Leitung gefragt

Feminismus und Kirche (I): Felicitas Renard (31) ist Pfarrerin der württembergischen Kirchengemeinde Backnang.
Portrait Felicitas Renard
Foto: privat

In den meisten evangelischen Landeskirchen wurde in den1970er-Jahren nach jahrzehntelangen Debatten der Pfarrberuf für Frauen geöffnet. Gleichheit in Bildung, Beruf und Beziehungen aber war damit noch nicht hergestellt. Welche Rolle spielt Feminismus im Alltag von Frauen heute, die hauptberuflich in der Kirche arbeiten? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Und was erwarten sie von ihrer Kirche? 

Ein sexistischer Witz in einer WhatsApp-Gruppe mit Kolleginnen und Kollegen. Darauf reagiert wird mit weiteren sexistischen Witzen. Ich beziehe Stellung und werde ignoriert. Beim nächsten Treffen in Präsenz spreche ich das Thema an. Zu groß mein Unmut über die scheinbar stillschweigend getroffene Übereinkunft der Anderen, meine Einwände zu ignorieren. Fast alle Männer räumen nach einer intensiven und emotionalen Diskussion Fehler ein. Aber ein Kollege fühlt sich von mir „verraten und verkauft“, weil ich Kritik an ihm äußerte, obwohl er sich sonst doch so für Frauenrechte einsetze. Schade. Für mich bedeutet Feminismus, Lernende zu bleiben, vor allem in Achtsamkeit diskriminierten Gruppen gegenüber. Dieser Vorfall ereignete sich in meiner Zeit als Vikarin vor etwa zwei Jahren.

Nun bin ich 31 Jahre alt und heute fast auf den Tag genau ein Jahr und dreißig Tage im Dienst als geschäftsführende Pfarrerin einer Kirchengemeinde. Das ist etwas Besonderes. Denn von 18 Vikarinnen und Vikaren, die im vergangenen März auf ihre erste Pfarrstelle entsendet wurden, ist keine weitere Pfarrerin dabei, die eine Geschäftsführung innehat. Aber es traten mindestens drei weitere Kollegen ein geschäftsführendes Pfarramt an. Warum das so ist, hat vielschichtige Gründe. Die Landeskirche möchte Berufsanfänger nicht überfordern und vergibt nicht unbedingt geschäftsführende Stellen mit den zu erwartenden größeren Herausforderungen. Doch meiner eigenen Wahrnehmung nach ist das nur ein nachstehender Grund. Andere Gründe sind diese: Manche Kollegin wollte aus familiären Gründen keine geschäftsführende (Teilzeit-)Stelle, andere wurden auf Sonderpfarrstellen entsendet, wo die Möglichkeit der Geschäftsführung nicht existiert, wieder andere sind Stellenteilerinnen mit ihrem Partner und lassen diesen die Geschäftsführung übernehmen. Ich bin die einzige Frau aus meinem Kurs, die explizit nach einer Stelle mit Leitungsverantwortung gefragt hat. Denn ich mag es nicht, wegen meines Geschlechts auf eine Position zu verzichten, die in vielen Köpfen Männern immer noch eher zugetraut wird als Frauen – inklusive vieler Frauen selbst, obwohl sie sehr gute Fähigkeiten zum Leiten und Führen haben.

Warum sollte es geschlechterspezifische Unterschiede geben? Ist Leitungsverantwortung nicht für Menschen eines jeden Geschlechts immer wieder auch herausfordernd, nervenaufreibend und mit Erfahrungen von Gelingen und Scheitern verbunden? Ich glaube schon. Also lerne ich wie meine jungen geschäftsführenden Kollegen eben auch. Mit ihnen teile ich jedoch noch mehr: Bis zum Ende unseres Vikariats haben wir dieselbe Ausbildung durchlaufen. Das Theologiestudium und das Vikariat liegen hinter uns. Jetzt will ich mich nicht abhängen lassen. Auch das ist für mich Feminismus. Ich kämpfe für mein Recht, erfolgreich zu sein. Ich kämpfe für mein Recht, Karriere zu machen. Vielleicht ist kämpfen das falsche Wort. Vielleicht reicht auch der Mut. Ich bin mutig. Ich stelle mich der Herausforderung. Und gleichzeitig wünsche ich mir, mehr von meinen Kolleginnen ständen an meiner Seite.

Feminismus im Pfarramt hat noch viele andere Dimensionen. Besonders in Württemberg und besonders im politisch tiefschwarz geprägten Speckgürtel Stuttgarts. In der Nachbargemeinde meiner Heimat werden Frauen auf der Kanzel noch bis heute abgelehnt. Meiner Meinung nach ist das ein reines Machtspiel, gepaart mit der Angst vor der Versenkung in der Bedeutungslosigkeit. Wer nur auf Grund von Machtansprüchen leitet und bestimmt, der sollte meiner Meinung nach keine mächtige Position besetzen dürfen. Wir brauchen feministische Gemeindeglieder, die trotz unterschiedlicher Frömmigkeiten ihren Glaubensgeschwistern widersprechen, wenn diese mit biblischen Argumenten die Würde weiblicher Menschen herabsetzen. Wir brauchen feministische Kirchenleitende, die junge Frauen ermutigen, Leitungsverantwortung wahrzunehmen. Wir brauchen feministische Pfarrpersonen, die im Konfirmandenunterricht mit den Jugendlichen über Sexismus reden, so wie ich das Programm vergangene Woche spontan umgestaltete, nachdem ich aufgeschnappt hatte, wie ein Konfirmand eine Klassenkameradin „Nutte“ nannte.

Es braucht Feminismus in unserer Landeskirche. Auch wenn ich diesen nicht explizit zeige, verkörpere ich ihn mit meiner Person: Ich bin jung, ich bin weiblich, ich übernehme Verantwortung. Aber nicht nur das. Ich interessiere mich für Mode, ich treibe Sport, ich gehe gerne aus und trage roten Lippenstift. Manch einer/eine ist noch immer überrascht, wie wunderbar das zusammenpasst.


 

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