Ringen mit dem „Elias“

Vertrauen im Sturm der Wirklichkeit

Im Zürcher Bach Chor proben wir zurzeit Felix Mendelssohn-Bartholdys „Elias“. Die Texte sind für mich kaum auszuhalten, seit Russland in die Ukraine eingefallen ist. „Hilf, Herr! Willst du uns denn gar vertilgen?“ „Dem Säugling klebt die Zunge am Gaumen vor Durst! Die jungen Kinder heischen Brot!“ „Zion streckt ihre Hände aus, und da ist niemand, der sie tröste.“ „Der Fluch ist über uns gekommen“. Während ich diese Zeilen schreibe, geht der russische Angriffskrieg mit seinen Zerstörungen und Belagerungen in die fünfte Woche. Wie wird die Situation sein, wenn sie veröffentlicht werden?

Kaum auszuhalten sind gegenwärtig die aus der Bibel entnommenen „Elias“-Texte über das Verdursten und Sterben von Kindern, über Hunger, Leid und Angst. Kaum zu ertragen sind die Passagen, in denen Menschen zu ihrem Gott um Hilfe schreien – und Gott sie nicht hört. Ich möchte diese Texte eigentlich nicht singen. Sie sind zu nah an der Wirklich­keit. Sie sind Wirklichkeit. In der Geschichte der Menschheit haben viele Menschen solches Leid nicht überlebt. Andere sind daran innerlich zerbrochen.

Wenn ich mich aufmerksam beobachte, dann entdecke ich etwas in mir, dass mich die Texte doch vorsichtig singen lässt. Die Vorsicht steigert sich nach und nach zu Hartnäckigkeit und Trotz. Denn es gibt noch andere Passagen im „Elias“, die auch aus der Bibel   stammen: Stücke, die zum Vertrauen auf Gott auffordern, die davon erzählen, dass Gott eingreift und rettet, dass Gott da ist und  Menschen trägt. „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ „Wirf dein Anliegen auf  den Herrn, der wird dich versorgen, und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen.“ „Fürchte dich nicht, spricht unser Gott, ich bin mit dir, ich helfe dir.“ „Wenn du mitten in Angst wandelst, so erquickt er dich.“

Auch hier sprechen Menschen. Irgendwie ist es ihnen gelungen – oder wurde es ihnen geschenkt –, in dem Horror, den sie erleben  mussten, das Vertrauen auf Gott nicht aufzugeben, sondern an ihm festzuhalten und darauf zu setzen, dass selbst jetzt Gott noch da ist. Und dass dieser Gott für Gerechtigkeit einsteht, für Frieden und für das Leben. Die im „Elias“ versammelten Texte sprechen davon, dass Menschen in den furchtbarsten Lebenssituationen auch die Erfahrung gemacht haben, dass Gott sie durchträgt. Sie sprechen von  der Erfahrung, dass „stolze Könige gestürzt“ werden und Gerechtigkeit und Recht siegen.

Der Gott, auf den diese Menschen hofften, hat ihnen offenbar wieder und wieder Mut gegeben und Vertrauen in ihn und seine Nähe.  Vielleicht auch dadurch, dass sie trotz der erschütternden Unmenschlichkeiten, denen sie sich ausgesetzt sahen, auf Mitmenschlichkeit stießen, auf offene Türen, helfende Hände, ein sie anlächelndes Gesicht. So gelang es ihnen, das Vertrauen in Menschen – und auf  Gott – nicht zu verlieren.

Um die Nachwelt zu einem solchen Vertrauen zu ermutigen, wurden diese Texte geschrieben. Es ist kein billiges Vertrauen, sondern eines, das der Wirklichkeit abgerungen ist. „Wenn wir das Vertrauen nicht wiederfinden, dann gehen wir alle zugrunde“ – dieser Satz  der Pastorenfrau Sigrid Holmer in dem Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“ geht mir nicht mehr aus dem Kopf

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