Sanftmut und Vernunft

Sonntagspredigt
Foto: privat

Trost für Verstörte

Sonntag Kantate, 15. Mai

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lob­gesängen und  geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. (Kolosser 3,16–17)

Am Sonntag Kantate vor zwei Jahren durften nach dem ersten Lockdown wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden. Aber das gemeinsame Singen blieb untersagt. In der Zeit danach haben wir alle möglichen Erfahrungen gesammelt: Man konnte die Gemeinde auffordern, innerlich mitzusingen und dabei ins Gesangbuch zu schauen. Dann wurden Sologesang oder kleine Ensembles wieder möglich, wenn die Kirche groß genug war, um die Abstände einzuhalten, und die Mittel ausreichten, um Honorare zu zahlen. Und manche Gottesdienstgemeinden sangen vor der Kirche oder waren irgendwann verzweifelt genug, um auch mit Maske zu singen und sich dabei nicht komisch vorzukommen. Aber selbst „Lobe den Herren“ oder „Großer Gott, wir loben dich“ klingt in FFP2-Moll nicht überzeugend.

„Singt Gott dankbar in euren Herzen.“ Im Kolosserbrief ist man vor allem auf Ordnung bedacht, auf Über- und Unterordnungen, Rollen und Aufgaben. Da erstellt einer die Kleiderordnung für Menschen, die glauben. Und manchmal ist das alles viel zu viel. „Zieht an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander“, verschnürt alles mit Liebe und „lasst auch das Wort reichlich unter euch wohnen“.

Angesichts der Tugendkataloge kann einem die Luft ausgehen. Und dann wird der Gesang wirklich dünn oder nur noch innerlich. Eingeschnürt in so ein Tugendkorsett fehlt mir einfach die Stütze. „Die Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen“, sagt Martin Luther. Er findet, dass sie „gelinder, sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger“ macht. Und nach zwei Jahren Pandemie brauchen wir alle Trost und keine Ermahnungen. So würde ich in diesem Jahr am Sonntag Kantate (auf Deutsch: singt!) am liebsten nur singen. Und höchstens ganz kurz predigen.

 

Mitten in der Nacht

Sonntag Rogate, 22. Mai

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und  wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. (Lukas 11,9–10)

Ein Vierteljahr Krieg und seine Folgen: So viele Menschen haben durch den russischen Angriff auf die Ukraine ihr Leben verloren. Und wer überlebt hat, hat seine Heimat und seine Zukunft verloren. Viele Menschen in unserem Land haben sich für die Geflüchteten, darunter viele Mütter mit Kindern, engagiert, haben sie willkommen geheißen, Essen und Kleidung ausgegeben, bei der Suche nach einer Unterkunft geholfen oder Flüchtlinge aus der Ukraine auch bei sich zu Hause aufgenommen. Die Worte aus dem Lukas-evangelium über das Beten, über die heute in den evangelischen Kirchen Deutschlands gepredigt wird, sind wahr geworden, ganz konkret. Bitten, suchen, anklopfen, empfangen, finden, auftun, selten folgt das so aufeinander, wie wir es jetzt erlebt haben.

Mit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine ist in vielen Kirchengemeinden auch das Gebet für den Frieden intensiviert worden. Regelmäßig wird dazu eingeladen. Aber nach einem Vierteljahr stellt sich vielerorts die Frage: Wie lange sollen wir das noch weitermachen? Bis der Frieden kommt, wird es nach Lage der Dinge jedenfalls noch dauern. Und die Zahl derer, die zu Friedensgebeten in die Kirchen kommen, hat sich schon nach den ersten Wochen meist auf einem eher niedrigen Niveau eingependelt.

Beten sei so konkret wie bitten, meint der Verfasser des Lukasevangeliums. Und darum stellt er für uns in den Versen 2–4 zusammen, was wir beten sollen: das Vater­unser. Und er malt aus, wie wir beten sollen. So wie man einen wirklich guten Freund um etwas bittet, auch mitten in der Nacht. Ohne die Scheu, ungelegen zu kommen. Oder mindestens in der Hoffnung, dass der wirklich gute Freund das Drängen schon irgendwie verstehen wird. Manches kann man ja auch später noch erklären.

Gott als Freund, als Freundin, zu der du jederzeit kommen kannst, der für dich da ist auch mit zerzaustem Haar und müden Augen, manchmal nicht übermäßig freundlich, aber zuverlässig ohne Ende. Jemanden so um etwas bitten, das ist Beten.

 

Wachsende Gewissheit

Exaudi, 29. Mai

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der  Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. (Römer 8,26)

Man muss sich nicht wundern, wenn bei der Ziehung der Lottozahlen manchmal drei Zahlen in einer Reihe ausgespielt werden. Auch die Perikopen-Lotterie hat uns in ihrer vierten Reihe an drei Sonntagen nacheinander Texte aus dem Römerbrief des Apostels Paulus ausgelost. Beim ersten Text habe ich sofort die strahlende Motette von Johann Sebastian Bach im Ohr: „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf.“ Wer sie einmal gehört hat, wundert sich über die grenzenlose Zuversicht, die aus ihr klingt, obwohl es doch um menschliche Schwachheit geht. Aber der Geist hilft, der Geist hilft, der Geist hilft – so entschlossen wird dies wiederholt, dass man davon einfach überzeugt sein muss.

Der Römerbrief ist so etwas wie das briefliche Testament des Apostels. Hier, in seinem letzten Brief, fasst er noch einmal alles zusammen, was er im Laufe der Jahre so vielen Menschen geschrieben hat. Und darin wird vor allem seine Überzeugung deutlich, dass niemand seine Fehler und Unzulänglichkeiten verstecken muss. Sie sind da, und sie bleiben. Paulus versuchte nie, das abzustreiten, so schwach er sich auch selber wahrnahm.

Aber angesichts der Liebe Gottes tritt das alles in den Hintergrund. Denn aufgrund besonderer Vorzüge geliebt zu werden, ist nicht so außergewöhnlich, wie mit allen Schwächen geliebt zu sein. Diese Gewissheit entsteht nicht von selbst. Sie muss in einem Leben vielmehr wachsen. Bis man die eigenen Schwächen wirklich kennt, kann es dauern. „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Ein Lieblingssatz, ein Trostwort. Man kann das nicht nur lesen. Man muss es hören. Man muss es erlebt haben.

 

Ganze Menschen

Pfingstsonntag, 5. Juni

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. (Römer 8,1)

Die Unterscheidung von Fleisch und Geist, die Paulus nicht nur im Römerbrief trifft, schafft auf den ersten Blick eine gewisse Erleichterung. Es ist ja der Vorzug jeder zweiwertigen Logik, dass sie feinsäuberliche Einteilungen ermöglicht und man immer jemanden hat, dem man die Schuld geben kann. Im Fall von Fleisch und Geist gerät man allerdings gleich wieder in eine gewisse Bedrängnis. Denn wer wollte allen Ernstes sich selbst als so zerrissen erleben? Denn eine Folge wären zermürbende innere Kämpfe, eine selbstquälerische Dauerbeschäftigung mit der eigenen Unzulänglichkeit. Und die verhängnisvollen Folgen der Abwertung aller fleischlichen Dinge, von Körperlichkeit und Sexualität, ist in der Christentumsgeschichte bis auf den heutigen Tag leidvoll zu beobachten.

Es hänge davon ab, sagen die Exegeten, ob man Paulus als eher gnostisch beeinflusst versteht. Denn dann geht es tatsächlich um einen anthropologischen Dualismus, mit den genannten Konsequenzen. Letztlich muss sich dieser Dualismus dann sogar bis in das Welt- und Gottesbild hineinziehen. Und das wäre für manche eine Erleichterung. Denn irgendwo muss das Böse ja herkommen.

Anspruchsvoller bleibt aber die andere Sicht, die aus der jüdischen Tradition herrührt. Der Mensch ist von seinem Fleisch nicht zu trennen. Wir haben keine böse Hälfte, aber auch keine bessere. Wir sind vielmehr ganze Menschen, mit unseren inneren Kämpfen und Widersprüchen. Das Einzige, was an der zweiwertigen Logik von Fleisch und Geist hilfreich sein kann: Wir können an ihr überprüfen, welcher Geist gerade in uns wohnt, uns antreibt und unsere Entscheidungen bestimmt. Aber wir können nicht einen Teil von uns für nicht zurechnungsfähig oder nicht verantwortlich erklären. Die Welt und das Leben wären dann vielleicht einfacher. Aber sie wären nicht unsere Welt und unser Leben.

 

Einfach so

Trinitatis, 12. Juni

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und  unerforschlich seine Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen“? (Römer 11,33–34)

Zum Abschluss der unfreiwilligen kleinen Predigtreihe über den Römerbrief gibt es einen Text, der selbst ein Abschluss ist. Mit diesen Worten fasst Paulus das Nachdenken über sein Lebensthema zusammen. Es ist eine von den Fragen, die man ein Leben lang in seinem Herzen hin und her wälzen kann, ohne eine Antwort zu bekommen. Und dann, ganz am Ende, hört Paulus auf, nachzudenken, und er räumt ein: Ich komme nicht weiter. Ich finde keine Antwort. Aber ich glaube, dass Gott weiß, was er tut. Alles, was ich erkennen kann, ist Gottes besondere Liebe zu seinem Volk. Und das ist eine Liebe wie die zwischen Menschen, unergründlich und unerforschlich.

Gott liebt das jüdische Volk. Dafür gibt es keinen besonderen Grund. Er hat es vielmehr einfach in die Welt gepflanzt, wie ein Gärtner einen Ölbaum in seinen Garten, und es geliebt, gehegt und gepflegt. Nichtjuden, Menschen aus allen Völkern, haben durch Jesus aus Nazareth an dieser Liebe Anteil bekommen. Was nun mit diesem Ölbaum Israel wird, weiß nur Gott. Unergründlich ist seine Liebe zu Menschen, ob sie nun Juden sind oder Christen, ob sie einer anderen oder keiner Religion angehören.

Ich wünschte mir, ich könnte so wie Paulus mit meinen Lebensthemen umgehen. Es gibt ja in jedem Leben Dinge, die man in seinem Herzen hin und her wälzt, ohne je eine Antwort zu bekommen. Dann muss man mit den Fragen aufhören, loslassen und erkennen, dass Gott Gott ist und ich ein Mensch. Ich kenne Gottes Entscheidungen nicht, aber ich vertraue auf seine Liebe. 

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