Kampf also

Neues von Black Lives

Wo guter Zweck und beste Absichten am Schlafittchen packen, regt sich Trotz. Auch die Compilation „Black Lives – from Generation to Generation“ kann ihn wecken. Die BlackLivesMatter-Bewegung kennt doch jeder, seit George Floyd unter dem Polizistenknie starb. In der Welt war sie bereits zuvor, besser wurde sie indes kaum.

Doch die grandiose Musik zieht Widerwillen und Zweifel schnell den Zahn. Grob gerecht gilt dazu: File it under Jazz! Die 20 Stücke der Doppel-CD, nur dafür geschrieben und eingespielt, servieren ihn in vielen Farben: Nu-Jazz, Modern, Rap, Folk und Rock, Blues, Funk, Weltmusik. Die Maßgabe: „Let’s unite against racism through music – the more we are, the more power we will have to bring about a change.“ Hoffen darf man. Und es stärkt, lädt auf und befreit, wie Musik das kann. Tolle Vokalisten wie mehrfach Stephanie McKay oder die auch Opern-aktive Mezzosopranistin Alicia Hall Moran sowie Spoken-Word-Poets wie Sharrif Simmons oder Kokayi sorgen dafür, dass auch die Wort-Botschaft Raum hat. Besonders tricky gelingt das Saxophonist-Altmeister Oliver Lake (*1942; from generation to generation!) auf dem Breakbeat-Soundbett von Scratch-Legende DJ Grazzhoppa aus Belgien und Bassist Reggie Washington: So scharf wie gefällig dichtet Lake „racism is America’s pre-existing condition“ auf kolportierte Vorerkrankungen von Floyd, die nicht ursächlich für seinen Tod waren, der kam woanders her.

Irisierende Instrumentals gibt es ebenfalls zuhauf. Herausgehoben sei „Hero’s Journey“, Marvin Sewells Solo auf Resonatorgitarre. Jener Mann, von dem es heißt, er sei „the greatest guitarist you’ve never heard of“. Doch schaue man sich nur an, wo überall er die Finger im Spiel hatte, etwa bei Cassandra Wilson. Die Besetzungsliste beeindruckt. Die meisten kommen aus den USA wie Drummer E. J. Strickland mit satter Drum’n’Bass-Kost unter Jazz-befreiten Bedingungen oder der M-Base-Hendrix Jean-Paul Bourelly mit einer umwerfenden Latin-Nummer, aber die Karibik (mit Gwoka-Trommler Sonny Troupé aus Guadeloupe) und Afrika mit stets feurigen Ensembles sind auch vertreten.

Das polyrhythmische Juwel und Album-Intro „Sanga Bô“ etwa steuert Railroad-Band-Legende Cheik Tidiane Seck (*1953) aus Mali bei. Diese Vielfalt verdanken wir Projekt-Initiatorin Stefany Calembert aus Brüssel, die als Konzert- und Labelmanagerin ein rasantes Netzwerk hat – und zudem mit ihrem Mann, US-Fusion-Bassist Reggie Washington, drei „eingefärbte“ Töchter, also den Alltagsrassismus von innen kennt. Zeigefinger gibt es trotzdem keine, bloß begeisternd gute Musik – zumeist von Leuten, denen weiße Knie drohen. Projekt und Album beflügeln und tragen, doch wer weiß wohin: „Fight Racism!“ Kampf also. Pazifismus ist jedenfalls keine Lösung. Musik, mit der zu leben lohnt.

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