Atemwende und 478

Ein Startpunkt für eine Theologie der Religionen
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Gibt es in der immer unübersichtlicher werdenden Welt noch handfeste Existenzialien, die für jeden Menschen gelten? Mein Mastermind Hermann Schmitz macht ein spannendes Angebot: Leben heißt: Atmen in der leiblichen Ökonomie von Enge und Weite. Für Schmitz ist das Urexistential menschlichen Lebens die verwundbare Dynamik des Ein- und Ausatmens, die leibliche Ökonomie verbleibt im Spielraum von Enge und Weite. Nicht zufällig wurde Hermann Schmitz in Philosophie über das Altersdenken von Goethe promoviert. In einem späten Gedicht Goethes lässt sich die Urintuition von Schmitz ablesen.

„Im Atemholen sind zweyerley Gnaden:

Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich preßt,

Und dank’ ihm, wenn er dich wieder entläßt.“

Mit dieser Strophe endet das Gedicht „Talismane“, also heiliger oder geweihter Gegenstände, die man mit sich trägt und die das Leben begleiten. Aufgenommen wurde es in die Gedichtsammlung des „West-Östlichen Divan“, dort stellt sich Goethe den Lesenden als ‚Handelsmann‘ vor, der den Orient bereist. Dirk von Petersdorff hat in der Frankfurter Anthologie der FAZ zur Eröffnungszeile notiert: „‘Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident!‘: Das ist die Übersetzung eines Koran-Verses (Sure 2, 142), und indem Goethe nicht ‚Allah‘ sagt, sondern ‚Gott‘, öffnet er diese Aussage auch für seine christlichen Leser. So entsteht ein Talisman, der für Angehörige beider Kulturen brauchbar sein soll.“ Präzise beschreibt von Petersdorff die Bewegungssuggestionen, die dem Gedicht beigegeben sind und den Atem abbilden: „Besonders reizvoll ist der letzte Talisman, der von einem der elementarsten körperlichen Vorgänge, dem Atmen, handelt. Die Atmung nehmen wir in der Regel gar nicht wahr, aber das Gedicht macht sie wahrnehmbar, und zwar durch den Rhythmus: Während in den vorhergehenden Strophen betonte und unbetonte Silben gleichmäßig wechseln, gibt es hier doppelte Senkungen. Damit wird die Bewegung des Atmens rhythmisch mitvollzogen, denn das Ausatmen dauert länger als das Einatmen, und dieses längere Ausatmen bilden die Daktylen ab. Goethe verbindet die Erfahrung des Atmens auch mit dem Lebenslauf des Menschen. Die Doppelbewegung des Einziehens und Entladens entspricht bedrängenden und erfrischenden Erfahrungen, und anschließend wird gesagt, dass der gesamte Lebenslauf im Rhythmus eines sozusagen göttlichen Atems stattfindet: Der Mensch wird zusammengepresst, erfährt also Leid oder eine besondere Intensität, um anschließend aus dieser Konzentration auch wieder entlassen zu werden.“ Und als Grundgefühl wird die Dankbarkeit aufgerufen, die Dankbarkeit für das geschenkte Atmen, für das Lebensgeschenk.

Dieses Urexistential, von Goethe in seinen Erkundungen des Orients aufgelesen, bietet zugleich eine Basis, auf der sich ganz unterschiedliche religiöse Lebensdeutungen und Praktiken versammeln können – nicht zufällig hat Navid Kermani in seiner jüngsten Veröffentlichung Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott, diesen Gedanken aufgenommen. Aber nicht nur die drei abrahamitischen Religionen können sich darauf einlassen, sondern auch andere Lebensdeutungen wie das chinesische Qi oder das japanische Ki. Meine Intuition: Wir starten eine Theologie der Religionen mit diesem Universal! 

Als ich meinen Töchtern von dieser Idee erzählte, fragten beide ungefähr gleichzeitig: Kennst du 478? Kannte ich nicht. Also, 478 heißt: Vier Sekunden kräftig durch die Nase einatmen, sieben Sekunden den Atem halten, dann acht Sekunden durchaus lustvoll ausatmen. Noch am Abend ging ich auf Spurensuche. Im Internet wird diese aus dem Yoga importierte und auch von Medizinern, der AOK und RTL empfohlene nebenwirkungsfreie Atemtechnik als Gegenmittel für Einschlafstörungen, Stressphänomene und Angstzustände angepriesen.

Offenbar ist der Atem nicht nur ein Existenzial, sondern auch ein Heilmittel. Und: Ich schlafe tatsächlich besser ein. 478! Subito.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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