Eine Geschichte

Christliche Mystik

Volker Leppin hat eine Geschichte der christlichen Theologie in nuce, als Geschichte der Mystik gedeutet, vorgelegt. Das fesselnd geschriebene Buch stellt nicht nur die Summe einer intensiven Beschäftigung mit bestimmten Formen der mittelalterlichen Mystik (vor allem Meister Eckhart und Tauler) dar, sondern erneuert noch einmal den Versuch, Martin Luther in Zusammenhang mit der Mystik zu verstehen und damit die Reformation als Neuakzentuierung, aber nicht als Bruch zu deuten. Schon das lohnt die Diskussion.

Leppin definiert Mystik zu Beginn nicht, zu sehr bleiben alle Definitionen, die er getreulich referiert, problematisch oder einseitig. Er beschreibt in seiner Einleitung zunächst einmal Texte, die gewöhnlich einer christlichen Mystik zugerechnet werden. Gott wird in diesen Texten als eine geistliche, nicht als materielle Realität empfunden, der sich Mystikerinnen und Mystiker in besonderer Weise nahe fühlen. Man kann auch sagen: Sie fühlen sich von dieser Realität ergriffen und aus dem Alltag ihres Lebens herausgerissen. Was sie erleben, kann oft nicht mit normalen Begriffen beschrieben werden und verlangt nach neuer, besonderer Sprache. Manchmal verschwindet regelrecht die eigene personale Identität, man fühlt sich oder weiß sich mit dem Göttlichen eins. Hier folgt Leppin dem französischen Jesuiten und Historiker Michel de Certeau, der Mystik weniger mit solchen Identitätserfahrungen verbunden hat als mit Erfahren der Abwesenheit und Herausgerissenheit.

Mit seiner sehr offenen Beschreibung des Phänomens Mystik kann Leppin in seinem neuen Standardwerk viele antike, mittelalterliche und neuzeitliche Autoren und Autorinnen darstellen, auch solche, die man vielleicht nicht sofort einer christlichen Mystik zurechnen würde. Inhaltsangaben von Texten sind immer mit Bemerkungen zur Geschichte des Christentums verbunden, so dass auch wenig mit der Materie Vertraute alles mit Gewinn lesen können. Natürlich beginnt das Buch mit Jesus und Paulus; Jesu Botschaft ist keine Mystik. Aber sie ist von einer Spannung gekennzeichnet, „von der die Mystik später leben sollte: das Bewusstsein, dass in dieser Welt gegen allen äußeren Anschein das Reich Gottes schon da ist“.

Ganz in der Tradition von Albert Schweitzer versucht Leppin nachzuweisen, dass bei Paulus „alles, was für die Mystik entscheidend werden sollte, schon angelegt“ ist. An dieser Stelle hätte man gern noch ein Kapitel über die jüdischen mystischen Texte und Traditionen gelesen, die mit ihren frühjüdischen Stufen einerseits die Voraussetzung der antiken christlichen Mystik bilden und andererseits in enger Auseinandersetzung mit christlichen Texten bis ins Mittelalter fortgeschrieben werden. Am Beispiel der Abschnitte zur christlichen Antike sieht man, dass Leppin im Grunde eine Geschichte der christlichen Theologie als Geschichte der Mystik zu schreiben versucht: Es beginnt mit Simon Magus und anderen sogenannten Gnostikern, darauf folgen unter anderen Clemens von Alexandrien, Origenes, Protagonisten der großen Streitigkeiten des vierten Jahrhunderts, Gregor von Nyssa, einzelne Neuplatoniker und natürlich der erwähnte Pseudo-Dionys. Die erwähnte flüssige Erzählweise bringt es mit sich, dass Forschungskontroversen (wie die zwischen Göttingen und Heidelberg über Pseudo-Dionys) nicht eigens präsent sind, sondern nur im Hintergrund stehen. Man findet im Rahmen dieser christlichen Theologiegeschichte kluge Abschnitte zu mittelalterlichen Frauen wie Hildegard von Bingen, aber auch zu Martin Luther, Ignatius von Loyola und Paul Gerhardt. Das Buch verfolgt das Phänomen bis in unsere Tage: So wird beispielsweise nicht ausgespart, wie der Nationalsozialismus Meister Eckhart zu funktionalisieren versuchte und wer sich um eine bessere Wiederbelebung nach der Katastrophe kümmerte. Ein großer Wurf, der die Auseinandersetzung in Details wie in den großen Linien lohnt.

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