Monströses Fremdbild

Warum die russisch-orthodoxe Kirche keine „Putin-Kirche“ ist
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Befragt nach ihrem Umgang mit der Aggression antwortete die buddhistische Nonne Pema Chödrön einmal in einem Interview, niemand könne auf Verletzung und Kränkung sofort mit Liebe reagieren. Auch ihr erster Impuls sei es bei Erfahrung von seelischer und körperlicher Gewalt, „die anderen mit unseren Friedensbannern zu verprügeln“ („clobber the others with our peace signs“). Ähnlich scheint es gegenwärtig manchen Kommentatoren aus den westlichen Kirchen angesichts der kriegerischen Aggression Russlands gegen die Ukraine zu gehen. Ihnen genügt es nicht, zu Gebet und Fürbitte für die leidenden Menschen in der Ukraine zu rufen und die Wiederherstellung des von Russland gebrochenen Friedens zu fordern. Sie sehen jetzt den Moment gekommen, im Stil des kalten Krieges der 1950er Jahre abzurechnen mit der orthodoxen „Putin-Kirche“ des Moskauer Patriarchats, die sich schuldig gemacht habe durch ihr feiges, taktierendes Schweigen angesichts des sich so offenkundig zusammenbrauenden Unheils.

Solch eine Sicht ist aktuell bequem und scheint auf den ersten Blick auch plausibel, sie ist aber auch wohlfeil. Denn nur für einen sehr kurzen Moment wird damit von jenen westeuropäischen gesellschaftlichen Debatten abgelenkt, die das eigene taktierende Schweigen der westlichen Kirchen und das daraus entstandene unsägliche Unheil thematisieren und beklagen. Es ist ganz und gar keine überzeugende Lösung, das eigene, gesellschaftlich angegriffene Selbstbild durch die Beschwörung eines monströsen Fremdbildes zu reparieren. Das Unheil ist auch in uns selbst und die Realität ist komplexer und widersprüchlicher als die Kommentare mancher westlichen Stimmen dies vermuten lassen. Denn auch die Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine hat sich angesichts der russischen Aggression auf die Ukraine vernehmlich, klar und eindeutig geäußert, und selbst die ekklesiologische Vision des Moskauer Patriarchats, das kirchliche Selbstverständnis der Russischen Orthodoxen Kirche, ist, anders als so oft behauptet, kein nationales, sondern liegt begründet in der Vorstellung dreier Geschwistervölker.

Primär geistlich

Seit den Zeiten Martin Niemöllers, der von genau 70 Jahren als Leiter der EKD-Auslandsarbeit dem Moskauer Patriarchat einen spontanen und mit dem Rat der EKD unabgestimmten Besuch abstattete, gehört es deshalb zum ökumenischen Selbstverständnis in der Evangelischen Kirche, zwischen den politischen Vertretern des Kremls und den kirchlichen Vertretern des Moskauer Patriarchats deutlich zu unterscheiden. In Abgrenzung von der kirchenpolitischen Sprache der NS-Zeit und den Parolen des Kalten Krieges erblickte die Evangelische Kirche im Moskauer Patriarchat seit Niemöller zuerst eine Kirche und eben nicht eine ausschließlich politische Organisation im tarnenden kirchlichen Gewand. Damit wollte man auf EKD-Seite nicht blind gegenüber den Phänomenen der politischen Instrumentalisierung der Religion und den repressiven Existenzbedingungen der Kirchen bleiben. Doch die Absicht, das Gegenüber primär als geistliches Phänomen, als Kirche zu würdigen und wahrzunehmen, sollte dadurch nicht infrage gestellt werden. 

Eine solche Perspektive kann nach meiner Ansicht auch heute in der aktuellen Situation helfen, die verhärteten Wahrnehmungen zu differenzieren und Stereotypen und wohlfeile Pauschalurteile zu vermeiden. Selbstkritisch könnten wir prüfen, wo uns das ökumenische Fremdbild nur dazu dient, abzulenken von eigenen Defiziten. Auch das könnte ein Beitrag zum Frieden sein, der in uns selbst beginnt.

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Martin Illert

Dr. Martin Illert ist Oberkirchenrat und Leiter des Referats Mittel-, Ost und Südosteuropa bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover und außerplanmäßiger Professor an der theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.


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