Lesevergnügen

Erstaunliches Bekenntnis

Für Sibylle Knauss gibt es keinen Zweifel: „Ich bin sicher, dass die Erzählung vom Leiden und Kreuzestod Jesu das größte Narrativ auf Erden ist und dass es seine Auferstehung einschließt. Ein Narrativ, das nicht anders als das Wort Gottes verstanden werden kann, an uns gerichtet.“ Das schreibt sie in ihrem neuen Buch Der Glaube, die Kirche und ich. Ein erstaunliches Bekenntnis, denn das Leben der Schriftstellerin war nicht geprägt von einem geraden Glaubensweg ohne Abzweigungen und Abwege. Ja, die Großmutter hatte sie in frühen Jahren an die christlichen Rituale und biblischen Geschichten herangeführt (das Abendgebet ist ein „Oma-Ding“), und ja, sie hat evangelische Theologie auf Lehramt studiert und danach etliche Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Trotzdem gab es irgendwann eine Entfremdung: von den Inhalten und von der Institution Kirche. Was bis zum Austritt führte. Der ist allerdings längst revidiert. Vermutlich, weil es in der Familie der Autorin, wie sie einräumt, ein „dünnes Rinnsal der christlichen Überlieferung“ gab, das den Weg durch die Generationen gefunden hat.

Einem breiten Publikum bekannt ist die 1944 im westfälischen Unna geborene Sibylle Knauss durch ihr recht umfangreiches literarisches Werk. Bereits ihr erster Roman Ach Elise oder Lieben ist ein einsames Geschäft, die Lebensgeschichte der Geliebten von Friedrich Hebbel, wurde 1982 mit dem Preis der Neuen Literarischen Gesellschaft in Hamburg ausgezeichnet. Ihre zahlreichen Werke werden in ihrer Leserschaft vor allem wegen der gelungenen Verknüpfung historischer Hintergründe mit persönlichen Lebensgeschichten geschätzt. Als ihr Lieblingsbuch bezeichnet Knauss ihren Roman Die Missionarin. Er handelt von einer pietistisch-frommen jungen Frau, die in die Südsee reist, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Vorbild dieser Figur ist die Großtante der Schriftstellerin.

Auch in anderen Romanen kommen Fragen des Glaubens zum Tragen. Nun aber hat sich Sibylle Knauss an ein ganz neues Genre herangewagt und damit ein wirklich lesenswertes Buch vorgelegt. Man könnte – auch angesichts von fast acht Jahrzehnten, auf die die Autorin mittlerweile zurückblickt – von einer Art religiöser Lebensbilanz sprechen, die sich vor allem durch einen unverstellten, undogmatischen und unverkrampften Blick auf den christlichen Glauben in Geschichte und Gegenwart auszeichnet. Die Grundfragen des Buches: Was ist mein Bild von Gott? Was ist die Botschaft Jesu? Was hat diese Botschaft mit mir zu tun? Und wie gut wird sie von der Kirche vertreten – einer Institution, die Menschen, die sich entscheiden, ihr den Rücken zu kehren, einfach so ziehen lässt? Da gibt es Reflexionen zu biblischen Geschichten ebenso wie das Hadern über schlechte Predigten und kirchliche Floskeln, Gedanken über die Sünde ebenso wie über das ewige Leben und eine Art persönlicher Christologie.

Was Sibylle Knauss schreibt, ist wohlüberlegt und theologisch begründet. Und dabei gleichzeitig sehr privat. Das macht den Reiz des Buches aus. Ihren schriftstellerischen Erfahrungen und ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit dem geschriebenen Wort dürfte indes zu verdanken sein, dass das Buch im Vergleich zu vielen anderen nicht-wissenschaftlichen Publikationen zu Glaube, Theologie und Kirche ein echtes Lesevergnügen darstellt. Auch dann, wenn man vielleicht nicht mit allem, was sie schreibt, einverstanden ist.

Einverstanden sein aber kann man mit ihrem Fazit: dass reine Lehren auch in Glaubensfragen gefährlich sind, weil sie Religion in Ideologie verwandeln. Was sie dagegen lobt, sind der „gebrochene Glaube“, die „religiöse Nonchalance“, „die es nicht so genau nimmt“, und der Glaubenshumor. In der Tat: Vor allem von Letzteren könnten evangelische Christinnen und Christen manchmal etwas mehr gebrauchen.

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