Echte Größe

Herzwärmend: The Jazz Butcher

Ob jetzt The Jazz Butcher, The JB Conspiracy, The JB And His Sikkorskis from Hell oder The JB Quartet: Der Chef-Metzger war stets Pat Fish, bürgerlich 1957 als Patrick Huntrods geboren und im Oktober 2021 mit 63 Jahren verstorben. Er hat uns viel gegeben, hinterlassen ebenfalls, posthum nun das herzerwärmende Album The Highest In The Land mit acht Songs und einem Instrumental. 1982 gründete er die Band mit dem Gitarristen Max Eider in Oxford, der auch jetzt wieder dabei ist. Postpunk und Wave regierten, Rave stand an. Und Fish war das Uni-Gehabe zuwider, er entschied sich für die Musik, abseits vom Angesagten. So waren und blieben alle Jazz Butcher-Inkarnationen stets in dem Diesseits von Eden: Griffiger Indie-Folk-Pop fürs Wohlgefühl, Jazz-inspirierter Prä-Post-Punk mit Rückgriff auf Melodik der 1960er und songlyrisches Vehikel, um eigenwillig zu bleiben oder exzentrisch, wie das im guten Sinne auf der Insel heißt, indes höflich: Don’t give a damn – was wollt denn ihr?

Auf dieser Linie liegt auch The Highest In The Land. Stimme und Sound schmeicheln, die gewitzten Lyrics sind im Abgang teils sinister, sophisticated also: gefällig immer, harmlos nie. Songs mit Stil und zum Mitsingen, obwohl oft Schauder grundiert. Denn er war immer auch politisch, vom Beginn unter Thatcher bis zu Johnson zuletzt. Illusionslos unverzagt, blackly humorous. Das kann zu gedämpfter Trompete unterhaltsam sprudeln wie im Opener Melanie Hargreaves’ Father’s Jaguar, der an die Kinks erinnert und eine Luxuskarosse abfackelt, oder es kann wuchtig ergreifen und zu Tränen rühren wie im Anschluss Time: Die Drums ticken als Uhr, Reggae-Bass läuft rein, die Gitarre ist funky und springt ab in ein David-Gilmour-Solo, dazu talked Fish leicht angerauht „My hair’s all wrong. My time ain’t long/Fishy go to heaven, get along, get along.“

Von psychedelischer Hütte geht es von da zur kommunalen Kalkgrube: „I’ve got a one-way ticket to a pit of Council lime.“ Ein fröhliches Epitaph, das verwirrend schlüssig zur Kinderarbeit für Europas Akkus oder privatisierte Knäste schwenkt. Das nennen wir Größe. Produzent Lee Russell erzählt von der Arbeit am Album, dass Fishs nahes Ende die Zeit prägte. Er habe erfolgreich eine Krebstherapie hinter sich, doch die letzte Runde um den Block schon im Gefühl gehabt. Auch gemessen daran ist die Fröhlichkeit des Albums umwerfend und Einladung, altes Vinyl hervorzuholen oder inzwischen erhältliche JB-Boxen anzuschaffen. The Highest In The Land reicht aber vollauf, Dylan-Referenz in „Running On Fumes“ inklusive (er zitiert da „Lily, Rosemary and the Jack of Hearts“ von dessen „Blood on the Tracks“). Großes Kino und Kabinettstück in Sachen ars moriendi, der Kunst zu sterben. Warm, fröhlich. Der kickende, beschwingte Titelsong fasst das doppeldeutig bündig zusammen. RIP Jazz Butcher. Großes Dankeschön.

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