Elementarisierung

Über das Glaubensbekenntnis

Elementar ist ein Buch dann, wenn es einfach, grundlegend und anfänglich ist. Insofern ist Okko Herlyn mit seinem Buch über Das Glaubensbekenntnis erneut ein elementares Buch gelungen.

Einfach ist Herlyns Bekenntnisbuch schon darin, dass er den Leser für jeden Glaubensartikel bei einer Alltagserfahrung abholt. Das kann ein Foto sein oder eine Kindheitserinnerung, ein Gespräch in der Kneipe, eine gedankenlos dahingeworfene Redewendung oder auch ein Schlager. Besonders getroffen: ein österlicher Familiengottesdienst mit vielen blühenden Mandelzweigen („des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht“) und der „Fest-des-Lebens“-Plauderei. Herlyn plädiert hier dafür, die Ostergeschichte – etwa durch die zunächst „entsetzten“, dann aber neu ermutigten Frauen – einfach „sprechen“ zu lassen. Fazit: „In der Auferstehung Christi geht es nicht um eine Erfahrung, die wir schon immer gemacht haben. Es geht in ihr vielmehr um ein Ereignis, in dem Gott in einmaliger, unverwechselbarer und deshalb für uns auch geheimnisvoller Weise in die Geschichte eingreift.“

Grundlegend ist dieses Lesebuch darin, dass es bei jedem Bekenntnissatz verdeutlicht: Hier geht es um Elementares, das nicht übersehen werden darf. Das wird deutlich etwa in dem Kapitel über das Kreuz Christi. Ausgehend von einem Allerweltgespräch mit einer jungen Frau (in der Eisdiele) über deren Halskettchen mit Kreuz werden uns bestimmte, verschiedene „Kreuzestheologien“ des Neuen Testaments bekannt gemacht. Denn: „Es wäre eine ungeheure geistliche Verarmung, wollten wir die sperrigen Deutungsmotive des Kreuzes, etwa das des ‚Opfers‘ oder des ‚Schuldscheins‘, aus jener Fülle entfernen, weil sie vermeintlich dem Menschen von heute als nicht mehr zumutbar erscheinen. Um Himmels willen!“ Gerade die „erschreckenden“, „schmerzenden“ und vielleicht auch einmal heilsam irritierenden biblischen Aussagen könnten doch geeignet sein, den eigenen Glauben neu auf den Weg zu bringen. Grundlegend ist dieses Buch also, indem es – von Alltagserfahrungen herkommend – zügig auf zentrale biblische Texte zu sprechen kommt. Dabei vertritt es eigentlich keine erstmaligen theologischen Ansätze, sondern macht das vermeintlich Bekannte vielmehr anschaulich und verstehbar. Warum sollte verschwiegen werden, dass der Niederrheiner reformiert ist?

Und worin ist dieses Buch anfänglich? Ein Beispiel: Ein persönliches Problem für mich ist, dass meine drei erwachsenen Kinder nicht so fit in den christlichen Dingen sind, wie ich das gerne hätte. Wenigstens die „Kultursprache des Christentums“ sollten sie lernen. Dass sie den Glauben erwerben, kann ich nicht machen. Okko Herlyn ist zu danken, dass er in seinem letzten Kapitel unter der Überschrift „Warum ich glaube. Ausnahmsweise ein persönliches Nachwort“ keine sogenannten überzeugenden Argumente für den Glauben vorträgt, sondern es wagt zu gestehen: „Wenn ich es mir recht überlege, so ist mir mein eigener Glaube an Gott im Grunde ein Rätsel.“ In Erinnerung an Luthers „nicht aus eigener Vernunft noch Kraft“ verweist er allerdings darauf, dass Gott „ungeachtet aller Argumente und Gegenargumente an uns festhält“, um mit den Worten zu schließen: „Warum er das tut, das wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben.“ Ein anfängliches, ein authentisches „Bekenntnis“, wie man es selten findet.

Das Glaubensbekenntnis, das Herlyns Trilogie über Das Vaterunse(2017) und Die Zehn Gebote (2019) abschließt, verlangt keine begeisternde Zustimmung und gibt sich nirgendwo übergriffig. Es ist Einladung zum Selberdenken und zum Gespräch über das, was einem an den traditionellen Aussagen des christlichen Glaubens seit alters vertraut ist und zugleich oft auch merkwürdig fremd bleibt. Herlyns Gabe ist seine anschauliche, unterhaltsame, nicht selten auch vergnügliche „Schreibe“: ein Meister der Elementarisierung. Wann endlich bekommt er den Karl-Barth-Preis?

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