Orientierung

Europäische Werte

Was verbindet die Europäer miteinander: Sind es europäische Werte? Eine gemeinsame Identität? Was sind die wahren Ressourcen für eine Europa einende Kraft? Diesen Fragen widmet sich der Soziologe Wolfgang Sander in seinem Buch Europäische Identität – Die Erneuerung Europas aus dem Geist des Christentums.

Heute ist die EU der Rahmen, in dem die Europäer ihre Wirklichkeit gestalten. Das auf Vertragswerken basierende Institutionengefüge lädt allerdings nicht gerade zur Identifikation ein. Innere und äußere Krisen lassen oft Gräben zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd und anderen Konstellationen aufbrechen. „In Vielfalt geeint“ ist das Motto der EU. Die Vielfalt gilt, wie auch Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte, als europäischer Wert. Im politischen Tagesgeschäft kann sie jedoch sehr kompliziert sein.

Für den Soziologen Wolfgang Sander besteht das Problem darin, dass bei aller Anrufung dieser unstreitbar kostbaren Werte die „normativen Letztbezüge“ fehlen, Ressourcen und Narrative also, die dem europäischen Handeln einen Ursprung geben, es normativ unterfüttern und dadurch der Gestaltung europäischer Politik im Innern und nach außen Richtung und Rahmen geben.

Wolfgang Sander ist nicht der Erste, der eine Neugründung Europas fordert und dafür in die Vergangenheit blickt. Den Unterschied macht der Bezugsrahmen. Für Sander liegt der Schlüssel in einer „neuen Renaissance“, die an die christliche Tradition Europas anknüpft. Diese Tradition ist älter als der Prozess der europäischen Integration, und doch enthält sie die Ressourcen für eine ganz Europa verbindende Identität. In der Moderne ist das Bewusstsein für diese Herkunft abhanden gekommen. EU-Verträge beziehen sich im Allgemeinen auf die Wurzeln der Demokratie im alten Athen und die Ausbildung einer Rechtsordnung im Römischen Recht. „Jerusalem“ als Chiffre aber fehlt für Sander in dieser Aufzählung, eine Leerstelle, denn die universellen Werte, die wir als europäisch ansehen, beruhen letztlich auf dem christlichen Erbe, einer Substanz, von der wir nach wie vor zehren. Habermas fasste es so zusammen: „Alles andere ist postmodernes Gerede“.

Sanders ausführlicher historischer Überblick darüber, wie das Christentum Europa prägte, lässt dunklere Aspekte wie Kreuzzüge oder Hexenverfolgungen nicht aus. Er beleuchtet die wechselvolle Geschichte des Verhältnisses der Religion zu den Wissenschaften, zeigt aber auch, dass in der Aufklärung entwickelte Ideen von Freiheit, Menschenwürde und Gewissensmoral ohne den egalitären Universalismus des Christentums nicht denkbar wären. Es war das Christentum, das die normativen Grundlagen für das geschaffen hat, was heute als „europäische“ Werte gilt, die die Gesellschaften Europas religiös wie kulturell prägen. Sander betont, dass Europa dabei keine rein christliche Identität braucht. Religionsfreiheit und religiöse Vielfalt sind hohe Güter in modernen Gesellschaften. Doch ein Rückgriff auf die christliche Prägung europäischer Identität und ihr Weiterdenken eröffnet eine Brücke in die Zukunft Europas und ihre Gestaltung. Nichts verbindet ganz Europa im Innern mehr als sein christliches Erbe.

Können nun aber Krisen – ob weltweite Pandemie, Klimawandel oder ein Angriffskrieg in der Nachbarschaft – besser bewältigt werden, wenn sich die Akteure an ihre gemeinsamen christlichen Wurzeln erinnern und aus ihnen heraus handeln? Hier finden sich zumindest normative Orientierungshilfen, durch die Maßstäbe bestimmt und Grenzen definiert werden können. Sanders Hoffnung: Eine christliche Renaissance „würde zur Freiheit ermutigen und zugleich zum Dienst an Mitmenschen sowie zur angstfreien Übernahme von Verantwortung im gesellschaftlichen, beruflichen und politischen Leben.“ Ein lesenswertes und bedenkenswertes Buch.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Sophia Marschner

Dr. Sophia Marschner promovierte 2010 in Düsseldorf über „Die Geschichte der Europäischen Union unter besonderer Berücksichtigung des Weges Österreichs in die Europ. Union“. Sie arbeitete in Werbung und PR.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen