Im postlapsarischen Zustand

Ist „Bewahrung der Schöpfung“ ein theologisch tragfähiges Motto?
Foto: privat

"Bewahrung der Schöpfung“ ist das Motto schlechthin für kirchliches Engagement gegen Klima- und Umweltzerstörung. Daran ist zunächst einmal nichts verkehrt, denn natürlich ist das Engagement der Kirchen für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen auf der Welt und ihr Einsatz gegen den Klimawandel zu begrüßen. Auch die Kirchen dürfen sich dieser Menschheitsaufgabe nicht verschließen. Aber eine Frage bleibt dennoch bestehen: Ist dieses Motto theologisch tragfähig?

Die Formulierung des Mottos greift auf Genesis 2,15 zurück, wo Gott dem Menschen aufträgt, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Es ist der sogenannte Mandatarauftrag. Es stellt sich die Frage, warum das Motto nur das Bewahren aufnimmt, das Bebauen aber weglässt. Denn die Formel „Bebauen und Bewahren“ ist gerade deshalb eindrücklich, „weil sie Fortschritt und Erhaltung, progressio und conservatio, unmittelbar verbindet“, wie es der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber schon 1990 formuliert hat: „Bebauen, um das Anvertraute zu bewahren; Bewahren, um einen Ort des Bauens zu behalten.“ Das Motto „Bewahrung der Schöpfung“ deutet durch das Auslassen des „Bebauens“ die Schöpfungsgeschichte dahingehend, dass Gott die Welt bebaue und der Mensch sie bewahre.

So richtig dieser Gedanke ist – er ist biblisch nicht belegt. Außerdem ist fragwürdig, dass das Motto das „Bewahren“ in Bezug auf die ganze Schöpfung und nicht, wie biblisch, in Bezug auf den Garten Eden versteht. Diese Ungenauigkeit führt leicht zu der Fehlinterpretation, dass der Mensch durch sein Handeln den paradiesischen Urzustand erhalten könne, was aber aufgrund des Sündenfalls unmöglich ist, wie der evangelische Theologe Gerhard Liedke festgehalten hat. Zusätzlich ist von Bedeutung, dass die Aufforderung an den Menschen, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, prälapsarisch ist, also in die (imaginierte) Zeit vor dem Sündenfall fällt (prae – vor; lapsus – Sündenfall). Aktuell befindet sich der Mensch aber aufgrund des Sündenfalls im postlapsarischen Zustand. Deswegen erscheint es sinnvoller, die postlapsarische Aufforderung zur Deutung des aktuellen menschlichen Handelns zu verwenden: So schickt Gott den Menschen nach dem Sündenfall aus dem Garten Eden weg und befiehlt ihm, den Erdboden zu „bebauen“ (Genesis 3,23). Das „Bewachen“/„Bewahren“ des Gartens Eden wird hingegen den Engeln aufgetragen (Genesis 3,24)!

Diese Neu-Interpretation von Gottes Auftrag an die Menschen als „Bewahrer der Schöpfung“ hat Folgen für ihr Tun und ihre Ethik. Kritiker wie Wolfgang Huber, Friedrich Wilhelm Graf und Trutz Rendtorff argumentieren, dass das Motto nicht ausreichend zwischen Schöpfer (Gott) und Geschöpf (Mensch) unterscheide. Da conservatio mundi in der klassischen Dogmatik allein und ausschließlich Handeln Gottes ist, wird der Mensch als „Bewahrer“ der Schöpfung an die Stelle Gottes gesetzt und tritt zusätzlich in „Konkurrenz zu Gott“.

Diese theologische Ungenauigkeit kann darauf zurückgeführt werden, dass das Motto nicht zwischen „Schöpfung“ und „Natur“ differenziert. „Natur“ bezeichnet nach Huber „die noch nicht erlöste Welt, die von Gott zur Erlösung bestimmt und bewahrt ist. Menschliches Handeln an der Natur ist damit als Mitwirkung an dieser Bestimmung und Bewahrung zu begreifen.“ Dementsprechend ist gerade die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf Voraussetzung für verantwortliches menschliches Handeln gegenüber der Natur. Denn erst wenn der Mensch seine eigene Begrenztheit im Gegenüber zu Gott wahrnimmt, kann er die Natur als Schöpfung wertschätzen und sein Verhalten dementsprechend ausrichten.

Genau an diesem Punkt wird, trotz der besten Absichten, die Absurdität des Mottos „Bewahrung der Schöpfung“ deutlich – ein Gedanke, den unter anderem Wolfgang Huber schon vor Jahren aufgegriffen hat: Das Motto „Bewahrung der Schöpfung“ spricht sich gegen die aus menschlicher Selbstüberheblichkeit entspringende Klima- und Umweltzerstörung aus, ist aber dabei aufgrund der Selbstbezeichnung des Menschen als Schöpfer durch eben diese menschliche Überheblichkeit geprägt. Deswegen kann nur die „Bewahrung der Natur“ Aufgabe des Menschen sein. Da Christen die Natur deshalb bewahren möchten, weil sie sie als Schöpfung verstehen, scheint die leider etwas umständlichere Formulierung „Bewahrung der Natur im Wissen um ihren Charakter als Schöpfung“ am geeignetsten, um das Bemühen der Kirche im Kampf gegen die Klimakatastrophe angemessen theologisch fundiert zu beschreiben. Denn erst wenn der Mensch die Natur als Geschenk Gottes wahrnimmt, kann er ebendiese als Schöpfung wertschätzen und sein Verhalten dementsprechend ausrichten. 


 

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Dorothee Krimmer

Dorothee Krimmer studiert im siebten Semester Evangelische Theologie (Magister Theologiae) an der Georg-August-Universität Göttingen und ist  ehrenamtlich in der Klimabewegung aktiv.


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