Die Kathedralen des Selbst

Warum die Tätowierung die älteste Form der sakralen Kunst ist
„Tätowierer wie Mikael de Poissy wissen auf ihre ganz diesseitige Art, dass der menschliche Körper, seine häutige Oberfläche, den Ort darstellt, wo das verhandelt wird, was ich bin, was mir wichtig, ja wesentlich ist.“
Fotos: Maxime Pillet
„Tätowierer wie Mikael de Poissy wissen auf ihre ganz diesseitige Art, dass der menschliche Körper, seine häutige Oberfläche, den Ort darstellt, wo das verhandelt wird, was ich bin, was mir wichtig, ja wesentlich ist.“

Die Tätowierung bildet eine Ikonographie der eigenen Geschichtsschreibung, Haltung und Spiritualität. Nehmen wir sie ernst, fordert der Schriftsteller und katholische Theologe Paul-Henri Campbell.

Zwei Tage lang posteten einige Tätowierer:innen aus der Ukraine nach dem 24. Februar 2022 nichts auf ihren In­stagram-Accounts. Keine neuen Stories, keine neuen Kacheln in den Feeds. Allgemeiner Schockzustand. Doch schon wenige Tage nachdem die russischen Panzer ihre Invasion begonnen hatten, rauschten überall Tätowierungen von Molotow-Cocktails in den ukrainischen Farben in meinen Newsfeed, rasch gefolgt von Kornähren in Blau-Gelb, die Umrisse des Landes als ein zerbrochener Spiegel und immer wieder Körper, unzählige Körper, auf denen die ukrainischen Landesfahnen frisch und wie wund rot umrandet eintätowiert waren. Bald danach bezeugte ich aus meiner bequemen Position in Wien, wofür ich mich zunehmend schämte, wie ukrainische Tattoo-Künstlerinnen und Künstler ad hoc, unaufgefordert, in Echtzeit und mit kunstvoller Dringlichkeit eine Ikonographie des Widerstandes erschufen.

Währenddessen rätselten die Politikerinnen und Politiker in Deutschland, ob sie der russischen Aggression mit einem Veggie-Day oder einem Tempolimit oder der Förderung von Wärmedämmungen entschieden entgegentreten sollten. Dann versenkten die ukrainischen Streitkräfte das russische Flaggschiff, die Moskva, und Instagram explodierte vor Tätowierungen mit dem Bildsujet „Russian Warship, Go Fuck Yourself | Русский военный корабль, иди нахуй“. Die Vorzeichnungen und Designs dieser Tätowierungen fand ich daraufhin schnell nicht nur auf Oberarmen oder Waden, sondern auch als Non-Fungible Token (NFT) am Markt, ein Vermögenswert in der digitalen Welt. Es war nicht das erste Mal, dass ich die international hochvernetzte Tattoo-Szene als einen zuverlässigen Seismographen der gegenwärtigen Gefühlsprägung erlebte. Schon in den ersten Wochen des Lockdowns im März 2020 spendeten unzählige Tattoo-Studios in Stuttgart, München, Wien oder Köln ihre Masken, Desinfektionsmittel und Gummihandschuhe an die lokalen Krankenhäuser. Und obwohl die Inhaber von Tattoo-Studios mit ihren körpernahen Dienstleistungen wohl am stärksten von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen waren, entwarfen Tattoo-Künstler berührende grafische Testamente der Covid-19-Pandemie. Im Gegensatz zu zahlreichen Schankwirten oder theologischen Kirchenmäusen murrten sie nicht, sondern schenkten den Körpern dieser Welt farbenfrohe Zeugnisse dessen, was passiert war.

Denn nirgends anders erlebt man mehr Respekt für den menschlichen Körper als in einem Tattoo-Studio. Nicht einmal Rubens hatte ein solch sensibles und lichtes Gespür für die Dramatik der menschlichen Haut, wie es Tattoo-Künstler besitzen. Tätowierer:innen wissen auf ihre ganz diesseitige Art, dass der menschliche Körper, seine häutige Oberfläche, den Ort darstellt, wo das verhandelt wird, was ich bin, was mir wichtig, ja wesentlich ist. Die Tätowierung stiftet eine ikonische Beziehung zwischen dem Körper und Mitmenschen, zwischen Auge und Augenweide. Die Tätowierung bringt ein Verhältnis zur inneren Stimmung zur Darstellung, sie ist persönliche Erinnerungskultur, ist ein Aushängeschild meiner Sehnsucht, meiner Wünsche, meiner Abgründe.

Ähnlich dem Bildprogramm einer Kathedrale , wo in Form von Tapisserien, Fenstern, Skulpturen, Gemälden oder Fresken alle Figuren und Szenen an einem Ort versammelt sind, die für die Gemeinde der Kathedrale zentral sind, samt Heiligen (oder nicht so Heiligen)legenden oder biblischen Filmstills, so ist auch der tätowierte Körper nicht nur ein skulpturaler Comic, sondern in eminent spiritueller Weise eine Kathedrale des Selbst. Als ich vor einigen Jahren damit begonnen hatte, in Tattoo-Studios Workshops und Vorträge zunächst zur christlichen Ikonographie zu geben, wurde mir durch die Besucher dieser Veranstaltungen relativ schnell klar, dass ich es eigentlich bin, der zuhören müsste. Denn hier waren viele Menschen, die für sich wussten, welche Zeichen sie brauchten, um sich wohl zu fühlen. Alle möglichen Bilder, Symbole, Ornamente, Sprachfetzen, die man sich vorstellen kann, waren ihnen Quellen der Inspiration. Es gab keine Tätowierung ohne Geschichte, kein Erlebnis, das nicht durch die Tätowierung zum Zeichen am Körper geworden war. All diese Menschen erkannten ein Zeichen für sich. All diese Menschen hatten die Zeichenmacht, die auch Mose hatte: Sie konnten dem, was ihnen wichtig war, was sie zeigen wollen, was ihnen gefiel, was sie verändert hatte, ein Zeichen geben. Hinter dem allerkleinsten rosa ausschraffierten Herzchen stand eine lange, voluminöse, herzzerreißende Story. Hinter der Tätowierung eines Pferdekopfs verbargen sich die Freuden einer ganzen Kindheit. Hinter einem tätowierten Pflaster lag der gesamte Dank für das Überleben einer schweren Krankheit. Hinter einem tätowierten Rosenkranz stand nicht eine blütenschwere Marienfrömmigkeit, sondern die liebevollste Erinnerung an eine verstorbene Großmutter, die man sich vorstellen kann.

Die intime Gegenwart des eigenen Körpers machte ihn zum privilegiertesten Ort der existenziellen Selbstverständigung. Gesamte Lebensepisoden, gesamte Lebensvorstellungen und -haltungen fanden in Form von Tätowierungen auf der Haut Platz. Dabei bildeten sie kein selbstgenügsames Zeichen, sondern kommunizierten sich auch an andere Menschen, warfen Fragen auf, boten den Anlass zum Austausch. An die alttestamentliche Anthropologie anknüpfend, könnte man bei diesem Vorgang der Offenbarung eine Brücke schlagen zur Vorstellung von dem, was die Bibel göttliche „kabod“ nennt, also die Gewichtigkeit, die Ehre, die Herrlichkeit Gottes oder, wie es Martin Buber ausdrückt: „die ausstrahlende und so Erscheinung werdende Wucht oder Mächtigkeit eines Wesens“. Aber nicht nur dies: Das heiligste Sakrament der Taufe nennt die dogmatische Tradition „character indelebilis“, das heißt, ein unauslöschliches Zeichen. Sicher, für Protestanten mag das alles ein bisschen befremdlich klingen. Ist die Tätowierung eine unvernünftige Frömmigkeitspraxis?

Naja, eine schlichte Gegenfrage: Legt sich ein Fakir aufs Federbett? Es stellt sich schlicht wie folgt dar: Die Tätowierung ist die älteste Form der sakralen Kunst überhaupt. Auch im Christentum bildete diese ästhetische Frömmigkeitsbewegung unterschiedlich nuancierte Traditionen. Da ist beispielsweise in der Jerusalemer Altstadt der Tätowierer Wassim Razzouk, der mir erzählt, wie sein Großvater der erste Tätowierer im Heiligen Land gewesen sei. Mit einer Autobatterie betrieb er die erste elektrische Tätowier-Maschine, um die berühmten Jerusalemer Pilgertätowierungen auf die weit gewanderten Körper der Gläubigen zu bringen, die ja so brünstig nach Ewigkeit waren. Seit mindestens 700 Jahren verwenden die Stechmaler Jerusalems kleine Klötzchen aus Olivenholz, worauf einfach Motive wie bei einem Stempel vorgeschnitzt sind, um sie an der Haut vorzuzeichnen, damit sie anschließend mit der Nadel als Souvenir tätowiert werden können. Die subkutanen Erinnerungsmale, wovon auch Pilgerberichte des 15. und 16. Jahrhunderts aus ganz Europa unaufhörlich berichten, zeigen fast primitiv anmutende Motive, die sich schnell stechen lassen: den Himmelfahrtsheiland, den Gekreuzigten, den Heiligen Georg jeweils als Strichmännchen in einer Flammenmandorla oder das Jerusalemkreuz. Die Jerusalemer Pilgertätowierung entwickelte sich aus dem Umfeld der koptischen Christen, die – wie viele andere Christen in Diaspora-Situationen – vielfältige, aber mehr oder weniger diskrete Formen der Zugehörigkeit entwickelten: In Alexandrien oder Kairo tragen die Christen an der Handwurzel ein kleines Kreuzzeichen, aber auch bei ihren Marienwallfahrten im mittelägyptischen Deir Durunka spielen Tätowierer eine wichtige Rolle: Während dort die Kopten, aber auch andere christliche Denominationen an die Rast der Heiligen Familie erinnern, befinden sich dutzende Tätowierer zwischen den Menschen und bieten einfache Tätowierungen mit christlichen Motiven an. Nachdem sich die Gläubigen etwa eine Taube oder eine Madonnendarstellung ausgesucht haben, rücken die Tätowierer auf dem Gehweg einen Plastikstuhl zurecht, und es geht los. Diese Tradition der christlichen Tätowierung nannte ich einmal die Memoria-Linie. Sie findet sich auch in Äthiopien und auf dem Balkan. Auch englische Könige, wie etwa George V., waren sich nicht zu schade dafür.

Taube und Madonna

Auch im italienischen Wallfahrtsort gab es bis in die 1920er-Jahre eine reiche Tradition der Pilgertätowierung, die motivisch an der Casa Santa orientiert war, das heißt, einfache Marienbildnisse, Maria mit den sieben Schwertern, aber auch piktogrammatisch anmutende Monstranzen oder Kelche oder andere Werkzeuge des Heils. Besonders die Franziskaner und Kapuziner tätowierten in Loreto, aber auch in anderen italienischen Kultstätten, da sie – inspiriert von der Stigmata-Theologie des Heiligen Franziskus – in der Tätowierung nicht nur ein Bild als Souvenir erkannten, sondern auch in der Verletzung der Haut mit Blut die Imitatio Christi. Dies bildet vielleicht eine weitere Praxis der Tätowierung in der christlichen Tradition: eine Stigma-Tradition. Ein weiteres Beispiel dieser stigmatistischen Verwendung der Tätowierung im Christentum findet man im Übrigen auch bei dem schwäbischen Dominikaner Heinrich Seuse (1295 – 1366), der sich die Initialen des Jesusnamen, also das Christusmonogram, übers Herz einritzte, wozu in seinem Horologium notiert ist, das ich in hochdeutscher Übersetzung zitiere: „O Herr, ich bitte Dich, dass Du es nun vollbringst und Dich noch weiter in den Grund meines Herzens drückst und Deinen heiligen Namen also in mich zeichnest, dass Du nimmer scheidest aus meinem Herzen. So stach ich mich mit dem Griffel die Buchstaben IHS auf die Brust. Herr, die Minner dieser Welt zeichnen ihren Leib auf ihr Gewand. Ich aber, Du meine Minne, habe Dich in das frische Blut meines Herzenssaftes geschrieben.“ Berichtet wird diese Art der Tätowierung auch von einer anderen rheinischen Stigmatistin, die selige Begine Christina von Stommeln (1242 – 1312): In Briefen von Zeitgenossen finden sich Beschreibungen von ihren Malzeichen: „[…] mit drei Kreuzen in wunderbarer Farbe, Anordnung und Beschriftung gezeichnet […]. Zwei von ihnen zogen sich bis zur Brust hin, und das dritte befand sich an der linken Seite […]. Die zwei Kreuze, die sich auf der Brust befinden, sind kleiner. Das dritte aber, das an der Seite ist, erscheint größer und hinsichtlich der Inschrift erstaunlich. Rund um die zwei kleinen Kreuze steht in äußerst schönen Buchstaben geschrieben: JESUS CHRISTUS.“

Ist es daher nicht seltsam, dass in einer Religion, in der Schädel und Gehörknöchelchen zu Reliquien von Märtyrern erklärt werden; dass in einer Religion, in der der Eifer der Flagellanten die bizarrsten Methoden der körperlichen Selbstkasteiung hervorgebracht hat; dass in einer Religion, in der ferner die Tonsur, die Beschneidung, die Salbung, das Besprengen und Übergießen mit Wasser, das Fasten, das Aschekreuz auf der Stirn den Körper auf dramatische Weise involvieren, in der sogar die Heilige Schrift Jahrhunderte hindurch vornehmlich auf der Haut von toten Tieren kopiert worden und keine sakrale Fläche frei von Fresken und Graffiti geblieben ist, dass in ebendieser Religion bisher so wenig oder nur zaghaft über die Tätowierung gesprochen worden ist? Müsste die Tätowierung nicht die erste und vornehmste Kunst des österlichen Menschen sein?

 

Literatur

Paul-Henri Campbell: innere organe. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2022, 80 Seiten, Euro 22,–.

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