Peripherie als Chance

Verantwortung statt Versorgung - Reprise
Foto: privat

Der Skandal um die frühere RBB-Intendantin Patricia Schlesinger lässt unseren "z(w)eitzeichen"-Kolumnisten über die Rollenverteilung in der Kirche nachdenken. Sein Fazit: Die evangelische Kirche hat ein Peripherie-Zentrum-Problem.

In der aktuellen Ausgabe der zeitzeichen schreibt der Hochschullehrer, Rechtsanwalt und Synodale der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) Bernd Schlüter über notwendige Reformen in der evangelischen Kirche in Deutschland. Vieles, was er von Verantwortlichkeit, Professionalisierung und Standards schreibt, kann ich sofort unterschreiben. Es geht dabei um Prinzipien der good governance für die Kirche.

Über seinem Artikel steht die Überschrift: „Verantwortung statt Versorgung“. Gegen Verantwortungsübernahme der handelnden Haupt- und Ehrenamtlichen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Schlüter spricht systemische Hinderungsgründe wie das Missverhältnis zwischen Hauptamtlichen (Pfarrer:innen) und Ehrenamtlichen in den Synoden an, das sich nicht aus Quoren ergibt, sondern aus unterschiedlichen Professionalisierungs-, Kenntnis- und Erfahrungsgraden. Allzu sehr müssen sich die Synodalen in der evangelischen Kirche auf allen Ebenen einzig auf die Information und „freundliche Anleitung“ durch die Kirchenämter verlassen. Wie kann eine wirksame Kontrolle dieser eigentlichen Exekutive funktionieren, wenn diese im Extremfall allein bestimmt, was „nach Draußen“, die eigenen Synodalen, geht?

Richtig Bauchschmerzen bekomme ich allerdings beim zweiten großen Wort der Überschrift: Versorgung. Damit ist einmal mehr die Abdeckung „der Fläche“ gemeint. Ich verstehe unter „Fläche“ die Kontaktpunkte, die haupt- und nebenamtliche Kirchenleute zu Menschen pflegen, die nicht bei der Kirche beschäftigt sind. Mithin alle analogen und digitalen Kirchorte, an denen Menschen ihren Glauben leben, in temporärer oder verbindlicher Gemeinschaft.

Der Fläche verpflichtet

Es ist die Stärke der evangelischen Landeskirchen, dass sie sich dieser Fläche im Grunde verpflichtet sieht. Auch die Alten in jenen ländlichen Räumen des Landes, die schon wegen des demographischen Wandels und mangelnder Migration keinen Bevölkerungszuwachs erwarten dürfen, können sich bisher darauf verlassen und müssen es auch in Zukunft können, dass ihre Kirche „da“ ist: Dass Kranke und Sterbende begleitet, Verstorbene bestattet und Gemeinschaft erhalten wird, wo es geht. Das Argument, ausgerechnet dafür wäre in den Kassen der Kirchen „kein Geld mehr da“, die mit zwei- oder dreistelligen Millionensummen pro Jahr haushalten, überzeugt mich nicht.

In den vergangenen Tagen zieht es ganz heftig in Berlin und Brandenburg. Ein riesiger Skandal hat sich im gemeinsamen öffentlich-rechtlichen Rundfunk der beiden Bundesländer aufgetan, der tiefer reicht als die Raffgier einer Intendantin. Wie auch die Kirche ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Mega-System unserer Gesellschaft, in dem die Verwaltung den eigentlichen Auftrag zu verdrängen droht. Beim RBB füllen die „Freien“ und „festen Freien“ zu 90 % das Programm, das die Hörer:innen, Zuschauer:innen und Leser:innen aus Funk und Fernsehen sowie dem Internet kennen. Festangestellt sind im wichtigsten Medienhaus der Region Verwaltungs- und Führungskräfte.

Es braucht wenig Fantasie, um Ähnliches auch für die Zukunft der Kirchen zu befürchten: In der Fläche rackern sich Ehrenamtliche, Honorarkräfte (Guter Hinweis im Schlüter-Text!) und Nebenberufler:innen die Hacken ab. Sie werden von Pfarrer:innen unterstützt, betreut und angeleitet, die entweder als Überzeugungstäter:innen oder Übriggebliebene ihren Dienst tun, während sich auf bequemeren und „hochwertigen“ Stellen im Zentrum der Kirche andere mit der Verwaltung des Niedergangs befassen, mit Stellenplänen, Reformpapieren und Mitgliedschaftsuntersuchungen – und ja, auch mit redundanten Erprobungen.

Andere Bilder

Die evangelische Kirche hat ein Peripherie-Zentrum-Problem, das sich nicht allein darin erschöpft, dass es zu viele „Zentren“ gibt, an denen Menschen den im Grunde gleichen Problemen Herr werden wollen.

Auf einem digitalen Diskussionsabend beim Magazin für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“ (https://eulemagazin.de) in dieser Woche empfahl die württembergische Theologin Viola Schrenk, die im Frühjahr 2022 für den Posten der Landesbischöfin ihrer Kirche kandidierte und als Studieninspektorin am Evangelischen Stift in Tübingen arbeitet, der Kirche, andere biblische Bilder zur Selbstbeschreibung zu nutzen.

Statt Bildern, die Wachstum und Aufbau evozieren, oder gar nautischen Metaphern, die unbewusst doch das Bild von starken Kapitän:innen reproduzieren, die das Boot in den sicheren Hafen steuern, empfiehlt sie ein anderes Bildprogramm. Auch das Peripherie-Zentrum-Problem verdient es, „bebibelt“ zu werden.

Ich denke da an Jesaja 8. „Das Volk, das im Finstern wandelt“, werden wir in wenigen Sätzen, die direkt vor der bekannten, zu jedem Weihnachtsfest neu wiederholten Verheißung des Friedensfürsten stehen, erinnert, „findet nichts als Trübsal“. Ihr Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst aber wird ihnen nicht aus ihrer Mitte oder den Zentren der Macht entgegenkommen, sondern vom „Weg am Meer, dem Land jenseits des Jordans, dem Galiläa der Heiden“. Die Peripherie, „die Fläche“, ist die Chance auch der Institution Kirche.

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