Am Anfang stand der Einspruch

Feminismus und Kirche (III): Gabriele Gummel (65) steht nach 36 Jahren im rheinischen Pfarramt kurz vor dem Ruhestand.
Gabriele Gummel
Foto: Picasa

In den meisten evangelischen Landeskirchen wurde in den 1970er-Jahren nach jahrzehntelangen Debatten der Pfarrberuf für Frauen geöffnet. Gleichheit in Bildung, Beruf und Beziehungen aber war damit noch nicht hergestellt. Welche Rolle spielt Feminismus im Alltag von Frauen heute, die hauptberuflich in der Kirche arbeiten? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Und was erwarten sie von ihrer Kirche? Darüber geben drei evangelische Theologinnen Auskunft.

Als ich 1986 in der evangelischen Kirchengemeinde Haan im Rheinland als Pfarrerin anfing, eilte mir der Ruf als feminis­tische Theologin voraus. Das kam so: Gegen meine Wahl zur Pfarrerin hatte es – was extrem selten vorkommt – Einsprüche aus der Gemeinde gegeben, nicht einen, sondern 22. Nach der Wahl war bekannt geworden, dass ich Mitbegründerin und Redakteurin der Schlangenbrut (Streitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen) und feministische Theologin war. Die zuständige Kirchenrätin tat sich mit dem Verfahren schwer, zumal sie bis dahin keine Berührung mit feministischer Theologie hatte. Letztendlich wurden die Einsprüche zurückgewiesen, da es auch in der rheinischen Kirche keine „Irrlehre“ ist, das männliche Gottesbild zu hinterfragen und sich mit Frauen in der Bibel zu beschäftigen. Die lokale Presse berichtete ausführlich über den gemeindlichen Widerstand; so kannten die meisten Gemeindeglieder sofort meinen Namen und meinen Standpunkt.Zunächst führte diese öffentliche Aufmerksamkeit zu einem freundlichen Interesse in den verschiedenen Gemeindekreisen. Ich bekam Einladungen zum Thema feministische Theologie, um in dieses „unbekannte Ding“ einzuführen. Dann wandte man sich wieder den „normalen“ Themen zu; das Frauenthema blieb eines unter vielen.

In der Evangelischen Gemeinde Haan waren wir 1986 vier Pfarrpersonen, zwei Pfarrer und zwei Pfarrerinnen. Es war mühsam und wurde belächelt, wenn ich Wert darauf legte, nicht unter die Pfarrer subsumiert zu werden, sondern eigens benannt werden wollte. Es half sehr, dass die ältere Kollegin mitzog und mitteilte, dass sie sich schon immer über die männliche Bezeichnung Pfarrer geärgert habe.

Jetzt stehe ich am Ende meiner Pfarrerinnentätigkeit; im Herbst dieses Jahres gehe ich in Pension. In meinem Berufsalltag war der Feminismus immer präsent als Brille, durch die ich meine verschiedenen Aktivitäten und Aufgaben betrachtet habe, allerdings weniger in konkreten Aktionen.

Ich selbst habe, obschon ich drei Kinder bekommen habe, während meiner Berufstätigkeit immer in einer vollen Pfarrstelle gearbeitet. Das war nur möglich, weil mein Ehemann als Lehrer seinen Stellenumfang auf die Hälfte reduzieren konnte. Bei der Zusammensetzung von Gremien, Arbeitsgruppen oder des Presbyteriums habe ich immer darauf geachtet, dass Frauen angemessen beteiligt waren. Natürlich ist das unterschiedlich gelungen; aktuell ist das Leitungsorgan unserer Gemeinde keineswegs ausgewogen besetzt. Man kennt von mir den Hinweis: „Hier fehlt noch mindestens eine Frau.“ Leider – und das gehört auch zur Bilanz – kommt ein solcher Hinweis bis heute fast immer nur von mir und ist keineswegs eines der Kriterien für die Berufung in eine Aufgabe oder Arbeitsgruppe.

Parteilichkeit für Frauen bedeutet für mich, bei allen seelsorgerlichen Begegnungen im Zusammenhang mit Taufen, Trauungen, Beerdigungen oder Konfirmandenelternbesuchen sehr bewusst die Frauen in ihren Lebensentwürfen wahrzunehmen. Dabei bin ich als Feministin nicht „missionarisch“ unterwegs, sondern bringe mit entsprechenden Fragen eine zusätzliche Sichtweise ein. In der Regel haben Paare oder Eltern eine Antwort für sich gefunden, die dem gesellschaftlichen Mainstream weitgehend entspricht. Eher selten gibt es die Rückmeldung: „Ich bin froh, dass Sie als Frau das gemacht haben.“ Trotzdem habe ich auch immer einmal wieder erlebt, dass mir Frauen – manchmal Jahre später – erzählten, dass sie auf meinen Rat hin eine Aus- oder Weiterbildung absolviert hätten.

Im Laufe der Jahre bot ich verschiedene Kreise oder Veranstaltungen für Frauen an, zum Beispiel einige Jahre lang eine Frauenliturgie. Die Pfarrkollegen und das Presbyterium haben solche Veranstaltungen eher als mein Hobby angesehen, das ich – zusätzlich – gerne anbieten konnte. In den vergangenen vier Jahren hat sich ein jährliches Wochenende für Frauen unter vierzig etabliert, auf dem es neben vielem „Töttern“ (Haaner Platt für klönen) und Spazierengehen immer ein Frauenthema und einen gemeinsam gestalteten Frauengottesdienst gibt. Lange gab es dafür kein Interesse.

Als feministische Pfarrerin Gottesdienst zu halten, ist für mich ein Balanceakt: Was kann ich sagen, ohne mich zu verbiegen, was möchte ich sagen und was lasse ich lieber, damit mein Anliegen gehört wird. Außerdem führen Wiederholungen nicht unbedingt zu mehr Erfolg, sondern eher dazu, dass die Zuhörenden abschalten.

Bei der Anrede Gottes habe ich mich entschieden, grundsätzlich auf den „Herrn“ zu verzichten und den „Vater“ nur gemeinsam mit der „Mutter“ zu nennen, auch wenn es nur für wenige Gottesdienstbesucherinnen und -besucher die gleiche Bedeutung wie für mich hat. Als Predigtgrundlage wähle ich in unregelmäßigen Abständen ein Frauenthema oder eine biblische Frauengestalt. Ohnehin ist mir eine zeitgemäße und nicht dogmenhafte Sprache in Liturgie und Predigt wichtig.

Nach 36 Jahren ziehe ich eine nüchterne Bilanz: Menschen, die sich bereits für ein anderes Gottesbild, für vielfältige Lebensentwürfe oder feministische Theologie interessierten, konnte ich gut erreichen, sie bestärken und ihnen neue Impulse vermitteln. Viele andere haben ein freundliches Interesse signalisiert, ohne ihre Haltungen sichtbar zu verändern. Und ebenso viele sind weiterhin nicht an feministischen oder Frauenthemen interessiert.

Veränderungen in Kirche und Gesellschaft dauern lange. Ich habe versucht, meinen Beitrag zu leisten. Wer weiß es schon, vielleicht erinnern sich die Haanerinnen und Haaner an mich nicht nur als langjährige Gemeindepfarrerin, sondern auch als feministische Theologin. Schön wäre es.

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