalischer Größe und Tiefe über die Festtage bis ins Neue Jahr und den Dreikönigstag hinein. Wer braucht mehr, wenn er das hat? Mir ist das jedenfalls genug.
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.
Ein schlimmes Los ist heutzutage der plötzliche Verlust des Smartphones. Jedenfalls, wenn man sich für Mr. Wichtig hält, es aber in fast 30 Jahren nicht schafft, die rund tausend Kontaktdaten im Smartphone zu sichern. Ich gestehe: Unzählige Male griff ich schon panisch an Brust- oder Gesäßtasche und dachte: „Oh Gott, wo ist mein Smartphone?“ Zum Glück war es immer da – bis auf einmal, aber das war in der Vor-Smartphone-Ära mit etwa knapp 80 gespeicherten Kontakten. Die waren schnell wieder eingetragen.
Neulich jedoch, ich kam im Hotel an, packte aus – wieder dieser Schreck: „Wo ist es?“ Weg! – „In welchem Zug könnte es mir aus der Tasche gefallen sein?“ Keine Ahnung … oder hatte ich es in der Lounge am Bahnhof liegen gelassen? Ich raste zurück, rein in die S-Bahn, raus aus der S-Bahn, und stand nach 20 Minuten wieder dort in der Lounge – und da lag es,
unschuldig auf dem Tisch und immer noch vor derselben eifrig beschäftigten Dame, mein zerschlissenes Smartphone mit über 1 000 Kontakten. Die Welt hatte mich wieder. Halleluja!
Kurz darauf durfte ich mich sogar in einer prominenten Andachtsstätte darüber ausbreiten – ein idealer Einstieg in den Paulus-Vers „Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht schauen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare …“
Aber dann dies: Vier Tage später war dann mein Smartphone wirklich weg. Diesmal wohl im vorweihnachtlichen Gedränge in Hamburg gestohlen. Eine schlaflose Nacht folgte, nicht wegen des alten Geräts, sondern wegen der verlorenen Kontakte. Warum hatte ich sie nicht … Und dann die Erlösung in den frühen Morgenstunden: Unbemerkt hatten sich über Jahre alle meine Kontakte auf meinem parallel genutzten Tablet gesammelt, sie auf das neu gekaufte Smartphone zu übertragen, war ein Klacks. Auch waren binnen weniger Stunden alle Fotos und Apps wieder da, woher auch immer. Wunderbare neue Welt – oder, wie meine Tochter seufzen würde: „Ach, Papa …“
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.