Neue Weltsicht

Klartext
Foto: privat

Die Predigthilfe dieses Monats kommt von Traugott Schächtele. Er ist Prälat in Schwetzingen.

Verschiedene Gaben

9. Sonntag nach Trinitatis, 14. August

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. (Matthäus 25,29)

Das Gleichnis „Von den anvertrauten Talenten“, dem dieser Vers entnommen ist, hat mich schon immer geärgert. Da werden drei Arbeiter mit Kapital in unterschiedlicher Höhe ausgestattet. Und bei dem, der am wenigsten erhält, wird die Messlatte am höchsten angelegt. Ja, der Habenichts wird auch noch enteignet. Und das, was ihm entzogen wird, erhält am Ende auch noch der, der von Anfang an am meisten hatte. So wirkt das Gleichnis wie ein Abbild der ökonomischen Realitäten dieser Welt.

Keine Frage: Beim Jüngsten Gericht möchte ich dem Schwächsten der drei Arbeiter zur Seite stehen und um Verständnis für dessen Verweigerungshaltung werben. Denn was für eine andere Möglichkeit ist ihm denn geblieben? Wer genügend Spielgeld hat, um an den Märkten zu spekulieren, kann der einen Million leicht eine weitere hinzufügen. Wem dagegen nur das bleibt, was es braucht, um satt zu werden, der hat ganz andere Probleme. Und immerhin hat das ökonomische Leichtgewicht der drei das Geld ja nicht veruntreut, sondern es auf Heller und Pfennig zurückerstattet.

Aber genau hier liegt der Denkfehler einer ökonomischen Deutung des Gleichnisses. Denn es geht nicht darum, unter Marktbedingungen mit Risiko und auf Kosten anderer etwas zu vermehren. Die zugeteilten Mengen Silber sind vielmehr Talente im wahrsten Sinne des Wortes, Zu-Teilungen Gottes, bei denen niemand leer ausgeht. Dass der eine anscheinend mehr und die andere weniger erhält, beschreibt nicht so sehr die jeweilige Menge, sondern die unterschiedlichen Gaben. Entscheidend ist: Diese können nie weniger, sondern immer nur mehr werden, vorausgesetzt, ich mache von ihnen überhaupt Gebrauch. Das Leben selber erweist sich so als Talentschuppen Gottes für uns Menschen. Gabenverweigerung, nicht Marktverweigerung muss man dem dritten Arbeiter vorwerfen. Aber das ist ihm hoffentlich lange vor dem Jüngsten Gericht aufgegangen und hat ihm Heulen und Zähneklappern erspart. Sogar ohne meinen Beistand.

 

Wichtiges Geländer

10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), 21. August

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. (Matthäus 5,17)

Die einen sagen, mit der Bergpredigt könne man „keine Politik machen“. Andere meinen, ihre „evangelischen Räte“ würden denjenigen gelten, die in herausgehobenem Maße Christinnen und Christen sein wollen. Aber in beiden Fällen wird klar: Alltagstauglich scheinen die Anforderungen der Bergpredigt kaum zu sein. Grund also genug, sie abzuschleifen, zu relativieren und den Realitäten des Lebens anzupassen? Und was bleibt dann vom Gesetz noch übrig, das Jesus ja „erfüllen“, nicht „auflösen“ will?

Die Bergpredigt wird hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit für die Gestaltung unseres Alltags in Frage gestellt. Und theologisch im Blick auf die Herausforderungen eines Glaubens, der sich an Jesus von Nazareth orientiert. Bleibt in Geltung, was unsere Möglichkeiten im Grunde überfordert?

Vergleichbare Debatten führen wir bis heute. Kaum hat uns der Ernstfall eines Krieges in Europa eingeholt, stehen die Wege, einen gerechten Frieden zu suchen, auf dem Prüfstand. Aber da gehören sie auch immer hin. Manchen gelten sie gleich als erledigt, als handle es sich um eine ethische Scheindebatte unter Schönwetterbedingungen, nicht geeignet, Antworten für den friedensethischen Ernstfall zu geben. So als sei Jesu Seligpreisung derjenigen, die Frieden stiften, auch nur so lange gültig, wie die Feinde des Friedens es zulassen. Ratlos bleibe ich zurück. Denn der Bergprediger lässt keinen Spielraum, gibt keinen Buchstaben preis, um mir existenzielle Entscheidungen höchster Tragweite zu ersparen. Wo rationale Logik scheinbar keinen anderen Ausweg lässt, wird die ethische Messlatte noch einmal höher gelegt. Und unser Entscheiden steht nicht nur vor den Menschen auf dem Spiel, sondern auch vor Gott. Nein, wir können uns nicht billig davonmachen.

Die Forderungen von „Gesetz und Propheten“ erweisen sich nach wie vor als hilfreiches Geländer, auch um friedenspolitisch nicht zu straucheln und keinen Schaden an unserer Seele zu nehmen. Dass sich die Thora, das Gesetz, in der Liebe erfüllt, setzt sie noch lange nicht außer Kraft. Und verwandelt meine Ratlosigkeit in den Impuls, der Liebe Gottes den längeren Atem zuzutrauen.

 

Rückkehr ins Leben

11. Sonntag nach Trinitatis, 28. August

Da sprach Nathan zu David:Du bist der Mann! … Da sprach David zu Nathan: Ich habe  gesündigt gegen den Herrn. Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde  weggenommen; du wirst nicht sterben. (2. Samuel 12,7+13)

Predigen können wie Nathan – das wär’s! Denn wie gebannt hängt David an seinen Lippen. Was der Prophet erzählt, geht ihm durch Mark und Bein. David wird mit Leib und Seele ergriffen. Wen wundert es da, dass das Einverständnis zwischen Prediger und Hörer nicht auf sich warten lässt. Denn der Prophet hat Recht: Er hat gut und böse einander wunderbar gegenübergestellt. Die Schuldigen sind identifiziert. Und David weiß sich – Gott sei Dank – auf der richtigen Seite. Aber der Absturz danach könnte schrecklicher nicht sein: Der, der sich schuldig gemacht hat und den Gottes Bannstrahl zurecht treffen möge – du bist es!

Der Mitverursacher des Abschmelzens der Polkappen und der Versteppung fruchtbarer Flächen: Ich bin es! Der Mitverursacher unsinnigen Energieverbrauchs und Erzeuger unnötigen Abfalls: Ich bin es! Der stille Teilhaber am Gewinn des weltweiten Verkaufs von Waffen: Ich bin es! Der Mitbeteiligte am Unfrieden in den kleinen gefährdeten Beziehungen, die mich tragen: Ich bin es!

Und wie lässt es sich da noch sorglos weiterleben? Doch Nathan ist nicht einfach ein Gerichtsprediger. An denen herrscht kein Mangel. Aber der Prophet predigt gewissermaßen frühreformatorisch. Denn er lässt dem Gericht das Evangelium folgen, die Frohe Botschaft. Der Überführte nimmt sein Urteil an, sieht sein Unrecht ein. Und kehrt um. Nathan entlässt David also zurück ins Leben. Und er nimmt auch mich hinein in diese Bewegung der radikalen Umkehr. Lässt auch mich von Neuem leben. Und womöglich noch gnädiger predigen.

 

Ständiges Bekennen

12. Sonntag nach Trinitatis, 4. September

Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen. (Apostelgeschichte 9,18)

Auf den Stühlen der Welterklärer, ob in Talkshows oder anderen Formaten des öffentlichen Diskurses, sind viele wissenschaftliche Zünfte vertreten, Psychologie und Soziologie, Philosophie und Medizin, Rechts- und Politikwissenschaft. Und völlig zurecht bedient man sich deren Kompetenz. Kirche und Theologie wissen es wahrhaftig nicht immer besser. Doch zur negativen Begleiterscheinung dieses Trends gehört, dass Theologinnen und Theologen immer seltener in solche Runden eingeladen werden.

Die Erzählung von der „Bekehrung des Saulus“ (Apostelgeschichte 9,1–20), über die heute gepredigt wird, schildert, wie Hananias sich Saulus zuwendet. Mir springt dabei ein Dreischritt ins Auge. Erstens: Hananias legt die Hände auf, nicht einfach den Finger in die Wunde. Seine Aktion geschieht nicht einfach in erhellender, sondern in heilsamer Absicht. Worte und Gesten, die berühren, sind ein rares, aber überaus begehrtes Gut. Zweitens – und das fasziniert mich am meisten: Dem Fundamentalkritiker Saulus fällt es wie Schuppen von den Augen. Er verändert seine Perspektive, dreht sie im Grund um 180 Grad und findet so zu einer neuen Weltsicht. Darauf also kommt es am Ende an: Nicht einfach das Bild, das die anderen malen, auch noch mit meinem Zungenschlag einfärben. Nein, ich träume davon, dass Menschen einen Weg finden, die alte Welt mit den Augen eines wiederbelebten oder neu gewonnenen Glaubens neu sehen zu lernen. Paulus beendet – das ist das Dritte – seine ihm auferlegte Lethargie. Er steht auf und lässt sich taufen. Er macht sich mit seiner Weltsicht wahrnehmbar und gestaltet sein Leben als ständigen Bekenntnisakt. Paulus wird gelesen und kritisch diskutiert – bis heute. Und ich bin mir sicher: Vor Einladungen in Talkshows könnte er sich nicht retten.

 

Richtige Balance

13. Sonntag nach Trinitatis, 11. September

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn. (Lukas 10,33)

Bei der gängigen Lesart des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter komme ich immer gut weg. Die frommen Wichtigtuer lassen die Opfer links liegen. Und ich fühle mich vom Samariter gut vertreten, den die anderen längst aussortiert haben, der aber tut, was selbstverständlich ist. So weit. So fragwürdig. Weiß ich denn, ob der Pries­ter gerade jemand anderem zu Hilfe eilt. Oder ob der Levit den Wegelagerern kurz zuvor gerade noch entkommen ist. Beide haben sie eine Entscheidung getroffen, die sie in meinen Augen vor allem deswegen diskreditiert, weil ich ihre Beweggründe nicht kenne. Und weil sie sich nicht so verhalten, wie es meine begrenzte Einsicht nahelegt.

Der Samariter bietet sich als Projektionsfläche für alle und alles an, was der kritisch beäugten etablierten Weltsicht widerspricht. Er ist der Underdog, der weiß, was sich gehört und wer die nächste hilfsbedürftige Person ist. Er ist der barmherzige Menschenfreund, der die nötigen Rettungsmaßnahmen einleitet. Er ist der findige Gründer eines diakonischen Start­ups, der eine Kneipe zu einem Sanatorium umwandelt und sogar noch das nötige Startkapital zur Verfügung stellt.

Aber diese Deutungen könnten sich als Fehlschluss erweisen. Vom Samariter heißt es, dass ihn der unter die Räuber Gefallene „jammert“. Er ist der Prototyp des Menschen, der sich seine Empathie bewahrt hat. Dem zu Herzen geht, was die Lebensmöglichkeiten eines anderen Menschen reduziert und torpediert. Er ist einer, der weiß, dass das eigene Lebensglück am besten in eine gelingende Balance kommt, wenn es nicht auf Kosten eines anderen Menschen erkauft ist.

So findet die Ausgangsfrage des Gesetzeslehrers nach dem Weg zum ewigen Leben am leichtesten zu einer einleuchtenden Antwort. Und der Samariter zu der Rolle, in der er mir am ehesten als Vorbild erscheint.

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