Verschwiegen

Theorie der Militärseelsorge

Militärseelsorge ist selten Thema der Praktischen Theologie. Daher ist diese Dissertation wichtig. Niklas Peuckmann verfasste sie an der Universität Bochum, nachdem er 2015 einige Monate in der Militärseelsorge hospitiert hatte. Ihr Titel In kritischer Solidarität nimmt den Titel eines Vortrags des Militärdekans Dirck Ackermann vom Kirchenamt für die Bundeswehr 2014 in Tübingen auf. Im Rückgriff auf Georg Pichts Ansatz aus den 1960er-Jahren empfahl er der evangelischen Militärseelsorge „kritische Solidarität“ als Leitbegriff. Großzügig gefördert durch die EKD und die evangelische Militärseelsorge, ist ein Beitrag zur Verortung der Militärseelsorge in der Theologie mit der These entstanden, Militärseelsorge sei ethisch sensible professionelle Individual- und Gruppenseelsorge in der Lebenswelt Bundeswehr – sensibel im Blick auf Raum und Religion.

Methodisch geht Niklas Peuckmann nicht empirisch, sondern literaturgestützt vor. Er wirft einen kritischen Blick auf die Militärseelsorge. Er kritisiert, dass der theoretischen Wertschätzung des Lebenskundlichen Unterrichts (LKU) in der Praxis eine „faktische Geringschätzung“ gegenüberstünde, da die zwei Pflichtstunden LKU im Monat, auf die jeder Soldat Anspruch habe, von den Militärgeistlichen nicht flächendeckend erteilt würden. So hätten die hundert evangelischen Standortgeistlichen zum Beispiel 2009 nur für ungefähr 15 000 Soldaten LKU erteilt, obwohl angeblich mehr als fünfzig Prozent der Arbeitszeit von Militärgeistlichen auf den LKU entfielen. Anstatt auf digitale Kanäle auszuweichen, seien während der Corona-Pandemie phasenweise alle LKU-Stunden ersatzlos ausgefallen.

Der LKU sei kein Religionsunterricht, aber verpflichtende berufsethische Bildung. Im Militärseelsorgevertrag komme der LKU nicht vor. Peuckmann erklärt zwar Details, wie zum Beispiel das Y als Kfz-Kennzeichen für Bundeswehrfahrzeuge, aber ob es schriftliche Dienstaufträge für die hundert evangelischen Standortpfarrämter gibt, in denen die wöchentlichen LKU-Deputate vereinbart sind, erfährt man nicht. Inzwischen gäbe es in der Bundeswehr Überlegungen zu einem eigenen Ethikunterricht: „Es steht zu befürchten, dass sich die Bundeswehr mit diesem Unterricht selbstständig und ohne äußere Einflüsse um ihre ethische Bildung kümmern möchte.“

Neben seiner Kritik zeigt sich Peuckmann solidarisch mit dem Alleingang der evangelischen Militärseelsorge: Die Hauptamtlichkeit des evangelischen Militärbischofs sei notwendige Folge der Professionalisierung der Militärseelsorge, obwohl die katholische und die jüdische Militärseelsorge bewusst an der Nebenamtlichkeit von Militärbischof und Militärbundesrabbiner festhalten.

Problematisch wirken Peuckmanns Einlassungen, die das Beichtgeheimnis gefährden. Einerseits mahnt er die Militärgeistlichen, „Rollenklarheit zu behalten und nicht christlicher Kamerad sein zu wollen, sondern Seelsorger zu bleiben“. Andererseits seien Sozialdienst, Sanitätsdienst, psychologischer Dienst der Bundeswehr und die Militärseelsorge Teil des psychosozialen Netzwerkes in der Bundeswehr. Peuckmann sieht zwar das damit gegebene Risiko der Instrumentalisierung der Seelsorgenden durch Gruppendynamik im System Bundeswehr, aber er macht dennoch ein höchst fragwürdiges Zugeständnis: „Will die Militärseelsorge konstruktiv in den multifunktionalen Teams mitarbeiten, wird sie sich an die vorherrschenden Dynamiken anpassen müssen. Damit droht die Unabhängigkeit der Seelsorge ausgehöhlt zu werden.“

Das Buch ist zu empfehlen für die, die am Selbstbild der Militärseelsorge Interesse haben und sich der Grenzen solcher Forschungen bewusst sind. Sehr gut ist die Benennung einzelner neuralgischer Punkte.

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