Verzerrter Blick

Warum die Kritik am kirchlichen Klimaschutz ihr Ziel verfehlt
Der damalige Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)  auf der "Fridays for Future"-Demo am 24.09.2021.
Foto: epd
Der damalige Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf der "Fridays for Future"-Demo am 24.09.2021.

Die von Günter Thomas formulierte Kritik an der kirchlichen Klimaschutzbewegung leidet an verzerrter Wahrnehmung, meint zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch. Doch weil es tatsächlich um mehr geht als um Klimaschutzprogramme, versucht er, den Blick zu weiten.

Droht eine Öko-Diktatur? Eine grüne RAF? Eine evangelische Kirche, die sich mit schuldig macht und Demokratie und Freiheit für den Klimaschutz opfert? Erneut hat der der Bochumer Systematiker Günter Thomas ausgeteilt gegen die Klimaschutzbewegungen und ihre Unterstützer in der evangelischen Kirche, gegen das Bild von Schöpfung, das sie zeichnen und gegen die Rolle der Kirche, die auf dem Weg zur Moralagentur sei. Günter Thomas treibt offenbar weniger die Sorge um die Folgen der Erderwärmung als die Angst vor einer Kirche, die nichts Originäres mehr zu verkünden hat. Mit provokanten Formulierungen ruft er zur Debatte. Doch sein Blick ist verzerrt, was eine Diskussion erschweren dürfte. Deshalb hier der Versuch einer Entzerrung.

Erste Verzerrung: Die heraufziehende Öko-Diktatur

Die Angst vor einer kommenden Öko-Diktatur scheint groß zu sein bei Günter Thomas. Er sieht eine grüne RAF auf dem Weg und mit ihr den Terror, für den auch die Kirche mitverantwortlich sein wird. Er rechnet damit, dass Sozialstaat und medizinische Versorgung dem Klimaschutz zumindest zum Opfer fallen, und fragt diejenigen, die grundsätzliche Fragen an unser Wirtschaftssystem stellen, wieviel Antisemitismus in ihnen steckt.

Hinter diesen Provokationen steht ein verzerrter Blick auf eine Bewegung, die für konsequenteren Klimaschutz eintritt. Ein Ziel, das ausdrücklich vom Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom April 2021 mit Verweis auf die Freiheit der kommenden Generationen gestützt wurde und das auf den unterschiedlichsten demokratisch legitimierten politischen Ebenen verfolgt wird. Von Diktatur kann keine Rede sein. Dass das Thema wieder auf  der Tagesordnung ist, ist unter anderem den endlich gehörten Warnungen der Klimawissenschaftler geschuldet und der Friday-for-Future-Bewegung. Sie handelt auch aus eigener Betroffenheit. Denn anders als Ü-50-Menschen, wie zum Beispiel der Autor dieser Zeilen, werden sie und ihre Kinder die Folgen des Klimawandels deutlicher zu spüren bekommen, als wir es uns trotz aller zunehmenden Extremwetter vorstellen können. Sie werden mit den medizinischen Herausforderungen (Hitzetote, Ausweitung der Tropenkrankheiten usw.) ebenso zu kämpfen haben wie mit den sozialen Verwerfungen, die ein solcher Prozess mit sich bringt – weil wir zu wenig für den Klimaschutz getan haben.

Ihnen nun zu unterstellen, dass sie den Sozialstaat und die medizinische Versorgung abbauen wollen (Thomas bleibt hier wie an anderen Stellen einen Beleg schuldig), kommt einer Täter-Opfer-Umkehr nahe. Und ihnen dann noch fragend Antisemitismus zu unterstellen (den es in linksradikalen, rechtsradikalen und auch bürgerlichen Welten ohne Zweifel gibt, was aber nichts mit Klimaschutz zu tun hat) und damit ihre Anfragen an unser Wirtschaftssystem abzuwürgen, ist unlauter. In seiner verzerrten Sicht übersieht Günter Thomas, was die Bewegungen zu Hungerstreiks, Sekundenkleber und Blockaden treibt: Die Angst vor der Zukunft und die Sorge, dass die Generation, die es verbockt hat, sie damit allein lässt. Thomas schreibt: „Ohne Zweifel aufziehen wird die politisch unfruchtbare Alternative: Gewaltbereitschaft oder Resignation.“ Keine Hoffnung auf Veränderung durch demokratische Prozesse, Einsicht in wissenschaftliche Erkenntnisse, kluge Politik? Thomas scheint nicht viel vom Menschen zu erwarten.

Aber zugegeben:  Eine weitere Radikalisierung ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, wenn die letzte Generation, die noch das Schlimmste verhindern kann, den Eindruck bekommt, dass es außer ihr keiner will.  Es ist gut, wenn evangelische Christenmenschen dem entgegentreten, Solidarität und Engagement zeigen und so ein Zeugnis ihrer Hoffnung abgeben. Womit wir bei der nächsten Verzerrung wären.

Zweite Verzerrung: Die ökoheilige Kirche

Nur zur Erinnerung: Die Gliedkirchen der EKD haben über viele Jahre ihre eigenen Klimaschutzziele nicht erreicht, was aber lange Zeit niemanden so recht aufgeregt hat. Klimaschutzpläne galten in den östlichen Landeskirchen als realitätsfern, nicht bezahlbar und standen unter EKD-Zentralismus-Verdacht. Aber auch zum Beispiel die bayerische Landeskirche hat sich bei dem Thema sehr viel Zeit gelassen. Von „Öko-Heiligkeit“ kann man da nur schwer reden. Mittlerweile behandeln die meisten Landeskirchen das Thema angesichts der unübersehbaren Folgen des Klimawandels auch in unseren Breiten jedoch mit höherer Priorität.  Im vergangenen Jahr hat auch die EKD-Synode noch einmal eine neue Initiative für eine Roadmap zur Klimaneutralität im Jahr 2035 gestartet, auf der kommenden Synode im November sollen Details verabschiedet werden.

Für Günter Thomas ist das aber nicht einfach der Versuch, es besser zu machen als bisher, sondern „Katholizismus pur“: „Die Organisation selbst ist die ökomoralisch Heilige. Sie soll die ökologisch Reine und vom CO2-Abdruck Unbefleckte werden.“ Statt sich um die institutionellen Emissionen zu kümmern, solle sie sich lieber „den ökologischen Umstellungsproblemen ihrer 2,3 Millionen Mitglieder mit geschätzten 800.000 Haushalten annehmen.“ Was genau würde das bedeuten? Seine Provokation, dass die leitenden Geistlichen lieber mit alten Benzinern fahren sollten, als mit E-Autos zu posieren, enthält den Verweis auf den wichtigen evangelischen Glaubensgrundsatz, dass der Mensch nicht durch Werke gerecht wird, sondern nur durch den Glauben allein. Wer wollte das bestreiten? Und wen nervt moralisches Pharisäertum nicht, gerade wenn die eigene (Klima)-Bilanz eher schlecht ist? Selbstverständlich ist auch: Nächstenliebe hängt nicht am CO2-Verbrauch, Gott hat auch die SUV-Fahrer und Vielflieger lieb.

Aber kann denn die Konsequenz daraus sein, sich dem Sünder-Sein hinzugeben, die Welt in die Klimaapokalypse fallen zu lassen und allein auf Gottes Gnade zu hoffen? Bleiben da nicht wichtige Talente im Acker liegen? Sind Christenmenschen nicht durch Gnade und Glauben befreit zum zeugnishaften Handeln? Sind sie nicht aufgerufen zum möglichst pfleglichen Umgang mit der Schöpfung? Warum sollte das nicht auch für die Institution Kirche gelten? Sie soll ja weder rein noch heilig werden, sondern nur klimatechnisch sauberer. Und dabei auch auf Technik setzen.

Dritte Verzerrung: Die Romantik der Schöpfungstheologie

Denn ein weiteres Zerrbild, das Günther Thomas zeichnet, ist ja die angeblich „unausweichliche Fusion von Verzichtsethik und Technikskepsis“ in den Klimaschutzbewegungen. Dabei sind Solarkraftwerke und Windanlagen, mobilfunkgestütztes Mobilitätssharing, CO2-neutral produzierter Stahl, virtuelle Kraftwerke zur Steuerung von vielen kleinen echten Blockheizkraftwerken in privaten Kellern und Anlagen, die Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre zurückholen alles andere als Bullerbü. Die Generation Greta weiß das und nutzt Technik, von der Britta und Inga keine Ahnung hatten. Aber sie ist skeptisch, wenn die Technik das Nachdenken darüber ersetzen soll, ob wir nicht auch anders wirtschaften und leben können, auf manches verzichten können, um anderes zu bekommen. Oder, volkswirtschaftlich gesprochen, welche Art von Wachstum wir anstreben und welche Mechanismen es gibt, die noch vorhandenen Ressourcen gerecht zu verteilen. Darüber darf und muss gestritten werden.

Vor allem den Mitchristen unter der Klimaschützerinnen oder Schöpfungsbewahrern wirft Günter Thomas noch eine andere Form der Romantik vor, die er schon in seinem letzten Mehrteiler vor knapp einem Jahr an den Pranger stellte: „Die Blühwiesenromantik“, die Schöpfung als grundsätzlich gut und harmonisch darstelle und den Kampf, Tod und die Bedrohung ausblende, die Teil der Schöpfung sind. Darauf reagierten damals ausführlich auf dieser Website etwa Jan-Peter Grevel, Jörg Herrmann oder Wolfgang Schürger. Deren Meinung muss man natürlich nicht teilen, aber wer an einer Debatte wirklich interessiert ist, sollte doch zumindest auf die Reaktionen reagieren. Es würde auch zeigen, dass Thomas durchaus wahrnimmt, dass das Feld der Schöpfungstheologie größer ist, als die zitierte Abschlusserklärung einer Tagung und – bei aller Ehrfurcht vor den großen Namen – Jürgen Moltmann und Dorothee Sölle. Es gibt durchaus aktuellere Ansätze, einige davon finden sich in diesem Sammelband oder auch bei dem Münchener Sozialethiker Markus Vogt. Und im Übrigen auch bei einem, den Günter Thomas noch nicht mal beim Namen nennen mag und ihn nur einen Pfarrer nennt, „der bei Extinction Rebellion mitmacht“: Thomas Zeitler, der hier einen Aufschlag für eine aktuelle Klimatheologie formuliert hat.  Nochmal: Man muss all diesen nicht zustimmen, aber im Interesse einer fruchtbaren Debatte doch zumindest respektvoll wahrnehmen und benennen.

So würde aus dem Zerrbild eine differenziertere Darstellung, die Ausgangspunkt sein kann für eine wertvolle und wertschätzende Debatte über das, was die evangelische Kirche zu sagen hat in diesen krisenreichen Zeiten und welchen Gott sie verkündet. Ist Gott Teil der Schöpfung oder außerhalb? Ist Gott allmächtig oder eine Kraft von vielen, die den Menschen braucht, um zu wirken? Lebt Gott in uns, durch uns oder extra nos? Hat sich Gott in Jesus offenbart oder bleibt er der verborgene Gott, dem man auch zutrauen muss, Viren und Extremwetter auf uns zu werfen? Müssen wir Gott vor allem fürchten und vor seiner Schöpfung und unseren Mitmenschen vor allem Angst haben? Oder dürfen wir vertrauen, lieben und hoffen? Auch der theologische Laie, der diese Zeilen schreibt, versteht: Es geht in dieser Debatte tatsächlich um mehr, als um den Klimaschutz und die Kirche. Es wäre wichtig, sie ernsthaft und respektvoll zu führen.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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