Klimaschutz mit Konto und Kredit

Gespräch mit Astrid Herrmann von der Evangelischen Bank über Chancen der Nachhaltigkeit in der Finanzbranche
Nachhaltige Geldanlagen sind im vergangenen Jahr exponentiell gewachsen.
Foto: picture alliance/Bianca Schaalbu
Nachhaltige Geldanlagen sind im vergangenen Jahr exponentiell gewachsen.

zeitzeichen: Frau Dr. Herrmann, die Evangelische Bank setzt in ihrer Strategie sehr auf Nachhaltigkeit. Inwiefern betrifft mich das Thema als möglicher Kunde Ihrer Bank, etwa beim Eröffnen eines Kontos oder bei der Geldanlage?

ASTRID HERRMANN: Beginnen wir beim Girokonto. Wir errechnen zurzeit im Rahmen eines Projektes, wie groß der CO2-Fußabdruck eines durchschnittlichen Girokontos ist, der durch das Rechenzentrum, den Papierverbrauch et cetera entsteht. Wir haben uns entschieden, den gesamten Fußabdruck zu kompensieren. Zudem bieten wir künftig unter anderem ausschließlich Karten aus ökologisch optimiertem Material an. Und für die Geldanlage haben wir nur Produkte im Angebot, die auf ihre Nachhaltigkeit geprüft sind.

Was ist, wenn ich einen Kredit aufnehmen will? Spielt das Thema dann auch eine Rolle?

ASTRID HERRMANN: Ja, zum einen, weil wir eine Negativliste haben mit Geschäftsfeldern, an die wir keine Kredite vergeben, zum Beispiel Gentechnik. Zum anderen erstellen wir gerade Positivlisten, in denen wir festlegen, was wir gerne fördern wollen, insbesondere im Immobilienbereich.

Die Immobilienfinanzierung ist ja ein zentrales Geschäftsfeld, etwa wenn ein diakonischer Träger eines Pflegeheims einen Neubau plant. Wie würden Nachhaltigkeitskriterien dann Ihre Kreditvergabe beeinflussen?

ASTRID HERRMANN: Im Rahmen der Beratung setzen wir uns intensiv mit den Immobilien und den Investitionsvorhaben auseinander. Demnächst werden wir auch hier den CO2-Fußabdruck und darauf aufbauend die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels ermitteln. Wir unterstützen unsere Kunden bei der Konzeption möglicher Baumaßnahmen, die im ersten Schritt den CO2-Verbrauch und die Energiekos­ten senken. Hier sind sehr konkrete Lösungsansätze erforderlich.

Wird der Kredit billiger, wenn das Haus energieeffizienter ist?

ASTRID HERRMANN: Aktuell noch nicht immer. Andersherum würde dies ja bedeuten, dass ein Kredit teurer wird, wenn das Haus einen geringeren Standard hat – und auch dies ist bislang eher ein Zukunftsszenario. Zurzeit finden sich Investitionen in die Energieeffizienz auch noch nicht in den Refinanzierungssätzen der Kostenträger wieder. Beispielsweise zahlen Pflegeversicherungen nicht mehr oder weniger, je nachdem wie gut das Haus gedämmt ist. Zudem werden die Energiekosten üblicherweise direkt auf die Patienten umgelegt, so dass der Immobilienbesitzer keinen unmittelbaren Mehrwert, sondern eher finanzielle Nachteile aus der Investition hat. Hier muss der Gesetzgeber unbedingt noch nachschärfen. Die Refinanzierungssätze der Kostenträger sollen ausdrücklich auch getätigte Investitionen fördern, und es müssen konkrete Anreize für Energiesenkungsmaßnahmen geschaffen werden. Nachhaltigkeit gibt es nicht zum Nulltarif.

Aber wäre nicht gerade dann ein Bonus-Malus-System sinnvoll? Wenn der Kredit billiger wird, könnte der jeweilige Betreiber der Pflegeinrichtung doch darüber Geld sparen.

ASTRID HERRMANN: Wir arbeiten an einem solchen System und wollen das im Laufe des nächsten Jahres einführen. Es wird eng verbunden sein mit einer Energieberatung, die wir schon jetzt über unsere Tochter, die EB Consult, anbieten. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber bis dahin Veränderungen initiiert, damit klimafreundliches Bauen in diesem Bereich erleichtert und eine Gegenfinanzierung aus den Einnahmen möglich wird.

Ein anderes Feld, in dem gerade politisch mächtig gerungen wird, sind die Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsstandards, kurz ESG genannt. Was bedeutet das zum Beispiel für Ihre Geldanlagepolitik?

ASTRID HERRMANN: Das sind wichtige Kriterien bei der nachhaltigen Geldanlage, die über die klassische ökonomisch geprägte Unternehmens-perspektive hinausgehen. Und sie spielen eine Rolle bei der Entwicklung und Auswahl unserer Geldanlageprodukte. Aber hier geht es nicht mehr nur um Kriterien oder Standards, die eingehalten werden müssen, sondern das „Impact Investing“ rückt in den Vordergrund, also die Frage: Welchen messbaren ökologischen oder sozialen Einfluss hat meine Investition?

Bei der Ökologie kann ich mir das vorstellen, aber wie misst man den sozialen Einfluss einer Investition?

ASTRID HERRMANN: Das ist komplexer, und die Berechnungsmodelle sind auch noch in der Entwicklung. Es geht um Arbeitsstandards, um Menschenrechte, um die Frage, ob Arbeitsplätze oder auch Pflegeplätze oder Krankenhauskapazitäten geschaffen werden und wie diese auch auf eine Region wirken. Es ist ja ein Unterschied, ob Sie ein Krankenhaus in Brandenburg oder im Ruhrgebiet betreiben. Wir berücksichtigen das und haben ein entsprechendes Analyse-Tool für die Gesundheits- und Sozialbranche entwickelt.

Gibt es dafür schon ein einheitliches System, vergleichbar den Standards zur klassischen Unternehmensbilanz?

ASTRID HERRMANN: Die große Matrix bilden die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals (SDGs)). Aber einen einheitlichen Standard der Berichterstattung gibt es noch nicht.

Welche Rolle spielt die EU-Taxonomie in diesem Zusammenhang?

ASTRID HERRMANN: Die soll zumindest für die EU festlegen, was als nachhaltig gilt, zunächst ökologisch, später dann auch sozial. Das wird in Zukunft Planungssicherheit für Unternehmen und Politik bringen. Von daher ist das ein sehr richtungsweisendes Vorhaben.

Wie beurteilen Sie die Pläne, Gas und Atomenergie in der Taxonomie als positiv zu berücksichtigen?

ASTRID HERRMANN: Das EU-Parlament hat diese Pläne Anfang Juli als umweltverträglich gebilligt. Gas kann als fossiler Energieträger aus unserer Sicht bestenfalls noch eine Brückentechnologie sein. Bei der Atomkraft sind zu viele Fragen wie etwa Sicherheits- oder Endlagerthemen nach wie vor ungelöst. In der zukünftigen Wirtschaft sollten diese beiden Technologien von gestern keine Rolle mehr spielen.

Haben Sie versucht, auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen?

ASTRID HERRMANN: Wir haben als Mitglied im Arbeitskreis kirchlicher Investoren (AKI) vor der entscheidenden Abstimmung einen Brief an Europaabgeordnete geschickt und auch über Social Media unsere Position deutlich gemacht. Leider hat die Mehrheit der Abgeordneten anders entschieden. Nun besteht die Gefahr, dass die Taxonomie „Greenwashing“ von Finanzprodukten befördert, statt es zu vermeiden.

Wie weit ist die Finanzbranche auf dem Weg zu Nachhaltigkeit? Welche Rolle können die vergleichsweise kleinen Kirchenbanken hier spielen?

ASTRID HERRMANN: Nachhaltigkeit ist in allen Geschäftssegmenten ein zunehmend wichtiges Thema. Die nachhaltigen Geldanlagen sind im vergangenen Jahr exponentiell gewachsen und umfassen nun 9,4 Prozent des gesamten Marktes. Wir sind wie auch andere Kirchenbanken seit vielen Jahren in diesem Sektor aktiv und spielen in diesem Markt eine wichtige Rolle, gerade auch mit Blick auf unsere Glaubwürdigkeit. Nachhaltigkeit ist Teil unseres Selbstverständnisses aus unserer christlichen Tradition heraus.

Wie viele Emissionen verbraucht die Evangelische Bank pro Jahr? Gibt es ein Reduktionsziel?

ASTRID HERRMANN: 2021 lagen unsere Scope-1- und 2-Emissionen etwa bei 470 Tonnen CO2-Äquivalenten im Jahr. Für 2030 haben wir uns das Ziel von maximal 300 Tonnen gesetzt, was unserem ermittelten 1,5-Grad-Pfad entspräche. Im Moment liegen wir im Plan und hoffen, unser Ziel sogar unterschreiten zu können.

Hat der Krieg in der Ukraine Auswirkungen auf Ihr Geschäft?

ASTRID HERRMANN: Der Krieg hat unmittelbare Auswirkungen auf die Ertragslage auch unserer Kunden. Im Hinblick auf die erheblichen Preissteigerungen in vielen Segmenten sind Investitionen, die langfristig geplant werden, schwer zu kalkulieren. Vor diesem Hintergrund ist ein Teil unserer Kunden in der Investitionstätigkeit eher verhalten und abwartend, was sich auch in unserem Kredit- und Anlagegeschäft widerspiegelt. Im Eigenanlagegeschäft berücksichtigen wir die Entwicklung, indem wir unser Engagement in Russland so weit wie möglich reduziert haben. Grundsätzlich hat der Krieg unsere Haltung und unsere Anlagestrategien aber nicht verändert. Beispielsweise sind Rüstungskonzerne weiterhin ausgeschlossen.

 

Das Interview führte Stephan Kosch am 28. Juni 2022 via zoom.
 

Die Evangelische Bank (EB) hat für den 12. und 13. September 2022 namhafte Wissenschaftler:innen,Politiker:innen, Praktiker:innen und Visionär:innen zum „LebensWert-Treff“ nach Berlin eingeladen. Dazu zählen unter anderem Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Edgar Franke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, der Mediziner und Ökonom Stefan Brunnhuber, Mitglied des Club of Rome
und Ärztlicher Direktor der Diakonie Kliniken in Sachsen,  Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Antje Schneeweiß, Leiterin der Arbeitsgruppe Soziales der EU Platform on Sustainable Finance, und viele weitere Expert:innen. Weitere Informationen und einen Link zur Anmeldung finden Sie hier.


 

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Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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