Ein deutscher Skandal in wunderbar anregender Atmosphäre

Warum die „documenta fifteen“ so viel über uns selbst erzählt
Foto: Rolf Zöllner

Die „documenta fifteen“ ist in einem Antisemitismus-Sumpf versunken – und an führender Stelle wird weiterhin versucht, den Skandal klein zu reden. Oder Menschenfeindlichkeit zu relativieren. Das hat viel mit intellektueller Arroganz und fehlender Empathie zu tun. Vor allem aber mit der Verdrängung der Tatsache, wie tief Judenfeindlichkeit in der deutschen Kultur verankert ist.

Manchmal bleibt einem wirklich die Spucke weg, mit welcher ignoranter Selbstgerechtigkeit öffentlich bezahlte Kulturschaffende ihr eigenes Versagen wegmoderieren. Sabine Schormann ist Generaldirektorin der „documenta fifteen“, der der „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo so treffend den neuen Titel „antisemita fifteen“ gegeben hat. Denn das ist es, was von der angeblich weltweit größten und wichtigsten Schau moderner Kunst, die nur alle fünf Jahre stattfindet, in diesem Jahr übrigbleiben wird: Die Scham nämlich, dass die öffentliche Hand in Deutschland Judenfeindlichkeit mit über 42 Millionen Euro subventioniert. Man kann die Sache noch etwas zuspitzen: Die „antisemita fifteen“ ist eine deutsche Ausstellung, von vorn bis hinten.

Denn was sagt die „documenta“-Generaldirektorin Schormann auf die sehr berechtigte Frage der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine (HNA)“, wie es zum judenfeindlichen „Kunstwerk“, besser: Machwerk des indonesischen Künstlerkollektivs „Institut für bürgernahe Kultur Taring Padi“, ausgestellt an einem zentralen Platz in Kassel, kommen konnte, „eine offen antisemitische Hasskarikatur“, wie die HNA sie nannte? „Zunächst ist dabei genau die wunderbar anregende, einladende Atmosphäre dieser documenta herausgekommen, die Sie eingangs zu Recht erwähnten“, so Schormann.

Spätestens nach diesem Satz der Generaldirektorin, die ganz offensichtlich in ihrer ganz eigenen Welt lebt, ist ihr Rücktritt überfällig – eine Forderung, die zurecht mittlerweile ungezählte namhafte Institutionen der Zivilgesellschaft gestellt haben, so etwa die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) und der Zentralrat der Juden in Deutschland, um nur wenige zu nennen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat einen geplanten Besuch bei der „antisemita fifteen“ abgesagt. Der Rücktritt der Generaldirektorin dürfte nur noch eine Frage von Stunden, höchstens Tagen sein, nicht zuletzt, um einen Rücktritt von Claudia Roth, der „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“ im Rang (und mit der Bezahlung) einer Staatsministerin, zu verhindern. Auch der wurde schon gefordert.

Aber mit diesem Kopf, der da rollen wird, ist der Skandal noch nicht vorbei. Die Generaldirektorin verteidigt nämlich im HNA-Interview ungeachtet dieser so gnadenlos gescheiterten Schau das Prinzip der Kuratorengemeinschaft, des indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa, das diese „antisemita fifteen“ offenbar ohne irgendwelche checks and balances freihändig konzipiert hat, also auch für die eklatante Judenfeindlichkeit in Kassel verantwortlich ist. Schormann sagt: „Das grundlegend Neue an Ruangrupas Konzept ist demgegenüber der radikal ergebnisoffene Prozess, der den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern sowie Kollektiven Freiräume eröffnet und neue Erfahrungen ermöglichen will, und das alles auf Basis von Werten wie etwa Freundschaft, Solidarität, Ressourcenschonung.“

Das ist empathieloses Kulturszene-Keyword-Bingo in Reinform: „Freiräume“ und „neue Erfahrungen“, getragen von Werten wie „Freundschaft, Solidarität und Ressourcenschonung“. Klar, wenn indonesische Buddies ganz solidarisch, frei und total neu Judenfeindlichkeit verbreiten, aber dabei ihren Kaffee nicht aus Pappbechern nippen, was soll daran so falsch sein? Seid doch nicht so westlich-kleingeistig!

Hier aber liegt das eigentliche Problem der „antisemita fifteen“ und einer Generaldirektorin, die offenbar nichts verstanden hat, wenn sie, noch knapp eine Woche nach Beginn des Skandals, sagt: „Ruangrupa und die Künstler haben versichert, dass es keinen Antisemitismus geben wird. Das Problem ist, dass es aus ihrer Sicht keiner ist.“ Das sei zwar ein „Missverständnis“, aber sie hätten eben „ihre Aufgabe aus ihrer Perspektive wahrgenommen“. Und es sei „ihnen aufgrund unserer unterschiedlichen kulturellen Erfahrungsräume zu spät aufgefallen, dass ein solches Motiv in Deutschland absolut inakzeptabel ist.“

Wir lernen: Antisemitismus ist also nach Ansicht der Kasseler Generaldirektorin in Indonesien irgendwie okay beziehungsweise ist es eigentlich gar keiner. Und für „unterschiedliche kulturelle Erfahrungsräume“ kann man doch Verständnis haben oder dies zumindest als Argument für Judenhass erwägen. Wirklich? „Es gibt keine Kultur, in der Antisemitismus in Ordnung wäre. So, wie es auch keine Kultur gibt, in der Frauenhass, Rassismus, Homo- und Transphobie oder Behindertenfeindlichkeit akzeptabel wäre“, schreibt Sascha Lobo treffend. Dass Generaldirektorin Schormann dieser schlichte Gedanke auch nach mehreren Tagen öffentlicher Diskussion nicht kommt, sondern sie mit anderen kulturellen Prägungen die Menschenfeindlichkeit der beiden indonesischen Kollektive „Taring Padi“ und „Ruangrupa“ auf Künstler- und Kuratorenseite immer noch verteidigt, ist der Skandal im Skandal.

Denn das ist der beschämende Kern des „antisemita fifteen“-Fanals: Es gibt offenbar eine kulturell-intellektuelle Szene in Deutschland, die mit Verweis auf andere kulturelle Prägungen im Süden der Welt und eine kollektivistisch-antikapitalistisch angehauchte Selbstidentifikation von Aktivist*innengruppen praktisch alles durchgehen lässt, was sonst zurecht größten Protest gegen platte „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) hervorrufen würde. Das macht diesen kulturellen Eklat zu einem deutschen Skandal: Antisemitismus wird hierzulande nach wie vor klein geredet. Dazu passt, dass eine „Judensau“ an Kirchen nach jüngstem höchstrichterlichen Urteil solange in Ordnung ist, wie er irgendwie (und egal wie unverständlich) eingeordnet wird.

Dabei müssen wir aufhören, auch bei „wunderbar anregender, einladender Atmosphäre“ nach pseudo-intellektuellen Entschuldigungen für Judenfeindlichkeit und andere Formen der Menschenfeindlichkeit zu suchen. Weder in Nordhessen noch sonstwo. So einfach ist das. Dass die Noch-„antisemita fifteen“-Generaldirektorin nun angekündigt hat, vielleicht schon kommende Woche über den Antisemitismus-Skandal in Kassel öffentlich diskutieren zu lassen, weil Judenfeindlichkeit, wenn sie nur scheinbar künstlerisch daher kommt, offenbar diskutabel ist, lässt nur einen Schluss zu: Antisemitismus ist tief in der deutschen Kultur verankert, in allen Bildungsschichten, in allen politischen Richtungen. Nach wie vor.

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