Eine christliche Experimentalsiedlung

Vor 300 Jahren wurde die spätere Stadt Herrnhut gegründet
Rund sechstausend Einwohner hat Herrnhut heute, die umliegenden Dörfer mit eingerechnet.
Foto: epd
Rund sechstausend Einwohner hat Herrnhut heute, die umliegenden Dörfer mit eingerechnet.

Am 17. Juni 1722 fällte der Zimmermann Christian David einen Baum. Damit begann der Bau von Herrnhut. Die Siedlung gab Asyl suchenden Nachfahren der Böhmischen Brüder Schutz. Später wurde daraus eine Siedlung, in der Männer und Frauen nach vergleichsweise modernen gesellschaftlichen Standards miteinander umgingen. Peter Zimmerling, apl. Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig, blickt zurück auf 300 Jahre Herrnhut.

Herrnhut in der sächsischen Oberlausitz, heute unmittelbar an der Grenze zu Polen und Tschechien gelegen, feiert in diesem Jahr sein 300-jähriges Bestehen. Es war die erste einer Vielzahl von christlichen Gemeinschaftssiedlungen, die durch das Wirken Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs (1700 – 1760) ins Leben gerufen wurden. Die Brüdergemeinorte, die noch zu Lebzeiten des Grafen auf allen damals bekannten Kontinenten entstanden, waren Experimentalsiedlungen, in denen der in der Geschichte des Protestantismus bis dahin beispiellose Versuch unternommen wurde, nicht nur das kirchliche, sondern das gesamte gesellschaftliche Leben vom persönlichen Christusglauben her zu organisieren. Wie kam es dazu?

Zinzendorf stammte aus pietistisch geprägtem sächsischen Adel und wurde nach dem Jurastudium in Wittenberg unter August dem Starken unbezahlter sächsischer Hof- und Justizrat in Dresden. Die hier entfaltete barocke Festkultur war einmalig in Europa und übertraf sogar den Versailler Hof. Äußerliches Zeichen ist bis heute der Dresdner Zwinger, der zeitgleich mit der Gründung Herrnhuts ab 1722 gebaut wurde. Aufgrund seiner pietistischen Lebensführung wurde Zinzendorf bald zum Außenseiter der Dresdner Gesellschaft. Er betete mit Armen und Kranken, half religiös Suchenden, kümmerte sich um Straffällige und verweigerte sogar den Beamteneid. In Ebersdorf im Vogtland, der Heimat seiner Frau, hatte Zinzendorf eine Schlossgemeinde kennen gelernt, in der sich die Erweckten zur gemeinsamen Erbauung nach dem Vorbild der „Collegia pietatis“ des Theologen Philipp Jacob Spener (1635 – 1705) trafen. Entsprechende Hausversammlungen hielt er auch in Dresden ab.

Kurz vor seiner Heirat hatte Zinzendorf in der Oberlausitz das Gut Berthelsdorf einschließlich des dazugehörigen Dorfes von seiner Großmutter erworben. Wenig später baten Glaubensflüchtlinge, Nachkommen der böhmisch-mährischen Brüder, sich auf dem Boden seines Gutes ansiedeln zu dürfen. Zinzendorf, dessen Großvater selbst wegen der Gegenreformation die angestammten Güter in Niederösterreich verlassen hatte, gab seine Zustimmung. Am 17. Juni 1722 fällte der Zimmermann Christian David den ersten Baum, um damit den Aufbau von Herrnhut zu beginnen. „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest“, dankten die Asylsuchenden mit Worten des 84. Psalms. Im Herrnhuter Losungsbuch wird bis heute jedes Jahr an dieses Ereignis erinnert.

Die Herrnhuter mussten in den ersten Jahren hart arbeiten. Die Geflüchteten waren bei Nacht und Nebel über die Grenze gegangen und hatten ihr ganzes Eigentum zurücklassen müssen. Glücklicherweise brachten sie als Handwerker ihre entsprechenden Fähigkeiten mit. Zudem wurde Herrnhut an einer verkehrsreichen Straße erbaut, wo die hergestellten handwerklichen Produkte leicht verkauft werden konnten.

Aus den ersten Häusern entstand bald ein Flecken, ja ein ganzes Dorf, in dem auch in der Folgezeit viele um ihres Glaubens willen Verfolgte eine neue Heimat fanden. Bis zum Jahr 1727 war Herrnhut auf 220 Personen angewachsen, von denen ein Drittel Nicht-Mähren war. Herkunfts- und bildungsmäßig wie auch religiös herrschte ein buntes Gemisch, was zu starken religiösen Spannungen führte. Damals fasste Zinzendorf einen folgenschweren Entschluss: Er nahm Urlaub von seinem Amt als Hof- und Justizrat in Dresden und zog nach Herrnhut, um auf das dortige Zusammenleben unmittelbar Einfluss nehmen zu können.

Eine Theokratie

In den folgenden Monaten entstand eine Gemeindeordnung, die von allen Einwohnern unterschrieben wurde. Sie erschien in zweierlei Gestalt: als Ordnung für die politische Gemeinde Herrnhut und als Statuten für die geistliche Gemeinde. Da fast alle Einwohner beide Ordnungen anerkannten, wurde Herrnhut in der Folge zu einer Theokratie. Zudem kam es am 13. August 1727 während einer Abendmahlsfeier zu einer Erweckung. Zinzendorf nannte diesen Tag „ihren Pfingsttag“. Zusammen mit den leitenden böhmischen Brüdern und Schwestern ging es Zinzendorf fortan darum, alle Bereiche des menschlichen Lebens vom Christusglauben her zu durchdringen. Das Zusammenleben der Brüdergemeine erfuhr durch den Glauben eine im Vergleich zur Umwelt revolutionäre Umgestaltung.

Herrnhut wurde in der Folgezeit – zusammen mit den anderen Brüder­gemein­orten – zu einer evangelischen Kommunität. Gepackt von der in Jesus Christus erschienenen Liebe Gottes, ließen sich die Bewohnerinnen und Bewohner ihr  Glaubensexperiment etwas kosten und waren bereit, die Privatinteressen zurückzustellen. Herrnhut wurde zu einer sozial-diakonischen Lebensgemeinschaft. Inspiriert vom Evangelium, wurden neue Formen menschlichen Zusammenlebens erprobt. Der im Vergleich zur Umgebung relativ hohe Lebensstandard Herrnhuts war nur aufgrund seiner Verfassung als  Solidargemeinschaft möglich. Weil die Bewohnerschaft füreinander einstand, konnte kein Proletariat entstehen. Genauso wenig gab es unversorgte Alleinstehende, Kranke und Alte. Die gelebte Nächstenliebe wirkte sich bis in die Modernität und den hohen Standard der gemeinnützigen Einrichtungen aus. Da es um das Wohl aller ging, sparte man an dieser Stelle nicht.

Selbst die Architektur der Brüdergemeinorte wurde von Gedanken, die man aus dem Neuen Testament gewann, mitgeprägt. Gemeinde hing für Zinzendorf mit der Gemeinschaft aller Gläubigen zusammen, die zur Mitarbeit berufen waren. Allerdings wurde nicht Herrnhut, das anfangs ohne Gesamtplan errichtet wurde, sondern der zweite Brüdergemeinort, der Herrnhaag in der Wetterau bei Frankfurt/Main, zum Vorbild für die Herrnhuter Siedlungen. Sein Grundriss symbolisierte Gemeinschaft, nicht Herrschaft, konzentriert auf eine unsichtbare Mitte hin.

Dass in Herrnhut die sozialethischen Konsequenzen des Christseins erkannt wurden, zeigte sich auch in der Wirtschaftsethik. Angeregt von biblischen Vorstellungen, wurde eine kleine Minderheit hier zur Inspirationsquelle für neue gesellschaftliche Maßstäbe. Zu dieser Wirkkraft trugen nicht zuletzt mehrere besonders tüchtige Herrnhuter Handwerker und Handelsunternehmer wie Abraham und David Roentgen und Abraham Dürninger bei. Sie verstanden ihren Beruf als Dienst am Nächs­ten. Ihr Wirtschaftsethos zeigte sich in der Bereitschaft, an bestimmten Wirtschaftsgrundsätzen auch dann festzuhalten, wenn sie sich geschäftsschädigend auswirkten. Dazu gehörten ein hoher Qualitätsstandard, zuverlässige Liefertermine und der Verkauf zu festen Preisen. Der „Herrnhuter“ wurde im 18. Jahrhundert zum Idealbild des Handwerkers und des Handelsmanns schlechthin. Es spricht für die Kraft der gelebten Nachfolge Jesu Christi, dass in Herrnhut die Standesschranken, die die europäische Gesellschaft noch überall in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägten, überwunden, zumindest überspielt wurden. Im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus hatte man sich als Brüder und Schwestern erkannt. Die Ämter der Gemeinde wurden nicht nach Herkunft, sondern nach Eignung und Vollmacht besetzt. Dass bei der Ämterverteilung das Los eine große Rolle spielte, half mit, an der Gleichheit aller festzuhalten. Vor allem wurde dadurch die Macht des Ehrgeizes und der Korruption als gesellschaftliche Kräfte weitgehend ausgeschaltet.

Von der Bibel her erkannte Zinzendorf, dass die Frau eine dem Mann gleichberechtigte Mitarbeiterin in der Gemeinde sein sollte. Es ist ein bleibendes Verdienst Herrnhuts, dass hier erstmals im Protestantismus aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen wurden: Alle Gemeindeämter wurden doppelt – mit Männern und Frauen – besetzt. Die Mitarbeit der Frau wurde in der Brüdergemeine unentbehrlich. Schon von seiner aristokratischen Herkunft und seinem persönlichen Werdegang her – seine Großmutter hatte ihn als Kind erzogen – brachte Zinzendorf eine positivere Auffassung vom Wert der Frau als damals allgemein üblich mit. Aber erst durch den gelebten Glauben kam es in Herrnhut zu einer Demokratisierung aristokratischer  Lebensformen. Sonst wäre die Hochschätzung der Frau auf die Frau aus dem Adel beschränkt geblieben. In ihren  Erziehungsanstalten durchbrach die Brüdergemeine aufgrund ihrer neuen theologischen Erkenntnisse herkömmliche  Erziehungsgrundsätze. Zinzendorf gehört noch vor Rousseau zu den großen Entdeckern des Kindes. Aufgrund seiner  Erkenntnis, dass der Heilige Geist ein geduldiges, ja ein mütterliches Wesen hat, suchten die Pädagogen der Brüdergemeine, die Prügelstrafe zu vermeiden. Ein konsequentes Durchdenken der Menschwerdung des Sohnes Gottes führte zu einer im 18. Jahrhundert beispiellosen positiven Sicht, sogar zu einer Hochschätzung der menschlichen Geschlechtlichkeit. Wenn Jesus Christus selbst als wahrer Mensch Teil an der männlichen Sexualität gehabt hat und seine Mutter Maria ihn wie jedes andere Kind ausgetragen hat, konnte die menschliche Sexualität nicht etwas an sich Schlechtes sein. Zinzendorf entdeckte sie als von Gott durch Jesus Chris­tus geheiligte Schöpfungsgabe. Das hatte Auswirkungen etwa im Hinblick auf die Sexualerziehung in den Schulen: Diese ging von der Sexualität als positiver Grundkraft des Menschseins aus. Darum forderte der Graf, dass die Lehrer die Schüler vor Beginn der Pubertät aufklären sollten. Vor allem legte er Wert darauf, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den Heranwachsenden und ihren Erziehern entstand. Die Jugendlichen sollten ihre Fragen auch im sexuellen Bereich offen stellen, um mit ihren Lehrern während der schwierigen Pubertätszeit im Gespräch zu bleiben.

Die erneuernde Kraft des Evangeliums bewährte sich auch in der Hinwendung zum „fernen Nächsten“ außerhalb der Grenzen der eigenen Konfession, ja sogar außerhalb der christlichen Religion. Die weltweite Dimension der Gemeinde Jesu Christi trat ins Blickfeld. Zinzendorf sagte: „Meine Parochie [= Gemeinde] ist die Welt.“ „Die Liebe Christi dringet uns“ (2. Korinther 5,14) wurde zur Parole der Herrnhuter.

Toleranz und Mission

Das missionarische Handeln einer Kirche offenbart, was sie als Zentrum des Evangeliums betrachtet. Fehlt es ganz, ist es mit ihrer Selbstgewissheit und Überzeugungskraft nicht gut bestellt. Trägt das missionarische Engagement wie auch immer geartete imperialistische Züge, verrät es das Evangelium von der Liebe Gottes. Zinzendorf gelang es, in seiner Missionstheologie beiden Abwegen zu entgehen. Er erkannte, dass Toleranz und Mission die gleiche Wurzel haben, nämlich das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Weil Gottes Sohn wehrlos am Kreuz gestorben ist, kann missionarische Verkündigung nicht anders als im Raum der Freiwilligkeit erfolgen. Es war ein Glücksfall, dass die Herrnhuter Missionare und Missionarinnen politisch völlig unabhängig waren, mitunter sogar von den kolonialen Machthabern beargwöhnt und verfolgt wurden. Sie wandten sich zudem nur an die Vergessenen, Entrechteten und Verfolgten, bei denen also keine wirtschaftlichen Gewinne winkten. Andererseits waren die Herrnhuter so ergriffen von der überwältigenden Liebe Gottes, dass sie gar nicht anders konnten, als allen Menschen von dieser Erfahrung weiterzusagen. Hierin lag die Ursache dafür, dass sie das nur ein Jahrzehnt zuvor erlittene bittere Schicksal der Emigration in die Tat der Mission zu verwandeln vermochten.

 

Festwoche zum Jubiläum

Mit einer Festwoche vom 11. bis zum 19. Juni feiert Herrnhut sein 300-jähriges Bestehen in unterschiedlichen Veranstaltungen. Los geht es am 11. Juni abends mit einem Big-Band-Konzert, am Sonntag folgt dann der Eröffnungsgottesdienst aus dem Festsaal der Bürgergemeinde, der vom MDR übertragen wird. Bis zum Festakt am 17. Juni folgen weitere Konzerte (Klassik, Jazz, Orgel), eine Buchvorstellung und Theater­aufführungen. Das abschließende Wochenende prägen ein Handwerkermarkt, weitere Gottesdienste und ein Festumzug am Sonntag. Das komplette Programm ist zu finden unter www.300jahreherrnhut.de/veranstaltungen.


Literatur

Peter Zimmerling: Ein Leben für die Kirche. Zinzendorf als Praktischer Theologe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. 226 Seiten, Euro 25,–.

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