„Wir haben es von Euch gelernt!“

Die Missionswerke zwischen kolonialem Erbe und postkolonialer Herausforderung
Kirchbau in Simorangkir, Sumatra, Indonesien.
Foto: akg-images
Kirchbau in Simorangkir, Sumatra, Indonesien.

Wer über Kolonialismus redet, darf über christliche Mission nicht schweigen. Während die einen auf die wertvolle sozial-diakonische Arbeit der Christenmenschen aus Europa hinweisen, sehen andere sie als ideologische Vorhut der Kolonisatoren. Wie gehen heutige Missionsgesellschaften mit diesem Erbe um? Martina Pauly von der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) beschreibt den Reflektions- und Reformprozess im eigenen Hause.

Es gab einen Unterschied zwischen Missionaren und Kolonialherren“, unter dieser Überschrift veröffentlichte die Vereinte Evangelische Mission (VEM) kürzlich ein Interview mit dem tansanischen Theologen und heutigen Generalsekretär der Allafrika-Konferenz, Dr. Fidon Mwombeki. Darin erklärt Mwombeki, dass die damaligen Missionare andere Ziele hatten als die Kolonisatoren. Sie gingen beispielsweise in die Dörfer, wo sie zusammen mit den Einheimischen lebten und Missionsstationen gründeten, denn sie fühlten sich vor allem ihrer Berufung verpflichtet, das Evangelium weiterzugeben.

Ist das der Persilschein, ausgestellt von einem afrikanischen Theologen für eine Missionsgesellschaft, die sich kritischen Fragen über den Zusammenhang von Mission und Kolonialismus stellen muss? Das wäre zu kurz gedacht.

Fidon Mwombeki war der erste und bislang einzige afrikanische Generalsekretär der VEM. Er leitete neun Jahre lang eine Mission, deren vornehmlich deutsche Geschichte bis ins Jahr 1828 zurückreicht. Der Tansanier hat, wie viele andere auch, die positiven Effekte der christlichen Mission erfahren: den Bau von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern. Sie halfen den Menschen vor Ort in ihrem täglichen Fortkommen.

Zudem, so betont Mwombeki, lernten die Missionare die Sprache der Einheimischen und nicht umgekehrt. Oftmals brachten sie diese Sprache erstmals in eine schriftliche Form, und das erste Buch, das die Bewohner vor Ort in ihrer Sprache zu lesen bekamen, war die Bibel. Es sei diese immaterielle Mission gewesen, die die Menschen in vielen Ländern Afrikas davon abhielt, die Missionsstationen während der Unabhängigkeitsbewegung zu überfallen.

Schwierigere Umstände herrschten auf dem Missionsfeld im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Hier standen die von der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) entsandten Missionare einem sich zuspitzenden Konflikt zwischen der deutschen Kolonialverwaltung und der einheimischen Volksgruppe der Herero gegenüber. Landkäufe der Deutschen drängten die Herero aus ihrem Siedlungsgebiet zurück, und skrupellose Händler brachten sie an den Rand der wirtschaftlichen Existenz. Der Konflikt eskalierte mit dem Herero-Aufstand im Januar 1904, der in der Schlacht am Waterberg im August desselben Jahres unter deutschem Kommando brutal niedergeschlagen wurde. Schätzungen zufolge kamen bis zu 80 Prozent der Herero durch Krieg, Flucht, Armut und Krankheit um.

Die berechtigte Frage nach der Rolle der RMG in diesem Konflikt ist bis heute virulent. Auf die These, dass Mission und Kolonialismus miteinander verstrickt gewesen seien, erwidert der Generalsekretär der VEM, Volker Martin Dally: „Wir können die damaligen Missionsaktivitäten nicht pauschal verurteilen, sondern müssen grundsätzlich jede einzelne Person und ihre Taten bewerten.“

Aus der Geschichte gelernt

Für derartige Forschungen öffnet die Archiv- und Museumsstiftung der VEM ihre Türen. Der zuständige Archivar, Christian Froese, erklärt: „Sogar auch aus historischen Quellen außerhalb des Missionskontextes ergibt sich, dass die massiven wirtschaftlichen Interessen und Positionen im kolonialen Ausbeutungssystem durchaus stark von den Perspektiven und Einschätzungen der Missionare abweichen konnten. Die RMG hatte in dieser Hinsicht mitunter einen schweren Stand bei konservativen Politikern im Reichstag und mit ihrer Meinung teilweise sogar ein Legitimationsproblem.“ Trotz umfangreicher Forschungs- und Recherchearbeit, seien viele Quellen noch nicht vollständig erschlossen. „Das, was wir wissen und immer wieder feststellen, gibt Hinweise darauf, dass die Lage viel differenzierter zu betrachten ist, weil jede Quelle neue Nuancen zeigt“, so Froese.

EKD und VEM waren jedenfalls erleichtert, als die Bundesregierung im Mai 2021 den Genozid an den Herero offiziell anerkannte und ein Aufbauprogramm im Wert von über 1,1 Milliarden Euro für Namibia verabschiedete. Über viele Jahre forderten sie zusammen mit den Kirchen in Namibia die konkrete Aufarbeitung des Völkermordes.

Und heute? Die Mission hat aus ihrer Geschichte gelernt. 1996 verwandelte sie sich nach einer Übergangszeit von einer deutschen Missionsgesellschaft in eine internationale Mission, die sich als Gemeinschaft von Kirchen auf drei Kontinenten versteht. Gegenwärtig umfasst sie insgesamt 39 Mitglieder, mehrheitlich aus Afrika und Asien, viele von ihnen gegründet von deutschen Missionaren. Die deutschen Mitglieder sind mit sechs evangelischen Landeskirchen und den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in der Minderheit. Die Entscheidungsstrukturen der VEM sind paritätisch ausgelegt, über den gemeinsamen Haushalt stimmen alle Mitglieder gleichberechtigt ab. Die Position des Moderators bekleidet derzeit ein indonesischer Theologe. Im Vorstand entscheiden neben Deutschen auch Mitarbeitende aus Mitgliedskirchen in Ruanda und Indonesien.

Machtstrukturen internationalisiert

Auf diese Weise wurden die Machtstrukturen einer vormals deutschen Missionsgesellschaft internationalisiert. Dieser Schritt war damals durchaus umstritten und wurde von deutscher Seite als „gewagtes Unterfangen“ bezeichnet. Die Partner aus dem globalen Süden sorgten sich indes darüber, ob die Deutschen tatsächlich bereit seien, ihre Macht mit den Schwestern und Brüdern in Afrika und Asien zu teilen, aber die Mutigen setzten sich durch. „Es war zu schön, um wahr zu sein“, erinnert sich der erste Austauschpfarrer, Dr. Kakule Molo. Er kam in den 1990er Jahren aus der Demokratischen Republik Kongo als Leiter der Abteilung Frankophones Afrika ins Missionshaus nach Wuppertal-Barmen.

Hier könnte dieser Artikel enden. Die Mission wurde erfüllt, oder nicht? Die Internationalisierung von Strukturen ist richtig und wichtig. Tatsächlich reicht sie aber nicht aus, um gewachsene postkoloniale Denk- und Verhaltensweisen, die eine Mission die längste Zeit prägten, zu überwinden.

Es gilt, auch das eigene Verhalten zu reflektieren, beispielsweise im Rahmen von Antirassismus-Trainings. Sarah Vecera, selbst Person of Color, führt diese Sensibilisierungstrainings bei der VEM für Austauschmitarbeitende, junge Freiwillige und andere Organisationen durch. In ihrem kürzlich veröffentlichten Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ macht sie auf rassistische Strukturen in der Gesellschaft und vor allem in der Kirche in Deutschland aufmerksam und erklärt, wie jeder und jede etwas dagegen tun kann. Die Theologin will ermutigen, im Sinne des christlichen Glaubens eine Kirche zu gestalten, in der sich Menschen jeder Hautfarbe, Herkunft und Zuschreibung willkommen und angenommen fühlen. „Von Anfang an war die Kirche für alle Menschen gedacht. Trotzdem gibt es auch in ihr rassistische Strukturen, die weißen Menschen meistens gar nicht auffallen“, so Sarah Vecera.

Schmerzhafte Prozesse

Auch in den Partnerschaftsseminaren der VEM wird über das Machtgefälle von Geber- und Nehmer-Strukturen diskutiert und werden Phänomene wie der „White Savior Complex“, nach dem sich weiße Menschen aus dem Norden dazu berufen fühlen, in Ländern des Südens Entwicklungsarbeit zu leisten, thematisiert. Es kann schmerzhafte Prozesse auslösen, wenn langjährige Partnerschaftsengagierte damit konfrontiert werden, wie ihre Hilfe die globale Machtstruktur und Ungleichheit verstärkt.

Wer über die Abschaffung postkolonialer Denkweisen innerhalb einer internationalen Kirchengemeinschaft redet, muss auch die gegenseitige Anerkennung der Ordination nennen. Es geht darum, Vorbehalte in der theologischen Ausbildung zu überwinden. Eine Vorreiterrolle spielt hier die Westfälische Kirche, die Theologen aus afrikanischen Mitgliedskirchen für den Pfarrdienst eingestellt hat. Der Prozess der „Reverse Mission“, der Mission in Süd-Nord-Richtung, ist damit eingeleitet.

Vermieden wird auch die koloniale Tradition, deutsches Know-how nach Afrika und Asien zu transferieren. Die von den Mitgliedskirchen angeforderten Fachleute wie Entwicklungshelfer, Finanzberater und Ärzte werden oftmals aus der eigenen Kultur rekrutiert. Fachleute mit ähnlichem kulturellen Hintergrund können die besseren Berater und Experten für die Aufgabenstellungen der Kirchen in Afrika und Asien sein. Auch der Personalaustausch zwischen afrikanischen und asiatischen Mitgliedskirchen hat sich in dieser Hinsicht bewährt.

Darüber hinaus wird mit Hilfe des Konzepts „Globales Lernen in Ökumenischer Perspektive“ versucht, keine versteckten oder tradierten kolonialen Denkmuster zu reproduzieren. So werden beispielsweise alle Lernprogramme und Seminare unter Beteiligung von Mitarbeitenden oder Referentinnen und Referenten aus den drei VEM-Regionen gemeinsam entwickelt und durchgeführt.

Ist die Mission damit entkolonialisiert? Volker Martin Dally, der selbst als Austauschpfarrer in Indonesien tätig war, stellt den immer noch gültigen Missionsansatz der Kirchen des Nordens auf den postkolonialen Prüfstand: Seiner Einschätzung nach habe die Mission den ethnischen Gruppen eine Kirchenverfassung aufgezwungen, die oftmals nicht der Entscheidungs- und Hierarchiestruktur ihrer Kultur entspricht. Die presbyterial-synodale Kirchenverfassung, die den Kirchen des Nordens so teuer ist, passe vielfach nicht zu den realen Entscheidungsprozessen dieser ethnischen Gruppen. Ebenso entspräche das
Haushaltssystem der Kirchen des Nordens oftmals nicht der Arbeitsgrundlage der Kirchen im Süden. Es werde jedoch erwartet, dass letztere ihre Finanzen aus Gründen der Kontrolle und Transparenz in diesen Systemen darstellen.

Kein Persilschein

Darüber hinaus beobachtet der Theologe, dass die Kirchen des Nordens mit ihrer Finanzmacht bis heute die Tagesordnung bestimmten. Offensichtlich seien sie aber irritiert, wenn die Kirchen des Südens mit ihrer eigenen Finanzkraft nun das Gleiche täten.

„Die Mission hat den Menschen, zu denen sie gesandt wurde, grundlegende ethische Prinzipien ihrer Kirchen vermittelt, die heute als falsch angesehen werden. Frauen nicht zu ordinieren, Kinder in der Schule körperlich zu züchtigen, sexuelle Normen festzulegen und bestimmte kulturelle Eigenheiten zu verbieten – „wir haben es von Euch gelernt!“ sagen die Kirchen im Süden. Heute erwarten die Kirchen des Nordens entsprechende Veränderungen. Wie ist diese Erwartung zu bewerten?“, fragt der Generalsekretär Dally.

Die VEM strebt mit den beschriebenen Ansätzen nach mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung auf dieser Welt. Einen Persilschein kann es aber so lange nicht geben, wie postkoloniale und rassistische Denkweisen und Strukturen in einer Gesellschaft präsent sind, deren Teil die evangelische Mission selbst ist. 

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