Work in progress

Feminismus und Kirche (II): Eske Wollrad (59) ist Theologin und Geschäftsführerin des „Evangelischen Zentrums Frauen und Männer“ in Hannover.
Eske Wollrad
Foto: privat

In den meisten evangelischen Landeskirchen wurde in den 1970er-Jahren nach jahrzehntelangen Debatten der Pfarrberuf für Frauen geöffnet. Gleichheit in Bildung, Beruf und Beziehungen aber war damit noch nicht hergestellt. Welche Rolle spielt Feminismus im Alltag von Frauen heute, die hauptberuflich in der Kirche arbeiten? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Und was erwarten sie von ihrer Kirche?

Work in progress

Eske Wollrad (59) ist Theologin und Geschäftsführerin des „Evangelischen Zentrums Frauen und Männer“ in Hannover.

Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich. Ich bin nicht frei, solange noch ein einziger Mensch of Color in Ketten liegt. Und solange seid ihr auch nicht frei.“ Das schrieb die afrikanisch-amerikanische lesbische Dichterin und Aktivistin Audre Lorde vor vierzig Jahren. Sie hat damit erfasst, was Feminismus im besten Sinn für mich ist: Befreiungshandeln für Frauen* – für alle Frauen*, nicht nur für die der weißen Mittelschicht; Befreiungshandeln für Männer, weil auch sie durch Sexismus beschädigt und in ihrer Entfaltung gehindert werden; Befreiungshandeln für all die weiteren Geschlechter, die aufgrund der binären Geschlechterkonstruktion bisher völlig außen vor geblieben sind.

Wir, die wir seit den 1980er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland feministische Theologie schaffen, sind einen weiten Weg gegangen. Angefangen haben wir mit vielen Ausblendungen – was aufgrund unserer Mehrfachprivilegierung nicht verwunderlich ist. Dann kam die scharfe Kritik von jüdischen Theologinnen an unseren antijudaistischen Aussagen. Das war ein Schock, weil wir uns doch für „die Guten“ gehalten hatten. Der Schock war für mich zumindest heilsam, und bis heute bin ich Susannah Heschel dankbar, dass sie so viel ihrer Kraft investiert hat, um uns zu unterrichten. Dann kam die Wende, und viele von uns Westtheologinnen begannen, unsere Kolleginnen „von drüben“ zu belehren. Damit reproduzierten wir genau die Art von Dominanz, die wir doch als Patriarchat so entschieden bekämpften.

Die Entwicklung der feministischen Theologien, wie ich sie erlebt habe, ist wahrhaftig keine Heldinnengeschichte – obwohl meine Doktormütter Hannelore Erhart und Luise Schottroff – ganz ohne Zweifel welche waren, sie hat aber aus meiner Sicht neben den wertvollen theologischen Einsichten etwas Weiteres hervorgebracht, das Beachtung verdient. Ich meine damit eine Haltung zur Welt, eine Art zuzuhören und sich selbst ins Wort zu fallen, selbstkritisch und lernend, zu wissen, dass das, was wir forschen und schreiben, immer vorläufig und anfechtbar bleibt. Ein gutes Beispiel ist die Bibel in gerechter Sprache (BigS): Ihre Herausgeberinnen haben nie behauptet, im Besitz der ultimativen Wahrheit zu sein, vielmehr ging es ihnen darum, Gespräche über Gerechtigkeit anzuregen, auch Kontroversen, um das Verstehen biblischer Texte als fortdauernden work in progress zu befördern. Und die BigS hat das umgesetzt, was heute für viele Feminismen der Ausgangspunkt ist: Intersektionalität. Das bedeutet, verschiedene Gewaltachsen als miteinander verwobene zu sehen, als Facetten einer Realität, die je nach Kontext unterschiedlich hervortreten. Die BigS hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sexismus, Klassismus und Antijudaismus gleichzeitig zu kritisieren und biblische Texte daraufhin genau zu befragen. Das ist für mich Feminismus.

Und jetzt wird auch der Schwarze Feminismus in unserer Kirche sichtbar und hörbar. In ihrem Buch Wie ist Jesus weiß geworden? – Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus kritisiert die Schwarze deutsche feministische Theologin Sarah Vecera – rassistische Strukturen und Verhaltensweisen in der evangelischen Kirche und fordert zur Umkehr auf. Sie schreibt „Ich bin eine von Ihnen.“ Gegen die Imagination der Kirche als rein weiß macht Vecera deutlich: Die christliche Gemeinde als Leib Christi ist (auch) Schwarz. „Es gibt natürlich schon immer auch People of Color in unserer weißen Kirche. Sie sind da und glauben, gestalten, predigen, schreiben, lieben und hoffen. Ihre Geschichten zu hören ist bereichernd und ein Privileg für alle.“ Es ist also an der Zeit, eine feministische – und somit rassismuskritische – Kirche zu werden, offen für weitere minorisierte Stimmen, selbstkritisch, vorläufig und anfechtbar.

 
 

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